Wie es sich anfühlt, nach Hause zu kommen

Wie es sich anfühlt, nach Hause zu kommen

, etwa %minutes% Minuten Lesedauer

Die Rückkehr – Christoph, Berlin, Januar 2017

Die aufregendsten Momente der Tauscherei haben immer mit Türen zu tun. Wir atmen tief durch, bevor wir die eigene Tür bei der Abreise hinter uns zuziehen. Wir sind gespannt und aufgeregt, bevor wir die Tür zu unserer neuen, vorübergehenden Bleibe öffnen. Und wir sind ein bisschen ängstlich, wenn wir nach unserer Rückkehr aus dem Aufzug steigen und wieder vor unserer eigenen Wohnungstür stehen. 

Wird uns dahinter unser vertrautes Zuhause erwarten? Oder ein paar leere Räume und ein Zettel, auf dem „Vielen Dank, ihr Trottel!“ steht? Ein paar verkohlte Überreste von dem, was mal unsere Wohnung war? „Sie müssen uns glauben, Herr Wachtmeister, wir haben keine Ahnung, wie diese Leiche, die Murmeltiere und das Bernsteinzimmer in unserer Abwesenheit hierhergelangt sind.“ 

Als erstes erkennen wir den Geruch

Ich erinnere mich gut an die Rückkehr von unserem ersten Tausch. Wir hatten Ella und Martin nie getroffen, bei unserem Skype-Gespräch wirkten sie sehr nett. Alles nur Fassade? Vorsichtig schloss Jessica die Tür auf. Das Erste, was mir auffiel, war: „Stimmt, so riecht unsere Wohnung!“ Ich meine damit natürlich keinen Mief, sondern diesen individuellen Geruch, den jede Wohnung hat. Der sich vermutlich aus den Putzmitteln, dem Bodenbelag, den Holzsorten der Möbel, den verwendeten Parfums und Dutzenden sonstiger Faktoren zusammensetzt. Und den man irgendwann nicht mehr wahrnimmt, wenn man dort wohnt. Aber an den man sich erinnert, wenn man wieder an einen Ort zurückkehrt. 

Okay, zumindest der Geruch war also der alte. Ich ging von Zimmer zu Zimmer, darum bemüht, möglichst abgeklärt und lässig zu wirken. In Wirklichkeit suchten meine Augen jedoch alles nach Veränderungen ab. Was fehlte? Was war beschädigt? Schmutzig? Nach einer Weile fand ich mich mit Jessica, die die Zimmerrunde in einer anderen Reihenfolge absolviert hatte, im Wohnzimmer wieder. „Alles wie vorher, oder?“, fragte sie. – „Alles wie vorher.“– „War ja klar, oder?“, fragte Jessica, ebenso um Lässigkeit bemüht wie ich. – „War klar“, sagte ich. „Aber irgendwie bin ich trotzdem ganz schön erleichtert.“

Auf dem Wohnzimmertisch stand eine Flasche Wein, daneben lagen ein Brief, in dem sich Ella und Martin für die schönen Tage in unserer Wohnung bedankten, eine Zeichnung von ihrem kleinen Sohn und unsere Fahrrad- und Briefkastenschlüssel. So, wie sich die Begrüßungsnachrichten je nach Tauschpartner unterschieden, variierten auch die Nachrichten, die wir vorfanden, wenn wir nach Hause kamen. Mal lag da eine kleine Dankesnotiz. Mal stand der ganze Tisch voll mit Bieren verschiedener Brauereien und Backförmchen. „Wir hatten das Gefühl, ihr backt gerne und mögt Bier“, stand auf einem Zettel. 

Was die Sauberkeit angeht, konnten wir uns bisher auch nie beklagen. Obwohl wir selbst vor der Abreise stets versucht hatten, den letzten Staubfitzel aus der hintersten Ecke zu verbannen, bekamen wir unsere Wohnung jedes Mal sauberer zurück, als wir sie hinterlassen hatten.

Schockmoment nach dem Tausch mit dem Professor

Ein einziges Mal gab es jedoch so etwas wie einen kurzen Heimkehrschock: Als wir nach dem Tausch mit dem freundlichen Wirtschaftsprofessor aus Princeton und seiner Frau nach Hause zurückkehrten, fanden wir unsere Wohnungstür nur angelehnt vor. Nachdem wir die beiden in den USA kennengelernt hatten und ich keinerlei Vermutung hegte, dass sich ein Princeton-Professor sein Gehalt durch das Ausräumen von Wohnungen deutscher Lohnschreiber aufbessern muss, blieb nur eine Möglichkeit: Einbrecher!

Ich bedeutete Jessica, im Treppenhaus zu warten. Die Geste dafür hatte ich mir in diversen Spionage- und Militärfilmen abgeschaut. Ich griff mir eine schwere Stabtaschenlampe aus einem Schränkchen im Flur und fing an, durch die Wohnung zu schleichen. Dabei schaute ich ruckartig in jede Ecke und hinter jede Tür, die schwere Taschenlampe zum Schlag bereit erhoben. Auch das glaubte ich, in Filmen so gesehen zu haben. Doch außer uns war niemand da. Unsere Computer standen noch auf ihren Plätzen, und auch sonst schien nichts zu fehlen oder durchwühlt worden zu sein.

Ich holte Jessica in die Wohnung. Ratlos betrachteten wir die Pralinenpackung und den fröhlichen Brief, den uns die Princetoner hinterlassen hatten: Alles super, vielen Dank! Willkommen zu Hause, so die Quintessenz. Offensichtlich hatten die beiden bei ihrer Abreise die Tür einfach nicht richtig hinter sich zugezogen – vielleicht, weil sie in Eile waren.

„Vielleicht hat auch ein Einbrecher die Tür geknackt, fand unsere Sachen aber zu schäbig und ist wieder abgezogen“, schlug Jessica vor.

„Sehr witzig“, entgegnete ich. Insgeheim froh, dass zwischen der Abreise der Amerikaner und unserer Rückkehr nur ein paar Stunden lagen. Zumindest stand die Wohnungstür nicht tage- und nächtelang offen.

Noch alle Tassen im Schrank, aber etwas ist anders

Abgesehen von diesem kurzen Schockmoment ist es aber insgesamt eher skurril, wie wenig Spuren die Menschen hinterlassen, die manchmal über Wochen bei uns zu Gast sind. Das Ungewöhnlichste, was bisher aufgetaucht ist, war eine Flasche Pfefferminzschnaps im Kühlschrank. Wer auch immer sie unseren Tauschpartnern „als typisch deutsche Spezialität“ andrehen konnte – richtig gut scheint das Getränk nicht angekommen zu sein. Manchmal finden wir erst in den Tagen nach unserer Heimkehr Spuren und Hinweise darauf, wie unsere Tauschpartner ihre Zeit verbracht haben: Vielleicht ist ein Buch aus dem Regal in den Stapel auf dem Nachttisch gewandert. Oder Netflix fragt, ob wir eine Serie weiterschauen wollen, die wir nie angefangen haben – aber offenbar unsere Gäste.

Auch unsere allerersten Tauschpartner aus Kopenhagen hinterließen keine Spuren. Fast keine. Den einzigen Hinweis, dass jemand während unserer Abwesenheit in unserer Wohnung gelebt hatte, fand ich am Morgen nach unserer Heimkehr: Ich wollte zwei Tassen aus dem Küchenschrank nehmen, aber irgendetwas war anders. Die Tassen standen falsch herum. Nämlich mit der Öffnung nach unten. Nach unten! Das muss man sich mal vorstellen.

Und da soll noch jemand sagen, beim Wohnungstausch kann man keine Abenteuer erleben.


Dies ist der vierte und letzte Ausschnitt aus dem gerade erschienenen Buch "Your Home Is My Castle - Als Wohnungstauscher um die Welt" (Malik/Piper). In dem Buch berichten Jessica Braun und Christoph Koch von ihren Erlebnissen in fremden Wohnungen und geben Tipps, wie man selbst als Haustauscher ohne Hotelkosten durch die Welt reisen kann.

Das Aufmacherbild hat Christoph Koch beigesteuert. Mehr Infos zum Buch gibt es unter haustauschbuch.de.