Haustausch - Folge 3

In das Leben anderer schlüpfen

etwa 8 Min. Lesedauer
  • Metriken
  • Probemitglieder: 3
  • Conversion Rate: 198.0 (Gast-Aufrufe pro neuem Mitglied)
  • Aufrufe: (Gesamt: 626, Gäste: 594)
  • Kommentare: 3
  • Audio-Zugriffe: 0
  • Ebook-Downloads: 0
  • Sharewall submit count: 0
  • Sharewall skip count: 0
  • Zahlen aktualisiert 10. Dezember, 09:25 Uhr
| Matomo-Analytics

Oakland, am Bay von San Francisco – Jessica, Dezember 2016

Mein Herz ziept, wenn ich an unser Haus in Kalifornien denke. An das Klick, Klick, Klick der Katzenkrallen auf dem Parkett, das mich weckt. Den Geruch von Filterkaffee und Oatmeal in der großen Küche mit Erker. An den Blick vom Hügel auf das graue Meer. An die Wolken, die mit der Dämmerung wie Piratenschiffe angesegelt kommen, um sich erst die Golden Gate Bridge und dann San Francisco mit all seinen Lichtern einzuverleiben. Fast täglich versinkt die Bay im Winter im Nebel, Oaklands Straßen leuchten weiter im kupferfarbenen Abendlicht. 

Oakland liegt im US-Bundesstaat Kalifornien am östlichen Ufer der Bucht von San Francisco:

Oaxaca, Stockholm, Barcelona – alles wundervolle Städte, aber Oakland ist mein Sehnsuchtsort. Das Zuhause von Karen und Richard, unseren Tauschpartnern, trug viel dazu bei. In einer Straße hübscher Einfamilienhäuser gehörte es zu den älteren. Es war geschmackvoll eingerichtet, aber unordentlich genug, dass ich mich beim Fernsehen traute, die Füße auf den Tisch zu legen. Die Dellen in den Sofakissen, die Fotos im Flur, die lustigen Kaffeetassen im Schrank und das sonnenbeschienene Gemüsebeet erzählten von einer frohen, ein bisschen nerdigen, linksliberalen Familie. 

Einer Familie, in der ich mich vermutlich auch wohlgefühlt hätte. Als Tochter von Karen und Richard, aufgewachsen zwischen Tennisschlägern und Katzenspielzeug, „I love Obama“-Aufklebern und „Gay Rights“-Wimpeln, der Harry-Potter-Sammlung und Ratgebern wie dem Hippie-Handbuch, hätte ich es womöglich als Studentin bis nach Berkeley geschafft. Vielleicht hätte ich aber auch die Schule geschmissen, um mit einem surfenden Bäcker durch die Welt zu reisen und Bücher zu schreiben. Was wiederum der Beschreibung von Christoph und unserem gemeinsamen Leben ziemlich nahekommt. 

Mit jedem Haustausch schlüpfe ich in das Leben anderer Menschen

Mit jedem Tag, an dem ich in Kalifornien morgens in meinen Birkenstocks die „New York Times“ vom taunassen Rasen klaubte, Waschmittel in die nach oben geöffnete Waschtrommel kippte oder Bananenbrot backend in der Küche stand, wuchs ich mehr in das Leben einer Kalifornierin hinein. Die Menschen, mit denen ich für meine Artikel sprach – zum Beispiel mit einer irrwitzig klugen Wissenschaftlerin über die Wiederbelebung von Mammuts oder mit einem Designer über Roboterkämpfe –, haben keine Angst davor, groß und optimistisch zu denken.

Ich spürte förmlich, wie sich mein Horizont mit jedem Treffen weitete. Mit jedem Haustausch schlüpfe ich so in das Leben anderer Menschen, kann es anprobieren wie eine getragene Jacke. Manche passen auf Anhieb. Andere nicht so. Aber dadurch lernen Christoph und ich immer etwas dazu. Wie viel Platz brauchen wir? Weniger als in Perth (sechs Zimmer), mehr als in Stockholm (eineinhalb Zimmer). Sind wir Hunde- oder Katzenmenschen? Beides! Und sicher auch Meerschweinchen- und Schildkrötenmenschen. Macht uns Gartenarbeit Spaß? Ja. Aber deswegen aufs Land ziehen? Eher nein. Das gemeinsame Entdecken schweißt uns zusammen. 

Zum Beispiel unsere Laufrunden. Zu Hause joggen wir zwei- bis dreimal in der Woche. Wenn wir tauschen, auch. In Oakland führte unsere Runde um den Lake Merritt, einen Salzwassersee mit kleinen Inseln, auf denen silberne Reiher nisten. Wenn die Sonne untergeht, wird in den am Ufer geparkten Autos heftig gekifft – und die Rauchwolken, die aus den geöffneten Fenstern wabern, sorgen für eine ganz andere Art von Runner’s High. In Stockholm joggten wir entlang der Villen am Strandvägen und über verwunschene kleine Inseln aus Granitfelsen. Manchmal auch durch den Wald. Da kamen wir wegen der reifen Heidelbeeren aber nur mittelgut voran. 

In Perth trieb die Sonne die Temperaturen an manchen Tagen über die 40-Grad-Marke. Laufen nur für Lebensmüde! Also packten wir die Badesachen in den mitgetauschten Jaguar und fuhren ins nächste Schwimmbad. Mit neonfarbenen Sunblockern bemalt wie Pool-Schamanen zogen wir im kühlen Wasser unsere Bahnen. Christoph machte das Bahnenschwimmen so viel Spaß, dass er zurück in Berlin dabeiblieb und nun regelmäßig ins städtische Hallenbad pilgert. 
So werden wir zu Entdeckern – der neuen Umgebung und unserer selbst. Und was wir entdecken, gefällt uns fast immer. In einem 1975 veröffentlichten Essay schrieb der US-Autor Walker Percy: „Jeder Entdecker nennt seine Insel Formosa: schön. Sie ist schön, weil er der Erste ist. Er kann sie betreten und sie so sehen, wie sie wirklich ist. Für niemand anderen wird sie jemals so schön sein – mit Ausnahme vielleicht für denjenigen, dem es gelingt, sie wiederzuentdecken. Der weiß, dass sie wiederentdeckt werden muss.“ 

Auf dem Esstisch in Perth lag eine stattliche schwarze Ledermappe, in der Alfie und Victoria seitenweise Ratschläge für uns abgeheftet hatten. Neben Infos zum Auto („tankt unverbleiten Kraftstoff mit 95 Oktan“) und dem Gärtner („ein netter Kerl, aber etwas schweigsam“) fanden sich auch Tipps für Restaurants, Delikatessenläden und den besten Spirituosenshop in der Nähe. Die meisten Haustauscher legen so eine Sammlung für ihre Gäste bereit. Diese Mappen sind die Landkarte von Formosa, dieser Insel, die überall sein kann und die wir auf den Spuren unserer Gastgeber betreten. 

Ihren Ratschlägen zu folgen, haben wir noch nie bereut. Auf Alfies und Victorias Empfehlung hin saßen wir eines Abends zum Beispiel in einem Outdoor-Kino im James Mitchell Park. Es war direkt am Ufer des malerischen Swan River aufgebaut, die Luft wurde abends kühl. Eingepackt in Decken kuschelten wir uns in die Sitzsäcke. Über die Leinwand tobten Eddie Redmayne und seine „Fantastischen Tierwesen“. Über uns flatterten erst johlende Schwärme weißer Kakadus, dann, mit zunehmender Dunkelheit, riesige Fledermäuse. 

Wir sind keine Touristen, sondern ein Paar aus der Nachbarschaft

In Princeton landeten wir dank Anne und James in deren Stammpizzeria. Auf den ersten Blick hatte diese so viel Charme wie eine Mensa: Plastiktischdecken, Cola aus Pappbechern, American Football auf mehreren Fernsehern. Doch die absurd großen Pizzastücke, die auf Etageren vor uns abgestellt wurden, waren göttlich: leicht verbrannte Ränder, dicke Käseschicht, frisches Basilikum. Mir ist dieser Abend nicht nur wegen der Pizza in Erinnerung geblieben. 

Es war die familiäre Atmosphäre, die ihn so besonders machte. Wir waren keine Touristen, sondern eines der Paare aus der Nachbarschaft. Für mich als Neu-Haustauscherin ein unerwarteter Moment der Zugehörigkeit. „Touristen mögen keine Touristen“, schrieb der US-Soziologe Dean MacCannell 1976 in seiner Betrachtung des Massentourismus. Klar, ein Sonnenuntergang fotografiert sich einfach besser, wenn nicht 20 andere hochgehaltene Handys im Weg sind. Aber diese Abneigung gegenüber anderen Touristen ist eigentlich ziemlich absurd – andere Menschen nervig zu finden, nur weil sie das Reisen so lieben wie man selbst. 

Richtig freimachen kann ich mich von dieser Haltung trotzdem nicht. Wenn ich reise, suche ich Formosa: den Ort, der noch nicht auf Trip Advisor bewertet wurde. Beim Haustausch ist dieser meist in Reichweite. Statt bei von Reisebüros organisierten, superauthentischen Begegnungen mit Bergvölkern, Ausfahrten mit Fischern oder Übernachtungen im Karawanenzelt hole ich mir meinen Reisekick beim Straßenfest mit den Nachbarn, Jaguarfahren im Linksverkehr oder Einschlafen in Hello-Kitty-Bettwäsche. Formosa! 

Außerdem ist das alles gut fürs Gehirn, wie Lawrence C. Katz, Professor für Neurobiologie an der Duke University, herausgefunden hat: „Es ist ein Märchen, dass die Leistung unseres Gehirns im Alter nachlässt“, erklärte der inzwischen verstorbene Forscher vor einigen Jahren in einem Interview der Zeitschrift „Neon“. „Gehirnzellen sterben nur bei extrem alten Menschen ab. Was vielmehr passiert, ist, dass diejenigen Verästelungen und Verzweigungen zwischen den Gehirnzellen, die sogenannten Dendriten, verkümmern, die nicht benutzt werden. Und wenn wir immer nur dieselben Dinge tun, befahren wir sozusagen immer nur dieselben Straßen unseres Gehirns. Die unbefahrenen Straßen verwittern irgendwann, und wir können sie nicht mehr benutzen.“ 

Nur außerhalb der Komfortzone lernt man etwas dazu

Vielleicht stimmt es tatsächlich, dass ich reisend ein besserer Mensch bin. Anwesender. Bewusster (auch wenn das jetzt vielleicht ein wenig esoterisch klingt). Für die persönliche Entwicklung sei es wichtig, „rauszugehen und Dinge zu tun, die ungewohnt und fordernd sind. Dinge, die einen geistig und emotional stark stimulieren“, sagte die Gehirnforscherin Denise Park der Zeitschrift „Psychology Today“. „Solange Sie sich in Ihrer Komfortzone befinden, sind Sie höchstwahrscheinlich außerhalb der Zone, in der Sie etwas dazulernen.“ 

Park nennt sie die „enhancement zone“, die Verbesserungszone, also den Bereich, in dem das Stresslevel ein klitzekleines bisschen höher ist als sonst – gerade genug, um einen wach und schnell zu machen. Neurologen wie Katz empfehlen, sich die Zähne eine Woche lang mit der ungewohnten Hand zu putzen, um die Routine auszubremsen. 

Christoph und ich leben einfach immer mal wieder für ein paar Wochen woanders. Nun hat nicht jeder Arbeitnehmer die Möglichkeit zu sagen: „Chef, ich arbeite die nächsten vier Wochen in Rom. Arrivederci!“ Von dem Effekt kann man aber auch im Urlaub profitieren. Als Haustauscher kommt man um den fremden Alltag gar nicht herum. Er drängt sich einem förmlich auf. Formosa ist überall.


Dies ist der dritte von vier Ausschnitten aus dem gerade erschienenen Buch „Your Home Is My Castle - Als Wohnungstauscher um die Welt“ (Malik/Piper). In dem Buch berichten Jessica Braun und Christoph Koch von ihren Erlebnissen in fremden Wohnungen und geben Tipps, wie man selbst als Haustauscher ohne Hotelkosten durch die Welt reisen kann.

Das Titelbild hat Christoph Koch aufgenommen. Mehr Infos zum Buch gibt es unter haustauschbuch.de.