„Das würde ich meinem Kind niemals antun“

„Das würde ich meinem Kind niemals antun“

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4. Februar 2015 – Die Diagnose

Zwei Tage vor meinem 33. Geburtstag und ausgerechnet am Weltkrebstag fuhren wir nach Rotenburg. Auf der Hinfahrt redeten Christian und ich nicht ganz so viel miteinander. Ich betrachtete die Gegenfahrbahn, auf der wir nachher auf dem Rückweg fahren würden. Ich hasste die Gegenfahrbahn, denn ich wusste, dass sie nur unter Tränen befahrbar sein würde. Dennoch ließ ich mir nichts anmerken und lächelte gedankenverloren vor mich hin.

In der Praxis wurden wir nach einer Weile endlich aufgerufen. Ich griff nach der Hand meines Mannes, wir standen gemeinsam auf und folgten Frau Dr. Deckert in das Besprechungszimmer. Frau Dr. Deckert wies mit einer Handbewegung auf zwei vor dem Schreibtisch stehende Stühle. „Bitte setzen Sie sich“, sagte sie. Wir folgten schweigend dieser Bitte. Danach setzte sie sich selbst und blätterte in den vor ihr sorgfältig hingelegten Unterlagen. Sie atmete tief ein und blickte mir mit ihrer Ausatmung direkt in die Augen. Ihre Wangen schienen in dem Licht leicht rötlich. Und dann passierte es...

Ich mache es kurz:

  • Ich bin in der 20. Schwangerschaftswoche.
  • Ich bin überglücklich.
  • Ich habe Brustkrebs.
  • Genau: Sekundär inflammatorischer Brustkrebs, HER2-Onkogen positiv (kurz: HER2+), Hormonrezeptor negativ (sprich hormonunabhängig).
  • Ganz genau: Er wächst schnell, ist aggressiv und ich muss direkt mit einer Chemotherapie beginnen. Danach Brustabnahme.
  • Danach Bestrahlung.

Diese drei Worte aus dem Munde der Ärztin kamen bei mir wie im Zeitlupentempo an.

„Sie... haben... Krebs“, wiederholte es sich in meinem Kopf immer und immer wieder. Drei Worte, die ich aneinandergereiht niemals hätte hören wollen. Mir war plötzlich kotzübel. Und bevor ich überhaupt begreifen konnte, was hier gerade passiert war, öffnete sich die Erde. Unter mir tat sich ein riesiges Loch auf. Eigentlich wartete ich in dem Moment auf den Satz: „Vorsicht, versteckte Kamera!“ Doch nichts passierte. Es war still. Es war mir zu still. Mein Hals schnürte sich zu, meine Gedanken überschlugen sich. „Krebs? Nein, das kann nicht sein.“ Natürlich hatte ich etwas Schlimmes geahnt. Ausgesprochen sah es aber tausendfach schlimmer aus. Ich verstand es einfach nicht. Ich war doch kurz vor meiner Schwangerschaft im September noch bei der Krebsvorsorge!

Werde ich sterben? Muss ich sterben? Wann genau muss ich sterben? „Los, gib mir schon das genaue Datum, damit ich alles planen und vorbereiten kann für meine Beerdigung“, schrie ich in Gedanken. Meine Träume und Ziele, scheiße, was hatte ich erreicht? Warum hatte ich immer alles auf später verschoben? Dachte ich allen Ernstes, ich würde ewig leben? Mein armer Mann, mein armer Sohn, mein armes Baby!

(…)

Ich schloss kurz meine Augen und öffnete sie wieder. Vor mir saß immer noch Frau Dr. Deckert. Sie sagte nichts, schien zu warten, dass ich mich wieder fange. War das hier ein Traum? Ich sah kurz runter und kniff mir gleichzeitig unauffällig in die Hand. Ich spürte den Schmerz vom Kneifen. Langsam richtete ich meinen Blick wieder hoch. Frau Dr. Deckert saß allerdings immer noch auf ihrem Stuhl vor mir. „Frau Röpe, ich möchte Ihnen noch einiges erklären“, fing Frau Dr. Deckert ihren Satz an. Den weiteren Worten folgte ich mehr oder weniger aufmerksam.

(...)

Chemotherapie in der Schwangerschaft? Ich konnte überhaupt nicht fassen, was ich da hörte. Wie sollte das nur funktionieren? Viele harmlose Medikamente sollte man in einer Schwangerschaft meiden und dann schlug man mir tatsächlich eine Chemotherapie vor?

20. Februar 2015 – Die erste Chemotherapie

Um 08.30 Uhr morgens startete meine Therapie. Ich stand dem jetzt positiv gegenüber, endlich passierte etwas, das mir helfen würde. Meinem Bauchzwerg würde es trotz dessen gut gehen, davon war ich mittlerweile komplett überzeugt und ich sollte Recht behalten. Und an die Mütter, die nun denken „Gott, das würde ich meinem Kind niemals antun“ (so hatte ich anfänglich ja auch mal gedacht), sei gesagt: Ihr müsst es Eurem Kind auch nicht antun. Es ist jedem selbst überlassen. Ich hätte es meinem Kind nur nicht antun wollen und können, an seinem Leben gar nicht teilzuhaben. Ein Kind braucht seine Mutter. Sie sollte alles dafür tun, beide Leben zu erhalten.

Die Therapie erfolgte ambulant. Nur, wenn nach der Behandlung Komplikationen auftreten, würde ich stationär aufgenommen werden. In der onkologischen Tagesklinik war es ruhig und mein Mann und ich hatten das Glück, ein Zweibettzimmer zu bekommen, welches dieses Mal aber nur durch uns belegt war. Davor gab es einen Balkon zum Luft schnappen, Getränke befanden sich auf dem Flur und wir fühlten uns wohl.

Die Schwester kam rein, stellte sich vor und erklärte uns den Ablaufplan der Therapie. Erst ein Medikament gegen Übelkeit, dann Blasenschutz, dann der erste Beutel Chemo, der zweite Beutel Chemo und zwischen allem immer Kochsalzlösung. Weiter musste ich an dem Tag im bestimmten Abstand noch zwei Tabletten einnehmen für den Blasenschutz. Die Packungsbeilage hatte ich mit Absicht nicht studiert, in fast jeder steht doch dasselbe bezüglich einer Schwangerschaft. Klar sollte man die Augen nicht verschließen, aber die Tabletten wurden vom Ärzteteam ausgewählt und nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung für meine Schwangerschaft als okay eingestuft. In solchen Momenten denkt man doch mal: „Hätte ich doch bloß auch Medizin studiert, dann könnte ich da mitreden.“ Aber das habe ich nicht und so muss und werde ich dem Ärzteteam vertrauen.

Dann kam unser Tumorexperte Dr. Graner rein und stach den Port mit der speziellen Nadel an. Alles problemlos, der Port funktionierte, der Einstich war ein wenig schmerzhafter als beim normalen Blutabnehmen aber gut auszuhalten. Und dann ging es los... und ich war verdutzt. Ich habe mir eine Chemotherapie immer sehr spektakulär, aufregend und mit viel Tam-Tam vorgestellt. Nun lag ich aber einfach nur da, angeklemmt an Schlauch und Beutel und es passierte nichts, außer, dass die Flüssigkeit in mich reinlief. Ich merkte davon nichts, fühlte mich normal und wartete auf die große Überraschung, welche allerdings ausblieb. Vorerst.

(…)

Gegen 14:30 Uhr waren alle Beutel leer. Ich wurde immer müder und schlapper, blasser, kaputter und mir war schwindelig. Mein Blutdruck war aber okay und so durften wir nach Hause. Ich fühlte mich, als stünde ich neben mir, als hätte ich auf einer Fete einfach zu viel Alkohol getrunken. Ich war heilfroh, endlich im Auto sitzen zu dürfen und die Fahrt nach Hause anzutreten. Zärtlich streichelte ich über meinen Bauch und flüsterte unserem Baby mit heiserer, zitternder Stimme ständig zu: „Mein Kind, Dir wird nichts passieren. Dafür werde ich sorgen. Alles wird gut gehen. Du wirst trotz der Medikamente wohlbehütet in mir wachsen dürfen.“ Ich wollte dann auf der Rückfahrt nur noch die Augen zumachen. Das tat ich dann auch – und ich weinte still den gesamten Rückweg.

Die Nebenwirkungen hielten sich bei mir zum Glück in Grenzen: Meine Nasenschleimhäute wurden etwas trocken, der Mund auch. Ich war schlapp. Mir war weder übel noch litt ich an Appetitlosigkeit (ganz im Gegenteil, ich hatte Hunger wie verrückt).

22. April 2015 – Die Chemotherapie wirkt

Wir saßen ungeduldig im Wartezimmer. Als erstes sollte wieder die Brust per Ultraschall untersucht werden. Warum vergeht die Zeit beim Warten eigentlich immer so langsam? Ich blätterte nervös in einer Zeitschrift und las den neuesten Klatsch und Tratsch. Dann, ich würde schätzen eine halbe Stunde später, wurden wir aufgerufen. Da Frau Dr. Deckert Urlaub hatte, kam die vertretende Oberärztin auf uns zu und ging mit uns in den Untersuchungsraum. Sie war klein, blond, freundlich. Ich zog nach Aufforderung Pulli und BH aus und die Oberärztin fing mit der Untersuchung an. Nach einigem Hin- und Herbewegen des Ultraschallkopfes auf meiner Brust fragte sie: „Wo saß der Knoten genau?“ Ich zeigte ihr die Stelle und teilte ihr ebenfalls mit, an welcher Stelle seinerzeit die Rötung festgestellt wurde. Angestrengt schaute sie weiter auf ihren Monitor. Endlich meinte sie: „Ich kann gar keinen Herd mehr erkennen. Weder in der Brust noch in den Lymphknoten.“ Erstaunt sah ich sie an. „Gar nichts?“, fragte ich ungläubig. „Nein, gar nichts, sehen Sie hier...“ Sie erklärte uns, was sie auf dem Monitor sah bzw. halt nicht mehr sah und wie es aussehen müsste, wäre da noch etwas Auffälliges. Innerlich hüpfte ich und freute mich wie ein kleines Kind zu Weihnachten. „Die Chemo greift weiter, sie macht es tatsächlich weg!“ Auch meinem Mann sah man deutlich die Erleichterung an. Die Ärztin druckte noch einige Ultraschallbilder aus. „Wissen Sie, die Chemo greift die Krebszellen an, der Körper schwemmt sie aus und es bildet sich neues, gesundes Gewebe. So sieht es bei Ihnen auch gerade aus.“ Diese Worte, unfassbar, ich war unendlich glücklich und zufrieden. Wir gingen nach der Untersuchung erstmal in die Cafeteria – essen und trinken und freuen.

Kurze Zeit später war auch schon der nächste Termin bei Dr. Meichelbeck. Der Oberarzt machte den Ultraschall, untersuchte Organe, Knochen, Kopfumfang usw. „Alles unauffällig, dem Kleinen geht es gut. Er entwickelt sich weiterhin normal, das Gewicht liegt nun bei ca. 1.500 Gramm und wird dann bei Entbindung ca. 1.800 Gramm bis 2000 Gramm betragen.“ Mir ging das Herz auf. Dieser kleine Kämpfer! Ich war so zufrieden und unheimlich zuversichtlich, es konnte nun einfach nur noch bergauf gehen. Aus reinem Eigeninteresse guckte Dr. Meichelbeck ebenfalls noch meine Leber an. Ich zeigte ihm, wo genau damals die Herde zu sehen waren. Er arbeitete mit ebenso angestrengtem Gesicht wie die Ärztin vorhin. „Hätte ich mal eher geguckt“, meinte er plötzlich. „Ich kann in der gesamten Leber nichts Auffälliges mehr sehen.“ Feuerwerk im Kopf, einfach so, vor Freude, vor Dankbarkeit. Wie kann das sein? Überall liest man doch „Metastasen = Tod“ (hier mal sehr drastisch ausgedrückt). Oder aber „Metastasen nur durch OP wegzubekommen“ (und eine OP schied bei mir aus, da beide Leberlappen befallen waren). Ganz ehrlich: Man sollte doch auf das vertrauen, was einem der Arzt vor Ort sagt. Was weiß das Internet schon über einen? Jeder Fall ist anders, jeder reagiert anders.

(…)

Zwei Tage später (EKG und Echo-Untersuchung waren auch völlig in Ordnung) wurde mir die vierte Chemo verabreicht. Keine Schwierigkeiten, mir ging es gut danach. Die für mich zuständige Schwester drückte uns noch zum Abschied und wünschte viel Glück für die Geburt. Das fanden wir sehr lieb.

29. Mai 2015 - Kaiserschnitt

(…)

Ich setzte mich auf den OP-Tisch und wurde am Rücken abgeklebt, damit die Spinalanästhesie (SPA) vorgenommen werden konnte. Vorher wurde die Stelle am Rücken betäubt und dann wartete und wartete und wartete ich, dabei schaute ich in die Ärzte-Runde und erkannte viele mir bekannte Gesichter. Ich war so froh, dass meine mir bekannten Ärzte um mich waren, das gab mir Halt und Sicherheit. Ich lächelte in die Runde, versuchte, gelassen zu wirken. Einige lächelten zurück, andere nickten zustimmend. Offensichtlich war nicht nur ich, sondern auch das Ärzteteam angespannt.

Leider dauerte es einige Zeit, bis endlich in meinem Rücken eine Stelle gefunden wurde, an der man mit der Nadel so durchkam, dass die SPA gespritzt werden konnte. Ich zitterte und weinte, weil ich es vor Aufregung und Anspannung kaum noch aushielt. Eine nette junge Dame vom Narkoseteam redete mir gut zu, hielt meine Hand und war einfach nur da und bei mir. Nachdem das Mittel gespritzt wurde, ging es recht zügig. Meine Pobacken wurden warm, meine Beine auch, alles kribbelte und in kürzester Zeit hatte ich von der Hüfte an abwärts kein Gefühl mehr. Die junge Dame vom Narkoseteam stützte mich, sodass ich mich sicher hinlegen konnte. Die Sicht ab Bauchnabel abwärts wurde mir dann durch ein großes Tuch genommen. Ich sah mich um, mir war übel vor Aufregung und ich fasste mir an die Stirn, um zu kontrollieren, ob sich bereits Angstschweiß gebildet hatte. Und da fiel es mir auf: Ich hatte nach wie vor meine Mütze auf. Meine Augen weiteten sich. „Ich muss die Mütze doch jetzt wohl nicht noch abnehmen?“, schoss es mir durch den Kopf. In einem OP-Saal muss es doch eigentlich steril sein. Aber ich fühlte mich sowieso schon so nackt. Mein Herz schlug plötzlich schneller. Ich hatte das Gefühl, ganz schnell wegrennen zu wollen. Der Gedanke, hier alle Hüllen fallen lassen zu müssen, versetzte mich regelrecht in Panik.

Die Dame vom Narkoseteam bemerkte meine Anspannung. „Ist alles in Ordnung?“, fragte sie. Ich schüttelte den Kopf. Ich kämpfte mit den aufsteigenden Tränen. Wir hielten einen kurzen Moment Blickkontakt, bis ich endlich meine Stimme wiedergefunden und die Tränen weggedrückt hatte. Ich flüsterte: „Darf ich meine Mütze bitte auflassen? Bitte tun Sie es mir nicht an, sie abzusetzen. Ich fühle mich so ausgeliefert. Es wäre für mich unerträglich, sie jetzt absetzen zu müssen.“ In meiner Stimme lag ein Flehen. Die Dame lächelte mich verständnisvoll an. „Keine Sorge, Frau Röpe, lassen Sie sie ruhig auf. Wir sind hier ja hinter dem Tuch. Solange bei den Ärzten alles steril ist, ist das in Ihrem besonderen Fall schon in Ordnung.“ Dankbar nickte ich ihr zu.

Kurze Zeit später kam Christian endlich an meine Seite. „Frau Röpe, wir beginnen jetzt“, hörte ich Frau Dr. Deckert sagen. Ich merkte darauf folgend nur ein Ruckeln. Sicher bin ich mir nicht mehr ganz, aber ich würde schätzen nicht einmal fünf Minuten später hörte ich einen Babyschrei. Unser Sohn Noah war endlich geboren.


Diese Auszüge aus ihrem Buch "Babybauch und Chemoglatze" veröffentlichen wir mit freundlicher Genehmigung der Autorin.
Die Auszüge hat Theresa Bäuerlein ausgewählt. Das Aufmacherbild stammt von der Autorin.
Mehr über Sandra Röpe erfahrt Ihr auf ihrer Webseite.
Oder in dem KR-Artikel „Ein ungeborenes Baby. Und ein unentdeckter Tumor" von Nina Himmer.