Ein ungeborenes Baby. Und ein unentdeckter Tumor.

Ein ungeborenes Baby. Und ein unentdeckter Tumor.

, etwa %minutes% Minuten Lesedauer

Der Moment, der Sandra Röpes Leben in ein Davor und ein Danach teilt, beginnt mit einem Ziehen im Bauch. Es kommt nicht von dem Kind, das sie zu diesem Zeitpunkt seit zwanzig Wochen in sich trägt. Es kommt von einem Gefühl, das sie im Wartezimmer ihrer Frauenklinik beschleicht: Was, wenn ich Krebs habe? Es ist ein Nachmittag im Februar, kurz vor ihrem 33. Geburtstag. Ein paar Tage zuvor haben die Ärzte ihr ein vier Millimeter großes Stück Gewebe aus der linken Brust gestanzt und im Labor untersucht. Nun wollen sie das Ergebnis mit ihr besprechen. Persönlich, nicht am Telefon.

„Ich weiß noch, dass ich mich darüber geärgert habe, weil ich Termine absagen musste“, erinnert sie sich. Sorgen aber habe sie sich nicht gemacht. Die harte, hubbelige Veränderung an ihrer Brust war ihr schon vor Wochen unter der Dusche aufgefallen. Doch weil sie nach der Geburt ihres ersten Kindes eine Brustentzündung mit ähnlichen Symptomen hatte, denkt sie sich nichts dabei. Auch nicht, als die gegen die vermeintliche Entzündung verschriebenen Antibiotika nicht anschlagen. Oder als die Ärzte in der Klinik ihr „zur Sicherheit“ etwas Gewebe entnehmen. Erst als sie im Wartezimmer sitzt, auf das Ergebnis der Biopsie wartet und durch eine Broschüre mit dem Titel „Warum trägt Mama im Sommer eine Mütze?“ blättert, schlägt die Angst plötzlich zu.

Eine von 1.000 Schwangeren hat Krebs

Die Ärztin macht aus ihrer Ahnung traurige Gewissheit: Sandra hat Krebs. Sekundär inflammatorischen Brustkrebs, HER2+, hormonunabhängig. Eine seltene und äußerst aggressive Form, die schnell wächst und oft streut. Sandra wird schwindelig, die Diagnose platzt mitten ins Familienglück. Gerade haben sie und ihr Mann Christian das Haus auf dem Land fertig renoviert, Sohn Matthis ist zwei Jahre alt. Dass er noch ein Geschwisterchen bekommen könnte, haben die Eltern nach zwei Fehlgeburten kaum noch zu hoffen gewagt. Und sich wie verrückt auf die Zukunft zu viert gefreut, als es doch noch klappte. „Und dann erfährst du, dass sich deine Chancen auf diese Zukunft gerade halbiert haben“, sagt Sandra. Ihre Überlebenschancen für die nächsten fünf Jahre liegen bei 50 Prozent, wenn sie sofort eine Behandlung beginnt. „Kann das nicht bis nach der Geburt warten?“, fragt sie. An die Antwort der Ärztin erinnert sie sich auch zwei Jahre später noch glasklar: „Nicht, wenn Sie Ihre Kinder aufwachsen sehen wollen.“

Sandras Schicksal trifft laut Statistik eine von 1.000 Schwangeren. „Derzeit werden etwa ein Prozent aller Brustkrebserkrankungen während der Schwangerschaft diagnostiziert“, sagt Tobias Hesse, Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg. Wie viele andere Experten geht auch er davon aus, dass diese Zahl künftig steigen wird. Das hat einen einfachen Grund: Mit zunehmendem Alter steigt das Krebsrisiko – und immer mehr Frauen entscheiden sich immer später für ein Kind. „Die Prognose verschlechtert sich durch die Schwangerschaft aber in der Regel nicht“, betont der Arzt.

Trotzdem stellen ein Tumor und ein Baby im selben Körper Ärzte vor eine besondere Herausforderung: Sie müssen gegen Krebszellen kämpfen, dabei aber das ungeborene Leben schonen. Ein komplizierter Balanceakt, zumal eine Reihe von Diagnose- und Therapiemethoden wegfallen. Röntgen, Computertomografien und Knochenszintigrafien etwa sind bei Schwangeren kaum möglich. Trotzdem lautet die oberste Regel: „Die Therapie sollte sich so nah wie möglich am Standard für nichtschwangere Personen orientieren“, sagt Hesse, der auf Tumortherapien spezialisiert ist und Sandras Fall mitbetreut hat.

Eine Chemotherapie ist auch für Schwangere möglich

Dieser Standard ist in vielen Fällen eine Chemotherapie. Zunächst kann Sandra nicht fassen, dass die Ärzte Zellgift in ihren Körper pumpen wollen. „Während meiner Schwangerschaft habe ich auf alles verzichtet, was meinen Baby schaden könnte“, sagt sie. Salami und Alkohol, Rohmilch, Sushi oder Kopfschmerztabletten waren tabu. Gegen eine Chemotherapie wirkt diese Liste wie ein Witz. Die Ärzte stellen auch eine Abtreibung in den Raum. Weil Gefahr für das Leben der Mutter besteht, sei ein Abbruch trotz fortgeschrittener Schwangerschaft möglich. Doch das lang ersehnte zweite Kind abtreiben? Für Sandra und Christian kommt das nicht in Frage. „Es ist eine absurde Situation, wenn im Körper etwas Gutes und etwas Böses gleichzeitig wachsen“, sagt Sandra. Doch das eine gibt ihr die nötige Kraft, um gegen das andere zu kämpfen. Sie stimmt der Chemo zu.

Während die Ärzte die Therapie vorbereiten, plant Sandra zu Hause ihren Tod. Im ersten Schock nach der Diagnose ist sie überzeugt, sterben zu müssen. In ihrer Familie war die Krankheit bisher kaum ein Thema, ihre Freunde stehen mitten im Leben. „Ich war total überfordert und verängstigt“, erinnert sie sich. Die Reaktionen aus ihrem Umfeld machen es nicht besser: Manche brechen in Tränen aus, anderen verschlägt es die Sprache oder sie verstummen ganz. Niemand kann begreifen, was gerade passiert. Krebs? Das ist doch das, was immer die anderen trifft. Nur Christian bleibt erstaunlich ruhig. „Alles wird gut“, sagt er und wiederholt den Satz in den folgenden Wochen oft. An Sandras Panik ändert es zunächst nichts. Sie sucht die Nummer eines Bestatters heraus, füllt eine Patientenverfügung aus und setzt ihr Testament auf.

Die Plazenta filtert Giftstoffe aus dem mütterlichen Blut

Im Februar 2015 beginnt die Behandlung, der Krebs hat bereits in die Leber gestreut. Im Ultraschall zeigen ihr die Ärzte die kleinen schwarzen Punkte auf dem Organ. Außerdem pflanzen sie ihr einen Portkatheter unter dem rechten Schlüsselbein ein. Es ist der Zugang, über den ein paar Tage später zum ersten Mal eine klare und eine orangefarbene Flüssigkeit in ihren Körper tropft. Die Mittel Epirubicin und Cyclophosphamid sollen die Teilung der Krebszellen stoppen. Vorerst ist die Chemo die einzige Therapie – Bestrahlung und Brustabnahme sind erst möglich, wenn das Baby auf der Welt ist. Obwohl sie sich Sorgen um ihr Kind macht, ist Sandra froh, dass endlich etwas passiert. Sie fasst Vertrauen zu den Ärzten, die ihr erklären, dass die Plazenta den Fötus vor den Medikamenten schützt.

Tatsächlich sind sich Experten mittlerweile einig, dass eine Chemotherapie in den meisten Fällen auch für Schwangere geeignet ist. Studien aus Mexiko, Belgien, England und Israel zeigen, dass Kinder krebskranker Mütter zwar manchmal ohne Haare zur Welt kommen, ihnen die Chemo aber sonst nichts anhaben kann. „Allerdings ist es sehr wichtig, dass eine Chemotherapie erst nach der zwölften Schwangerschaftswoche startet“, sagt Hesse. Andernfalls sei die Plazenta noch nicht in der Lage, schädliche Substanzen aus dem Blut der Mutter zu filtern.

Für Sandra ist es trotzdem schwer zu begreifen, dass sie nun ein Chemobaby unter dem Herzen trägt. Mittlerweile weiß sie, dass es ein Junge wird. Noah soll er heißen. Sie spricht viel mit ihm in dieser Zeit und erklärt ihm, dass er ein wenig früher auf die Welt kommen muss – weil er in ihren Armen sicherer ist als in ihrem Körper. Auch mit dem zweijährigen Matthis sprechen die Eltern. Sie wollen nicht, dass er die Krankheit und die Schwangerschaft in Verbindung bringt und erklären ihm, dass Mama wegen ihrer kranken Brust so oft ins Krankenhaus müsse. Der Kleine ist nicht weiter besorgt: Mit kindlichem Ernst schlägt er vor, einfach viel zu schlafen, um schnell wieder gesund zu werden.

Unterdessen zeigt die Chemo Wirkung. Der Tumor in der Brust schrumpft, die Metastasten in der Leber sind im Ultraschall kaum noch zu erkennen. Dafür bleiben immer häufiger Haarbüschel in Sandras Bürste hängen. Kurzentschlossen rasiert sie ihr langes blondes Haar ab und besorgt sich eine Perücke. Matthis findet das lustig. „Meine Haare sind auf dem Kopf, deine stehen auf dem Fensterbrett“, sagt er. Fortan trägt sie die Perücke jeden Tag. Den Gedanken an die Blicke der Leute kann sie nicht ertragen. Krebskrank und schwanger? Das passt einfach nicht zusammen. Doch beim Blick in den Spiegel fühlt sie sich erstaunlich gut, der kurze Bob steht ihr. Die Ärzte sind zufrieden, wie gut die Therapie anschlägt. „Würde ich Ihren Befund nicht kennen, würde ich Sie glatt nach Hause schicken“, sagt einer.

Nicht den Humor verlieren: „Ich krebs halt so vor mich hin“

Für Sandra ist der Satz ein Wendepunkt. Sie schöpft Hoffnung, staunt manchmal selbst über ihre Kraft und ihren Humor. Fragt in dieser Zeit jemand, wie es ihr geht, antwortet sie mit einem flapsigen: „Ich krebs halt so vor mich hin.“ Sie beginnt, ein Tagebuch zu schreiben und sucht nach anderen Betroffenen, die ihr Schicksal teilen. Es ist mühselig. Später wird sie deshalb aus ihren Notizen ein Buch machen, es „Babybauch und Chemoglatze“ nennen und sich so mit anderen vernetzen. Sie will mehr echten Kontakt und weniger Google. „Wenn man anfängt, das Internet zu durchstöbern, ist man schon tot.“

Ende Mai holen die Ärzte Noah in der 36. Woche per Kaiserschnitt auf die Welt: 48 Zentimeter, 2.520 Gramm, kerngesund. Er bekommt die Flasche statt der Brust, sonst läuft alles normal. Und die Ärzte haben noch eine gute Nachricht: Die nach dem Kaiserschnitt aus dem Bauchfell entnommenen Proben sind unauffällig. Tests in den folgenden Tagen liefern ein ähnliches Ergebnis: Die Brust ist krebsfrei und in der Leber gehen die Metastasen zurück. Die Ärzte sind erstaunt, wie gut alles anschlägt. „Dabei kommt das Beste erst noch“, sagt einer.

Das „Beste“ ist eine Kombination aus dem Chemomittel Docetaxel und einer Therapie mit Antikörpern, die ihr Immunsystem gegen Krebszellen mobilisieren sollen. Sie ist erst jetzt möglich, nachdem Noah auf der Welt ist. Vier Monate hält Sandra der Therapie stand, diesmal sind die Nebenwirkungen heftiger: Schwindel, trockene Schleimhäute, Übelkeit, Müdigkeit. Erst als die Ärzte die Chemo absetzen, geht es ihr wieder besser. Eine Abnahme der Brust halten sie inzwischen nicht mehr für nötig. Den Port behält Sandra. Noch heute muss sie alle drei Wochen zum „Auftanken“. So nennt sie es, wenn die Antikörper in ihre Venen tropfen. Sie hat sich daran gewöhnt, die Termine sind Teil ihres Alltags.

Chemobabys entwickeln sich ganz normal

Noah ist mittlerweile fast zwei Jahre alt. Von den Schwierigkeiten während der Schwangerschaft merkt man ihm nichts an. Das deckt sich mit den Ergebnissen der Wissenschaft: Bis zum 22. Lebensjahr haben Forscher die Entwicklung von Chemobabys in Studien begleitet – und Entwarnung gegeben. „Abgesehen davon, dass die Kinder häufig etwas früher zur Welt kommen, sind sie in ihrer Entwicklung nicht beeinträchtigt“, bestätigt Facharzt Hesse.

Bei Sandra hingegen wird erst die Zeit zeigen, ob sie den Krebs wirklich besiegt hat. Aktuell aber geht es ihr gut. Dass sie die Behandlung so gut überstanden hat, rechnet sie auch ihrem Sohn an. Noah habe sie abgelenkt, ihr Kraft geschenkt und dafür gesorgt, dass die Familie vor allem die Zukunft im Blick hatte. „Ich bin eigentlich keine große Kämpferin“, sagt sie, „aber ich habe mein Schicksal akzeptiert und den Ärzten vertraut, weil ich für meine Kinder heil aus dieser Sache herauskommen wollte.“


Theresa Bäuerlein hat beim Erarbeiten des Artikels geholfen; gegengelesen hat Vera Fröhlich; das Aufmacherfoto hat Martin Gommel aus Bildern der Autorin ausgewählt.