Ich will mich nicht entscheiden, ob ich Mädchen oder Junge bin

Ich will mich nicht entscheiden, ob ich Mädchen oder Junge bin

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In der Zeit zwischen meinem zehnten und zwölften Lebensjahr habe ich mich gefragt, ob Gott existiert und ob ich eigentlich ein Junge sein müsste. Mir war nicht klar, dass man sein Geschlecht ändern kann. Aber eine Zeit lang wollte ich genau das.

Bis zu meinem sechsten Lebensjahr lebte ich in England. Ich sei „mädchenhaft“ gewesen, sagt meine Mutter heute. Wahrscheinlich meinte sie das nur deswegen, weil ich auf glänzende Dinge stand. Ich dagegen erinnere mich daran, dass ich auf Bäume geklettert bin und mit den Jungs gespielt habe.

Als wir nach Portugal zogen, wurde ich immer burschikoser. Ich schnitt mir die Haare ab und spielte die ganze Zeit Fußball. Ich kann mich genau daran erinnern, dass ich Mädchen-Spiele superlangweilig fand und immer nur mit den Jungs spielen wollte. Ich habe mir nichts mehr gewünscht, als von den Jungs akzeptiert zu werden. Trotzdem war mein bester Kumpel immer ein Mädchen, und es war sehr wichtig für mich, was sie über mich dachte.

Das war wohl schon eine Vorahnung meiner Super-Mega-Homosexualität.

Die Leute wollten wissen, warum ich ein Junge sein wollte

Die Jungs, mit denen ich gespielt habe, hatten alle Action-Man-Figuren. Ich wollte unbedingt auch eine, aber meine Mutter wollte mir nur den Ken aus der Barbie-Puppen-Serie kaufen. Ich nannte ihn Big Jim. Als ich damit zu den anderen kam, sagten sie, er sei eine Schwuchtel. Sie wussten gar nicht, was das Wort Schwuchtel bedeutete. Wir waren gerade einmal sieben.

Als ich dann endlich meinen eigenen Action Man bekam, spielten die Jungs schon nicht mehr damit, sondern mit den Figuren aus der US-Serie "Biker Mice from Mars". Die waren damals das große Ding in Portugal. Es war wirklich wie eine Szene aus einem Film. Da kam ich endlich mit einem Action Man zur Schule und alle anderen Kinder spielten mit diesen muskulösen Ratten.

Irgendwann stellten die Leute mir die Frage, warum ich ein Junge sein wollte. Ich erinnere mich ganz deutlich daran, dass ich dachte, ich müsse mich entscheiden, ob ich ein Junge war oder nicht. In der Zeit hatte ich einen Traum, in dem ich als Mann neben einer großen blonden Frau aufwachte, was wohl auch ein Zeichen war. In meinem Traum stand ich aus dem Bett auf. Dann erhob sich auch die Frau und ihr Körper floss in einem Kreis horizontal um mich herum. Nun wachte ich wirklich auf und dachte, das ist jetzt mein Übergang.

Ich musste eine Entscheidung über meine Sexualität fällen. Aber ich merkte, dass sie weniger mit meinem Geschlecht zu tun hatte, als mit meiner sexuellen Orientierung.

Bis dahin hatte ich nicht daran gedacht, dass ich homosexuell sein könnte oder dass meine Gefühle irgendwie komisch waren. Ich fand es ganz normal, dass mich das coolste Mädchen in meiner Klasse total faszinierte. Dabei hatte ich nicht das Gefühl, dass ich sie anfassen oder küssen musste, weil sich meine Libido ziemlich spät bemerkbar machte. Ich dachte auch, solange ich mich mit Jungs und Mädchen traf, gäbe es kein Problem.

Mit zwölf beschloss ich dann, nicht an Gott zu glauben und damit zufrieden zu sein, dass ich ein Mädchen war. Aber ich fühlte mich damit nicht in allen Punkten wohl. Wenn ich mich im Spiegel ansah, wusste ich nicht, wie ein Mädchen auszusehen hat. Ich betrachtete mich mit dem Blick eines Jungen und musste entscheiden, ob ich mochte, was ich sah. Wenn ich mich für offizielle Anlässe wie einen Arztbesuch oder eine Taufe zurechtmachen musste, zog mich meine Mutter immer wie einen Jungen an. Sie hatte eine bestimmte Vorstellung davon, welche schicken Sachen Jungs und welche schicken Sachen Mädchen zu tragen hatten. Weil ich kein Kleid anziehen wollte, war die einzige andere Möglichkeit ein Flanellhemd mit einem schönen Pullover und cremefarbenen Hosen mit braunen Stiefeln.

Meine Schwester war immer etwas knabenhaft, meine Mutter trug niemals Make-up. Deshalb hatte ich nicht viele weibliche Vergleichsmöglichkeiten zu Hause. Ich hatte keine klaren Vorbilder, was die Geschlechterrolle angeht. Aber ich glaube nicht, dass mich das in meiner eigenen Identifizierung beeinflusst hat. Doch hatte ich dadurch das Gefühl, eine Wahl zu haben, eine Art von Offenheit, durch die ich mich selbst entdecken konnte. Meine Eltern haben mir und meiner Schwester nie gesagt, dass etwas zu burschikos sei oder das Mädchen bestimmte Dinge nicht machen sollten.

Religion und Faschismus: Eine üble Kombination

In Portugal reden die Leute nicht wirklich über Sex. Wir hatten null Sexualerziehung, als ich jünger war. Nur in Biologie haben wir was über das Fortpflanzungssystem gelernt. Als ich 17 war, lernte ich in einem Jugendcamp, wie man ein Kondom auf eine Banane rollt. Mit 17 zum ersten Mal ein Kondom in Händen zu haben ist viel zu spät. Erst als ich später die US-Serie „The L Word“ (Wenn Frauen Frauen lieben“) anschaute und in die LGTB-Community eintauchte, erkannte ich plötzlich, dass ich ein Mensch mit sexuellen Bedürfnissen war. Von da an begann ich, mich über Sex und sexuell übertragbare Krankheiten zu informieren. Bis dahin wusste ich nichts davon, ich war der unschuldigste kleine Tomboy, den du dir vorstellen kannst.

Ein Grund dafür, dass wir in Portugal so konservativ waren, war vielleicht, dass einerseits Religion sehr präsent war, andererseits auch der Faschismus. Das ist wirklich eine üble Kombination.

In der Generation meines Großvaters lernten Kinder mit Büchern lesen, in denen Sätze mit dem Namen des Diktators gebildet wurden. Und es gab Bücher mit Zeichnungen von einem Mädchen, das zu Hause ihrer Mutter half. Auf der anderen Seite gab es den Jungen auf dem Pferd, der etwas mit seinem Vater unternahm. Man hat damals ziemlich gründlich versucht, die Menschen einer Gehirnwäsche zu unterziehen.

Mein Vater war der jüngste von fünf Jungen und der empfindsamste von allen. Seine Brüder wollten nicht mit ihm spielen, also verbrachte er seine Zeit in der Küche und redete mit den Dienstmädchen. Er war mehr mit Frauen zusammen, und ich denke, das hat ihn wirklich beeinflusst. Durch meinen Vater habe ich Zärtlichkeit erfahren und gelernt, einen Scheiß darauf zu geben, was die Leute denken.

Ich habe das Thema Geschlecht immer interessant gefunden, weil es solch eine soziale Konstruktion ist. Wenn man auf einer einsamen Insel ohne andere Menschen aufwachsen würde, wäre es keine Frage, dass man seinen Körper so akzeptiert, wie er ist. So viele Menschen sind mit ihrem Körper unglücklich und mit der Frage, was es in ihrer Kultur bedeutet, ein Junge oder ein Mädchen zu sein. Das ist ein sehr tiefgründiges und ernstes Problem, das man schon in der Kindheit hat. Mit drei oder vier Jahren fängst du an zu merken, dass es Jungs und Mädchen gibt und dass du eine dieser Rollen übernehmen musst.

Welche man nimmt – diese Entscheidung fällt vielen Menschen nicht so leicht.


Für ihr Projekt „Stumbling on Sexuality“ fragte die in Berlin lebende US-Amerikanerin Shauna Blackmon Leute, wie sie mit Sexualität in Berührung gekommen sind und wie sie das geprägt hat. Man kann auch seine eigene Geschichte vorschlagen. Mehr zum Thema hier.
Übersetzung aus dem Englischen und Produktion: Vera Fröhlich; Illustrationen: Stumbling on Sexuality
Martin Gommel hat das Aufmacherbild ausgesucht (iStock / GoodLifeStudio)