Sondi und Joyce Binneboese

„Ich habe nicht ein rassistisches Wort zu hören bekommen, solange ich in der DDR gelebt habe“

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Sondi Binneboese ist zu DDR-Zeiten in einem kleinen Ort in der Nähe von Jena groß geworden. Ihr Vater kam in jungen Jahren aus Kamerun nach Ostdeutschland. Die 54-Jährige war eine der wenigen Farbigen in ihrem Dorf. Sie empfand ihre Kindheit und Jugend in Thüringen als schön. Zum Musikunterricht durfte sie "in die Stadt fahren", zum Spielen verließ sie morgens das Haus und kam abends wieder rein. "Es war ein ganz normales deutsches Leben."

Sondi Binneboese

Heimatactive / Ruben Elstner

"Viele haben einen falschen Eindruck. Meine Jugend war so leicht und unbedarft. Ich habe nicht ein rassistisches Wort zu hören bekommen, solange ich da gelebt habe. Nicht ein einziges. Niemals."
Sondi

Mit 18 zieht es Sondi nach (Ost-)Berlin, später stellt sie einen Ausreiseantrag in den Westen, der nach drei Jahren genehmigt wird. Sie darf ausreisen – zu ihrem Vater, der bereits in Westberlin wohnt. Kurz danach fällt die Mauer. In der Nacht des 9. November 1989, als Tausende Ostberliner durch die geöffneten Grenzen nach West-Berlin strömen, arbeitet Sondi bereits im Kaufhaus des Westens. Nach Feierabend fährt sie in den Osten der Stadt und klingelt "Oma Almuth und Opa Lutz" aus dem Schlaf. "So was vergisst man nicht", sagt sie.

Sondis Tochter Joyce hat eine andere Welt kennengelernt. Sie ist in Westberlin geboren und aufgewachsen. Die 26-Jährige war aber ebenso eingebunden in die deutsch-afrikanische Patchwork-Großfamilie, so wie ihre Mutter es schon war. "Ich habe immer gesagt: Ich habe sechs Omas."

Joyce Binneboese

Heimatactive / Ruben Elstner

Als Kind geht sie in eine fortschrittlich integrative Schule. Bei Sportfecht-Turnieren in anderen Orten des Landes und der Stadt erfährt sie, dass es nicht überall so bunt und tolerant zugeht wie in ihrem Zehlendorfer Umfeld. Einmal drückt ein Erwachsener eine brennende Zigarette auf ihrem Oberarm aus, da war sie noch ein Kind. “Das war eindeutig Absicht”, sagt sie. Auch heute noch gibt es für Joyce gewisse No-Go-Areas oder Orte, die sie lieber meidet.

Nach dem Abitur übernimmt sie mit einer Freundin die Mode-Boutique "Wald Berlin", für die sie auch eigene Kollektionen entwirft. Dazu arbeitet sie als Co-Captain der Adidas Runners.

Die erste Reise nach Kamerun

Im Oktober dieses Jahres erfüllen sich Joyce und Sondi einen langgehegten Traum: Sie reisen gemeinsam nach Kamerun – für beide wird es das erste Mal sein. "Das fühlt sich jetzt genau richtig an, dass ich das mit meiner Mama und meiner Tante zusammen mache", sagt Joyce.

Sie besuchen Sondis Vater, den es mit 82 Jahren wieder in seine afrikanische Heimat zieht. "Er fühlt sich nicht mehr wohl hier so allein in Berlin. Er möchte nach Hause", sagt Sondi. Was auch daran liegt, dass er im Altersheim lebt und sich nicht mehr so integriert fühlt – zumal er dort der einzige “Ausländer” sei, berichten beide. Das deutsche Essen in der Pflege-Einrichtung stellt anscheinend auch keinen Grund dar, weiter in Deutschland zu bleiben.

"Ich sag mal so: Ein Hühnerfrikassee im Altersheim reißt meinen Opa nicht gerade vom Hocker."
Joyce

Weitere Themen: Der Reiz am Marathon, Was sagst du: schwarz oder farbig?, "Mischie"-Treffen etc.


Der Halbe Katoffl Podcast ist eine Gesprächsreihe mit Deutschen, die nicht-deutsche Wurzeln haben. Moderator ist der Berliner Journalist Frank Joung, dessen Eltern aus Korea kommen. Es geht um Themen wie Integration (gähn), Identität (ach ja) und Stereotypisierungen (oha) – aber eben lustig, unterhaltsam und kurzweilig. Anekdoten aus dem Leben statt Theorien aus dem Lehrbuch.

Das Aufmacherfoto hat Michael Romacker gemacht.