Das Motel des Voyeurs

Das Motel des Voyeurs

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Ich kenne einen verheirateten Mann und zweifachen Vater, der vor vielen Jahren ein Motel mit einundzwanzig Zimmern in der Nähe von Denver kaufte, um dort seine voyeuristische Neigung auszuleben.

Tatkräftig unterstützt von seiner Frau sägte er in einem Dutzend Räume rechteckige, etwa fünfzehn mal fünfunddreißig Zentimeter große Löcher in die Zimmerdecken, die er anschließend mit Aluminiumblenden bedeckte. Was aussah wie die Öffnungen von Luftschächten, waren in Wirklichkeit Gucklöcher, durch die er seine Gäste in den darunterliegenden Zimmern beobachtete, während er sich oben auf dem mit dickem Teppich ausgelegten Dachboden des Motels aufhielt. Jahrzehntelang schaute er seinen Gästen zu, wobei er über alles, was er sah und hörte, penibel Buch führte, und all die Jahre wurde er nicht ertappt.

Ich erfuhr zum ersten Mal von dem Mann, als ich in meinem New Yorker Domizil einen Eilbrief erhielt, handgeschrieben und anonym. Datiert war er auf den 7. Januar 1980:


Sehr geehrter Mr. Talese, ich habe von Ihrer landesweiten Studie zum Sexualleben der Amerikaner erfahren, die Teil Ihres bald erscheinenden Buches Du sollst begehren sein wird. Ich schreibe Ihnen, weil ich glaube, über wichtige Informationen zu verfügen, die ich zu diesem oder zu einem späteren Buch aus Ihrer Feder beizusteuern hätte.

Lassen Sie mich dies näher erläutern. Ich bin Eigentümer eines kleinen Motels mit einundzwanzig Zimmern im Großraum Denver. Ich besitze dieses Motel seit fünfzehn Jahren – ein mittelständisches Haus, das von Menschen aus allen Gesellschaftsschichten frequentiert wird und heute über einen Kundenstamm verfügt, der als repräsentativer Querschnitt der amerikanischen Bevölkerung gelten darf. Erworben habe ich dieses Motel, um meine voyeuristischen Neigungen zu befriedigen und mein obsessives Interesse am Menschen in all seinen Aspekten zu stillen, in gesellschaftlicher wie in geschlechtlicher Hinsicht, wie auch, um die alte Frage zu beantworten, wie Menschen sich wirklich sexuell verhalten, also privat, in den eigenen vier Wänden des Schlafzimmers.

Aus diesem Grunde erwarb ich das Motel und ersann eine sichere Methode, die es mir erlaubte, die unterschiedlichsten Menschen in ihrem Verhalten zu beobachten, ohne dass diese sich dieser Beobachtung je bewusst wurden. Ich tat dies einzig aufgrund meiner grenzenlosen Neugier, nicht weil ich lediglich ein gestörter Spanner wäre. Fünfzehn Jahre lang habe ich auf diese Weise Studien betrieben. Von einem Großteil der beobachteten Personen habe ich präzise Aufzeichnungen angefertigt und aufschlussreiche Statistiken zusammengetragen, d.h. was getan und gesagt wurde; die individuellen Merkmale der Menschen; Alter und Körpertyp; den Landesteil, aus dem sie kamen; sowie ihr Sexualverhalten. Die Personen entstammten sämtlichen sozialen Schichten. Der Geschäftsmann, der seine Sekretärin in der Mittagspause für eine „schnelle Nummer“ ins Motel mitnimmt; verheiratete Paare, die von Staat zu Staat reisen, entweder geschäftlich oder im Urlaub; Paare, die nicht verheiratet sind, aber trotzdem zusammen leben; Ehefrauen, die ihre Männer betrügen und umgekehrt. Zum Lesbianismus habe ich gesonderte Studien betrieben, was der Tatsache geschuldet ist, dass sich in unmittelbarer Nähe des Motels ein Armeekrankenhaus mitsamt den dort beschäftigten Krankenschwestern und weiblichen Militärangestellten befindet. Homosexuelle Praktiken, die mich weniger interessieren, beobachtete ich dennoch, um Motivation und Handlungsabläufe zu erfassen. Die späten Siebziger brachten schließlich eine weitere sexuelle Abweichung hervor, die ich mit großem Interesse verfolgte – den „Gruppensex“... Ich habe die ganze Palette menschlicher Empfindungen gesehen, Emotionen in all ihrer Komik und Tragik. Was das Geschlechtliche betrifft, habe ich Sex so erlebt, wie er wirklich ist, nicht wie man ihn unter Laborbedingungen zu untersuchen pflegt, sondern wie er spontan zwischen Paaren betrieben wird. Und es gibt wohl keine sexuelle Abnormität, die ich im Laufe der fünfzehn Jahre nicht gesehen hätte.

Der Hauptgrund, wieso ich Ihnen diese vertraulichen Einblicke zukommen lassen möchte, ist meine tiefe Überzeugung, dass meine Aufzeichnungen für die Menschen im Allgemeinen wie auch für Sexualforscher im Besonderen von großem Wert sein könnten.

Momentan sehe ich mich aufgrund meiner geschäftlichen Interessen nicht in der Lage, meine Identität offenzulegen, doch werde ich dies tun, wenn Sie mir versichern, dass diese Information mit strikter Vertraulichkeit behandelt wird.

Ich freue mich auf eine Antwort von Ihnen und danke im Voraus.

Mit freundlichen Grüßen,

c / o Postfachinhaber, PF 31450 Aurora, Colorado 80041


Nachdem ich den Brief gelesen hatte, legte ich ihn einige Tage beiseite, unschlüssig, ob oder wie ich auf ihn reagieren sollte. Es erschütterte mich zutiefst, wie er das Vertrauen seiner Gäste missbraucht und ihre Privatsphäre verletzt hatte. Und da ich als Sachbuchautor in meinen Artikeln und Büchern aus Prinzip nur Klarnamen verwendete, war von vornherein klar, dass ich seine Forderung nach Anonymität nicht erfüllen konnte. Wenn ich ihn auch nur zu gut verstehen konnte. Ihm drohten eine lange Gefängnisstrafe und zahllose Zivilklagen, die ihn finanziell zugrunde richten konnten. Wollte er dies vermeiden, musste er für sich selbst jene Privatheit einfordern, die er seinen Gästen verwehrte. Konnte so jemand eine vertrauenswürdige Quelle sein?

Ein gestörter Spanner – oder einfach grenzenlose Neugier

Und dennoch, als ich einige der handgeschriebenen Sätze ein weiteres Mal las – „Ich tat dies einzig aufgrund meiner grenzenlosen Neugier Menschen gegenüber, nicht weil ich lediglich ein gestörter Spanner wäre“ und „Von einem Großteil der beobachteten Personen habe ich präzise Aufzeichnungen angefertigt“ – musste ich zugeben, dass seine Forschungsmethoden und Beweggründe meinen eigenen in Du sollst begehren durchaus ähnelten. So hatte auch ich insgeheim mitgeschrieben, als ich Massagesalons in New York geführt und mich unter die Swinger in der südkalifornischen Nudistenkommune Sandstone Retreat gemischt hatte. Und nicht von ungefähr lautete der erste Satz meines Buches über die New York Times von 1969 (The Kingdom and the Power): „Die meisten Journalisten sind rastlose Voyeure, die die Welt und die Menschen betrachten, wie sie wirklich sind, ungeschönt, mit allen Unvollkommenheiten.“ Doch die Leute, die ich beobachtet und über die ich geschrieben hatte, hatten mir ihr Einverständnis erteilt.

Ob es sich bei meinem Brieffreund in Colorado um einen, wie er es nannte, „gestörten Spanner“ handelte, eine Art Wiedergänger des Betreibers von Bates Motel in Alfred Hitchcocks Psycho oder des mordlüsternen Filmemachers in Michael Powells Augen der Angst, oder ob er lediglich ein harmloser Mann von „grenzenloser Neugier“ war, wie ihn James Stewart als an den Rollstuhl gefesselter Fotojournalist im Fenster zum Hof verkörpert hatte, oder einfach nur ein Schwindler – all das würde ich nur herausfinden können, wenn ich die Einladung des Mannes aus Colorado annahm und ihn persönlich kennenlernte. Da ich Ende des Monats sowieso in Phoenix zu tun hatte, entschloss ich mich, ihm eine kurze Nachricht mit meiner Telefonnummer zukommen zu lassen, und bot ihm an, auf der Rückreise nach New York in Denver zwischenzulanden und mich mit ihm zu treffen. Am 23. Januar um 16 Uhr könnten wir uns an der Gepäckausgabe des Flughafens treffen, schlug ich vor. Ein paar Tage später hinterließ er auf meinem Anrufbeantworter die Nachricht, dass er mich abholen würde – was er schließlich auch tat, als er am besagten Tag aus einer Schar wartender Menschen heraustrat und mich auf dem Weg zum Gepäckband abfing.

„Willkommen in Denver“, sagte er lächelnd und hielt mit der Linken den Brief hoch, den ich ihm geschickt hatte. „Ich heiße Gerald Foos.“

Mein erster Eindruck war, dass dieser liebenswürdige Fremde sich im Grunde in nichts von den Männern unterschied, mit denen ich zusammen in der Businessclass hierher geflogen war. Gerald Foos war hellhäutig, etwa ein Meter achtzig groß, etwas stämmig und hatte nussbraune Augen. Ich schätzte ihn auf Mitte vierzig. Er trug ein aufgeknöpftes hellbraunes Wollsakko über einem Hemd mit offenem Kragen, das für seinen muskulösen Hals eine Nummer zu klein wirkte. Glattrasiert, das kurze Haar akkurat zur Seite gescheitelt, vermittelte er nicht zuletzt mit seiner klobigen Hornbrille jenes Gefühl von Seriosität und Zuvorkommenheit, wie man es von einem guten Hotelier erwartete.

Nachdem wir uns die Hände geschüttelt und einige Höflichkeiten ausgetauscht hatten, nahm ich seine Einladung an, einige Tage Gast in seinem Motel zu sein.

In fünfzehn Jahren hat ihn noch keiner erwischt

„Wir bringen Sie in einem der Zimmer unter, die mir keinerlei Einblick gewähren“, versicherte er mir mit einem unbeschwerten Grinsen.

„Ausgezeichnet“, sagte ich. „Und, kann ich Sie begleiten, wenn Sie Leute beobachten?“

„Ja“, antwortete er. „Vielleicht heute Abend. Doch erst, wenn Viola, meine Schwiegermutter, ins Bett gegangen ist. Sie ist Witwe und arbeitet im Motel mit. Sie wohnt in einem Zimmer in unserer Wohnung hinter dem Büro. Meine Frau Donna und ich haben sie wohlweislich nie in unser Geheimnis eingeweiht, und dasselbe gilt natürlich auch für unsere Kinder. Der Dachboden, wo sich die Gucklöcher befinden, ist immer abgesperrt. Nur meine Frau und ich besitzen einen Schlüssel. Wie ich Ihnen in meinem Brief bereits geschrieben habe, hatte keiner meiner Gäste je die leiseste Ahnung, dass er unter Beobachtung steht, und das seit fast fünfzehn Jahren.“

Anschließend zog er einen gefalteten Bogen Papier aus der Brusttasche und drückte ihn mir in die Hand. „Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus, das hier zu unterschreiben“, sagte er. „Es erlaubt mir, Ihnen gegenüber völlig offen zu sein und ihnen alles im Motel zu zeigen.“

Es war ein mit Maschine getipptes, einseitiges Schriftstück, in dem ich mich verpflichtete, ihn weder namentlich zu nennen noch sein Motel öffentlich mit den Informationen, die er mir gab, in irgendeiner Form in Verbindung zu bringen, bis er mir ausdrücklich die Erlaubnis dazu erteilte. Ich las die Erklärung und unterzeichnete sie. Ich hatte mich längst entschieden, unter diesen Bedingungen nicht über Gerald Foos zu schreiben. Ich war lediglich nach Denver gereist, um den Mann mit der „grenzenlosen Neugier“ kennenzulernen und meine eigene grenzenlose Neugier zu befriedigen.

„Donna und ich sind seit 1960 verheiratet“, erzählte er, während er auf die Flughafenausfahrt zusteuerte, die uns zunächst auf den Highway und dann in Richtung des Motels bringen würde, das sich in Aurora befand. „Donna und ich haben uns bereits auf der Highschool in einer Kleinstadt namens Ault kennengelernt, rund hundert Kilometer nördlich von hier. Dort lebten damals rund 1.300 Menschen, die meisten Ackerbauern und Viehzüchter.“ Seine deutschstämmigen Eltern hatten eine Farm mit vierzig Hektar Land. Er beschrieb sie als fleißige, zuverlässige und herzensgute Leute, die ihm jeden Wunsch erfüllten. Nur ein Thema war tabu: Sexualität. Er habe seine Mutter nie unbekleidet gesehen, erzählte er, und er habe nie erlebt, dass seine Eltern je auch nur das geringste Interesse an Sexualität gezeigt hätten. „Da ich aber schon als Junge in Sachen Sex äußerst wissbegierig war – mit all den Tieren um einen herum, wie konnte man da vermeiden, an Sex zu denken? –, musste ich über mein Elternhaus hinausblicken, wenn ich mehr über das Thema erfahren wollte.“

Besessen von Tante Katheryn

Er musste nicht allzu weit schauen, sagte er, während er den Cadillac gemächlich durch den Berufsverkehr manövrierte. Auf der Farm nebenan, keine hundert Meter entfernt, habe eine jüngere verheiratete Schwester seiner Mutter gewohnt, Katheryn. Als er anfing, seiner Tante Katheryn nachzuspionieren, muss diese Ende zwanzig gewesen sein, eine Frau mit „großen Brüsten, einem schlanken, sportlichen Körper und feuerrotem Haar“. Abends lief sie bei geöffneten Fensterläden oft splitternackt im hell erleuchteten Schlafzimmer umher, und dann kauerte er sich etwa eine Stunde lang unter den Fenstersims und spähte zu ihr hinein – „wie eine Motte, angelockt von ihrem Licht“ –, betrachtete sie und onanierte.

Fünf oder sechs Jahre beobachtete er sie, ohne je erwischt zu werden. „Manchmal bemerkte meine Mutter, dass ich mich hinausstahl, und dann fragte sie: ‚Wo willst du denn um diese Zeit noch hin?‘, und ich dachte mir irgendeine Ausrede aus – dass ich nach unseren Hunden sehen wollte, da es sich anhörte, als trieben sich Kojoten draußen herum.“ Dann schlich er sich hinaus zu Tante Katheryns Fenster, in der Hoffnung, sie würde wieder unbekleidet herumschlendern oder vielleicht nackt an ihrem Schminktisch sitzen und dort ihre Sammlung kleiner Porzellanpuppen aus Deutschland sortieren oder die Sammlung hübscher Fingerhüte, die sie in einer hölzernen Vitrine an der Wand ihres Schlafzimmers aufbewahrte.

„Manchmal war auch ihr Mann da, mein Onkel Charlie, der für gewöhnlich tief und fest schlief. Er trank viel, und ich konnte mir ziemlich sicher sein, dass er nicht aufwachen würde. Einmal habe ich beobachtet, wie sie Sex hatten, und es hat mich traurig gemacht. Ich war eifersüchtig. Sie gehörte mir, dachte ich. Ich kannte ihren Körper besser als er. Ich hatte ihn schon immer für einen groben Kerl gehalten, der sie nicht anständig behandelte. Ich war in sie verliebt.“

Ein Gespräch wie eine Beichte

Ich hörte zu, ohne etwas zu sagen. Gerald Foos’ Freimütigkeit überraschte mich. Ich kannte ihn keine halbe Stunde, und schon offenbarte er mir intimste Dinge wie seine onanistische Fixierung und die Ursprünge seines Voyeurismus. Als Journalist und Getriebener meiner eigenen Neugierde konnte ich mich nicht entsinnen, jemals einem Menschen begegnet zu sein, der im Gespräch derart schnell zur Sache gekommen wäre. Er übernahm das Reden, während ich – vertraglich zur Geheimhaltung verpflichtet – neben ihm im Wagen saß und lauschte. Das Auto war sein Beichtstuhl.

Gerald Foos erzählte, dass er vier Jahre im Mittelmeerraum und in Fernost gedient habe, in Unterwasser-Sabotage ausgebildet worden sei und seinen sexuellen Horizont bei Landgängen mit Hilfe von Animiermädchen erweitert habe. „Mein voyeuristisches Verlangen ließ etwas nach“, schrieb Gerald mir später. „Stattdessen versuchte ich in diesen Jahren so viele sexuelle Abenteuer zu erleben, wie ich nur konnte. Es war eine Zeit der Entdeckungen und des Lernens, wobei es sich als vorteilhaft erwies, dass ich mit der Navy viel herumkam. Zwei Jahre lang war ich auf See, fuhr von Hafen zu Hafen und besuchte jedes Bordell. Das war alles gut und schön, doch ich suchte noch immer nach Antworten, wollte der vertrackten Frage nachgehen, was hinter verschlossenen Türen vor sich geht. Mein höchstes Glück bestand darin, in die Privatsphäre anderer einzudringen, ohne dass diese davon erfuhren.“

Kurz vor seiner Entlassung aus der Navy im Jahr 1958, als Gerald gerade zu Besuch bei seinen Eltern in Ault war, erzählte ihm seine Mutter, wie sie letztens auf der Hauptstraße eine seiner Mitschülerinnen aus der Highschool getroffen hatte, Donna Strong, die nun eine Ausbildung zur Krankenschwester in Denver mache. Gerald meldete sich umgehend bei ihr (seine Cheerleader-Freundin Barbara war bereits verheiratet). Kurz darauf gingen sie miteinander, 1960 heirateten sie.

Donna besaß mittlerweile eine Vollzeitstelle als Krankenschwester in Aurora, und Gerald arbeitete in Denver als Außenprüfer in der örtlichen Firmenzentrale des Mineralölunternehmens Conoco. Die Arbeit war entsetzlich frustrierend, wie er sagte. Den ganzen Tag saß er in einem kleinen Büro und protokollierte die Lagermengen von Öltanks in Colorado und benachbarten Staaten. Um der Langeweile zu entfliehen, unternahm er nachts „voyeuristische Ausflüge“ in und um Aurora, wo Donna und er unweit des Krankenhauses mittlerweile eine Mietwohnung im zweiten Stock bewohnten. Meist zu Fuß, zuweilen aber auch im Auto, durchstreifte er die Straßen und spionierte Leuten nach, die ihre Jalousien nur unzureichend geschlossen hatten oder fremden Augen auf andere Art und Weise Einblicke in ihre Schlafzimmer gewährten. Donna gegenüber machte er, wie er erklärte, aus seinem Voyeurismus kein Geheimnis.

„Schon vor unserer Ehe hatte ich ihr von meiner zwanghaften Neugier erzählt, davon, wie gerne ich heimlich Menschen beobachtete“, sagte er. „Ich gestand ihr, dass mich dies errege und mir ein Gefühl der Macht verleihe und dass ich wüsste, dass es da draußen viele Männer wie mich gäbe.“ Sie zeigte Verständnis, erzählte er mir, sei von seinem Geständnis nicht im Mindesten schockiert gewesen: „Ich glaube, es lag daran, dass sie Krankenschwester war. Krankenschwestern sind nicht so leicht zu schockieren. Dafür haben sie zu viel gesehen in ihrem Beruf – Tod, Krankheit, Schmerzen, Störungen jedweder Art.“

„Schreibst du dir eigentlich auf, was du gesehen hast?“

Aber Donna war nicht nur nicht schockiert, fuhr er fort, einige Male habe sie ihn sogar auf seinen voyeuristischen Streifzügen begleitet, und eines Nachts, nachdem sie gemeinsam mehrere Paare beobachtet hätten, was sie interessant, wenn nicht gar erregend gefunden habe, habe sie ihn gefragt: „Schreibst du dir eigentlich auf, was du gesehen hast?“ – „Daran habe ich noch nie gedacht“, habe er geantwortet. „Vielleicht solltest du das“, sagte sie.

„Jetzt sind wir gleich da“, sagte Foos, während wir die East Colfax Avenue entlangfuhren, durch eine Arbeitergegend mit niedrigen Gebäuden, vorbei an Läden, Einfamilienhäusern, einer Wohnwagensiedlung, einem Burger King, einer Autowerkstatt und einem alten Fox-Kino. Die Colfax war eine unendlich lange Durchgangsstraße, die wichtigste Ost-West-Verbindung der Umgebung. Der Playboy hatte die Colfax Avenue einst zur „längsten und übelsten Straße Amerikas“ gekürt.

Entlang der Colfax gebe es zweihundertfünfzig Motels, sagte Gerald. Als wir am zweigeschossigen Riviera-Motel vorbeikamen, erzählte er, dass er es früher einmal kaufen wollte (als Spanner habe er dem Riviera oft einen Besuch abgestattet). Stattdessen habe er sich aber zum Kauf des eingeschossigen Manor-House-Motels entschieden, da es über ein Giebeldach verfügte, das in der Mitte ein Meter achtzig hoch war – hoch genug, dass er aufrecht über den Dachboden laufen konnte, um das Treiben seiner Gäste zu beobachten.

„Donna war nicht glücklich darüber, dass wir unser Haus aufgaben und in die Dienstwohnung des Motels zogen“, bemerkte er. „Aber ich versprach ihr, ein anderes Haus zu kaufen, sobald wir es uns leisten konnten.“

Auf der East Colfax verlangsamte Foos schließlich das Tempo, fuhr rechts in die Scranton Street und bog dann links auf den Parkplatz des Manor-House-Motels ein, eines grün und weiß gestrichenen Backsteingebäudes mit orangefarbenen Türen, hinter denen die einundzwanzig Gästezimmer lagen.

Als ich Foos, der mein Gepäck trug, bis ins Büro gefolgt war, begrüßte uns an der Rezeption seine Frau Donna, eine zierliche Blondine mit blauen Augen. Sie trug ihre Schwesterntracht. Nachdem wir uns die Hand gegeben hatten, erklärte sie, dass sie gerade auf dem Weg ins Krankenhaus sei, Nachtschicht.

„Bei uns zu Hause ist es momentan etwas ruhiger als sonst“, sagte Foos. „Unsere Kinder sind zurzeit beide außer Haus. Unser Sohn Mark studiert im ersten Semester an der Colorado School of Mines, und Dianne liegt in Aurora gerade in einer Spezialklinik. Sie wurde mit einer Atemwegserkrankung geboren und muss sich behandeln zu lassen. Die High-School hat sie deswegen abgebrochen. Donna ist zwischen ihren Schichten ständig bei ihr, und auch ich fahre regelmäßig zu ihr rüber, meist morgens.“

Foos stellte meine Koffer vor Zimmer 24 auf den Boden, schloss die Tür auf, schaltete die Klimaanlage ein und deponierte mein Gepäck dann in der Nähe des Kleiderschranks.

„Packen Sie am besten erst mal aus und machen Sie es sich bequem“, sagte er. „Ich hol Sie in einer Stunde wieder ab, und dann gehen wir was essen. Es gibt da ein tolles neues Restaurant, das Black Angus. Und wenn wir zurückkommen, gebe ich Ihnen gern eine kleine Führung durch das Dachgeschoss.“

Der Voyeur sieht mehr als nur Sex

Nachdem er mir den Zimmerschlüssel ausgehändigt hatte und gegangen war, packte ich aus und begann, meine ersten Eindrücke von Gerald Foos und allem, was er mir auf der Fahrt erzählt hatte, niederzuschreiben. Mein Interesse an ihm beschränkte sich nicht darauf, seinen Dachboden zu inspizieren. Was ich mir von diesem Besuch in Colorado indes versprach, war Foos’ Einverständnis, die geheimen Aufzeichnungen lesen zu dürfen, die er in den vergangenen fünfzehn Jahren angeblich verfasst hatte.

Obwohl ich vermutete, dass sich seine Berichte vor allem auf das konzentrierten, was ihn sexuell erregte, konnte es durchaus sein, dass er Dinge notiert hatte, die jenseits seiner unmittelbaren Triebbefriedigung lagen. Die Motivation des Voyeurs ist die Erwartung. Schweigend und geduldig bringt er endlose Stunden in der Hoffnung zu, genau das zu sehen, was er zu sehen hofft. Doch bei jeder erotischen Begegnung, der er beiwohnt, wird er zudem Zeuge einer Vielzahl profaner und sterbenslangweiliger Verrichtungen, die unseren alltäglichen Trott in seiner ganzen Banalität nun mal ausmachen. Er sieht Menschen, die auf die Toilette gehen, sich durch die TV-Kanäle zappen, die schnarchen, sich vor dem Spiegel zurechtmachen und eine Unmenge anderer Dinge tun, die so langweilig sind, dass sie selbst im heutigen Reality-TV nicht über die Mattscheibe flimmern könnten. Nach Stunden berechnet, wird wohl niemand für seine Mühen schlechter entlohnt als ein Spanner.

Überdies gibt es aber Augenblicke, in denen der Voyeur ungewollt zum Sozialwissenschaftler wird. Dieses Argument fand sich auch in einem Buch mit dem Titel The Other Victorians, das ich seinerzeit gerade gelesen hatte. Der Autor, Steven Marcus, lehrte damals als Literaturwissenschaftler an der Columbia-Universität, wo er heute Professor Emeritus ist. Zentrale Figur in seiner Studie ist der als „Walter“ bekannt gewordene Erotomane aus dem 19. Jahrhundert. „Walter“ wurde in eine wohlhabende Familie der oberen Mittelschicht geboren und hat seine repressive viktorianische Erziehung, wie es scheint, durch einen exzessiven Voyeurismus sowie intensiven Sexualverkehr mit ungezählten Frauen kompensiert – mit Hausmädchen, Prostituierten, Frauen der Mittelschicht, verheirateten wie unverheirateten („Walter“ war selbst verheiratet) und Damen der hohen Gesellschaft. Marcus charakterisiert das Treiben „Walters“ als Leben „stabiler Promiskuität“.

Ab Mitte der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts begann „Walter“, seine Affären und voyeuristischen Erinnerungen in erotischen Memoiren niederzulegen, Aufzeichnungen, die binnen einiger Jahrzehnte zu einem elfbändigen Werk von über viertausend Seiten angewachsen waren. Er nannte es Mein geheimes Leben.

„Von den soziologisch relevanten Informationen einmal abgesehen“, so Marcus, „belegt Mein geheimes Leben, dass inmitten der englischen viktorianischen Welt, wie wir sie kennen – und wie sie sich selbst zu präsentieren pflegte –, eine geheime Kultur blühte, eine Untergrundgesellschaft existierte: das Nachtleben der Sexualität. Und obwohl die Viktorianer darüber Bescheid wussten, brachten sie es fast niemals zur Sprache. Die Sozialgeschichte ihrer eigenen sexuellen Erfahrungen fand keinen Eingang in das offizielle Bewusstsein der Viktorianer von sich selbst oder von ihrer Gesellschaft.“

Die perfekte Spanner-Technik

Als wir im Black-Angus-Steakhaus saßen und Foos eine Margarita und ein Sirloin-Steak geordert hatte, versprach er, mir eine Kopie seines Manuskripts zu schicken, betonte aber, dass ich mich gedulden müsse. Aus Vorsichtsgründen würde er die Hunderte von Seiten gern irgendwo außerhalb des Motels fotokopieren, womöglich in der Stadtbibliothek.

Ich fragte Foos, ob ihm das Ausspionieren seiner Gäste je ein schlechtes Gewissen bereitet habe. Wenngleich er einräumte, in ständiger Angst vor Entdeckung zu leben, weigerte er sich doch, einzugestehen, dass er mit seinem Tun auf dem Dachboden irgendjemandem irgendeinen Schaden zugefügt habe. Zunächst einmal, unterstrich Foos, befriedige er seine Neugier nur auf seinem eigenen Grund und Boden, und da sie nichts von seinen Blicken wüssten, müssten seine Gäste auch nicht darunter leiden. „Solange sich keiner beschwert, wird auch niemand in seiner Privatsphäre verletzt.“

Er sagte, er habe Monate damit zugebracht, die Sichtschlitze in seinem Motel zu „perfektionieren“, wobei ihm Zimmer 6 als Versuchslabor und Donna als Assistentin gedient hatten. Ursprünglich habe er vorgehabt, halbdurchlässige Spiegel in die Decken zu montieren, verwarf die Idee aber als viel zu auffällig. Die Gäste hätten Verdacht schöpfen können. Dann kam ihm die Idee mit den falschen Lüftungsschächten. Dazu musste zunächst ein Blechschlosser beauftragt werden, der ihm ein Muster dessen fertigte, was ihm vorschwebte – eine fünfzehn mal fünfunddreißig Zentimeter große Blende mit zwölf Lamellen. Er musste darüber hinaus elf weitere Kopien herstellen, ohne den wahren Zweck seines Werkstücks zu erahnen oder sich am Einbau im Motel beteiligen zu wollen. Foos selbst würde die gesamte Arbeit übernehmen müssen, sobald die vermeintlichen Lüftungsgitter fertig waren, wenn Donna auch bereitwillig ihre Hilfe anbot. „Ich konnte mir von niemandem sonst helfen lassen“, beteuerte er im Laufe unseres Abendessens.

Die Öffnungen habe er direkt über den jeweiligen Bettenden angebracht. „Diese günstige Platzierung der Lüftungsattrappe“, so sagte er, „bietet ausgezeichnete Voraussetzungen dafür, die einzelnen Personen zu beobachten wie auch ihre Gespräche zu belauschen. Die Öffnung ist etwa ein Meter achtzig bis zwei Meter vierzig von den Personen entfernt.“

Als alle zwölf Gitter in den vorgesehenen Zimmern montiert waren, bat Foos seine Frau, in jedes Zimmer zu gehen, sich dort aufs Bett zu legen und zur Lüftung emporzublicken, während er sie von oben beobachtete.

„Kannst du mich sehen?“, rief er ihr daraufhin durchs Gitter zu. Wenn sie bejahte, stieg er wieder hinab, kam zu ihr ins Zimmer und richtete, auf einer Leiter stehend, die Lamellen mit einer Zange so aus, dass er nicht mehr gesehen wurde und dennoch klare Sicht auf das Zimmerinnere hatte.

„Das Procedere kostete uns Wochen“, erzählte mir Foos. „Es war eine Heidenarbeit.“

Das attraktive Paar in Zimmer 6

Im Winter 1966, sagte Foos, habe er schließlich mit der Beobachtung seiner Gäste begonnen, und wenn das, was sich unter ihm abspielte, ihn auch oft erregte, war es zuweilen aber auch derart eintönig, dass er einnickte und stundenlang auf dem dicken Teppichboden schlief, bis Donna ihn bei einer ihrer regelmäßigen Besuche weckte. Für gewöhnlich sah sie bei ihm vorbei, kurz bevor sie zur Spätschicht ins Krankenhaus aufbrach. Manchmal brachte sie ihm was zu essen, etwas Obst oder eine Limo und ein Sandwich. („Ich bin der Einzige, der in diesem Motel Zimmerservice bekommt“, erzählte er mir mit einem Lachen). Eher selten folgte Donna seiner Aufforderung, sich zu ihm zu gesellen und zuzuschauen, wenn sich im Zimmer unter ihnen eine besonders sehenswerte erotische Einlage abspielte.

„Donna war keine Voyeurin“, berichtete er. „Sie war vielmehr die getreue Ehefrau eines Voyeurs. Aber im Gegensatz zu mir war sie mit einer offenen und gesunden Einstellung zu ihrer Sexualität aufgewachsen, was beinhaltete, dass sie an ihren freien Tagen manchmal zu mir auf den Dachboden kam, mich oral befriedigte oder dort oben mit mir schlief. Der Dachboden war eine Art ausgelagertes Schlafzimmer“, fuhr er fort.

Wir verließen das Restaurant so gegen 23 Uhr. Foos hatte die ganze Zeit geredet, und auf dem Rückweg zum Manor House fuhr er unbeirrt fort. Seit einigen Tagen wohne ein gutaussehendes junges Pärchen im Motel, sagte er, und er schlug vor, dass wir uns die beiden heute Abend einmal ansehen sollten. Sie kämen aus Chicago, seien zum Skifahren in Colorado und besuchten außerdem Freunde im Großraum Denver. Donna habe sie an der Rezeption empfangen und ihnen Zimmer 6 gegeben. Wann immer sie ihre Mutter am Empfang ablöse, würde Donna die jüngeren und attraktiveren Gäste ihm zuliebe in den „Beobachtungszimmern“ einquartieren. Zimmer Nr. 6 zählte dazu, während die neun anderen, die über keine Beobachtungsmöglichkeiten verfügten, Familien vorbehalten blieben oder an körperlich weniger ansprechende Alleinreisende oder Paare vergeben würden.

Als wir uns dem Motel näherten, wurde mir zunehmend unbehaglicher. Mir fiel auf, dass an einer großen Reklamewand nahe der Zufahrt an der Colfax Avenue die Worte „No Vacancy“ aufleuchteten. Alles belegt.

„Das kommt uns gelegen“, sagte Foos und steuerte den Wagen auf den Parkplatz. „Das heißt, wir können heute Nacht absperren und müssen uns nicht um Spätankömmlinge kümmern. Und für die bereits eingecheckten Gäste gibt es eine Glocke und einen Klingelknopf an der Rezeption, mit dem sie uns rufen können, falls sie irgendetwas benötigen.“ Obendrein war die Klingel über ein Kabel mit dem Dachboden verbunden, wo ein gedämpftes Tonsignal Foos sofort alarmierte und ihm gestattete, unverzüglich und unbemerkt an den Empfang zurückzukehren. Wenn er umgehend die Leiter in die Wäschekammer hinabkletterte und über den Parkplatz lief, konnte er in weniger als drei Minuten am Rezeptionstresen stehen.

In allen einundzwanzig ebenerdigen Gästezimmern, deren große Fenster zum Parkplatz hinausgingen, waren die Vorhänge zugezogen, nur hinter vier oder fünf von ihnen glomm ein fahler Lichtschein. Hier und da lief der Fernseher, was für die fragwürdigen Absichten meines Gastgebers, wie ich vermutete, kaum Gutes verhieß.

Ein Fehler, der fast alles auffliegen lässt

Mit seinem Generalschlüssel öffnete er vorsichtig die Tür. Rundum an den Wänden standen Regale, auf denen sich zusammengelegte Bettdecken, Handtücher und Laken stapelten. Auf dem Boden neben Waschmaschine und Trockner standen Kisten voller Seife, Reinigungsmittel und Möbelpolitur. Weiter hinten im Raum, fest an die Wand geschraubt, befand sich eine blau gestrichene Leiter mit etwa zehn Sprossen.

Foos legte den Zeigefinger an die Lippen und bedeutete mir dann stumm, ihm zu folgen. Also kletterte ich hinter ihm die Leiter empor. Auf einem Absatz musste ich warten, während er weiter hinaufstieg, um die Tür zum Dachboden aufzusperren. Als ich ihm auch dorthin gefolgt war und er die Tür hinter uns wieder verriegelt hatte, sah ich im Dämmerlicht zu meiner Rechten und Linken die hölzernen Sparren des Giebeldachs. Auf dem Boden verlief über den horizontalen Querbalken ein mit Teppich ausgelegter Steg von rund einem Meter Breite.

In gebückter Haltung schlich ich wenige Schritte hinter Foos den Laufsteg entlang, bemüht, mir nicht den Kopf an den Sparren zu stoßen, blieb dann stehen, als Foos hinab auf einen Lichtschein deutete, der aus einer der Sichtöffnungen drang, die etwa einen Meter vor uns rechts vom Laufsteg im Boden klaffte. Auch aus einigen der anderen, weiter entfernten Lüftungsgitter drang Helligkeit, doch von dort hörte ich das Dröhnen von Fernsehgeräten, während es unter der nächstgelegenen Öffnung nahezu lautlos war – bis auf das leise Gemurmel menschlicher Stimmen über dem steten Gequietsche von Bettfedern.

Ich sah, was Foos vorhatte, und tat es ihm gleich: Ich kniete nieder und begann, langsam in Richtung des nahen lichtbeschienenen Bereichs zu kriechen. Dann reckte ich den Hals bis zum Äußersten, wobei ich Foos fast einen Kopfstoß versetzt hätte. Als ich endlich etwas sah, erblickte ich ein nacktes Pärchen auf dem Bett beim Oralsex.

Ich schaute einige Augenblicke zu, dann hob Foos den Kopf, fort von der Öffnung, und reckte zustimmend den Daumen. Er flüsterte mir zu, dass es sich um das Paar aus Chicago handle, von dem er mir auf der Rückfahrt vom Restaurant erzählt habe.

Wenngleich eine innere Stimme mich eindringlich gemahnte, wegzuschauen, konnte ich meinen Blick nicht von der schlanken jungen Frau nehmen, die ihren Partner mit Fellatio beglückte. Ich neigte, um besser sehen zu können, meinen Kopf immer weiter vor. Was ich dabei nicht bemerkte, war, dass meine rotgestreifte Seidenkrawatte durch die Lamellen gerutscht war und nun wenige Meter über den Köpfen der jungen Leute baumelte.

Bewusst wurde mir meine Unachtsamkeit erst, als Gerald Foos zu mir gerobbt kam, mich an der Schulter packte und mich von der Öffnung fortzog. Dass das Paar unter uns nichts von der Krawatte mitbekam, war dem Umstand zu verdanken, dass die Frau uns den Rücken zuwandte und der Mann sich mit geschlossenen Augen seiner Lust hingab.

Aus Gerald Foos' konsterniertem Gesichtsausdruck sprachen tiefe Besorgnis und Verärgerung, und wenn er auch nichts sagte, so fühlte ich mich doch ziemlich beschämt. Hätte meine widerspenstige Krawatte sein Versteck preisgegeben, wäre er womöglich verklagt worden und im Gefängnis gelandet – und es wäre allein meine Schuld gewesen. Mein nächster Gedanke war: Wieso sorgte ich mich überhaupt darum, Gerald Foos zu schützen? Was hatte ich hier oben eigentlich verloren? War ich zum Komplizen seines abstrusen und geschmacklosen Projekts geworden? Als er mich mit einer Geste aufforderte, den Dachstuhl zu verlassen, gehorchte ich umgehend, folgte ihm die Leiter hinab in die Wäschekammer und weiter auf den Parkplatz.

„Sie dürfen keine Krawatte tragen“, sagte er schließlich, als er mich zu meinem Zimmer geleitete. Ich nickte und wünschte ihm eine gute Nacht.


Das Buch „Der Voyeur“ von Gay Talese ist im April 2017 bei Hoffmann & Campe erschienen und hat 240 Seiten. Diesen Auszug veröffentlichen wir mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Copyright © 2016 by Gay Talese. Für die deutschsprachige Ausgabe Copyright © 2017 by Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg.


Theresa Bäuerlein hat das Buch gelesen und aus den ersten drei Kapitel diesen Auszug erstellt; den Text gegengelesen hat Vera Fröhlich; Aufmacher-Bild: © Grove Press