„Väter stellen sich oft hinten an“

„Väter stellen sich oft hinten an“

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Die Anzahl der Familien, in denen Eltern getrennt leben, steigt. In Berlin machen Alleinerziehende mit Kindern schon ein Drittel aller Familien aus. Als ich ein Interview mit der Autorin Christine Finke führte, die im Netz und in Buchform über ihre Erfahrungen als alleinerziehende Mutter schreibt, kommentierte KR-Leser Frank Pape: „Nach meiner Info sind viele Gesetze noch so geschrieben, dass der Mann 'der Bösewicht' ist, zu zahlen hat, das Sorgerecht aber fast automatisch zu der Mutter geht – Vielleicht Anstöße für weitere Recherchen?“ Ich dachte über Franks Worte nach und fragte mich bald: Wieso gibt es so wenig alleinerziehende Väter? Und was ist dran an Franks Kommentar? Also beschloss ich, mich nicht nur den Müttern zu widmen, sondern auch die andere Seite zu hören – ganz so, wie es der gute journalistische Grundsatz verlangt: Ich rief Eberhardt Schäfer an, der seit Jahren Väter in Trennungssituation berät, und traf ihn zum Interview.


Herr Schäfer, ich habe gleich zu Beginn eine Verständnisfrage: In Deutschland gibt es 1,6 Millionen Alleinerziehende, knapp 90 Prozent von ihnen sind Mütter. Wo sind die alleinerziehenden Väter?

Ich fange erstmal bei der Definition des Wortes „alleinerziehend“ an. Was ist das überhaupt? Aus meiner Sicht ist dieser Begriff nämlich sehr irreführend.

Wieso das denn?

Weil in den wenigsten Fällen alleinerziehende Elternteile – egal ob Mütter oder Väter – wirklich alleinerziehend sind. Der Begriff bedeutet im Wortsinne ja, dass jemand ganz allein erzieht. Aber beim allergrößten Anteil der Mütter, die sich als alleinerziehend verstehen, gibt es ja sehr wohl noch Väter, die diese Kinder auch mit erziehen. Nach einer Trennung ist für die meisten Elternpaare das Residenzmodell die Lösung: Also der Nachwuchs lebt hauptsächlich bei einem Elternteil und hat dort seinen fixen Wohnsitz, meistens bei der Mutter. Von Rechtswegen her ist der Standard aber, dass das Sorgerecht nach einer Trennung bei beiden Elternteilen verbleibt. Die Väter sehen die Kinder in dieser Standardregelung jedes zweite Wochenende und noch einen Tag dazwischen plus in den Ferien. Dazu kommt, dass die Väter häufig zu Elternabenden oder Kita-Treffen gehen, sich also auf dieser Ebene um das Wohlergehen ihrer Kinder kümmern. Zieht man das in Betracht, relativiert sich der Begriff „alleinerziehend“.

Wollen Sie damit sagen, viele Mütter beanspruchen das Attribut „alleinerziehend“ fälschlicherweise für sich?

Ich glaube, genau so, wie es einen Muttermythos gibt – also die gesellschaftliche Annahme, dass eine Mutter stets liebevoll ist, voller Fürsorge und deswegen von Natur aus die bessere und wichtigere Bezugsperson fürs Kind –, gibt es auch einen Mythos der alleinerziehenden Mutter: nämlich jenen, dass viele Mütter denken, sie müssten und würden alles allein machen, was mit der Kindererziehung zu tun hat. Aber lassen Sie uns mal ganz genau hingucken, wie groß der Anteil der Väter an der Erziehung tatsächlich ist. Wenn Sie sich das Wort „alleinerziehend“ beispielsweise von der juristischen Seite anschauen, ist das nahezu grotesk: Als alleinerziehend gilt nach juristischen Maßstäben jener Elternteil, bei dem das Kind seinen Hauptwohnsitz hat und der das meiste an Erziehungsarbeit übernimmt. Wenn dieser Elternteil aber, sagen wir mal, 55 Prozent übernimmt und das andere Elternteil die restlichen 45 Prozent, wo bitte ist denn das erste Elternteil noch alleinerziehend?

Eberhard Schäfer, 55, ist Diplompolitologe, systemischer Berater sowie Therapeut und selbst Vater eines 34-jährigen Sohnes. Schäfer arbeitet im Väterzentrum e.V. in Berlin. Der Verein will engagierte Väter durch ein breites Programm fördern, vernetzten, informieren und auch rechtlich beraten.

Image caption: Eberhard Schäfer, 55, ist Diplompolitologe, systemischer Berater sowie Therapeut und selbst Vater eines 34-jährigen Sohnes. Schäfer arbeitet im Väterzentrum e.V. in Berlin. Der Verein will engagierte Väter durch ein breites Programm fördern, vernetzten, informieren und auch rechtlich beraten.

Copyright: Foto: Ulrike Hagemann

Heißt das jetzt, Väter werden diskriminiert?

Diskriminiert klingt immer gleich so groß. Aber das, was Väter in vielen vermeintlichen Alleinerziehenden-Konstellationen tatsächlich leisten, fällt unter den Tisch, wenn wir diesen Begriff verwenden. Deswegen schlagen wir bei uns in der Beratung auch vor, eher den Begriff „getrennt erziehend“ zu verwenden.

Wieso ist es so, dass beim gemeinsamen Sorgerecht der Nachwuchs meistens hauptsächlich bei der Mutter bleibt?

Aus meiner Sicht wirkt da dieser Mythos Mutter. Diesen Gedanken haben sowohl die Mütter als auch die Väter. Die Mütter denken: „Die Kinder gehören zu mir. Die Bindung der Kinder an mich ist stärker als die Bindung der Kinder zum Vater.“ Letztere wiederum sehen es häufig leider genauso. Die Väter geben zu schnell die Verantwortung aus der Hand. Und manchen passt das vielleicht auch ganz gut in den Kram. Wir im Väterzentrum beraten solche Männer, die sagen: „Moment mal, aber ich bin auch wichtig für die Kinder! Wieso soll ich eigentlich so schnell sagen, dass ich weniger bedeutend bin als die Mutter? Das sehe ich gar nicht ein!“

Sie machen die Beratung seit zehn Jahren; kommen heute mehr Väter zu Ihnen als zur Anfangszeit?

Ja, es werden laufend mehr. Wir können das kaum noch bewältigen. In der Woche kommen etwa zwölf zur Rechtsberatung und noch einmal zwölf zur Strategieberatung. Wer eine Rechtsberatung von uns möchte, muss sich momentan auf eine Wartezeit von ungefähr zwei Wochen einstellen. Bei der Strategieberatung geht es häufig um die Frage: „Wie sehe ich mich eigentlich in Bezug auf die Kinder und welche Vorstellung habe ich von einer Lösung nach der Trennung? Wen brauche ich für diese Lösung und mit wem muss ich dafür kommunizieren?“

Häufig bestimmt die Mutter, welche Rolle der Vater im Leben des Kindes spielen darf

Mit welchen Problemen kommen die Väter sonst noch zu Ihnen in die Beratung?

Wir erleben es oft, dass sie sich hinten anstellen, wenn es um ihre Bedeutung für die Kinder geht. Wenn man dann aber genauer nachfragt, was die Väter alles leisten, sagen die zum Beispiel: „Ich bringe mein Kind immer zur Kita, ich bringe es jeden Abend ins Bett, ich lese immer eine Gute Nacht-Geschichte vor.“ Und auf einmal wird deutlich, welche Bedeutung die Väter für ihre Kinder haben. Ganz häufig fragen sich die Männer nach der Trennung: „Wie kann es denn jetzt weitergehen mit den Kindern und mir?“ Oft ist der Ausgangspunkt: Die Ex-Partnerin, also die Mutter, hat schon formuliert, was sie will und wie sie die Dinge sieht. Meistens: Die Kinder bleiben bei ihr, sie wohnt weiterhin mit den Kindern in der Wohnung oder im Haus und sie entscheidet auch darüber, welche Rolle der Vater spielen soll. Und die Väter sitzen dann hier und fragen mich: „Sagen Sie mal, ist das überhaupt okay? Darf meine Ex-Partnerin solche Ansagen machen?“

Würden Sie sagen, die Mütter sind vereinnahmend?

Ich weiß, ich lehne mich jetzt weit aus dem Fenster. Aber ja, das würde ich sagen. Ich sehe das so und erlebe das auch in der Praxis.

Aber das ist paradox! Weil von den modernen Vätern wird doch erwartet, dass sie möglichst viel an der Kindererziehung teilhaben und ihre Pflichten in der Betreuung wahrnehmen. Gilt das nur, so lange die Beziehung zwischen den Eltern intakt ist?

Ja. Wenn ein Elternpaar sich trennt, beobachten wir ganz oft eine Retraditionalisierung. Also dass sowohl der Mann als auch die Frau wieder das klassische Rollenmuster einnimmt: Die Frau versteht sich als erste Erziehungsberechtigte, der Mann als Ernährer. Dem muss man aber hinzufügen: Die Strukturen, also etwa Jugendamt und Familiengericht, befördern diese Denke sehr stark.

Aber vom Gesetz her sind beide Elternteile ja gleichgestellt, wenn es um das Sorgerecht geht. Gibt es eine Diskrepanz zwischen Gesetz und Rechtsprechung in der Praxis?

Ja, die gibt es, das hat auch viel mit Pragmatismus und Gewohnheit zu tun. Ich möchte nicht in so einem Schwarz-Weiß-Denken argumentieren, es ist aber oft so, dass man beim Jugendamt auf Menschen trifft, die genau so denken: „Die Mutter ist eben doch wichtiger für die Kinder. Und schauen Sie mal, die Kinder sind soundso alt, wie groß war denn der Anteil der Mutter bis jetzt gegenüber dem Vater? Das war doch viel mehr, weil die Mutter immer zu Hause war und der Vater Vollzeit arbeitet. Also ist die Bindung zur Mutter stärker. Und deswegen können wir gar nicht anders, als dass die Verhältnisse nach der Trennung auch so bleiben.“ Mit anderen Worten heißt das: Das traditionelle Modell bekommt wieder einen Schub: Die Kinder bleiben bei der Mutter, und deswegen kann sie nur Teilzeit arbeiten, wenn überhaupt, weil sie sich um die Kinder kümmern muss. Und was bleibt dem Vater? Die Umgangszeiten – und, dass er zahlen soll. Das ist sozusagen die Virulenz des Muttermythos.

Meist leben Kinder von getrennten Paaren bei der Mutter – wieso eigentlich?

Hört sich so an, als ob sich gar nichts an den bestehenden Verhältnissen ändern würde.

Nein, ich will auch konstatieren, dass gerade viel in Bewegung ist. Bei den Fachleuten, bei den Jugendämtern, auch bei den Familiengerichten. Wir bekommen das in der Beratung mit, weil die Väter uns ja erzählen, was sie erleben. Oft schätzen die Väter ihre Chancen vor Gericht schlechter ein und der Richter oder die Richterin sagt dann doch: „Also das ist ja großartig, was Sie als Vater leisten.“ Also zusammengefasst könnte man sagen: Es gibt das alte, sehr stark tradierte Bild, aber es bewegt sich was.

Trotz eines Wandels, den Sie ansprechen, ist in Deutschland das Residenzmodell der Regelfall. Es gibt aber auch das Wechselmodell: Die Kinder wechseln zwischen Vater und Mutter hin und her in einem festen Rhythmus, leben also zum Beispiel eine Woche bei der Mutter und dann eine Woche beim Vater. In Skandinavien ist dieses Modell viel verbreiteter als bei uns. Warum ist das bei uns nicht so?

Ich beantworte die Frage lieber andersrum: Wieso ist das Wechselmodell beispielsweise in Schweden viel verbreiteter als hier? Die Gleichberechtigung von Frauen und Männern hat dort einen größeren Stellenwert als bei uns – und das bedeutet eben auch: die Gleichstellung von Männern gegenüber Frauen. Das heißt, dort wo Frauen mehr Gleichstellung durch Partizipation im Berufsleben und in der Wirtschaft erfahren – in Schweden arbeiten viel mehr Mütter Vollzeit –, erfahren Männer mehr Teilhabe auf der privaten Ebene. Bei einem Paar, das sich trennt, haben wir dann zum Beispiel zwei Elternteile, die Vollzeit arbeiten. Und die Frau sagt: „Ich gehe doch nicht weniger arbeiten und verzichte auf mein eigenes Einkommen, nur weil ich getrennt bin!“ Und der Mann sagt genau dasselbe. Also ist das Wechselmodell eben die Lösung. Dadurch, dass es eine ganz andere Notwendigkeit gibt, gibt es auch eine andere Dringlichkeit.

Dafür braucht man aber auch die strukturellen Kapazitäten. Sowas wie ausreichende Betreuungsmöglichkeiten, flexible Arbeitszeiten.

Da stimme ich Ihnen zu. Da muss sich in Deutschland noch einiges ändern. Schulen, die Ganztagsbetreuung anbieten, Kitas, die nicht mittags um 13 oder spätestens um 16 Uhr enden. Ich glaube aber auch: Wenn man das Wechselmodell als getrenntes Elternpaar wirklich will, kriegt man es auch irgendwie hin.

Die beste Lösung ist eine, die gemeinsam getragen wird – egal um welches Modell es geht

Wie ist das Wechselmodell eigentlich für die Kinder?

Wir als Experten sagen immer: Nach einer Trennung ist für die Kinder jene Lösung die beste, die von beiden Elternteilen mitgetragen wird. Wenn ich eine Mutter und einen Vater habe und die sind sich einig, welches die beste Lösung ist, und sie können das den Kindern als gemeinsame Entscheidung so vermitteln, dann können Kinder das als Lösung auch besser begreifen. Wenn Eltern sich aber nach zwei, drei oder fünf Jahren immer noch um die Betreuungsfrage streiten, dann wird das die Kinder auch die ganze Zeit belasten. Egal, ob es ums Wechsel- oder Residenzmodell geht.

Wie müsste es also aussehen, damit es gut läuft?

Wenn beim Wechselmodell beispielsweise der Vater sagt: „Ich wünsch dir eine schöne Woche bei Mama, das wird sicher toll, du hast dort so ein schönes Kinderzimmer!“ und die Mutter eine Woche später wiederum sagt: „Viel Spaß bei Papa! Der hat so ein schönes Zuhause für euch geschaffen, da ist es bestimmt super, er gibt sich viel Mühe!“, dann bin ich fest davon überzeugt, dass das eine ganz tolle Lösung sein kann für die Kinder. Es kommt also auf die Haltung und Kommunikation bei den Eltern an.

Was halten Sie von Vorstößen aus der Politik, das Wechselmodell verpflichtend machen zu wollen? Die FDP hat das beispielsweise schon lange im Programm und zieht damit auch in den Wahlkampf, vor anderthalb Jahren hat sich auch der Europarat dafür ausgesprochen.

Ich glaube nicht, dass das so geht. Weil der Dreh- und Angelpunkt für Lösungen nach einer Trennung immer das Kindeswohl ist. Und wenn der Kollege oder die Kollegin vom Jugendamt oder der Richter beziehungsweise die Richterin findet, dass das Wechselmodell im jeweiligen Fall nicht das Beste für das Kindeswohl ist, dann können Sie das auch nicht gesetzlich verpflichten. Aber als Denkverpflichtung nach dem Motto: „Denkt doch mal daran, dass dieses Modell auch gehen könnte, zieht es doch wenigstens mal in Erwägung, nicht nur für die Kinder, sondern auch für euch!“ finde ich das ein gutes Zeichen.

Was die beste Lösung nach einer Trennung betrifft: Gibt es flächendeckend etwas, dass Väter in einer solchen Situation falsch machen?

Väter schätzen die Bedeutung ihrer Beziehung zu den Kindern oft viel niedriger ein als sie tatsächlich ist. Sie haben zu wenig Selbstbewusstsein. Klar: Es gibt auch die Väter, die sich größer machen als sie sind. Aber mit denen habe ich hier in der Beratung wenig zu tun. Ich würde deswegen eher an die Väter appellieren: „Hey, schau dir doch mal genau an, was du alles mit den Kindern gemacht hast, also in welchen Bereichen du wirklich teilgenommen hast. Das ist echt viel. Das hat Substanz, das ist ungeheuer wichtig und wertvoll für die Kinder.“


Den Text gegengelesen hat Vera Fröhlich; die Bildredaktion verantwortet: Martin Gommel; Aufmacherfoto: iStock /Aleksandar Nakic