Wie ich ohne mein Smartphone mehr vom Leben habe

Wie ich ohne mein Smartphone mehr vom Leben habe

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Die Sehnsucht überfällt mich mitten in einem Industriegebiet: Ich steige an einem verregneten Märztag in Gent aus dem Fernbus. Leider befinde ich mich gar nicht in Gent, sondern etwa zehn Kilometer außerhalb der Stadt. Ein Mitreisender, der meine stumme Hilflosigkeit bemerkt, spricht mich an: „Kann ich dir helfen?“ Ich nicke, denn die Karte mit den 87 bunten Bus- und Straßenbahnverbindungen überfordert mich. Und der Zettel in meiner Hand, auf dem ich unleserlich noch schnell die Zieladresse notiert hatte, bevor ich in den Bus sprang, hilft mir jetzt auch nicht weiter. Das rote Mobiltelefon in meiner Hand noch viel weniger: Der Akku ist schwach und was eine App ist, weiß der kleine Apparat sowieso nicht. Nie zuvor habe ich mir so sehr Google Maps gewünscht. Doch ich habe eine Entscheidung getroffen.

Als ich den Artikel „Laaaaaaaaangweilig“ meiner Kollegin Theresa las, in dem sie sich fragt, wieso wir mittlerweile nur noch die Aufmerksamkeitsspanne eines Goldfisches haben, dachte ich: „Ja, ja, ja, genauso ist es!“ Und gleichzeitig: „Nein, nein, nein! Ich will kein Goldfisch sein!“ Ihr Text bestärkte mich in meiner Entscheidung, aus dem digitalen Kommunikationswahnsinn auszusteigen. Aber so einfach ist das gar nicht. Geht es heute überhaupt noch ohne Smartphone? Wie kann ich mit der Welt verbunden bleiben, ohne ständig auf ein Display starren zu müssen? Wie will ich kommunizieren?

Auslöser für meinen radikalen Schritt war die Erkenntnis gewesen, dass ich mir ein Leben ohne Smartphone nicht mehr vorstellen konnte. Der eisige Schreck, wenn ich glaubte, es zu Hause vergessen zu haben. Die Panik, wenn der Akku sich verabschiedete. Der automatische Griff in die Tasche, wenn irgendwo peinliche Stille eintrat. Und das Glücksgefühl, wenn eine zärtliche Nachricht von meinem Freund auf dem Display erschien.

Mein Smartphone und ich waren ganz allmählich zu einer unzertrennlichen Einheit verschmolzen. Allerdings hat mein Vater mir schon bei meinem ersten Liebeskummer folgende Weisheit mitgegeben: „Wenn du glaubst, nicht ohne den anderen leben zu können, dann hast du ein Problem.“ Von dieser Warte aus betrachtet hatte ich jetzt, zehn Jahre später, ein fettes Problem. Denn: Ich war eindeutig abhängig von meinem Smartphone. Aber glücklich war ich mit dieser Art von Verhältnis nicht.

„Du braucht nie mehr allein zu sein“, verspricht mir das Smartphone

Was mir am meisten fehlte, war das persönliche Gespräch. So manche S-Bahn-Fahrt wurde zu einem Horrortrip, weil mich die gesenkten Köpfe und gespenstisch leuchtenden Bildschirme so traurig machten. Noch trauriger machte mich die Tatsache, dass ich selbst dem Drang nicht widerstehen konnte, immer und überall in meine Mails zu schauen (endlich die Zusage für das Praktikum?), WhatsApp-Nachrichten zu schreiben (lindert die Sehnsucht, wenn man den Liebsten nur am Wochenende sieht) und auf Facebook zu checken, was am Wochenende los ist.

Aber nicht nur in der S-Bahn, auch im Kontakt mit meinen Freunden oder im noch nicht mal uninteressanten Seminar drifteten meine Gedanken beständig in die digitale Welt ab. Ganz automatisch. Sobald das Smartphone einen Mucks von sich gab, waren bestenfalls noch zehn Prozent meiner Aufmerksamkeit bei meinem Gegenüber aus Fleisch und Blut. Das fuchste mich wahnsinnig.

Irgendwann verstand ich, wieso mein Smartphone mich so im Griff hatte, während ich es doch eigentlich in den Händen hielt. Es lockt mit einem wunderschönen Versprechen: Du musst nie mehr allein sein, du kannst dich immer und überall verbinden — mit der ganzen Welt. So holen uns Facebook, WhatsApp und Co. dort ab, wo wir am verletzlichsten sind: in der Angst vor dem Alleinsein. Dabei wird jeder Mensch, mit dem wir uns „verbinden“, zu einem bloßen Fluchthelfer vor der vermeintlichen Leere. Und so kommt es, dass ich mich an jenen raren Abenden, für die ich nichts geplant hatte (Momente, in denen ich eigentlich durchatmen und runterkommen könnte), bei Facebook verlor, mit einem bitteren Geschmack von Einsamkeit auf der Zunge.

Eine Lösung musste her. Ich entschied: Kalter Entzug. Weniger online, mehr offline. Weniger Touchscreen, mehr echte Berührung. Weniger WhatsApp, mehr Gespräche am Küchentisch, in Cafés und verr(a)uchten Kneipen.

Dann kam mein 24. Geburtstag. Mein Kumpel Leo drückte mir als Geschenk einen kleinen Pappkarton in die Hand: „Du meintest doch neulich, dass du gerne umsteigen würdest…“ Da stand ich nun und sah all meine faulen Ausreden am Horizont verschwinden. Das fühlte sich nicht unangenehm an, etwas kribblig, etwas exzentrisch. Würde mich dieses Mobilfunk-Fossil zu einer nahrhafteren Kommunikation führen?

Ich begann, mich auch theoretisch mit dem Thema Kommunikation zu beschäftigen (neuerdings hatte ich nämlich wieder Zeit, weil ich sie nicht mehr auf Facebook verdaddelte) und ich lernte: Die Frage, wie wir miteinander ins Gespräch kommen — und im Gespräch bleiben — hat schon lange vor Anbruch des Smartphone-Zeitalters die Menschheit umgetrieben. Die digitale Moderne versprach allerdings, Lösungen zu liefern. Dass sich damit ganz neue Probleme ergeben würden, davon war nicht die Rede gewesen.

Antworten werden immer einfacher, unsere Fragen auch – bis nichts mehr übrig bleibt

Eine, die den Einfluss dieser modernen Technologien auf uns Menschen erforscht, ist die US-Psychologin Sherry Turkle. 2012 bewegte sie weltweit die Gemüter mit ihrem TED-Vortrag „Connected, but alone?“ Bis heute wurde das Video 3,8 Millionen Mal angesehen.

Turkle sieht weder im Internet noch im Smartphone eine düstere Bedrohung. Was sie mit Sorge registriert, ist die zunehmende Unfähigkeit, Gespräche von Angesicht zu Angesicht zu führen: „In dem Maße, wie wir Volumen und Geschwindigkeit von Online-Verbindungen erhöhen, erwarten wir auch schnellere Antworten. Um die zu erhalten, stellen wir eben einfachere Fragen. Wir verwässern unsere Kommunikation, selbst in den allerwichtigsten Belangen.“ Doch Menschen und ihre Beziehungen sind chaotisch, und damit sind es auch ihre persönlichen Interaktionen. Sie verlangen von uns: Aufmerksamkeit, mitunter einen Geduldsvorschuss und Wohlwollen. Wir haben mithilfe von Technologie Ordnung in das Chaos gebracht. Vieles geht jetzt viel leichter. Reibungsloser.

Laut Turkle liegt in dieser gefühlten Erleichterung aber ein wesentlicher Grund für die größer werdende Unsicherheit im unmittelbaren Kontakt. Diese Entwicklung macht sich besonders bei Kindern und Jugendlichen bemerkbar. Sie gewöhnen sich daran, mit „weniger“ auszukommen und meiden die direkte Gesprächssituation, das hat sich aus Turkles Studien ergeben. Ich beobachte es an mir selbst: Für einen Anruf muss ich mich überwinden. Und bevor ich stockend und errötend im Anschluss an ein Seminar zum Dozenten gehe, schicke ich ihm lieber am Abend eine Mail. Warum? Um das Risiko der Bloßstellung kleinzuhalten?

Die Angst, das Gesicht zu verlieren, ist uralt. Zu viel preisgeben, sich lächerlich, verletzlich und angreifbar machen: All das lässt sich viel leichter „handhaben“, wenn ich mich hinter einem schützenden Bildschirm befinde. Mit den Worten Turkles: „Nicht zu nah, nicht zu fern, gerade richtig.“

Sie legt den Finger noch auf einen anderen wunden Punkt. Was wir früher als futuristisch, störend, unhöflich, ja eigentlich undenkbar empfanden, ist heute Normalität geworden: Wir tippen am Frühstückstisch, scrollen uns bei der Konferenz durch die Nachrichten und schieben mit einer Hand den Kinderwagen, während wir mit der anderen Geburtstagsgäste, Putzfrau und Schwiegereltern koordinieren. Wenn sich ein Paar in einem schönen Restaurant gegenüber sitzt, bei Kerzenschein und betörenden Düften, die aus der Küche herüberwehen, dann wirkt das bläuliche Leuchten der Displays endgültig fehl am Platz.

Merken wir noch was?

Als ich mich mit der Frage, ob wir denn tatsächlich verlernen, persönliche Gespräche zu führen, an den Kommunikationswissenschaftler und Soziologen Friedrich Krotz wandte, gab der mir vor allem eines: kritische Gegenfragen.

Was ist ein gutes Gespräch? Intuitiv antworte ich, dass ein Gespräch der Raum ist, in dem wir lernen, Meinungs- und Gedankenfreiheit unseres Gegenübers zu respektieren. Ein Übungsfeld für Kompromissbereitschaft, Präzision und Toleranz, weil unser Gesprächspartner die Welt mitunter anders erlebt als wir. Ein solches Gespräch bedarf, laut Turkle, einer soliden Vertrauensbasis: Ich will fühlen, dass mein Gegenüber aufrichtig daran interessiert ist, wie es mir geht oder was ich gerade denke, damit ich ebenso aufrichtig in mich gehe — und über den Smalltalk hinaus. Ich will sicher sein, dass dieses Gegenüber mir auch dann noch zuhört, wenn ich zögere, hängenbleibe und um Worte ringe. Wenn ich mich in meiner Fehlbarkeit zeige.

Wann hat mich eigentlich zuletzt etwas berührt?

Der Soziologe Hartmut Rosa drückt es so aus: Lebendig fühlt sich der Mensch dort, wo er bereit ist, sich bewegen zu lassen. Zum Beispiel im Gespräch von Angesicht zu Angesicht. Doch ein solches Gespräch entfaltet sich erst allmählich. Es braucht Zeit. Und gerade davon haben wir nicht allzu viel. Auch über dieses Gefühl anhaltender Zeitnot, das die meisten von uns begleitet, hat Rosa sich Gedanken gemacht. Es entsteht aus dem Dilemma, so sagt er, dass unsere innere To-Do-Liste grundsätzlich länger ist als die verfügbare Zeit, um sie abzuarbeiten. Dass diese Liste dauerhaft aktiviert bleibt, sei wesentliches Kennzeichen unserer digitalen Gegenwart, und erhöhe den gefühlten Druck. Da kann sich unser Gegenüber noch so sehr den Mund fusselig reden — wir setzen im Kopf schon wieder das nächste Häkchen auf der nie kürzer werdenden Liste.

Rosa hat im vergangenen Jahr ein Buch veröffentlicht, in dem er „Resonanz“ als Gegenmittel vorschlägt: Resonanz bezeichnet eine wechselseitige Beziehung zwischen Mensch und Welt. Bin ich in Resonanz mit der Welt, dann lasse ich mich von anderen Menschen, Dingen und Ideen berühren und bewegen. Zugleich mache ich die Erfahrung, dass auch ICH etwas bewegen kann. Wenn ich dagegen nicht in Resonanz bin, dann verstummt die Welt; der Draht zwischen uns scheint abgerissen. Max Weber nannte es 1919 „Entzauberung“, Theodor Adorno „Kälte“ und Hannah Arendt „Weltverlust“.

Erst seitdem ich mich ohne Smartphone in Berlin bewege, fallen mir die müden und hell erleuchten Gesichter in S- und U-Bahn vermehrt auf, die nicht mehr in dieser Welt zu weilen scheinen — einerseits. Andererseits begegnen meine suchenden Blicke jetzt anderen, denen es ähnlich zu gehen scheint. Das fühlt sich nach Komplizenschaft an und tut so gut, dass ich ein neues Verhältnis zum öffentlichen Nahverkehr entwickle. Ab und an entspinnt sich sogar ein Gespräch, wenn sich nicht die Schüchternheit im letzten Augenblick dazwischen wirft. Doch selbst unbeholfen gemeinsam zu schweigen, ist schön.

Laut Turkle nämlich liegt die Ironie darin, dass uns die Allgegenwart digitaler Technologien die Stille, das Schweigen und auch das Alleinsein gerade verwehren — was das Gefühl der Einsamkeit verstärkt. Es fällt mir in der Tat schwer, alle Geräte auszuschalten, mich nicht zu verabreden, mir gar nichts vorzunehmen. Nicht mal Musik laufen zu lassen. Nur noch mit mir selbst zu sein. Allein mit meinen Gedanken.

Zu den Charakteristika meiner Generation, der berühmt-berüchtigten Generation Y, zählt angeblich die Ich-Bezogenheit. Ich meine, dass eine gesunde Ich-Beziehung die Grundvoraussetzung für gesunde Beziehungen zu meinen Mitmenschen und zur Welt ist. Wir brauchen den inneren Dialog, um uns auf Gespräche mit anderen wirklich einlassen zu können.

Das oberste Gebot bleibt eben doch: Maul auf!

Gerade habe ich eine Woche auf Ben Hadamovskys Segelboot verbracht. Ben ist, unter anderem, Weltumsegler, begnadeter Koch und jemand, der die Dinge hinterfragt. Als ich von seinem mutigen Experiment „for free“ las, griff ich zum Telefonhörer. Dann schnappte ich mir meinen Freund und das Abenteuer konnte beginnen. Dort auf dem offenen Meer war der Empfang so miserabel, dass keiner auch nur versucht hat, eine Nachricht zu versenden. Sieben Tage lang gab es nur uns vier Reisende, den Wind, die Wellen, schreiende Möwen und Fischerboote auf Krabbenfang. Rote Sonnenuntergänge wechselten sich ab mit feuchtkalten Nächten, in denen das Boot ächzte und knarzte.

Lange habe ich nicht mehr so intensiv Zeit mit zunächst fremden, dann seltsam vertrauten Menschen verbracht. Auf dem Boot — bei all der Enge — habe ich immer gedacht: „Das ist es. So fühlt sich Verbindung an.“ Statt irgendwelcher Nachrichten auf meinem Telefon blinkten hier nur die nautischen Gerätschaften. Und es galt, mit Stimmungsschwankungen, Seekrankheit und verschiedenen Ess- und Schlafgewohnheiten umzugehen. Keine Chance, einander auszuweichen.

Einfach war das nicht immer. Es war sogar manchmal echt nervig. Aber mich ereilte auf dem Boot eine wichtige Erkenntnis: Der direkte Weg ist meist der beste. Darum ist die „Maul-auf-Regel“ oberstes Gebot an Deck. Und ich verstand noch etwas: Dieser Kontakt war genau das, was mir in der digitalen Kommunikation der heutigen Zeit so oft fehlt: Er war echt.


Den Text redaktionell betreut hat Esther Göbel; vor der Veröffentlichung die letzten Fehler korrigiert hat Vera Fröhlich; die Fotoauswahl verantwortet Martin Gommel (Photocase/inkje)