Ein Besuch bei Frankreichs letzten Hahnenkämpfern

Ein Besuch bei Frankreichs letzten Hahnenkämpfern

Laurène Daycard
Verfasst von
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Ein paar Dutzend Autos fädeln sich an diesem grauen Sonntagnachmittag auf der Hauptstraße hintereinander ein. Wir befinden uns in Boeschepe, einem 2.000-Einwohner-Ort an der Grenze zu Belgien, zwischen Lille und Dünkirchen, in der Region Nord-Pas-de-Calais. Ein paar Männer, manche in Begleitung ihrer Familien, wuchten imposante Holzkisten aus den Autos.

Wie in einer kleinen Prozession bewegen sich die Leute auf das Café an der Ecke zu, ein weißgestrichenes Haus mit der Aufschrift „Le Tahiti“. Die Kneipe hat trotz ihres Namens nichts mit der Südsee zu tun, bunt sind hier nur die Hähne. Der gallische Hahn, französisches Symboltier, begegnet einem hier in allen erdenklichen Formen: als Keramikfigur, ausgestopft, vor allem aber als Geräuschkulisse. Immer wieder übertönt ein von der Trennwand zum Hinterzimmer kaum abgeschirmtes „Kikeriki“ die Stimmen im Café. In diesem hinteren Raum, von ein paar Sonnenstrahlen durchflutet, die sich zwischen den Wolken durchgemogelt haben, steht ein von Tribünen umgebener provisorischer Kampfring.

Alle zwei Wochen zwischen Januar und Juli verwandelt sich der Festsaal des Tahiti in ein „Gallodrom“, eine Hahnenkampfarena. Ausgetragen wird die Meisterschaft von L'Abeele, ein Wettkampf, bei dem sich etwa 50 Kampfhahnzüchter treffen, um ihre Tiere gegeneinander antreten zu lassen. Alle hoffen sie, am Ende des Turniers als Sieger auf das Podium steigen zu dürfen. Zu gewinnen gibt es einen Pokal, einen Blumenstrauß, 2.000 Euro, aufzuteilen unter den zehn Besten, und vor allem die Bewunderung der gesamten Mannschaft.

Wer auf der Tribüne Platz nehmen will, muss weder Mitglied noch volljährig sein. Es genügt, der liebenswerten Großmutter, die sich am Eingang des Gallodroms gegenüber der Theke postiert hat, den Eintrittspreis von drei Euro zu entrichten. Georgette Dupont, das Haar sorgfältig in Wellen gelegt, steht sich hier seit acht Uhr morgens die Beine in den Bauch. Mit ihren 71 Jahren organisiert sie die Meisterschaft dieses Jahr zum 13. Mal in Folge.


Teil 6 unserer Frankreich-Reihe: Bis zum Beginn der Präsidentschaftswahl Ende April veröffentlicht Krautreporter jede Woche eine neue Reportage über die Konflikte, Sehnsüchte und Unsicherheiten unserer Nachbarn auf der anderen Seite des Rheins. Eine Zusammenarbeit mit unserem französischen Partnerprojekt Le Quatre Heures.


„Ich nehme am Telefon die Einsätze der Wettenden entgegen, das sind mindestens 20 Euro pro Hahn. Im Falle der Niederlage verliert man alles. Aber wer auf den richtigen Hahn gesetzt hat, steckt 50 Euro ein. Dann muss ich die Paare bilden, aus kleinen, mittleren und großen Hähnen. Und die Liste der ausgelosten Konkurrenten jeder Kategorie vorbereiten“, berichtet die frühere Altenpflegerin. Eine mühsame Arbeit, die Georgette ehrenamtlich ausübt: „Es hätte mir das Herz gebrochen, wenn niemand die Organisation der Meisterschaft übernommen hätte. Ich mache es, damit die Tradition weiterbesteht“, seufzt sie.

Auf den Tribünen setzt ein merkwürdiges Summen ein. „Fünf auf Sinip!“, ruft ein alter Mann, die Kippe im Mundwinkel. „Fünf auf Gallo Mouchin!“, erwidert ein anderer, die Baskenmütze in die Stirn gezogen. Zu Beginn jeder Runde werden spontan Wetten abgeschlossen, die Georgettes und ihrem Notizbuch entgehen.

Unter den Blicken der Zuschauer kullern zwei Hähne auf das Samttuch des Rings. Wie von der Tarantel gestochen springt das Federvieh auf und fällt übereinander her, umgeben von einem Wirbelsturm aus Federn. Ein Hahn pickt mit dem Schnabel ins Fleisch des anderen, der wiederum seinem Gegner einen Hieb mit einer an seinen Fuß gebundenen künstlichen Kralle verpasst. Sie darf nicht länger als fünf Zentimeter sein. Schnell gewinnt der Hahn namens Mouchin die Oberhand und flattert aufgeregt flügelschlagend auf und ab. Die Federn an seinem Hals sträuben sich, bilden eine Art rotglühenden Kranz. Ein paar Sekunden später schrillt die Glocke: Rivale Sinip liegt erledigt am Boden.

Spätestens nach sechs Minuten ist jeder Kampf vorbei

Zwischen den Wettenden wechseln verstohlen ein paar Scheine die Hände. Der böse zugerichtete Verlierer kehrt in seine Holzbox zurück, wo er von seinem Besitzer verarztet wird. Anders als beim Stierkampf, der für gewöhnlich mit dem Tod des Tieres endet, beendet im Gallodrom nach sechs Minuten die Uhr den Kampf, egal, wie es zwischen den Gegnern steht.

L'Abeele gehört zu den etwa 40 Gallodromen, die noch in Betrieb sind im Nord-Pas-de-Calais, der einzigen Region auf dem französischen Festland, in der Hahnenkämpfe noch zugelassen sind. Erlaubt sind sie auch auf den Inseln Martinique und Gouadeloupe. Unter General de Gaulle hat ein Gesetz vom 8. Juli 1964 diesen populären Zeitvertreib aus der Illegalität herausgeholt, von dem Gebot des Tierschutzes ausgenommen. Der Hahnenkampf ist damit das nördliche Pendant zum Stierkampf, der ebenfalls nur „an den Orten erlaubt ist, wo eine ständige Tradition nachgewiesen werden kann“. Im restlichen Frankreich, aber auch im Fall, dass eine neue Arena eingeweiht oder ein bestehendes Gallodrom wieder in Betrieb genommen wird, wird der Hahnenkampf als Tierquälerei bestraft. Seine Anhänger müssen in diesem Fall mit einer Strafe von 30.000 Euro und zwei Jahren Gefängnis rechnen.

Nicht nur Tierschützer sind unerwünscht, auch Journalisten

Die etwa 1.500 Züchter, die seit 82 Jahren im Verband der Kampfhahnbesitzer des Nord-Pas-de-Calais organisiert sind, schützen ihre Kämpfe vor jedem vermeintlich missgünstigen Blick, insbesondere vor Kameras und vor dem Fernsehen. Bevor Journalisten Zutritt gewährt wird, müssen sie auf Ehre und Gewissen versichern, dass sie keine Aufnahmen vom Kampf machen werden. Vor Ort schlägt einem Misstrauen entgegen. „Was hat der da mit seiner Kamera hier zu suchen? Die wird sofort mal wegräumen!“, regt sich einer der Schiedsrichter auf. Mehrmals droht er, den Wettkampf abzubrechen. Ein hitziger Zuschauer steigt mit rot angelaufenem Gesicht von den Tribünen herunter und schreit: „Wenn ich meine Fresse auf ihrer Seite entdecke, erstatte ich Anzeige, das garantiere ich Ihnen.“

„Es wird langsam etwas viel, all diese Reportagen, die immer zu unseren Lasten gehen“, fügt Tony hinzu, ein 40 Jahre alter Kampfhahnzüchter. Er ist deutlich höflicher. Der Angestellte der Müllabfuhr hofft, die Leidenschaft für den nördlichen Kampf an seinen 16-jährigen Sohn weitergeben zu können, der brav an seiner Seite sitzt. Seit sieben Generationen züchtet die Familie Kampfhähne. „Die Journalisten lassen uns alle wie Perverse aussehen. Im Internet kann man lesen, dass wir Kampfhahnbesitzer Pädophile sind, weil wir es nicht lassen können, unseren Tieren wehzutun, obwohl wir sie lieben“, kritisiert er mit gerunzelter Stirn.

Mit einem Anflug von Wut in der Stimme knöpft sich der Familienvater dann die „Naturschützer“ vor, allen voran Schauspielerin und Tierschutzaktivistin Brigitte Bardot. Deren Stiftung alarmiert die Behörden, sobald sie von einem Verstoß gegen das Gesetz vom 8. Juli 1964 erfährt. „Die Naturschützer wohnen alle in Paris, die haben noch nie in ihrem Leben einen Hahn gesehen, aber sie bilden sich ein, alles zu wissen“, wirft Tony ein. „Es heißt, wir würden den Hähnen nichts zu essen geben, um sie zum Kämpfen aufzustacheln. Ich habe aber welche, die sieben Kilo wiegen. Ich frage mich immer noch, wie man es anstellt, dass ein Hahn so viel wiegt, wenn er nichts zum Fressen bekommt.“

„Es liegt in der Natur dieser Hähne zu kämpfen“

Der Kampfhahnbesitzer, der kurz vorher gedroht hat, rechtliche Schritte einzuleiten, holt noch einmal aus, diesmal mit seinem Lieblingsargument, um den Tierschützern das Maul zu stopfen. „Ohne Kämpfe stirbt die Rasse aus“, prophezeit Hugo (Name geändert), ein Kämpfer in den Dreißigern in Dieseljeans und sorgfältig gebügeltem Hemd. Um ihre Leidenschaft zu zelebrieren, begnügen sich die Hahnenkämpfer nicht mit einfachen Haushähnen. Sie ziehen es vor, dass sich die „Kämpfer des Nordens“, eine für ihr heißblütiges Temperament bekannte Rasse, nur untereinander fortpflanzen. „Wir bringen ihnen nicht bei, zu kämpfen. Es liegt in der Natur dieser Art, zu kämpfen“, behauptet Hugo. Um im gleichen Atemzug hinzuzufügen: “Das einzige, was man kritisieren kann, ist, dass ein Spektakel daraus gemacht wird."

Ende des Zwischenspiels. Das Stimmengewirr der Wetten hebt plötzlich wieder an, dann verkündet die Glocke den Beginn eines neuen Duells. Zwei Hähne betreten den Ring. Auf dem Teppich picken sie sich ein bisschen an, lassen ein schüchternes Gackern hören, dann stakst jeder auf seiner Seite herum. „Manchmal kommt es vor, dass sie den Kampf verweigern“, sagt der Schiedsrichter unbeirrt. „Das ist ein Unentschieden.“ Noch bevor die festgelegten sechs Minuten verstrichen sind, sammeln die Besitzer, die Holzkisten in der Hand, wieder ihre unversehrten Tiere ein.

Abseits der Kämpfe drängt sich eine kleine Menge an der Theke, auf der neben einem „Rauchen verboten“-Schild zwei stolze Hähne aus Porzellan thronen. Callewert, ein 54 Jahre alter Arbeitsloser aus Belgien, ein Arm mit einem Dolch tätowiert, den anderen auf die Theke gestützt, hat eine einstündige Reise hinter sich, um den Nachmittag im Tahiti zu verbringen. In Belgien sind Hahnenkämpfe seit 1924 verboten. „Bei uns hat irgend so ein Vollidiot gesagt, das Spiel ist aus“, beklagt er sich.

Callewert ist nicht der einzige Belgier, der die Grenze überquert, um in den verschiedenen Gallodromen des Nord-Pas-de-Calais an den Kämpfen teilzunehmen. „Wir sind mehrere hundert, eine eher geschlossene Gruppe, weil wir nicht zu viel Publicity wollen“, erklärt Gregory, ein Familienvater mit blauen, stechenden Augen und dem Lächeln eines Charmeurs. Heute ist er nicht umsonst gekommen: Die Auszählung der Punkte – 5 für einen Sieg, 3 für ein Unentschieden und 1 im Falle der Niederlage – befördert ihn an die Spitze des Wettbewerbs.
Mit etwas abergläubischer Miene diagnostiziert dieser Mann um die vierzig: „Um zu gewinnen, muss man den richtigen Hahn einsetzen, ihn sorgfältig aufziehen und pflegen, aber man muss auch eine ordentliche Portion Glück haben... gegen einen Gegner, der weniger davon hat.“

Allmählich leeren sich die Tribünen. Im Gänsemarsch steuern die Anwesenden auf die Bar im Hauptsaal des Tahiti zu, um vor der Abfahrt noch ein letztes Glas zu trinken. Gregory setzt sich in Gesellschaft einiger Mitbürger vor ein kleines Bier. Die Zungen lockern sich, und die Gruppe der Kampfhahnbesitzer erzählt immer redseliger von ihrem Hobby.

„Ich werde nicht sagen, dass die Hähne mein ganzes Leben sind. Ich habe ja auch Kinder. Aber ohne eine solche Leidenschaft könnte ich nicht leben“, bekennt Gregory als Erster.

„Ja, wenn ich mich in jemanden hineinversetze, der nichts hat – weder Tauben, noch Hähne, noch Pferde – und der jeden Tag sieben, acht Stunden arbeiten muss, dann frage ich mich wirklich, wie er das macht“, bekräftigt einer seiner Kumpane im schicken Poloshirt. „Aber im Leben gibt es doch viele Leute, die nichts davon haben und trotzdem gut leben. Sie müssen andere Interessen haben, Radfahren oder Spazierengehen vielleicht“, sinniert einer am anderen Ende des Tisches. „Oder Fußball“, ergänzt Gregory.

Weil der Nachwuchs fehlt, gibt es „hier nur alte Leute“

Für Cheyenne, eine Jugendliche mit rotgefärbten Haaren, die an der Bar ihre Mutter umarmt, sind die Hahnenkämpfe nichts. „Hier gibt es nur alte Leute, also fühle ich mich ein bisschen idiotisch. Aber da das Wetter schlecht war, bin ich trotzdem gekommen, um Zeit mit meinen Eltern zu verbringen“, sagt die Gymnasiastin auf dem zweiten Bildungsweg. Um dann hinzuzufügen: „Und hier bekomme ich Eis und Schinken-Käse-Toast.“

Cheyennes Einstellung zeigt, wie schwierig es ist, die Passion für die Hähne an die nächste Generation weiterzugeben. „Früher hatten die Leute alle ein oder zwei Paar Hähne im Hof und waren glücklich damit“, schwelgt Georgette Dupont, die die Meisterschaft ausrichtet, in Erinnerungen. Am Ende der Veranstaltung hat sie sich diskret zurückgezogen, um nach Hause ins etwa zehn Minuten vom Tahiti entfernte Godewaersvelde zu fahren.

Früher liefen in dieser Gemeinde zwei Fabriken auf Hochtouren. Die eine hat seitdem den Betrieb eingestellt, die andere produziert stark eingeschränkt. Früher fanden im Blauwershof, der Wirtschaft in einem roten Ziegelbau an der Hauptstraße, auch Hahnenkämpfe statt. Aber 2011 hat der Besitzer beschlossen, das Gallodrom aufzugeben, da er Schwierigkeiten mit den Behörden befürchtete. Seitdem ist keine Wiedereröffnung mehr möglich, denn nach dem Gesetz vom Juli 1964 wurde „die Tradition“ hier jetzt „unterbrochen“. In Godewaersvelde finden sich die Kampfhahnbesitzer nur noch punktuell bei besonderen Anlässen zusammen, etwa bei den Stadtfesten.

Das traurige Ende – mit Speckstreifen, Pilzen und Fritten

„Wenn es mehr Arbeit gäbe, würden die jungen Leute wieder Hähne halten“, wiederholt Georgette immer wieder ihr Mantra. „Mit Futter und Pflege kostet das pro Kopf zwischen 80 und 100 Euro pro Jahr. Die Kämpfe bringen nichts oder fast nichts ein.“

Während sie auf das Ende der Krise wartet, engagiert sich die Älteste daher weiterhin ehrenamtlich in L'Abeele, um zu verhindern, dass dieses Gallodrom auch noch dichtmachen muss. Als sie abends in ihrem Häuschen am Ende des Dorfes ankommt, wo die Landstraße sich in die Dunkelheit schlängelt, erzählt sie ihrem Mann Michel, ehemals Vorarbeiter in der benachbarten Fabrik, von ihrem Tag.

Dieser Herr mit an Asterix erinnerndem Schnurrbart, der nie sein Baseballcap mit Che-Bild ablegt, hat früher selbst Kampfhähne ins Rennen geschickt. Aber ein Problem mit der Hüfte hält ihn heute von jeder Autofahrt ab. Von Zeit zu Zeit tischt Georgette ihm ihre Spezialität auf, ein in braunem Bier geschmorter „Kämpfer des Nordens“, garniert mit kleinen Speckstreifen und Pilzen, das Ganze mit Fritten serviert.

Die Wände um sie herum und der Kaminsims zeugen von ihrer Leidenschaft. Ein großer Hahn aus Holz teilt sich den Platz mit einigen Artgenossen in Miniatur aus Blei oder Porzellan. Zwei Trophäen schimmern, Erinnerungen an die Glanzmomente von Georgettes Karriere. Ein paar Gouache-Malereien – ihre andere Leidenschaft – bilden das Leben in einem Hühnerstall ab.

Nur ein paar andere Dinge brechen den Stil in diesem Wohnzimmer. Vor allem Familienfotos. „Meine Söhne spielen lieber Pétanque, und ich habe nur Enkeltöchter, die werden die Tradition also sicher nicht fortsetzen“, bedauert die Großmutter. Was soll's, vielleicht wird sie einfach einen neuen Rekruten unter ihre Fittiche nehmen und ihn zu ihrem Patensohn machen: „Wir Hahnenkämpfer sind eine große Familie.“


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Fotos und Videos: Konstantin Lucas Mikaberidze; Übersetzung: Luisa Schulz; Bildredaktion: Martin Gommel; Produktion: Vera Fröhlich