Papa kann das auch

Papa kann das auch

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Der Ort, an dem ein Mann das sein darf, was viele unter einem Mann verstehen, wo er also kickern und Carrera-Bahn fahren kann oder mit seinen Kumpels über die neusten Bundesliga-Ergebnisse philosophieren darf, ist dieser Tage ein Laden im Berliner Norden. Aber nicht irgendein Laden. Keine Kneipe, auch kein Club. Ausgerechnet im Prenzlauer Berg, laut Klischee die Hochburg der Latte-Macchiato-Mamas und Bio-Mütter, befindet sich der „Papaladen“: Treffpunkt für Väter und ihre Kinder. Jeden Donnerstag zum gemeinsamen Frühstück werden dort deswegen neben der vergangenen Bundesliga-Woche auch noch die Fails und Fortschritte des eigenen Nachwuchses diskutiert.

Durch die bodentiefen Fenster kann man den Vätern an manchen Tagen von draußen dabei zusehen, wie sie mit dem Nachwuchs über die Matten tollen, auf dem Sofa kuscheln oder Bauklötze stapeln. Bloß heute: keiner da. Nur Marc Schulte. Er arbeitet im Papaladen, und zwar schon so lange, wie es den Väter-Treff gibt, also seit 2007. Der Papaladen gehört zum Berliner Väterzentrum, einem Verein, der Väter nicht nur in Erziehungsfragen berät, sondern auch in Rechtsfragen. Marc Schulte ist das, was man einen Sympathieträger nennt: Jahrgang 1966, lockerer Umgang, Strubbelhaare, legeres Outfit. Man kann gut mit ihm plaudern, kommt schnell ins Gespräch. Jetzt sagt der Sozialpädagoge: „Witzigerweise kommen neben den Vätern auch die Mütter sehr gern zu uns. Eine meinte mal, hier sei für Eltern der entspannteste Ort in ganz Prenzlauer Berg!“ Schulte muss es wissen. Er ist der Mann, dem die Väter vertrauen. Und die Mütter offenbar auch.

Lange Zeit bewegten Väter sich außerhalb des Radars, wenn es um das Thema Erziehung ging. Bis in die Mitte der 1970er-Jahre hinein war die Familiensphäre weitestgehend Sache der Mütter, so stand es sogar im Gesetz festgeschrieben: Die Frau war für die Familien- und Hausarbeit zuständig und damit vorwiegend für die Kindererziehung. Der Mann schaffte das Geld ran, hatte das Machtwort, war am Wochenende zu Hause, widmete sich ab und zu den Kindern – fertig. Wenn ein Vater lediglich mittelmäßiges Interesse an seinem Nachwuchs zeigte und sein Leben nach der Geburt des Kindes in weiten Teilen so weiterlebte wie zuvor, provozierte dieser Umstand höchstens ein gesell­schaftliches Schulterzucken; wer interessierte sich schon für die Väter?

Die modernen Männer wollen nicht nur Geld verdienen

Doch diese Zeiten sind vorbei. Genau zehn Jahre nach Einführung der gesetzlichen Elternzeit sind die Rollenbilder im Wandel: Wer als moderner Vater etwas auf sich hält, für den bedeutet Vatersein heute nicht mehr nur Geld verdienen, Fußball und Carrera-Bahn. Sondern auch Windeln wechseln, Babybrei kochen, Gute Nacht-Geschichten lesen. Viele junge Paare wünschen sich eine egalitäre Aufteilung der Familienarbeit, die Politik versucht, diesen Wunsch mit Elterngeldplus und allerlei Wahlkampfversprechen zu pushen.

In einer Umfrage der Firma Pampers aus dem Jahr 2016 unter rund 2.800 Männern sagten 92 Prozent, die Familie komme für sie an erster Stelle. Die Studie sagt aber auch: Der Großteil der Väter arbeitet nach wie vor Vollzeit, die Frauen stemmen das Gros der Arbeit zu Hause – dabei wünschen sich 93 Prozent der Väter laut Umfrage mehr Zeit mit ihren Kindern. Und das ist längst nicht die einzige Studie, die sich mit den „neuen Vätern“ beschäftigt. Väter-Magazine, Väter-Ratgeber, Väter-Umfragen: Mittlerweile sind die Herren vom Rande des Radars in die Mitte gerückt, zumindest, wenn ihre Kauftkraft angezapft werden soll, die der Markt natürlich längst entdeckt hat.

Die öffentlichen Diskussionen aber drehen sich meist noch immer um die Mütter als Kernelement; egal, ob um die um Frauenquote, Gender Pay Gap, Familienplanung oder einen fehlgeleiteten Feminismus gestritten wird. Gerne vernachlässigt wird dabei allerdings eine Frage: Wie geht es den modernen Vätern in ihrer neuen Rolle eigentlich?

Ich selbst beschäftige mich in meinem Zusammenhang ja auch gezielt mit Müttern. Bis ich irgendwann auf die Idee kam: Moment mal, die Männer gehören doch auch dazu! Genauer gesagt habt Ihr, liebe Leser, mich auf die Idee gebracht. Weil immer mal wieder verschiedene männliche Leser zu meinen Artikeln fragten: „Und wie geht es den Männern?“ Danke also für den Hinweis!

Glaubt man Marc Brost und Heinrich Wefing, dann geht es ihnen schlecht. Brost und Wefing sind Journalisten, beide haben selbst Kinder, beide arbeiten, für beide ist das Wort Gleichberechtigung mehr als nur eine leere Worthülse. 2014 haben sie ein Buch über ihre Erfahrungen als gleichberechtigte Väter geschrieben – und das macht wenig Hoffnung. Schon in der Orientierungsfrage: „Es wird ja häufig und zu Recht beklagt, dass es kaum funktionierende Rollenbilder für Frauen gibt, die versuchen wollen, Beruf, Kinder und Partnerschaft halbwegs erfolgreich miteinander zu verbinden. Oder wenigstens nicht dabei unterzugehen“, schreiben Brost und Wefing. „Viel seltener wird jedoch erwähnt, dass dasselbe mittlerweile auch für Männer gilt. Wo wäre der Mann, an dem wir uns orientieren könnten? Ein Typ, der gut in seinem Job ist, sich zärtlich um seine Kinder kümmert und seine Liebste mit Aufmerksamkeit verwöhnt, ohne über alledem selbst zu kurz zu kommen?“

Es mangelt an Vorbildern – moderne Väter sind noch im Findungsprozess

Es gibt ihn nicht, resümieren die Autoren. Was beide trotz aller Mühen von der neuen Vaterrolle und der angestrebten Gleichberechtigung halten, vermerken sie indes schon in dicken, schwarzen Lettern auf dem Cover des Buches: „Geht alles gar nicht. Warum wir Kinder, Liebe und Karriere nicht vereinbaren können.“ Es ist ein Titel, der sich abgekämpft und ernüchtert liest, von jeglichem Optimismus beraubt. Brost und Wefing wollen gleichberechtigte Verhältnisse, sie sind willens, hart dafür zu arbeiten. Aber sie fühlen Frust ob der „Vereinbarkeitslüge“, wie sie die momentane gesellschaftliche Situation für Männer und Frauen beschreiben. „Manchmal, zugegeben, will man einfach nur schreien“, äußern die beiden Väter ihre Ratlosigkeit an einer Stelle des Buches, „im Moment wissen wir alle nicht, wie es weitergehen soll“, heißt es eine Seite weiter.

Aber ist es wirklich so schlimm? „Die Männer sind in einem Findungsprozess“, sagt Schulte, der Väter-Experte aus dem Papaladen. „Es mangelt noch an Vorbildern, aber einen Wertewandel kann man schon beobachten.“ Mittlerweile passiere es ab und an, dass ein Vater seinen Kumpel mit in den Papaladen bringe, sagt Schulte. Das hätte es früher nicht gegeben, als die Männer lediglich vorbeikamen, weil ihre Frauen sie schickten. Damals galten Väter, die sich um ihre Kinder kümmerten, als Weicheier. Sie waren die Softies in Wollpullis, die übereifrigen Pädagogen oder die weltfremden Esoteriker. Heute gelten sie als modern, verantwortungsvoll, attraktiv. „Das läuft super“, sagt Schulte über den wöchentlichen Frühstückstreff, „da kommen im Moment etwa fünf bis acht Väter jede Woche. Wir hatten aber auch schon mal 20 Väter hier drin.“

Das alte Konzept von Arbeit passt nicht zur neuen Rolle der Väter

Dennoch stehen die modernen Papas vor einer ganzen Reihe von Herausforderungen. Marc Schulte weiß das aus eigener Erfahrung; er hat selbst drei Kinder. Seine zwei Töchter, beide in der Pubertät, leben bei ihm und seiner zweiten Frau. Mit ihr hat er alle Modelle der gemeinsamen Verteilung von Arbeit und Familie durchexerziert: ganz klassisch, also er Vollzeit, sie zu Hause. Dann andersherum, sie Vollzeit, er zu Hause. Danach wechselten sie in den Teilzeitmodus; Vollzeitarbeit für beide Elternteile probierten sie schließlich auch noch aus. Momentan arbeitet er annähernd in Vollzeit, sie verbringt mehr Zeit zu Hause. „Wenn beide Eltern arbeiten, dann am besten in Teilzeit“, findet Schulte, ein Fan egalitärer Verhältnisse. „Aber ich muss schon sagen, dass unser jetziges Modell, auch wenn es konservativ ist, Entspannung in die Familie bringt.“

Mit diesem Eingeständnis ist er längst nicht allein: Die meisten jungen Paare fallen mit der Geburt des ersten Kindes in ein traditionelles Rollenmuster zurück, auch wenn sie sich ein anderes vorgenommen hatten. Ein wichtiger Grund dafür ist die Arbeitswelt in Deutschland, die sich noch immer auf ein Weltbild stützt, zu dem Präsenzpflicht, Überstunden und eine 40-Stunden-Woche wie selbstverständlich dazugehören.

So wie in den 50er/60er-Jahren: feste Zeiten, nach Stechuhr arbeiten, Montag bis Freitag, acht Stunden pro Tag. Wer Karriere machen wollte, schuftete mehr. Die Leistungsgesellschaft mit dem Kapitalismus als „partner in crime“ war noch nie kinderfreundlich. Und doch versprach für die Männer die alte Arbeitswelt einen Vorteil: Sie bildete ein einfach zu durchblickendes und vor allem einfach zu organisierendes System. Die Väter von einst spielten lediglich den Wochenend-Papa. Mehr wurde nicht von ihnen erwar­tet. Weder von ihren Frauen noch von der geltenden Norm.

Doch heute, in einer digitalisierten und beschleunigten Welt, in der verschiedene Prozesse sich immer mehr miteinander verweben und alte Rollenbilder in Bewegung geraten sind, passt die Arbeit nach Stechuhr für viele nicht mehr. Die neue Fürsorglichkeit der Väter hat nun ein immenses Problem: Sie lässt sich nicht in das bestehende System und in den engen Anzug des Kapitalismus zwängen, genauso wenig wie die Fürsorglichkeit der Mütter. Auch zehn Jahre, nachdem der Staat das Konzept der Elternzeit eingeführt hat, fürchtet laut Experten noch immer ein Drittel der Väter einen Karriereknick durch die Elternzeit.

Oft heißt die Alternative Verzicht auf die Elternzeit oder Rauswurf

Auch Volker Baisch aus Hamburg hatte dieses Problem. Der 50-Jährige entschied sich schon vor über zehn Jahren dafür, die Erziehungsarbeit mit seiner Frau gleichwertig aufzuteilen. Also zu einem Zeitpunkt, als die modernen Väter noch so exotisch waren wie heutzutage in vielen Branchen ein unbefristeter Arbeitsvertrag. Baisch wählte die Offensive, statt sich hinter veralteten Rollenbildern zu verstecken: Als der junge Vater sich bei der Geburt der ersten Tochter für ein ganzes Jahr Elternzeit entscheidet und der damalige Geschäftsführer ihm deswegen mit Rauswurf droht, geht Baisch trotzdem in Elternzeit. Und lässt damit den alten Job zurück.

„Das hat mich kalt erwischt“, erinnert er sich heute. „Da traut sich mal einer, länger Elternzeit zu nehmen als üblich, und dann haut man ihm diese Entscheidung so um die Ohren, dass er schweißgebadet wieder aus dem Büro rausgeht!“ In jenem Moment kann der junge Vater es nicht fassen. Aber Baisch ist ein politisch denkender Mensch. Er hat sich bei Ungerechtigkeiten immer eingemischt, und so handhabt er es auch diesmal. Baisch nutzt seine Wut, um zu einer Revolution im Kleinen zu blasen – und wird selbst zum Gründer. Er sucht sich andere Väter, die ebenfalls betroffen sind, bastelt eine Webseite mit Informationen und Beratungsangeboten. Aus dieser entwickelt sich einige Zeit später der Verein Väter e. V., der das virtuelle Angebot in die Realität hievt. Schließlich macht Baisch sich 2010 mit der Väter gGmbH selbständig. Heute ist er Unternehmer, der große Firmen, aber auch Politiker in der Frage berät, wie Deutschland väterfreundlicher werden kann.

Die Mehrheit der Personaler hat die Bedeutung des Themas erkannt. „Die wissen, dass sie sich kümmern müssen“, sagt Baisch. Das bestätigen auch die Zahlen: Der Bericht „Unternehmensmonitor Familienfreundlichkeit“ ermittelte in seiner jüngste Fassung 2016, dass rund 77 Prozent der befragten Personalleiterinnen und Personalleiter das Thema Familienfreundlichkeit als wichtig erachten. Das klingt zunächst fortschrittlich. Indes: Für die ausdrückliche Ermunterung von männlichen Mitarbeitern, Elternzeit zu nehmen, engagierten sich nur 13,9 Prozent. Und bei dem Thema Teilzeitarbeit sieht es noch schlechter aus. Hier gaben nur 8,5 Prozent der befragten Firmen an, ihre männlichen Mitarbeiter in diesem Punkt zu ermutigen.

Baisch ist trotzdem fest davon überzeugt: „Eine Vereinbarkeitslüge gibt es nicht in Deutschland. Das Wort ist falsch.“ Er sagt aber auch: „Es ist eine Riesenherausforderung für junge Eltern, Beruf und Familie gut zu organisieren. Die Paare müssen miteinander reden, auch wenn das sicher nicht leicht ist.“ Baisch wünscht sich „eine ehrliche Auseinandersetzung, zwischen Männern und Frauen und Müttern und Vätern“. Dann sei eine Vereinbarkeit möglich.

Doch auch der konstruktivste Paar-Kompromiss in Sachen Gleichberechtigung kann ein mangelndes Angebot des Arbeitsgebers nicht auffangen; noch immer gehen nur rund 34 Prozent aller Väter in Elternzeit. Und doch schaut Baisch zuversichtlich in die Zukunft: „Das neue Arbeitsleben wird mehr Freiheiten und Möglichkeiten für junge Paare bieten. Ich kann mir vorstellen, dass in den nächsten fünf bis zehn Jahren eine Lösung für die Vereinbarkeitsproblematik auf dem Tisch liegt.“

Die Mütter können nur schwer loslassen

Mehr Freiheit, dafür weniger Überforderung und weniger Stress. Das klingt wie die Erfüllung einer lang gehegten Sehnsucht, wie ein tiefes, langsames Ausatmen. Es klingt nach Loslassen – und ein bisschen nach Utopie. Denn tatsächlich ist die Arbeitswelt nur eine Ursache des Problems, mit dem sich die modernen Väter konfrontiert sehen. Ein anderes sind ausgerechnet die Mütter. Diese wünschen sich zwar zu weiten Teilen mehr Gleichberechtigung, verfangen sich dabei aber nicht selten in ihren eigenen Ansprüchen.

Die Soziologie-Professorin Karin Flaake hat in einer Studie von 2014 zwölf deutsche Familien zu ihrem Mütter- und Väterbild befragt sowie deren familiäre Lebenssituation sehr detailliert analysiert. Sie interviewte dafür die Eltern, aber auch deren Kinder, die zwischen 13 und 27 Jahre alt waren. In den Gesprächen, die Flaake mit den Probanden führte, äußerten einige Mütter, wie schwer es ihnen trotz des eigenen Anspruchs auf Egalität falle, ihren Männern genug Raum für eine innige Beziehung zu den Kindern einzuräumen. Als Mutter wünschten sie die Unterstützung des Vaters, doch bitte nur bis zu einem bestimmten Grad. Ihre Vormachtstellung im elterlichen Gefüge wollten die Mütter trotz beruflicher Belastung nicht abgeben; sie fürchteten den Bedeutungsverlust.

Der „gute“ alte Muttermythos sitzt den Frauen wie ein Parasit im Kopf. Er hat sich festgekrallt und lässt nicht los. Und er diktiert: Nur eine unersetzbare Mutter als erste Ansprechperson des Kindes ist eine gute Mutter. So schreibt Flaake über eine der Probandinnen: „Frau Eberts Bindung an normative Bilder einer guten Mutter und die Selbstdefinition über eine entsprechende Bedeutsamkeit für die Kinder verhindern, dass sie die Übernahme der Familienarbeiten durch den Partner als Entlastung für eine berufszentrierte Lebensweise erfahren, die Beziehung zu ihren Kindern auf dieser Basis gelassen gestalten und ihre beruflichen Erfolge stärker zum Mittelpunkts ihres Lebens machen kann.“ Mit anderen Worten: Die Frau aus Flaakes Studie stand sich selbst im Weg.

Die Wissenschaftlerin hat herausgefunden, dass beide Geschlechter innerhalb einer Partnerschaft sehr stark an traditionellen Rollenbildern festhalten – ohne dass sie es überhaupt merken. „Mich hat überrascht, wie stark die Frauen innerlich daran gebunden waren, Selbstbestätigung aus der Mutterrolle ebenso wie aus der Hausfrauenrolle zu ziehen“, sagt Flaake. Die Männer auf der anderen Seite verbanden die Übernah­me von viel Hausarbeit mit einer Verweichlichung und einer Entwertung ihrer Männlichkeit. Von wirklich egalitären Verhältnissen kann bei dieser Bestandsaufnahme kaum die Rede sein.

Die Männer müssen mehr einfordern

Und so spielen die tief verwurzelten Geschlechterdynamiken ineinander – und sich am Ende gegenseitig aus: Mütter zeigen meist eine erhöhte Bereitschaft, in der Kindererziehung und in der Hausarbeit mehr Verantwortung zu übernehmen, auch wenn sie arbeiten gehen. Sie setzen dieses Verhalten mit dem Label „gute Mutter“ gleich. Die Männer auf der anderen Seite distanzieren sich schnell und ziehen sich zurück. Sie fordern ein Mehr an Verantwortung nicht ein. So bleiben beide letztlich genau an einer Stelle hängen: im traditionellen Rollenmodell. Und im eigenen Frust: Die Mütter können nicht loslassen und fühlen sich überfordert – obwohl die Väter ihre Hilfe oft anbieten und mehr Verantwortung übernehmen wollen.

Marc Schulte nennt diese Situation ein „klassisches Doublebind“, ein Dilemma. Im Papaladen hört er die Geschichte immer wieder. Wenn er mit den Vätern plaudert, aber auch, wenn er sie professionell berät. Denn der Laden kümmert sich als Teil des Berliner Väterzentrums in doppelter Weise um Väter: Durch ein speziell auf sie abgestimmtes Freizeitangebot, aber auch durch Beratungen. Etwa bei Schwierigkeiten im Umgang mit dem eigenen Nachwuchs, vor allem aber bei Trennungen. Gut 163.000 Ehen wurden 2015 in Deutschland geschieden – davon betroffen waren auch rund 132.000 minderjährige Kinder. Hinzu kommen noch jene Trennungskinder aus nichtehelichen Beziehungen. Sie werden nicht erfasst, Experten rechnen mit insgesamt rund 200.000 Trennungskindern.

89 Prozent der Alleinerziehenden in Deutschland sind Mütter. In vielen Fällen zahlen die Väter nicht oder nicht genug Unterhalt. Das geht beispielsweise aus einer umfangreichen Studie der Bertelsmann-Stiftung von 2016 hervor. Doch jene Väter, die sich kümmern wollen, stellt das Ende der Partnerschaft vor ein Problem, das Mütter so nicht kennen: „Bei der Trennung eines Paares gehen eigentlich alle automatisch davon aus, dass das Kind besser bei der Mutter aufgehoben ist“, sagt Schulte. Er weiß, wie schwer es für Väter in solchen Fällen ist. Aber er geht dennoch hart mit ihnen ins Gericht: Viele Väter seien zu defensiv. „Die Männer trauen sich zu wenig zu. Sie scheuen die Auseinandersetzung mit ihrer Partnerin, wenn es um Erziehungsfragen geht, aber sie müssen sich dieser Konfrontation stellen.“

Schultes Slogan lautet deswegen: Mütter, lasst los – Väter, packt an!


Produktion: Vera Fröhlich; Bildredaktion: Martin Gommel

Dieser Text stammt in abgewandelter Form aus Esthers Göbels Buch „Die falsche Wahl – wenn Frauen ihre Entscheidung für Kinder bereuen“, das im vergangenen Jahr bei Droemer erschienen ist. Für diesen Beitrag hat sie den Text gekürzt und aktualisiert.