Die nächste sexuelle Revolution beginnt gerade

Die nächste sexuelle Revolution beginnt gerade

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Als Shauna Blackmon vor knapp anderthalb Jahrzehnten über Sex aufgeklärt wurde, hatte sie Pech, denn ihr Klassenraum lag in Kansas, USA. Kansas gehört zu der Region des Landes, die man „Bible Belt“ nennt und deren Bewohner für ihre konservativen, religiösen Einstellungen bekannt sind. Entsprechend sah die Sexualkunde aus. „Sexualität ist wie Kaugummi“, erklärten die Lehrer, „wenn einmal jemand darauf herumgekaut hat, ist es eklig und niemand anders will das noch haben.“ Oder: „Sex ist ein Geschenk. Du kannst es nur an eine Person vergeben. Niemand will ein Geschenk, das schon jemand anders bekommen hat.“

Shauna war 13 Jahre alt, als sie diese Sätze von ihren Lehrern hörte. Wenn sie heute davon erzählt, lacht sie nur noch ungläubig. Damals aber war es ein Schock. Jahrelang dachte sie, sie sei sexuell gestört, weil ihre Lust und ihre Wünsche nicht zu den starren Vorgaben der Lehrer passten. „Ich arbeite bis heute daran, über diese verkorksten Vorstellungen hinwegzukommen“, sagt sie heute. „Ich dachte, Frauen, die ihre Sexualität ausleben, wären irgendwie kaputt oder auf der Suche nach Bestätigung.“

Mittlerweile reicht es ihr nicht mehr, die Scham und die Schuldgefühle über Sex in ihrem eigenen Kopf aufzubrechen. Sie will auch anderen dabei helfen. Shauna ist damit Teil einer wachsenden Gruppe an jungen Frauen, die auf eine neue, ehrlichere Weise über Sex sprechen will – jenseits der standardisierten Bilder und Vorstellungen also, welche fast alle Mainstream-Medien, inklusive Pornos, in unseren Köpfen platzieren. Die 27-jährige, die seit einigen Jahren in Berlin lebt, führt Interviews mit jungen Frauen und Männern, die erzählen, was sie als Kinder und Jugendliche über Sex gelernt haben und wie sie das geprägt hat. Die Geschichten sammelt sie auf ihre Website „Stumbling on Sexuality“.

Nicht mehr so tun, als wären wir alle längst total sexuell befreit

Da ist Luciano, der Argentinier, der überhaupt nicht aufgeklärt wurde und sich mit seinen Freunden alles zusammenreimen musste. Ihre Erkenntnisse erzählten die Jungs einander aufgeregt am Telefon: „Hey Mann! Ich habe Olivenöl auf meinen Schwanz getan und das fühlt sich so toll an. Salz ist aber keine gute Idee.“

Da ist David aus den USA, der als Teenager beschloss, sich alles Wissen über Sex anzueignen, das es gab, und dafür stundenlang in Bibliotheken hockte: „Es ist fast ein bisschen romantisch, wenn man einen Text über Fisting liest, während es draußen kalt ist und schneit. Du hast deinen Kakao, nimmst einen Schluck und lässt dir erklären, wie man seine Knöchel auf die richtige Weise biegt.“

Oder Katja aus Deutschland, die mit anderen Kindern auf dem Spielplatz ein Kondom fand und ihren Vater so lange mit der Frage nach einer Erklärung löcherte, bis er eines Abends statt einer Gute-Nacht-Geschichte ein DDR-Biologie-Buch mit an ihr Bett brachte und ihr einen wissenschaftlichen Vortrag über Fortpflanzung hielt.

Shauna Blackmon

Image caption: Shauna Blackmon

Copyright: Foto: Martin Gommel

Die Geschichten, die Menschen auf Shaunas Homepage posten, sind alle so explizit, aber auch so nett und lustig, dass sie wahrscheinlich genau das bewirken, was sie sollen: Sie entspannen den Leser. „Weil wir nicht offen über unsere frühen sexuellen Erfahrungen sprechen, oder sogar unsere sexuellen Erfahrungen überhaupt, meinen viele Menschen, ihre Erforschungen wären schmutzig oder pervers oder einfach komisch. Aber wenn man ein Gespräch anfängt, merkt man, dass viele von uns die gleichen Dinge getan haben und dass es keinen Grund gibt, sich zu schämen“, schreibt Shauna auf ihrer Website.

Sicher, noch ist ihre Seite ein kleines Projekt. Man kann nicht erwarten, dass es die nächste sexuelle Revolution einleitet. Aber richtig spannend wird es, wenn man sich ansieht, in welchem Kontext „Stumbling on Sexuality“ passiert. Denn Shauna Blackmon ist kein Einzelfall. Sie ist Teil einer wachsenden Bewegung junger Frauen, die auf eine neue Weise über Sex reden wollen. Und deren gesammelte Stimmen allmählich ziemlich laut werden. Sie melden sich zu Wort, weil sie finden, dass es verdammt noch mal an der Zeit ist, ehrlich über Sex und Körperbilder zu reden und darüber, wie kompliziert und manchmal auch schrecklich sich diese Dinge anfühlen können. Aber auch darüber, wie wenig pornomäßig durchstandardisierte Abläufe diesem bunten, abgefahrenen Ding namens Sexualität gerecht werden können. Sie wollen, dass wir aufhören, so zu tun, als wären wir sexuell längst total befreit und hätten keine wesentlichen Fragen mehr.

Den Anstoß der Bewegung lieferte die Regisseurin und Autorin Lena Dunham, Schafferin der HBO-Serie Girls, in der 2012 erstmals peinlich-realistischer Krampfsex in einer Mainstream-Serie gezeigt wurde. Schon die erste Folge schlug ein wie eine Bombe. Seit Girls tauchen auch in anderen Erfolgssendungen hängende Brüste, buschige Schamhaare und Hüftrollen auf. Da sind aber auch, um nur ein paar Beispiel zu nennen, Jessica Knoll, die den Bestseller „Luckiest Girl Alive“ (auf Deutsch: Ich. Bin. So. Glücklich.) geschrieben hat, in dem eine Gruppenvergewaltigung vorkommt, die Knoll als Teenager von 15 Jahren wirklich erlebt hat. Rachel Hills, die in „The Sex Myth“ analysiert, wie wir ein Bild von normalem Sex anhand von Durchschnittswerten und Statistiken schaffen, denen real fast niemand entspricht (hier habe ich sie interviewt). Die beiden New Yorkerinnen Krystyna Hutchinson und Corinne Fisher, die in ihrem Podcast „Guys We Fucked“ über alles von Schamhaarfrisuren bis zu Dauergeilheit reden. Und da ist die Comedian Amy Schumer, die sich vor fast einem Jahr in Vanity Fair mit einer brennenden Unterhose abbilden ließ (weil sie gerne und oft ihre „Vagina“ erwähnt und damit ihr prüdes Publikum erschreckt).

Wohlgemerkt: Diese Frauen verwenden keine Pseudonyme. Sie stehen mit ihren Gesichtern und ihren echten Namen hinter dem, was sie sagen. Und genau das gibt ihrer Arbeit eine solche Wucht.

Frauen sind ganz groß im Vortäuschen

Denn, das muss man leider auch sagen: Frauen sind traditionell oft nicht ehrlich, wenn es um ihr sexuelles Erleben geht. Wer das nicht glaubt, muss sich nur ansehen, wie viele Frauen ihren Orgasmus vortäuschen. Je nach Umfrage und Statistik geben bis zu 80 Prozent an, das mindestens einmal getan zu haben. Oder dass sie sogar regelmäßig vortäuschen. „Was sollen wir davon halten, dass so viele Frauen in unserer ach so 'befreiten' westlichen Gesellschaft immer noch meinen, diese Vorstellung abliefern zu müssen“, fragt die Psychologin Esther Perel, die durch den Paar-Ratgeber „Mating in Captivity“ weltweit bekannt geworden ist.

Das ist eine wichtige Frage. Und ein guter Grund, darauf zu hoffen, dass diese neuen, ehrlichen Frauenstimmungen ähnlich enttabuisierende Wirkung haben wie die Studentenbewegung der 68er und die Schwulenbewegung. Dass eine Diskussion über Sex immer auch politisch ist, wissen sie jedenfalls. Wie Jemima Kirke, eine der Hauptdarstellerinnen in Girls, Anfang dieses Jahres sagte: „Glauben Sie, dass Trump irgendeine von uns nackt sehen wollen würde? Die jungen Frauen, die Girls gucken, sind diejenigen, die jetzt auf der Straße und den Flughäfen protestieren. Ich freue mich, dass Trump jeden Morgen mit einer solchen Generation aufwacht.“


Redaktion: Esther Göbel; Bildredaktion: Martin Gommel; Produktion: Vera Fröhlich