In Sachsen müssen Muslime ihre Toten wie Christen begraben. Warum?

In Sachsen müssen Muslime ihre Toten wie Christen begraben. Warum?

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Nila und Nasir* stehen auf dem muslimischen Grabfeld des Leipziger Ostfriedhofs. Regungslos im Schnee. Die kleine Frau bedeckt ihren Kopf mit einem roten Tuch, ihr Mann trägt Oberlippenbart und Schiebermütze. Wie jeden Sonntag blicken die beiden auf das Grab mit der rosafarbenen Blume. Diesmal ist es schneebedeckt. Ein einzelner Baum steht kahl auf dem Friedhof.

Niemand sonst ist hier. Die meisten der 87 Gräber sind anonym, Steine liegen verstreut auf den wenigen aufgeschütteten Hügeln. 1997 wurde das Grabfeld auf Drängen des Leipziger Predigers und Imams Hassan Dabbagh eingerichtet. 470 Plätze sind noch frei, alle zeigen gen Mekka. Es gleicht mehr einem Acker als dem anliegenden, symmetrischen Ostfriedhof.

„Vor drei Jahren ist sie gestorben“, sagt Nila in gebrochenem Deutsch über ihre Tochter, die nur 24 Jahre alt wurde. Eine schwere Krankheit, mehr will das Ehepaar aus dem Irak nicht sagen. Seit 13 Jahren leben die beiden in Deutschland. Dass sie sich hier mit dem Sterben auseinandersetzen müssen, hätten sie nicht gedacht. Der Tod gehört zum Leben. Und der Tod hat auch etwas mit Heimat zu tun. Das klingt seltsam, weil Heimat ein Begriff geworden ist, der nach Bierwerbung riecht.

Aber für Nila und Nasri und viele andere Muslime hat es tatsächlich etwas mit Heimat zu tun, dass sie ihre Toten so bestatten können, wie es ihrem Glauben entspricht. Das geht auch fast überall in Deutschland ohne Probleme. In Sachsen nicht. Warum das so ist, sagt viel darüber aus, wie mit Minderheiten im Freistaat umgegangen wird. Es sagt aber auch einiges darüber aus, wie Muslime in Sachsen integriert sind.

Nila und Nasri hatten sich vor langer Zeit schon ein Familiengrab im Irak gekauft. Aber den Leichnam der Tochter dort hinzubringen, hätte Probleme mit dem Asyl gemacht, vielleicht hätten sie dann nicht nach Deutschland zurückkehren dürfen.

Sie waren überrascht, dass sie ihr Kind nicht selbst begraben können, dass es dafür Personal gibt. Die Kosten von 3.000 Euro überforderten die Familie. Das Sächsische Bestattungsgesetz befristet Gräber auf 20 Jahre. Will man die im Islam praktizierte ewige Ruhe einhalten, muss man dann noch einmal 401 Euro zahlen.

Auch den Sarg, in dem sie ihr Kind begraben mussten, fanden sie kurios. Von „diesem Holzhaus“ hatten sie noch nie gehört. Muslime bestatten ihre Toten traditionell in weißen Leinentüchern. Der Körper soll direkt mit der Erde verbunden sein, damit die Seele sich lösen kann. Nun liegt die Seele der Tochter in einem Kasten.

Eine Linke kämpft allein gegen Sargpflicht und Friedhofszwang

Holzsärge – bevorzugt fünf bis zehn Zentimeter dick, aus Sägemehl, Sägespänen oder Holzwolle – sind bei sächsischen Begräbnissen Pflicht. Der Paragraph 16 des SächBestG ist eine Ausnahme in Deutschland. Nur Bayern und Sachsen-Anhalt haben ähnliche Vorschriften.

Marion Junge will den Paragraphen 16 loswerden. Die Landtagsabgeordnete der Linken fordert, die Sargpflicht und den Friedhofszwang abzuschaffen und will bis 2018 einen Änderungsantrag für den seit 1994 bestehenden Gesetzestext in den Landtag einbringen. „Wir möchten da eine Modernisierung haben. Unser Anliegen ist es, eine selbstbestimmtere Form der Bestattung zu finden.“

Konkret spielt sie dabei auf alternative Begräbnisse an. Jeder Bürger soll unter die Erde kommen, wie und wo er möchte. „Wir wollen, dass alle Religionen hier gleichberechtigt leben können. Da gehört aus meiner Sicht auch das Sterben dazu“, sagt die Politikerin. Damit steht sie in der sächsischen Politik ziemlich allein da.

Während sich die SPD noch nicht mit dem Thema befasst hat, sehen CDU, AfD und Landeskirche keinen Regelungsbedarf. Zu einer Änderung will es Uwe Wurlitzer (AfD) nicht kommen lassen. „Es kann nicht sein, dass wir hier gehorsam unsere Gesetze ändern, damit Zuwanderer ihre Bräuche pflegen können“, meint der Landtagsabgeordnete. Christliche Tradition ist sein Stichwort. Damit argumentiert auch die sächsische Landeskirche. Der Sarg gehöre eben dazu. Traditionen ließen sich nur schwer umkrempeln.

Doch die klassische Sargbeerdigung ist längst nicht mehr Tradition, weder in Sachsen noch in ganz Deutschland. Weniger als ein Viertel der Deutschen wünscht sich noch ein traditionelles Sarggrab, fand die Verbraucherinitiative Aeternitas heraus. In Sachsen sind es sogar nur noch 13 Prozent, dagegen wünschen sich 85 Prozent eine Urne.

Dass ein Gesetz christliche Tradition wahren soll, kann Said Ahmed Arif nicht nachvollziehen. Der Imam der Ahmadiyya Moschee in Leipzig trennt eindeutig: „Meiner Meinung nach stellen christliche Traditionen keine staatlichen Normen dar, und Gesetze dürfen sie schon gar nicht beeinflussen.“

Wenngleich Deutschland kein vollkommen laizistischer Staat ist und Sonderregelungen wie Kirchensteuer oder verpflichtender Religionsunterricht existieren, gilt kein Kirchen-Gesetz für die deutsche Bestattungskultur. Ahmed Arif betont, dass auch muslimische Richtlinien Gesetze ebenso wenig beeinflussen sollten.

CDU-Politiker befürchtet Umweltbelastung durch sarglose Leichen

Martin Modschiedler sitzt für die CDU im Landtag in Dresden und spricht sich aus Sorge um die Umwelt gegen eine Gesetzesänderung an. Er spricht von „gewaltigen“ Bodenbelastungen durch die sarglosen Leichen. Schadstoffe, Grundwasserverschmutzung, Wachsleichen. Experten sehen das anders: „Ob mit oder ohne Holz, funktioniert die Zersetzung von organischer Substanz im Boden sehr zuverlässig“, sagt Professor Hans-Jörg Vogel, Bodenphysiker am Leipziger Umweltforschungszentrum.

Laut Geophysiker Friedmann Sandig liegt das Problem vielmehr beim Sarg: „Er besteht aus Pressspanholz, oft aus irgendwelchen Klebstoffen. Wenn, dann stören die das Bodensystem.“ Eine Wasserverschmutzung sei ebenfalls nicht zu befürchten: Friedhöfe liegen meist fern von Grundwassergebieten.

Gelangt zu wenig Sauerstoff an einen toten Körper, werden Körperfette zu einer wachsähnlichen Schicht umgebildet, die den Verwesungsprozess stoppt. Nicht nur die Holzkiste, wie es die Gesetzes-Befürworter sagen, sichert Sauerstoff, sondern auch der muslimische Ritus. Der Körper wird in einen seitlichen Schacht gelegt, bevor ihn Erde bedeckt. Das Phänomen der sogenannten Wachsleichen tritt, wenn überhaupt, aufgrund von Bodenbeschaffenheiten auf, meint Vogel.

Bislang wünschen sich fast alle Türken eine Bestattung in der Heimat

Muhammad Seçkin sitzt auf dem rot-gemusterten Teppichboden in der Leipziger Takva Moschee. Ein unscheinbares Betonhaus mit hellgelbem Anstrich, ohne Minarett oder Kuppel. Auf dem Hof spielen Kinder, es ist mehr ein Gemeindetreff. „Da gibt es ein Gesetz? Das muss man machen mit dem Sarg? Wusste ich nicht“, sagt der gebürtige Türke.

Fünf Todesfälle gab es in seiner Gemeinde bisher. Die Verstorbenen wurden alle in die Türkei geflogen. Heimaterde. „Das wird sehr oft gemacht, zurzeit etwa 99 Prozent.“ Die Gemeindemitglieder seien alle sehr jung – seine kleine Tochter hüpft während des Interviews um ihn herum. Die Sargpflicht ist eine Zukunftsproblematik.

Dieses Zukunftsthema ernster zu nehmen, wünscht sich Islamwissenschaftler Martin Zabel von der Universität Leipzig. In Migrationsfamilien ließen sich die Kinder und Enkel eher in Deutschland bestatten als die Eltern. Das gleiche gelte für Flüchtlinge, die in Deutschland eine neue Heimat fänden. Die Zahl der Muslime steigt auch in Sachsen. In Chemnitz und Leipzig sollen zwei neue Moscheen entstehen.

Zudem wird es in Zukunft eine Rolle spielen, dass das Sozialamt eine Rückführung des Leichnams nicht bezahlt. Zabel sieht Entwicklungsbedarf: „Es gibt bis heute kein dezidiert muslimisch geprägtes Bestattungsunternehmen in Sachsen.“

Viele Muslime kennen die Grabfelder in Leipzig oder Dresden gar nicht

Hinzu komme, dass viele Muslime gar nicht vom Grabfeld in Leipzig oder dem zweiten mit immerhin 70 Plätzen in Dresden wüssten. Das ist erstaunlich, sind seit der Schaffung des Leipziger Feldes doch bereits 20 Jahre vergangen. Das Dresdener wurde 2012 geschaffen. Aufklärung gibt es von den Stadtverwaltungen, die die Felder betreiben, und den 16 Moscheen in Sachsen demnach vielleicht zu wenig. Vielleicht ist das Interesse auch gar nicht sehr groß. Normalität ist das Zusammenleben von Muslimen und Nicht-Muslimen in Sachsen längst nicht. Warum sollte es im Tode viel anders sein?

Ich hätte mich gern ausführlicher mit Nila und Nasir unterhalten. Aber sie haben nie auf meine vielen Versuche, mit ihnen Kontakt aufzunehmen, reagiert. Auch mit dem Imam Hassan Dabbagh, der das Grabfeld in Leipzig auf den Weg gebracht hat, kann ich mich trotz gefühlten hundert Versuchen letztlich doch nicht treffen.

Muslimen fehlt eine Lobby in Sachsen. Eine solche trieb die Abschaffung der Sargpflicht in den anderen Bundesländern an. Mit dem bundesweit niedrigsten Bevölkerungsanteil von 0,48 Prozent ist das schwierig. So kommt es auch, dass auch Linke-Politikerin Marion Junge sich vordergründig für jene einsetzt, die Alternativen wie Bestattungswälder wollen. Muslimische Bestattungen blieben immer „Einzelbedarf“, sagt sie.

„Wenn es die Möglichkeit gibt, das gesetzlich so zu ändern, dass man den Muslimen entgegenkommt, dann würde ich das befürworten“, sagt Said Ahmed Arif. In seiner Gemeinde gab es ebenfalls wenige Verstorbene, doch ließen sich die meisten hier begraben. Gezwungenermaßen im Sarg.

Vielleicht lassen sich auch irgendwann Nila und Nasir in Leipzig bestatten. Um nahe bei der Tochter zu sein. Es sind nicht immer nur die Lebenden, die darüber bestimmen, wo jemand seine Heimat hat.

*Namen geändert


Zusammen mit Regina Steffens haben den Text erarbeitet Constanze Kainz, Jana Lapper und Maximilian König im Zuge eines Rechercheseminars der Universität Leipzig; redaktionelle Unterstützung kam von Christian Gesellmann, gegengelesen hat Vera Fröhlich. Das Aufmacherbild hat Christian Gesellmann ausgesucht (Wikipedia, Achim Raschka, CC-BY-SA-3.0)