„Es gibt eindeutig Schüler, die ich aufgegeben habe“

„Es gibt eindeutig Schüler, die ich aufgegeben habe“

, etwa %minutes% Minuten Lesedauer

„Madame, was heißt 'trostlos'?“ - „Traurig“, antwortet die Lehrerin. Auch bei den Wörtern „Tumult“ und „bicêtre“, ein altes französisches Wort für „Unglück“, verziehen die Schüler das Gesicht. Mélanie Clément sitzt auf der Kante des Lehrerpults und überwacht ihre neunte Klasse, ermutigt die einen, beantwortet die Fragen der anderen. „Shérazade, hast du einen Stift? Komm schon, mach deine Kreuze!“

Die Jugendliche hängt seit ungefähr zehn Minuten träge auf ihrem Stuhl ganz hinten im Klassenzimmer und schaut ins Leere. „Was Du nicht weißt, lässt Du aus“, sagt die Lehrerin. Das Mädchen nickt folgsam. Das hindert es aber nicht daran, einen Moment später bei ihren Nachbarinnen nach den richtigen Antworten zu schielen.

Es ist die letzte Klassenarbeit des Jahres. Um ihre Truppe zu motivieren, erinnert die Lehrerin alle daran, was auf dem Spiel steht: In einem Monat werden sie das „Brevet“ schreiben, die Abschlussprüfung für die mittlere Reife der Realschule, die in Frankreich „Collège“ heißt. Anschließend wird die Notenkonferenz über die weitere schulische Laufbahn jedes Schülers beraten. Nur zwei Prüfungen noch, und ihr Alltag als „Collégiens“ wird ein für alle Mal vorbei sein.

Klassenarbeit

Image caption: Klassenarbeit

Bis zur neunten Klasse ist die Ausbildung in Frankreich für alle Schüler gleich, aber nach Abschluss des Collège trennen sich die Wege. Die Besten bereiten am „Lycée“ die allgemeine Hochschulreife (Baccalauréat) vor. Die anderen besuchen eine berufsorientierte Oberstufe, die sie dann mit einem Ausbildungsabschluss oder dem Fachabitur beenden.

Die Erinnerung daran weckt die Klasse endlich auf, jeder schreibt jetzt eifrig. Die Pausenglocke verscheucht die Ängste. Die Bögen werden eingesammelt und die Schüler stürzen die Treppen hinunter.

Fünf Gebäude für 450 Schüler, eingepfercht zwischen der Autobahn und den Wohnblocks der Vororte Consolat und Calade: Willkommen am Collège Arthur Rimbaud.

84,1 Prozent der Eltern sind Arbeiter oder nicht berufstätig

Die Statistik dieser Schule beschreibt eine harte Realität beschreiben: 84,1 Prozent der Eltern sind Arbeiter oder Arbeitslose, auf nationaler Ebene sind es nur 35,1 Prozent. Acht von zehn Schülern erhalten eine staatliche Förderung. Mélanie Clément ist sich dessen bewusst und widmet Sheharazade, Johan, Naïma, Kenza, Vedat und ihren Mitschülern extra Aufmerksamkeit auf der Zielgeraden des Collège.


Teil 5 unserer Frankreich-Reihe: Bis zum Beginn der Präsidentschaftswahl Ende April veröffentlicht Krautreporter jede Woche eine neue Reportage über die Konflikte, Sehnsüchte und Unsicherheiten unserer Nachbarn auf der anderen Seite des Rheins. Eine Zusammenarbeit mit unserem französischen Partnerprojekt Le Quatre Heures.


Seit sechs Jahren unterrichtet Mélanie Clément hier Französisch. In einer Einrichtung, in der die meisten Lehrer schnell weiterziehen, gehört sie damit schon zu den Alteingesessenen. „Das macht die Dinge einfacher. Ich konnte zu den Schülern ein Vertrauensverhältnis aufbauen. Manche von ihnen kenne ich schon seit der sechsten Klasse“, sagt sie. Um die dreißig, wirkt sie in ihren Jeans und ihren Converse-Schuhen selbst noch jugendlich. „Hier brauchen sie dich mehr als anderswo, weil sie kulturell und familiär weniger umsorgt sind. Ich glaube, dass ich hier mehr bewirken kann, als wenn ich an einem 'normalen' Collège lehren würde“, meint sie.

Die Lehrer können nicht ständig komplexe Wörter erklären

„Die französische Sprache ist das größte Problem“, sagt Pierre Martin, der Geschichte und Erdkunde unterrichtet, seine Aktentasche in der Hand. In seiner Stimme schwingt Bedauern mit. „Unter sich sprechen die Schüler nicht immer Französisch, und abends mit ihren Eltern meistens auch nicht. Im Fernsehen schauen sie Reality Shows an, die ja auch nicht gerade dafür bekannt sind, dass sie den Wortschatz bereichern! Aber das große Problem ist, dass sie gar nicht mehr lesen.“ Mélanie Clément fügt hinzu: „Leider benutze ich im Unterricht auch keinen besonders komplexen Wortschatz. Ich würde zu viel Zeit damit verlieren, ständig die Wörter erklären zu müssen.“

Die beiden Kollegen sind auf dem Weg zum Lehrerzimmer. Dort stehen die Lehrer am Kaffeeautomaten Schlange und unterhalten sich fast so laut wie die Schüler draußen. Die meisten sind unter 30, das Collège ist ihr erster Arbeitsplatz. Sie genießen die Pause, in der sie sich auf der Terrasse hinter dem Lehrerzimmer in der Sonne aalen. Vom Lärm des Pausenhofs ist hier fast nichts mehr zu hören.

Die Pause, für die Schüler sind das zehn Minuten anhaltendes Stimmengewirr, in dem sich Lachen, Schreie, brummende und schrille Stimmen sowie mahnende Worte der Lehrer vermischen. Hier und da bilden sich Gruppen. Es wird diskutiert, gekichert, taxiert und geflirtet. Die kleine Menge der Schüler glüht unter den mal amüsierten, mal genervten Blicken der Aufseher. Es gibt zehn von ihnen, die alle Vollzeit arbeiten, das ist eine deutlich höhere Zahl als an anderen Collèges. „Das kann hier schnell außer Kontrolle geraten. Wenn man nach Hause kommt, ist man ausgelaugt“, gesteht Audrey, eine hübsche Blondine, die seit einem Jahr hier arbeitet.

Neben ihr sitzt Karen, die amüsiert hinzufügt: „Als ich angekommen bin, hat man mir gesagt: 'Du wirst sehen, es ist hart, aber pass auf: Jeden Tag wird es eine magische Minute geben.' Und es stimmt.“ Sobald sie ihren Satz beendet und ihre Zigarette ausgedrückt hat, steht sie auf. „Ich muss jetzt da hinten am Eingangsportal sein.“ Ihren Kollegen Alex scheint die Arbeit stärker mitzunehmen. „Wenn die Kinder leiden, kriegt man das alles ab. Manchmal ist es hart, sogar körperlich“, stammelt er, die Hände verkrampft.

Naïma ist ruhiger geworden, aber lässt sich nicht alles bieten

Die Neuntklässlerin Naïma steht alleine gegen eine Wand gelehnt. Mit erhobenem Kopf und gerunzelter Stirn beobachtet sie die Lästereien und Streitereien der anderen. Sie ist Anfang Februar neu ans Collège Arthur Rimbaud gekommen. Es ist schwierig, mitten im Schuljahr seinen Platz zu finden. „Ich finde diese Klasse laut. Früher war ich wie sie, ich hab Probleme gemacht. Aber meine Tante hat mir gedroht. Beim ersten Fehltritt schicke ich dich zurück nach La Réunion, hat sie zu mir gesagt. Also bin ich ruhiger geworden. Aber keiner braucht glauben, dass er mir blöd kommen kann.“ Den Fehler hat am Vortag Johan gemacht, der ein bisschen wie ein Teddybär aussieht und in Französisch zwei Reihen vor ihr sitzt. „Halt's Maul, Süßkartoffel“, motzte er sie mitten im Unterricht an. Ohne zu zögern sprang Naïma auf und stürzte auf ihn zu, bereit, zuzuschlagen. Der Lehrer schaffte es gerade noch, für Ordnung zu sorgen.

Naïma ist auf der Insel Mayotte zwischen Afrika und Madagaskar geboren, aber auf der Insel La Réunion aufgewachsen – einer Insel im Indischen Ozean, die zu Frankreich gehört. Naïma lebte dort mit ihrer Mutter und ihren neun Brüdern und Schwestern in einer Wellblechhütte. Fragt man sie nach ihrem Vater, sagte ausweichend: „Den kenne ich nur vom Telefonieren.“ Eines Tages, sie ist in der vierten Klasse, ist sie mit ihrem kleinen Bruder allein zu Hause. „Er hat ein Streichholz genommen und die Matratze angezündet. Das Haus ist vollkommen abgebrannt. Ich, total bescheuert, hab nur einen Pyjama mitgenommen. Wir haben alles verloren, sogar unsere Pässe. Zum Glück ist uns nichts passiert, aber es tut mir leid, dass ich nicht mehr gerettet habe.“

Image caption: "Ich muss auf mich aufpassen", sagt Naima.

Vergangenes Jahr rief ihre Tante, die im französischen Mutterland wohnt, bei Naïmas Mutter an. „Ich bin schwanger. Kann Deine Tochter kommen und mir helfen?“ „Ich hatte Lust“, sagt Naima, „Einfach so, just for fun.“ Sie denkt nach und seufzt. „Ich muss auf mich aufpassen. Ich habe Angst, mich von den anderen mitreißen zu lassen. Es ist der Endspurt der neunten Klasse und ich möchte ein besseres Leben.“

Am Ende der neunten Klasse können die französischen Schüler auf einem Formular ihre Präferenzen für die Oberstufe angeben, über die dann am Schuljahresende die Notenkonferenz anhand der Leistungen positiv oder negativ entscheidet. Naïma hat „berufsorientierter Zweig“ angekreuzt. „Der allgemeinbildende Zweig ist zu hart. Da werden sie mich fressen“, sagt sie und lächelt breit. Sie ist gut in Spanisch und hofft, im Tourismus arbeiten zu können, „um ein bisschen herumzukommen“. Ihre anderen Optionen? „Als zweite Wahl habe ich Rezeptionistin und als dritte das soziale Fachabi angegeben.“

Sie wohnt in Bougainville, einem Viertel, das eine halbe Stunde vom Collège entfernt liegt. Auf dem Heimweg fährt ihr Bus oft an den Überresten brennender Autos vorbei. Das Haus, in dem sie wohnt, ist in einem schlechten Zustand. Das Mädchen schläft mit ihrer Tante im selben Bett und erzählt von Kakerlaken, Rissen in den Wänden und Stromausfällen. „Die Wohnung ist seltsam“, sagt sie schamhaft. Jeden Abend hilft sie ihrer Tante: Haushalt, Kochen, Einkaufen.

„Die Schule ist wichtig. Sonst endet sie als Analphabetin wie ihre Mama“, sagt die Tante. Deren praller, von einem Hüfttuch umhüllter Bauch zeigt, dass die Entbindung kurz bevorsteht. Ihre Stimme ist schleppend und müde. Seit einem Jahr ist sie arbeitslos und lebt von Sozialhilfe. „Wenn Naïma ausgeht, ruft ich sie oft an, weil ich nicht will, dass sie draußen rumhängt. Das sind hier schwierige Viertel. Heutzutage bringen sich die Leute ja wegen irgendwas um.“

Immer wieder registriert das Polizeipräsidium von Marseille Todesfälle im Milieu des Drogenhandels und des organisierten Verbrechens.

Die Lehrerin will und kann keine Sozialarbeiterin sein

Angesichts dieser Tatsache gilt für Mélanie Clément eine goldene Regel: ihre Rolle als Lehrerin nicht mit der einer Sozialarbeiterin zu verwechseln. „Man kann nichts tun gegen die Lebensweise der Menschen. Ich versuche wirklich, mich auf den Bildungsaspekt zu konzentrieren. Mir ist zum Beispiel bewusst, dass Naïma zu Hause viel mit anpacken muss. Aber was, wenn ich etwas dagegen sagen würde, und ihre Tante würde sie dann zurück nach La Réunion schicken? Wäre das nicht noch schlimmer? Ich weiß es nicht, also sage ich nichts und verhalte mich meinen Schülern gegenüber so, wie an irgendeinem anderen Collège.“

Auf dem Schulhof kommen Kenza, Nassima, Sélina, Amel, Élisa und Shérazade mit ihren Freundinnen aus den anderen Klassen zusammen. Sie hängen ständig miteinander herum. Sie reden darüber, dass sich das Schuljahr mit großen Schritten dem Ende nähert. Kenza, eine lange Bohnenstange mit Lockenmähne, ist die Klassenbeste. In Frankreich wird nach einer Notenskala von 0 bis 20 bewertet, wobei 20 die beste Note ist. Kenzas Durchschnitt von 18 ist hier die Ausnahme. „Was hast du vor“, fragt sie Amel und kaut auf ihrem Kaugummi. „Keine Ahnung“, sagt Amel. „Es ist Zeit, dass Du Dir Gedanken machst, es ist schon Anfang Juni“, gibt Kenza trocken zurück.

Kenzas Vater ist Arbeiter, ihre Mama ist Hausfrau. Die Musterschülerin setzt sich immer in die erste Reihe, neben Yacine, einen großen Kerl, der auch den Auswahlkomitees der Fußball-Ausbildungszentren aufgefallen ist. Kenza lässt sich selten vom Lärm ablenken, der aus den hinteren Reihen nach vorne dringt. Ab und zu wendet sie trotzdem den Kopf, um über die Witze der einen, die Provokationen der anderen zu lachen.

Bei Kenzas Mama wecken ihre Leistungen Stolz und Erleichterung. „Als wir in Marseille angekommen sind, hat man mir davon abgeraten, sie am 'Arthur Rimbaud' einzuschreiben, aber es war die Schule, der unser Viertel zugeordnet war. Ich hatte nicht wirklich eine Wahl. Ich bereue es nicht, es läuft sehr gut. Die Lehrer sind sehr engagiert. Sie hat gute Noten und ich unterstütze sie so, gut ich kann. Ich schaue ihre Hausaufgaben durch. Wenn sie einen Fehler gemacht hat, fängt sie nochmal an. Wenn der Fehler beim zweiten Mal immer noch da ist, bittet sie den Lehrer um Hilfe.“

Kenza (links)

Image caption: Kenza (links)

Wer nicht funktioniert, fliegt vor die Tür

Es ist 14 Uhr. Die Schüler finden sich zur Geschichts- und Erdkundestunde bei Pierre Martin ein. Mit theatralischen Gesten dirigiert der Lehrer von seinem Podest aus ungerührt die Klasse. Bilel, der Anführer der Unverschämten, wird schnell des Raums verwiesen. Zornig schlägt der Junge die Tür zu. Den Rest der Stunde wird er draußen auf dem Gang damit verbringen, auf seinem Handy zu spielen. „Der Unterricht ist mir egal. Aber es nervt mich, dass er mich vor die Tür schickt. Ich hab nichts gemacht“, klagt er.

Thema der heutigen Stunde: das Vichy-Regime. Die Schüler scheinen interessiert. Shérazade hat allerdings nach zehn Minuten immer noch nicht ihre Schulsachen aus der Tasche geholt. Sie ist in eine Diskussion mit ihrer Banknachbarin Amel vertieft. „Wenn Du nochmal quatschst, fliegst Du raus“, droht Pierre Martel. Um 14.40 Uhr erwischt er Shérazade erneut beim Tuscheln mit Amel. Er wirft sie raus. Sie ist die dritte Schülerin, die an diesem Tag vor die Tür muss.

„Es gibt eindeutig Schüler, die ich aufgegeben habe“, gibt der Geschichts- und Erdkundelehrer zu. „Nachdem ich Shérazade vor die Tür geschickt hatte, hat Amel sehr gut mitgearbeitet. Ich habe die eine geopfert, um die andere zu retten. Mit Shérazade haben wir alles versucht, vor allem Nachhilfestunden. Sie wollte nichts davon wissen. Wenn der Schüler nicht ein Minimum an Einsatz zeigt, kann man nichts machen. Wir haben entschieden, uns auf den Rest der Gruppe zu konzentrieren.“

Die Aufseherin spricht von einem Teufelskreis

Mit dieser Meinung ist er nicht allein. Das ganze Lehrerkollegium ist sich einig. „Wenn man sie vom Unterricht ausschließt, kümmern sich die Aufseher um sie. Die einfachste Lösung, um mit dem Unterricht weitermachen zu können, ist, die Störer rauszuwerfen. Aber es ist auch ein bisschen ein Teufelskreis“, erklärt Ridaï, eine junge Aufseherin mit Kurzhaarschnitt. „Das ist ein Schwachpunkt des Systems“, meint Audrey. „Die, die untergehen, gehen so oder so unter.“

„Es ist normal, dass ich rausgeworfen werde. Ich bin nicht sehr nett“, seufzt die junge Rebellin mit gesenktem Blick. „Amel sagt manchmal zum Spaß, dass ich im Gefängnis enden werde.“ Shérazade würde lieber eine Ausbildung zur Kosmetikerin machen. Aber die junge Franko-Algerierin ist sich bewusst, dass es mit ihrem Notendurchschnitt von 4 schwer wird, ihr Ziel zu erreichen. „Ich bin mir selbst böse dafür, dass ich nicht gelernt habe. Ich versuche nicht mal, mich anzustrengen.“ Warum? Sie zuckt die Schultern. „Keine Ahnung.“

 Shérazade

Image caption: Shérazade

Vor neun Monaten hätte das Leben der Schülerin fast eine andere Wende genommen. Zwei ihrer Freunde sind Späher für die Gangsterbosse des Viertels geworden. Sie bekamen ein Tagesgehalt von 150 Euro dafür, auf einem Hocker zu sitzen. „Früher bin ich mit ihnen abgehangen. Sie werden mir fehlen, aber es stimmt schon, dass sie kein guter Umgang für mich sind.“

Dann gibt es noch diejenigen, die man nie sieht, genannt „die Gespenster“. „Dieses Jahr habe ich zwei in der Klasse“, erzählt Mélanie Clément. „Die eine hat den Unterricht nach einiger Zeit aufgegeben. Manche fürchten, dass sie Drogen nimmt oder auf den Strich geht. Die andere gehört zu den Sinti und Roma und kommt nur für die Kunststunde vorbei.“

Den stellvertretenden Schulleiter Emmanuel Têtu überrascht das nicht. „Diese Kleinen wissen, dass sie immer bei einem Onkel oder einem Nachbarn arbeiten werden. Bei einer mehr oder weniger ehrlichen Arbeit.“ Stille. „Ich denke dabei nicht an Diebstahl“, fügt er schnell hinzu, „sondern an körperliche Arbeit, wie ungelernte Maurer.“

Emmanuel Têtu versichert, seit seiner Ankunft hier sein Bestes getan zu haben, um schulisches Versagen und Schulabbrüche zu verhindern. Der ehemalige Mathelehrer hat festgestellt: „Die Kinder kommen meistens aus einem sozialen Umfeld, in dem Papa und Mama keine lange Ausbildung hinter sich haben. Das hat die Kinder geprägt und sie haben keinen Ehrgeiz. Also wollen auch wenige das allgemeinbildende Abitur machen.“ Das übrige Lehrerkollegium teilt dieses Gefühl. „Wir wissen, dass die allgemeinbildende Oberstufe für die meisten schwierig wäre. Wird das Kind das durchhalten? Kann die Familie finanziell dafür aufkommen“, fragt sich Mélanie Clément.

Der Vater möchte den Sohn im Familiengeschäft haben

Die große Armut in diesen Vierteln fördert keinen allgemeinen Optimismus. Für den Vater von Yacine, der Fußballer werden möchte, sind die Dinge klar: „Was bringt es, wenn ich meinen Sohn dazu antreibe, lange zu studieren, wenn er dann am Ende arbeitslos ist?“ Wenn es nach ihm geht, soll Yacine lieber eine Ausbildung im Familiengeschäft machen, einem Motorradladen. „Mir ist es lieber, wenn mein Sohn sich mit seinen eigenen Händen helfen kann und niemandem etwas schuldig ist“, erklärt sein Vater. Diese Strategie würde es seinem Sohn auch erlauben, sich weiterhin auf den Fußball zu konzentrieren – in der Hoffnung, eines Tages einem großen Verein beizutreten. „Warum nicht Olympique Marseille?“, schlägt sein Vater lachend vor.

„Yacine ist für mich eine Enttäuschung“, gibt Mélanie Clément zu. „Er hätte ohne Weiteres die allgemeinbildende Oberstufe anstreben können. Er hat sich mit dem zufrieden gegeben, was man ihm eingeredet hat. Jetzt macht er es sich einfach und das ist schade.“

Amel und ihre Mutter

Image caption: Amel und ihre Mutter

Nur noch ein Monat trennt Yacine und seine Mitschüler von der Abschlussprüfung. Die letzten Termine, um mit den Familien über die künftige schulische Orientierung der Jugendlichen zu sprechen, sind vereinbart. Im Laufe des Jahres gibt drei von diesen Terminen. „Das sind wichtige Momente, weil die Eltern mit der Entscheidung oft überfordert sind. Oft bin ich es, die für sie bei den Gymnasien anruft und den Schülern hilft. Mit einer Mama habe ich vier oder fünf Termine ausgemacht, aber sie ist nie aufgetaucht“, erzählt Mélanie Clément.

„Shérazade will eine Ausbildung zur Kosmetikerin machen“, ruft uns der stellvertretende Schulleiter in Erinnerung. „Aber da gibt es viel Konkurrenz. Sie wird es vielleicht nicht schaffen. Also wird sie sich um eine Ausbildung zur Wäscherin bewerben, wo die Konkurrenz nicht so groß ist. Wenn sie die Ausbildung mal angefangen hat, kann sie am Ende des ersten Jahres intern beantragen, in den von ihr gewünschten kosmetischen Zweig zu wechseln.“

Vedat ist brillant, aber eben kein Franzose

Vedat dagegen wird das Gymnasium Nord besuchen. Er ist der Stolz des Collège. Als Sohn kurdischer Einwanderer ist er 2004 angekommen, er konnte kein Wort Französisch. In den Naturwissenschaften zeigte er sich als brillanter Schüler. Sein Vater Yuksel, ein Bauarbeiter mit perfekt gestutztem Schnurrbart, regt sich auf: „Ich wollte ihn an das militärische Gymnasium in Aix schicken. Aber sie haben mich abgewiesen, weil er nicht die französische Staatsbürgerschaft hat. Finden Sie das normal?“

Vedat

Image caption: Vedat

Ihr kleines Haus liegt eingepfercht zwischen den Hochhäusern der Vorstadt Consolat. „Als ich es gekauft habe, wusste ich nicht, auf was ich mich einließ. Und keiner hat mich gewarnt! Ich wusste nur, dass es hier günstiger war als in den südlichen Vierteln. Jetzt müssen wir den Kredit zurückzahlen und sitzen hier fest“, schnauft Yuksel. Er ist in seiner Straße schon mehrmals angegriffen worden. Er spornt seine Kinder an, sich hohe Ziele zu stecken. „Ich will, dass sie gute Berufe ergreifen, wie Arzt oder Anwalt, und nicht wie ich den ganzen Tag auf der Baustelle arbeiten müssen. Und das Viertel ist dafür nicht gut.“ Vedat fragt seinen älteren Bruder: „Wie kommt es, dass die Franzosen keine guten Noten haben? Für mich ist das normal. Ich musste gleichzeitig Französisch lernen. Aber die Franzosen?“

Erinnerung an die Schulzeit

Zwei Wochen vor der Notenkonferenz schreiben die Schüler ihre letzte Geschichts- und Erdkundeprüfung. Amel und Shérazade, die zu spät kommen, werden des Klassenzimmers verwiesen, Johan, der ein bisschen wie ein Teddybär aussieht, wird beim Spicken erwischt. Pierre Martin lässt ihn die Prüfung zu Ende schreiben, bevor er ihn am Ende der Stunde persönlich ins Gebet nimmt. „Paradoxerweise ist es eher ein gutes Zeichen, wenn ein Schüler spickt. Das heißt, dass er gut abschneiden will“, meint er.

Als einer von wenigen in der Klasse weiß Johan genau, was er werden will: Krankenpfleger. „Meine Großmutter war Pflegerin, mein Onkel und meine Tante arbeiten auch im Krankenhaus, und wenn ich sie besuche, fühle ich mich wohl.“ Um am Auswahlverfahren für Krankenpfleger teilzunehmen, braucht man ein allgemeinbildendes Abitur. Aber für eine allgemeinbildende zehnte Klasse steht Johan mit seinen Noten auf der Kippe. „Wenn ich nicht in die allgemeinbildende Zehnte gehen kann... Ich denke lieber gar nicht darüber nach. Ich müsste alle meine Pläne ändern“, sagt er besorgt.

Die Notenkonferenz fällt die Urteile

Der große Tag der Notenkonferenz ist gekommen. Er wird von Schülern und Lehrern gleichermaßen ersehnt und gefürchtet. Der Schulleiter legt Wert auf eine nichtöffentliche, schulinterne Sitzung. Auch Journalisten dürfen diesmal nicht zuhören. „Ihre Anwesenheit könnte die Debatten verfälschen“, rechtfertigt er sich, bevor er die Tür schließt, um mit der Konferenz zu beginnen.

Zwei Stunden später verlässt der Klassensprecher Ramzy als Erster den Saal, sichtlich schockiert. Er gehört zu den Schülern, die Pech hatten. Mit trockener Kehle flüstert er: „Ja, ich bin enttäuscht, nicht die allgemeine Oberstufe besuchen zu dürfen. Das ist hart. Ich werde eine andere Lösung finden müssen, um Sportlehrer zu werden.“ Sein Durchschnitt liegt bei ungefähr 10. Ein paar Jahre zuvor haben seine beiden großen Schwestern, auch ehemalige Schülerinnen am Arthur Rimbaud, dieselbe Enttäuschung erlebt.

„Mir haben sie gesagt: Nein, nein und nochmals nein fürs allgemeine Abi. Als ich dann in der berufsorientierten Oberstufe war, haben die meine Noten gesehen und mich gefragt: 'Was machst du hier'“, erzählt seine ältere Schwester. „Das ist das Problem hier. Sie ermutigen die Schüler nicht, in die allgemeinbildende Oberstufe zu gehen.“ „Aber wir wollen uns nicht mit dem Collège anlegen“, vertraut uns die Mutter an. „Wenn es nicht klappt, habe ich Angst, dass das auf meinen Sohn zurückfällt, und er ist jetzt schon sehr ängstlich. Ich hätte Angst, dass er total das Selbstvertrauen verliert.“

Ramzy ist nicht der Einzige, der enttäuscht wurde. Von den 19 Schülern der Klasse wurde noch zwei anderen der Übertritt in die allgemeinbildende zehnte Klasse versagt. Sechs wurden aufgenommen. Kenza, eine der wenigen, die sich weiter weg beworben hat, wird als einzige die nördlichen Viertel verlassen und ihre Schullaufbahn am Montgrand-Gymnasium fortsetzen, einem gefragten Établissement im Zentrum der Stadt. Sieben werden das Fachabi vorbereiten, drei eine Ausbildung machen.

Aber fragt man Mélanie Clément, ob sie nicht manchmal den Eindruck hat, ihren Schülern zu schaden, wenn sie sie in die berufsorientierte zehnte Klasse schickt, erhält man ein entschiedenes Nein. „Im Gegenteil. Ich habe an viele Schüler geglaubt, die am Gymnasium abgestürzt sind. Mir ist es tausendmal lieber, wenn sie ihr Fachabi gut schaffen. Das ist nicht das Abstellgleis, für das manche es halten.“

Auf dem Vorplatz des Collège wartet Ramzy ein bisschen, bevor er sein Handy herausholt, um Johan anzurufen, denjenigen, der Krankenpfleger werden will. „Ich lasse ihn fertig essen, bevor ich ihm die schlechte Nachricht überbringe.“


Unser Partnermagazin „Le Quatre Heures“ in Paris verfolgt das Konzept der „Slow Info“. Einmal im Monat veröffentlicht ein Team junger Reporterinnen und Reporter ausgeruhte Reportagen über Themen, Orte und Menschen, die sonst nicht häufig in den Medien vorkommen. Wie Krautreporter ist der Journalismus von „Le Quatre Heures“ werbefrei und nur von den Lesern finanziert. Wer möchte, kann hier Mitglied werden.

Fotos: Ulysse Mathieu; Übersetzung: Luisa Marie Schulz; Redaktion: Theresa Bäuerlein; Fotoredaktion: Martin Gommel; Produktion: Vera Fröhlich.