Kindererziehung

Was willst du für dein Kind – Anstand oder Karriere?

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Kinder haben ein feines Gespür für richtiges und falsches Verhalten. Den Rahmen dafür stecken Eltern, später auch Erzieher und Lehrer ab. Kinder haben sehr gute Antennen für das, was ihre Eltern erwarten, aber auch für das, was sie gerne vor ihnen verbergen würden. Sie merken sehr schnell, wenn ihr Vater es heimlich eigentlich ziemlich gut findet, wenn seine Tochter andere Kinder haut („Sie setzt sich durch“). Oder wenn die Mutter mit stillem Wohlwollen betrachtet, wie der Sohn andere Kinder auf dem Spielplatz beim Buddeln auszuschließen versucht („Er bestimmt die Regeln“). Seit ich selbst Mutter von zwei Kindern bin, erlebe ich im täglichen Nahkampf, wie hart um Erziehung gefochten wird.

Krautreporter-Leser Stephan hat mich gefragt: „Ist es Eltern heute überhaupt noch wichtig, dass ihre Kinder anständige Menschen werden oder zählt nur noch der Karriere-Erfolg?“ Ich habe zu Stephan Kontakt aufgenommen, um zu erfahren, was für ihn Anstand bedeutet. Der Begriff ist nicht zu Unrecht aus dem Sprachgebrauch gefallen, wurde er doch von den Nazis derart verunglimpft, dass er heute kaum noch zu verwenden ist, wie dieser Beitrag bei Deutschlandradio sehr gut zeigt.

Stephan ist 60 Jahre alt und Vater von zwei erwachsenen Kindern. Er bedauert, dass wir immer weniger Gemeinsinn und Rücksichtnahme in unserer Gesellschaft haben. Wie hat er seine Kinder erzogen, frage ich ihn. Er schreibt mir: „Es gab immer ein paar Prinzipien, auf die ich viel Wert gelegt habe. Auch wenn ich aus heutiger Sicht sicher einiges idealisiere. Vertrauen in der Familie ist so ein Leitsatz. Es war mir immer wichtig, dass wir zueinander ehrlich sind. Über das Unglück anderer lacht man nicht, das ist auch so etwas. Das betrifft Kranke oder Dicke auf der Straße, ganz besonders aber die Realityshows im Fernsehen, in denen oft Leute vorgeführt werden. Ich habe meinen Kindern auch versucht zu vermitteln, dass sich Leistung lohnt. Es ist sinnvoll, in der Schule aufzupassen und ein Studium anzustreben, da die Welt und die Arbeit sich verändern und die Nicht-Studierten immer mehr abgehängt werden. Hilfsbereitschaft und nichts Böses tun gehören auch dazu.“

Kinder bringen Empathie mit auf die Welt

Nach Ansicht von Wissenschaftlern bringen Kinder eine ganze Reihe angeborener Reaktionen für ethisches Verhalten mit auf die Welt. Dazu gehört Empathie, also die Fähigkeit, sich in die Gefühle eines anderen Menschen hineinzuversetzen. Schon Babys weinen mit, wenn sie andere weinen hören. Wie sie ihr Mitgefühl ausdrücken können, lernen sie von ihrer Umwelt. Machen sie diese soziale Erfahrung nicht, werden sie auch weniger empathiefähig. Dabei spielt die Intelligenz keine Rolle, wie Forscher des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung in Frankfurt ermittelt haben. Intelligentere Kinder mussten genauso in ihrer Moralentwicklung unterstützt werden wie ihre Altersgenossen.

„Ich finde es enorm wichtig, die eigene Intuition der Kinder nicht zu zerstören, sondern aufzubauen“, meint Krautreporter-Leser Bernd. Der 70-Jährige ist mit seinen vier erwachsenen Kindern vollauf zufrieden: „Es gibt Allesesser, Veganer und Vegetarier. Ein paar reisen gern, manche sind standorttreu. Alle haben einen Hochschulabschluss, jeder auf einem anderen Gebiet. Alle waren in der Göttinger Waldorfschule. Sie haben tolle Hobbys und Nebenbeschäftigungen.“

Eltern sind Vorbilder, keine Vorredner

Auch wenn Kinder zwischen Gut und Böse unterscheiden können, muss das für sie nicht zwangsläufig zum Leitbild eigenen Handelns werden. Sie lernen, sich moralisch bewusst zu verhalten, durch soziale Rückmeldungen, sie beobachten das Tun anderer, das ihnen gefällt oder nicht und sie denken über Erlebtes nach. Auch kulturelle Einflüsse in der Familie, in der Schule und von Medien spielen eine Rolle. Der wichtigste Punkt aber sei, schreibt mir Krautreporter-Leserin Marion aus Belgien, was man Kindern vorlebe. „Das wirkt zu 80 Prozent, Worte maximal zu 20 Prozent. Daher müssen wir uns selbst so verhalten, wie wir es von unseren Kindern erwarten. Wenn ich will, dass mein Kind Respekt lernt, muss ich ihm gegenüber respektvoll sein, zum Beispiel es nicht einfach unterbrechen, wenn es was erzählt. Manchmal finde ich andere Kinder aber auch einfach fürchterlich unerzogen (also respektlos gegenüber anderen Kindern/Erwachsenen), ohne dass deren Eltern eingreifen. Und da muss ich mich schon sehr zusammenzureißen, um nicht etwas zu dem Kind oder noch schwieriger: den Eltern zu sagen. Das Problem gibt es übrigens in Belgien viel weniger als in Deutschland, hier wird noch mehr 'erzogen' (im guten wie im schlechten Sinn). Und auch in der Schule wird trotz alternativer Konzepte sehr stark auf Regeln geachtet, etwa sich in einer Reihe aufzustellen, bevor es raus auf den Spielplatz geht.“

Keine oder willkürliche Vorschriften helfen nicht

Diana Baumrind von der Universität von Kalifornien, Berkeley, ist eine der führenden Forscherinnen auf dem Gebiet der Kindererziehung. Sie hat in ihren Studien gezeigt, dass ein autoritativer Erziehungsstil am besten geeignet ist für eine gute moralische Entwicklung. Das heißt, dass die Eltern konsistente Regeln und feste Grenzen vorgeben, ihre Kinder jedoch zu offenen Diskussionen ermutigen. Ein permissiver Stil, der Vorschriften grundsätzlich vermeidet, oder ein autoritärer Stil, der Kindern willkürlich erscheint, fördern die Moralentwicklung hingegen nicht.

Krautreporter-Mitglied Corinna ist vor 15 Monaten Mutter geworden und beschreibt ihr Erziehungsprinzip so: „Es ist meine Aufgabe, meiner Tochter zu zeigen, wie die Welt funktioniert, ihr die Möglichkeit zu bieten, ihre Umwelt zu entdecken und mich ansonsten zurückzunehmen, wenn es darum geht, dass das Kind eine eigene Persönlichkeit entwickelt. Natürlich wird es auch Momente geben, wo erzieherische Maßnahmen notwendig werden. Meine Tochter muss auch lernen, dass wir nicht in jeder Hinsicht gleichberechtigt sind, da manchmal meine Interessen überwiegen müssen (nicht bei Rot über die Ampel rennen, auch wenn drüben eine Katze sitzt). Aber das kann ich mit Geduld und Kommunikation vermitteln und nicht mit Brüllen und starkem Arm. Das stärkt auch unsere Bindung.“

Traditionelle Werte sind wichtig

Ich möchte zu deiner Frage zurückkommen, lieber Stephan. Du bringst hier Anstand und Karriere gegeneinander in Stellung, so, als könnten anständige Menschen keine Karriere machen oder als müsste man unanständig sein, um beruflichen Erfolg zu haben. Im Verlauf unseres späteren Mailwechsels habe ich verstanden, dass es dir mehr um negative Eigenschaften wie Rücksichtslosigkeit und Gewinnstreben geht, die du in der heutigen Gesellschaft beobachtest.

Krautreporter-Leserin Simone ist ein Beispiel dafür, wie beides sogar zusammengehören kann. Sie schreibt: „Meine Großeltern haben mit sehr wenig angefangen und sich einen Wohlstand erarbeitet. Meine Eltern sind beide aus der Mittelschicht und tätig im Dienstleistungssektor. Meine Schwester und ich sind die ersten in der Familie, die Abitur gemacht und studiert haben. Bei uns galt immer, dass man hart arbeiten muss, um dorthin zu gelangen. Uns wurden Ehrlichkeit, Respekt und Moral beigebracht. Meine Eltern hätten nie etwas moralisch Fragwürdiges getan, um unsere Karrierechancen zu erhöhen (zum Beispiel einen Lehrer bestechen, 'Vitamin B' spielen lassen für einen Praktikums- oder Studienplatz).“

Dennoch haben sie es geschafft. Simone vermutet, dass es wenig zuträglich ist, wenn die Eltern ihre Karrierewünsche auf den Sprössling projizieren: „Wenn Eltern der oberen Schicht unbedingt wollen, dass ihre Kinder das Prestige weitertragen, dann kommt vielleicht der Anstand zugunsten der Karriere zu kurz. Ebenso, wenn die untere Schicht unbedingt will, dass ihre Kinder 'es einmal besser haben'.“

Aber was ist deutschen Eltern heute wichtig? Laut Monitor Familienforschung wollen die meisten von ihnen ihre Kinder wertebewusst erziehen. Vertrauen, Verlässlichkeit und Verantwortung stehen an erster Stelle. Aber auch Fleiß und Durchsetzungsvermögen sind wichtige Erziehungsziele. In einer Befragung des Instituts für Demoskopie Allensbach für die Stiftung Lesen lagen Höflichkeit und gutes Benehmen (88 Prozent), die Arbeit ordentlich und gewissenhaft tun (76 Prozent) sowie gute und vielseitige Bildung (74 Prozent) vorn. Aber genauso, wie es den Eltern heute wichtig ist, dass sich ihre Kinder zu ehrlichen, verlässlichen und toleranten Menschen entwickeln, wünschen sie sich auch, dass die Söhne und Töchter sich in der Gesellschaft behaupten können. Auf die Frage: „Was sollen meine Kinder lernen?“, antworteten in einer Umfrage 89 Prozent der Befragten: Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein, 71 Prozent: sich durchsetzen, sich nicht leicht unterkriegen lassen und 55 Prozent: Willensstärke.

Wunsch und Realität, Fremd- und Selbstwahrnehmung klaffen dabei nicht selten auseinander. In einer Befragung für das Generationen-Barometer 09 wollte das Institut für Demoskopie Allensbach von 2.222 Erwachsenen wissen, wo es am häufigsten in der Erziehung hakt. Knapp zwei Drittel waren demnach der Ansicht, dass fehlende Werte und Orientierung ein Problem sind. Mehr als die Hälfte sieht es als Manko an, dass Kinder keine klaren Regeln kennen und nicht zwischen richtig und falsch unterscheiden können. „Werte werden weniger durch intentionales Erziehungshandeln weitergegeben“, schreibt mir Krautreporter-Leserin Ina. „Kinder und Jugendliche wachsen in einen Wertekosmos hinein und lernen im alltäglichen Leben diese Werte eher unbewusst kennen.“

Dabei sind die Eltern, wie du richtig sagst, lieber Stephan, „nur ein Teil des Problems, die ganze Gesellschaft ist eigentlich gefordert“.

Um Deine Frage also zu beantworten: Traditionelle Werte wie Ehrlichkeit, Rücksichtnahme oder Respekt werden noch immer von der Mehrzahl der Eltern vertreten. Erziehung ist aber ein offener Prozess, wie Ina schreibt: „Es gibt nie eine Garantie, dass Erziehungsziele erreicht werden. Die Heranwachsenden müssen sich alles Erlebte anverwandeln – und wie sie das tun und mit welchem Ergebnis, dies bleibt das unverfügbare Moment der Erziehung.“ Ein gutes Elternhaus ist dabei aber schon einmal viel wert.


Redaktion: Theresa Bäuerlein; Bildredaktion: Martin Gommel; Produktion: Vera Fröhlich.