„Ich will keine Objektivität“

„Ich will keine Objektivität“

Christoph Koch
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am, etwa % Minuten Lesedauer

Wenn man beim Homescreen des iPhones nach rechts wischt, landet man im Widget der News-App von Apple. Hat man zwar nie installiert, sitzt da aber trotzdem. Diese vier Meldungen sind das erste, was ich morgens anschaue. Dort habe ich um 6.52 Uhr auch von der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten erfahren. Ich ärgere mich selber darüber, dass ich meinen Tag so beginne und wäre gerne jemand, der erst mal eine Stunde Yoga macht und einen frisch gepressten Orangensaft trinkt, bevor er in sein Smartphone glotzt. Nach diesen vier Nachrichtenmeldungen gucke ich in meine Mails und dann zu Facebook.

Ich habe das Antifaschistische Infoblatt im Abo und hebe alle alten Aufgaben in meinem Badezimmer auf, da können sie dann alle lesen. Für Anschläge, das feministische Monatsmagazin aus Wien, schreibe ich Rezensionen, das kommt also automatisch mit der Post. Das Missy Magazin kaufe ich regelmäßig. Ich denke mir, das hilft denen sogar mehr als ein Abo, dann sieht der Händler wenigstens, dass es Interesse dafür gibt und hält es weiterhin vorrätig. Ansonsten lese ich gerne Queerzines wie das Hugs & Kisses, das Out-Magazin vom Lambda-Netzwerk. Den Exberliner mag ich auch und den Pro-Asyl-Newsletter. Das ist vielleicht kein Magazin im klassischen Sinn, aber die Leute stecken sehr viel Arbeit rein und ich finde es wichtig, das wertzuschätzen.

„Da wird nicht nur behauptet, dass die Bild-Zeitung frauenfeindlich ist“

Im Netz mag ich Leute, die tagespolitische Gegenwartsdiskurse in guten Kolumnen zusammenfassen. Margarete Stokowski mit ihrer SPON-Kolumne ist da ein gutes Beispiel, von ihr bin ich großer Fan. Auch die Verfasserinnen aus dem Umfeld von kleinerdrei.org finde ich toll.

Wichtig finde ich auch Sachen wie das Stop BILD Sexism-Blog. So etwas ist total wertvoll, denn da wird nicht nur behauptet, dass die Bild-Zeitung frauenfeindlich ist, sondern es wird empirisch gezeigt. Klar, das Ergebnis ist erwartbar, aber es ist gut, wenn es noch mal faktisch untermauert wird. Außerdem zeigen die Macherinnen des Blogs, dass sie an dem Thema dranbleiben.

Videoblogging halte ich für ziemlich wichtig, das verstehen nicht alle als Journalismus – ich schon. Dylan Marron finde ich da zum Beispiel ziemlich fein. Der macht mit seriously.tv Videoblogs, die unterhaltsam sind und trotzdem inhaltlich auf den Punkt kommen. Franchesca Chescaleigh-Ramsey ist ein anderes Beispiel. Was die machen, finde ich unheimlich wertvoll, weil sie die Todesernsthaftigkeit aus todesernsten Themen rausnehmen. Und weggehen vom rein akademischen Duktus, der in solchen Diskursen zur Gleichberechtigung, zu Menschenrechten etc. oft herrscht. In Deutschland fehlt das in den Bereichen Video ein bisschen. Ich finde es gut, wenn Party und Politik zusammenkommen und man auch ein bisschen Spaß am Leben in der Gesamtscheiße haben kann.

Leute wie Trevor Noah oder John Oliver, die fehlen zum Beispiel leider in Deutschland. Klar, es gibt Extra 3 oder die heute show, aber das ist nicht dasselbe, das ist schon deutlich blödeliger. Mir fehlt da die Cleverness. Es ist immer ein gutes Zeichen, wenn man Fäkalhumor nicht nötig hat. Da bin ich dann meistens froh, dass ich etwas Englisch verstehe und dass es das Internet gibt.

„Ich will Leute, die Arsch in der Hose haben“

Generell finde ich es gut, dass sich die Idee der absoluten Objektivität in den Medien ein bisschen überholt. Und dass die Leute stattdessen anfangen, zu ihren Haltungen zu stehen. Carolin Emcke beispielsweise ist eben keine 100 Prozent objektive Person – ganz im Gegenteil, die hat eine klare Position und ich finde es gut, wenn das auch so gezeigt wird. Ich will keine Objektivität. Ich will Leute, die Arsch in der Hose haben und sich für etwas gerademachen. Und wenn dann dabei am Ende Sachen wie 100 Menschen für Xavier Naidoo in der FAZ rauskommen, dann ist das ja auch vielsagend. Manche Leute und Medien demaskieren sich ganz schnell selbst.

Insgesamt geht alles immer schneller – nicht nur medial, überall. Wir konditionieren uns, lernen schneller zu tippen und schneller zu lesen, pushen unserer Aufnahmefähigkeit – aber ich habe trotzdem immer das Gefühl, nicht ausreichend zu lesen. Es gibt einfach zu viel: Die 10-nach-8-Kolumne bei ZEIT Online, Edition F, Feminismus im Pott, die Amadeu-Antonio-Stiftung, NSU-Watch, Jezebel, Autostraddle, Hoaxmap und so weiter. Das sind alles Sachen, die ich am liebsten jeden Tag lesen und mir merken würde. Aber ich komme kaum hinterher und merke, dass mein Speicher auch oft ganz schön voll ist.

„Mich stresst dieses Kompetenzgerangel extrem“

Aus dem Grund habe ich auch den ganzen Hiphop-Kram nach und nach deabonniert. Früher war mein Newsfeed voll mit Hiphop-Quellen, aber das hat mich zu sehr angestrengt. Eine Weile dachte ich, ich muss jede Veröffentlichung kennen, jedes Interview lese, um allen zu beweisen, dass ich mich auskenne. Aber ich habe gemerkt, dass mich dieses Kompetenzgerangel extrem stresst. Deshalb hat es richtig gutgetan, da mal auszumisten. Intro, Spex, Rolling Stone und The Source sind das einzige, was im Bereich Musik noch übrig ist.

Was das Bücherlesen betrifft, so merke ich, dass auch hier das Digitale gewinnt: Ich fühle mich schon seltsam, wenn ich in der U-Bahn ein echtes Buch aufschlage. Dabei habe ich dieses Liebhaberding bei Büchern gar nicht, dass ich ehrfürchtig deren Aura bestaune oder so. Meine Mutter ist da anders, die sammelt Erstausgaben und solche Sachen, da ist alles vollgestellt mit Regalen. Kürzlich hat sie mir die Biografie von Janosch empfohlen. Die liegt jetzt bei mir zu Hause, gelesen habe ich sie noch nicht. Momentan lese ich Wie wir gut zusammen leben von Jürgen Manemann, ein Buch über die Repolitisierung der Gesellschaft. Romane lese ich seit rund zehn Jahren kaum noch, nur noch Sachbücher, Sammelbände, Aufsätze. Sehr empfehlenswert finde ich das Werk von Cornel West, einem afroamerikanischen Philosophen und Aktivisten. Der versucht, Philosophie als Lebenspraxis und politischen Aktivismus zusammenzudenken. Er hat dabei – im Gegensatz zu mir – einen christlichen Background und Nächstenliebe spielt eine große Rolle. Der Typ ist super, trotzdem muss man den erst bestellen, auch in gutsortierten Buchhandlungen sind seine Bücher so wie nie vorrätig.

„Fernseher habe ich abgeschafft, Radio besitze ich auch nicht“

Meinen Fernseher habe ich vor ungefähr zehn Jahren abgeschafft. Ein Radio besitze ich auch nicht, manchmal höre ich Deutschlandradio Kultur oder Deutschlandradio Wissen im Netz, manchmal ein bisschen Radio Fritz. Ich habe allerdings auch keinen Video-Streamingdienst wie Netflix oder so, das ist aber ein gewisser Selbstschutz, denn dann würde ich gar nicht mehr aufstehen.

Eine Sache, die mich noch beschäftigt: Durch das Sharing von Nachrichten im Internet geht es in der letzten Zeit meistens viel weniger um die Quelle, als darum, wie oft es geteilt wurde. Das finde ich einerseits gut, mir ist kollektives Wissen wichtiger als einzelne Autorenschaft. Aber je mehr ich die Verfasser von Sachen kennengelernt habe, umso mehr habe ich gemerkt, wie wichtig Einzelpersonen sind, Viralität und Netzwerke hin oder her. Deshalb finde ich es auch wichtig, den Leuten, die etwas machen, Credits zu geben, auf die Urheberschaft hinzuweisen. Nicht nur blind sharen, sondern auch nachzuschauen, woher etwas kommt. Ein gutes Beispiel ist zum Beispiel der Film Das braune Netzwerk von Andrea Röpke und Caterina Woj. Das ist eine sehr gute Dokumentation über neurechte Instanzen, wie zum Beispiel die Blaue Narzisse, AFD, Reichsbürger, Identitäre und so weiter. Und so einen Film, den möchte ich nicht einfach nur teilen, ohne auf die Autorinnen dahinter einzugehen und diese zu erwähnen. Denn ich denke, wir sollten es nicht einfach für selbstverständlich halten, dass da jemand so wie die sein ganzes Leben da reinhängt.


Sookee ist eine Berliner Rapperin, die sich in ihren Texten häufig mit Rassismus, Sexismus und Homophobie auseinandersetzt. Am 17. März 2017 ist ihr Album „Mortem und Makeup“ erschienen.

In der von Christoph Koch betreuten Rubrik Medienmenü stellen regelmäßig interessante Persönlichkeiten die Medien vor, die ihr Leben prägen. Ihr könnt per Mail an christoph@krautreporter.de vorschlagen, wen er porträtieren soll.

Illustration: Veronika Neubauer, Foto: Eylül Aslan