Martines Rache

Martines Rache

Amélie Mougey monogram
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An diesem Montag, dem 27. Februar 2016, klingelt der Wecker früh in einem Hotel von Rungis, 13 Kilometer südlich von Paris. Martine Donnette hat einen langen Vormittag vor sich: ein Stopp an der Metro-Station Château d' Eau im Pariser Hauptquartier von Benoît Hamon von der Sozialistischen Partei, dann ein zweiter Stopp bei Jean-Luc Mélenchon von der Linkspartei. Keiner von beiden hat sie eingeladen. Die Anfragen nach einem Termin für ein Treffen hat niemand beantwortet. „An die zehn Anrufe, Mails, Briefe – und nichts.“

Aber was soll's. Mit Claude Diot, ihrem Mann und Komplizen, ist die 69 Jahre alte Rentnerin extra mit dem Auto aus Marignane in der Provence angereist, „um zu kontrollieren, ob sie unsere Einschreiben erhalten haben“. Ziemlich frech. Martine will hoch hinaus.

Vor Gericht nimmt es diese zierliche Frau – gerade einmal 1,60 Meter groß – mit Riesen auf: mit Handelsketten wie Intermarché, Carrefour, Leclerc, Ikea oder Auchan. Im Moment wälzt die frühere Kauffrau „rund 15 Akten“ und versucht gleichzeitig, „das Gesetz in Gang zu bringen“, um „die großen Ketten davon abzuhalten zu machen, was ihnen passt“. Manchmal findet sie dabei Verbündete im höchsten französischen Verwaltungsgericht, unter den Abgeordneten und hoffentlich bald auch unter den Kandidaten.

„Wenn es bei dieser Wahl nicht klappt, dann lohnt es sich nicht mehr, dann bringt alles nichts mehr“, knurrt sie. Aber heute Morgen, beim Erwachen, ist Martine, die Präsidentin des Verbands der Kleinhändler namens En toute franchise (freiheraus), eher optimistisch. Sie hat die Hoffnung nicht aufgegeben, sich mindestens einen der beiden Männer zu schnappen. Sie weiß, dass sich Hartnäckigkeit auszahlt.

„Sie ekeln mich an...“, antwortet sie auf die Frage, was sie antreibt. Seit einem Vierteljahrhundert nimmt Martine Donnette Rache an den Großhandelsketten.

Ein „Gigant“ erweitert ohne Genehmigung

Spulen wir zurück. „1985 bin ich in Vitrolles angekommen, mit Träumen, Ersparnissen und Illusionen. Zehn Jahre später habe ich es wieder verlassen, mit 600.000 Francs Schulden und gebrochenem Herzen“, erzählt die frühere Lizenznehmerin des Strickwarenladens Phildar in Allein gegen die Giganten, dem Buch, das ihren Lebensweg nachzeichnet. Damals hatte sie ein Wollgeschäft in der Einkaufspassage des Carrefours von Vitrolles eröffnet, einer 35.000-Einwohner-Stadt im Süden Frankreichs.

Während dieses Jahrzehnts, Martine ist in ihren Dreißigern, ist die Ladenbesitzerin den Launen des weltweit drittgrößten Einzelhandelsunternehmens ausgeliefert. Damit Carrefour erweitern kann, muss sie zunächst umziehen. Die Händlerin leiht sich Geld, um die Einrichtung ihres neuen Geschäfts zu finanzieren. Im Gegensatz dazu, was vertraglich vereinbart wurde, erhält sie nicht den geringsten Schadensersatz. Sie muss hinnehmen, dass sich ihre Miete verdoppelt.


Teil 1 unserer neuen Frankreich-Reihe: Bis zum Beginn der Präsidentschaftswahl Ende April veröffentlicht Krautreporter von nun an jede Woche eine neue Reportage über die Konflikte, Sehnsüchte und Unsicherheiten unserer Nachbarn auf der anderen Seite des Rheins.


In dieser Zeit wenden sich die Frauen des Wirtschaftswunders von der Strickware ab: Die Verkaufszahlen brechen ein. Als Martine ein anderes Angebot erwägt, um auf der Höhe der Zeit zu bleiben, untersagt ihr Carrefour, das Sortiment zu ändern.

Es folgt eine Höllenfahrt, vom Insolvenzverfahren bis zur Zwangsräumung, Verkauf des eigenen Hauses, Umzug in einen Wohnwagen und Bibbern in der Nacht bei Temperaturen von zwei Grad Celsius. Genau zu diesem Zeitpunkt findet sie heraus, dass Carrefour, das Unternehmen, das ihr um ein paar unbezahlter Mieten willen „den Laden, das Haus, das Leben“ genommen hat, das Gesetz gebrochen hat: Für die Erweiterung, mit der ihre Probleme begonnen hatten, gab es überhaupt keine Genehmigung. Bei Marine macht sich ein tiefes Ungerechtigkeitsgefühl breit.

Auf dem Campingplatz von Carry-Le-Rouet, 30 Kilometer östlich von Marseille, zwischen dem Drucker und den Ordnern, die den winzigen Raum zustellen, den sie sich 14 Jahre lang mit ihrem Mann teilen wird, fängt sie an, Gesetzbücher unter die Lupe zu nehmen. Das Handelsgesetzbuch, das Städtebaugesetzbuch; Buch um Buch, Paragraf um Paragraf. Dann beschließt sie, Carrefour den Kampf anzusagen. Doch das Verfahren wird eingestellt. Aber in der Zwischenzeit hat Martine Akten von Dutzenden kleinen Händlern bekommen, die wie sie in Schwierigkeiten geraten waren. In fast allen findet Marine Unregelmäßigkeiten. Der Stein ist ins Rollen gebracht.

Hilfe für Einzelhändler, die um ihre Existenz fürchten

„Ein Glück, dass es Marine und Claude gibt!“ Wir haben gezählt. Sechs Mal in dem einstündigen Gespräch kommt dieser Satz Jean-Noël Mora über die Lippen. Im Jahr 2004 plant der Feinkosthändler aus Castets im äußersten Südwesten von Frankreich, seinen Laden zu vergrößern. Seit vier Generationen wird der Familienbetrieb vom Vater an den Sohn vererbt. Aber Mora hat Pech: Im selben Jahr hat auch die Supermarktkette Intermarché die Gemeinde und ihre 2.000 Einwohner im Visier. Der Bürgermeister entscheidet sich zugunsten des Größeren. „Ich wusste, mein Geschäft würde unter der Konkurrenz eines Großanbieters leiden, aber ich wollte kämpfen“, erzählt der benachteiligte Bewerber. In diesem Moment erscheint das Paar Donnette-Diot auf der Bildfläche. „Ein Glück, dass es Martine und Claude gab...“

Dem Duo eilt sein Ruf bei den kleinen Ladenbesitzern voraus. Auf sein Konto gehen: 185 gerichtliche Klagen gegen Ansiedelungs- oder Erweiterungspläne von Großanbietern, ein Viertel davon endete mit einem Sieg. Das sind eine ganze Menge Supermärkte, die auf ihren Eroberungsfeldzügen gebremst oder gestoppt wurden. War En toute franchise ursprünglich vor allem im Département Bouches du Rhone gefürchtet, agiert die Organisation inzwischen schon in 37 von insgesamt 101 Départements. Wenn ein Mitglied sein Geschäft durch die geplante Niederlassung eines Großmarkts bedroht sieht, wählt er eine Nummer, die mit 04 beginnt – der Vorwahl des Südostens.

In einem kleinen Haus in Marignane hebt Martine ab, mit freundlicher Stimme antwortet sie gebetsmühlenartig „Ja... ja... ja... ja“. Um den verzweifelten Boutique-Besitzern zu Hilfe zu eilen, legt das Paar jährlich 8.000 Kilometer zurück.

„Ich habe über andere Ladenbesitzer von ihnen gehört, Leute aus Orthez, die die gleichen Probleme hatten“, erzählt Jean- Noël Mora weiter. Er kontaktiert also Mitarbeiter von En toute franchise, um ihnen von der Gefahr zu berichten, die dem Geschäft droht, das ihn seit 1987 ernährt. „Von Anfang an haben sie mir gesagt, dass es lange dauern würde, dass man kämpfen müsse, aber dass das Gesetz auf unserer Seite sei.“

Zehn Jahre später gibt das Verwaltungsgericht von Pau ihnen Recht. 2014 fährt Jean-Noël Mora einen Sieg gegen Intermarché ein, dann einen weiteren gegen den Staat. „Denn als der Supermarkt schließen musste, hat er eine neue Baugenehmigung bekommen.“ In den zehn Jahren ist der Umsatz des Händlers um die Hälfte zurückgegangen.

Vom Beginn des Prozesses bis zur Auszahlung des Schadensersatzes hat Jean-Noël Mora so viele Einsprüche eingelegt, dass er sie heute nicht mehr zählen kann. „Am Anfang des Verfahrens hat man Vertrauen in die Justiz. Aber die Justiz verweist uns hierhin, dorthin, ohne Ende. Es gibt immer etwas, was einen entmutigen kann. Die Justiz laugt die Händler aus“, fährt er fort und erwähnt schamhaft jene, deren Gesundheit in Mitleidenschaft gezogen wurde oder deren Ehe dabei zu Bruch gegangen ist – wie dieses Paar aus der Provinz Béarn am Fuß der Pyrenäen, das „nicht durchgehalten“ und sich getrennt hat.

„Das hat mir Martine geraten und genauso machen wir das auch“

Vor den heruntergelassenen metallenen Rollläden, die das Zentrum von Marignane sehr grau wirken lassen, wird Martine wütend. Es ist Samstagnachmittag, der Himmel ist wolkenlos. Nur drei Optiker, eine Parfümerie und ein Blumenladen haben geöffnet und warten auf Kundschaft. Die wenigen Passanten, die sich zwischen die „Ladenfläche zu vermieten“-Schilder verirren, haben es eilig, die ausgestorbenen Straßen hinter sich zu lassen. Dem Verband des Fachhandels (Procos) zufolge stand in etwa hundert Städten (mit 20.000 bis 200.000 Einwohnern) im Jahr 2015 mindestens eines von zehn Geschäften leer.

„Ein Glück, dass sie da waren, Martine und Claude“, wiederholt Jean-Noël Mora noch einmal. Sie waren da, um ihn „aufzubauen“ in Momenten der Entmutigung; um ihm finanziell unter die Arme zu greifen, als erneut Verfahrenskosten von ihm verlangt wurden; aber auch, um Plakate auf die Hauswände seines Heimatortes Castets zu kleben, als einige Dorfbewohner gegen ihn eine Organisation zur Verteidigung des Intermarchés ins Leben riefen. Und auch, um dem Anwalt Beine zu machen. „Ich kam bei ihm an und sagte: 'Das hat mir Marine zu tun geraten, und genau so machen wir es auch.' Der Anwalt war natürlich nicht sehr glücklich darüber, aber am Ende hat er zugegeben, dass sie Recht hatte, dass ihre Strategie funktionierte. Man muss zugeben: Martine macht oft die Arbeit eines Anwalts.“

„Ich spiele 'Finde den Fehler', öffne eine Akte und frage mich: Wo haben sie wohl diesmal geschummelt?“, erklärt die juristische Autodidaktin. Ein Rundgang durch die Gewerbegebiete des südöstlichen Départements Bouches-du-Rhône enthüllt das Ausmaß des Betrugs. Hier wurde ein Großmarkt von 19.000 Quadratmeter gebaut – mit einer Genehmigung für 6.000 Quadratmeter. Dort ist einer aus dem Boden geschossen, wo eigentlich nur eine Lagerhalle genehmigt war. Ein dritter hat es gar nicht erst für nötig befunden, seine Pläne der Behörde für die Ansiedlung von Handelsbetrieben vorzulegen. „Es passiert sehr oft, dass Großmärkte ohne Genehmigung auftauchen“, bestätigt Pascal Madry, Direktor des Instituts der Stadt und des Handels.

Genehmigung für einen Supermarkt – kein Problem!

„Solange sie gewinnen, geben sie das Spiel nicht auf“, meint Claude Diot, Martines Ehemann. Was die regionalen und nationalen Behörden angeht, die die Projekte eigentlich filtern sollten, so lassen sie in Wahrheit drei Viertel der gestellten Anträge durchgehen. Madry hat ihnen deshalb den Spitznamen „Durchlass-Kommissionen“ gegeben.

Um zu verstehen, was die Wirtschaft als Laxheit bezeichnet, „muss man sich anschauen, wie diese Behörden zusammengesetzt sind“, sagt er. „Man findet darin in der Mehrzahl lokale Abgeordnete. Die meisten sind von der alten Schule – sie wollen Quadratmeter füllen, um Stellen zu schaffen. Sie denken an die Steuereinnahmen und an die Attraktivität des Standorts, ohne über die Risiken nachzudenken.“

Wenn nötig, geht das Entgegenkommen der Behörden auch noch weiter. Im Département Bouches-du-Rhone wurde für ein Projekt der Flächennutzungsplan verändert. Für ein anderes Projekt verschwand die rote Zone von der Landkarte, die normalerweise wegen Überschwemmungsgefahr nicht bebaut werden darf.

Sobald der Großmarkt aus der Erde gestampft ist, muss überprüft werden, ob er dem genehmigten Plan entspricht. „Eigentlich müssten das die Präfekten übernehmen“, ruft die Kanzlei Andreani-Humbert in Erinnerung. Für die Anwälte von En toute franchise enthüllt der Kampf der Organisation die Mängel des Staates. „Wenn die staatlichen Behörden keine Kontrolle ausüben, sei es im Voraus oder im Nachhinein, kann das nur noch die Zivilgesellschaft übernehmen.“

Martines Vokabular steht dem eines hohen Beamten aus dem Wirtschaftsministerium in nichts nach. Mit 69 Jahren, von denen sie 23 mit Schlachtzügen vor Gericht verbracht hat, spricht diese Baby-Boomerin, die einst eine Ausbildung zur Buchhaltungsassistentin gemacht hat, in Kürzeln, zitiert aus dem Gedächtnis Artikel des Handelsgesetzes und spickt ihre Sätze mit Zahlen und Gesetzestexten.

„Martine ist ein richtiges Arbeitstier, sie ist fähig, sich zwölf Stunden Arbeit am Stück aufzuhalsen, ohne mit der Wimper zu zucken“, unterstreicht Colette Auger, die Journalistin, die ihr beim Verfassen des Buchs Allein gegen die Giganten zur Seite stand. Oft haben die Profis Mühe, mit ihr mitzuhalten. „Wir haben unsere Anwälte ausgelaugt, von Anfang an, und es gab 17 von ihnen“, erklärt Martine lachend.

David Porta ist das neue Opfer der Besessenheit à la Donnette in der Kanzlei Andréani-Humbert. Ein williges Opfer. „Diese Mandanten stehen im Zentrum der Aktion, man kann sich mit ihnen auf sehr präzise Weise austauschen, weil sie alle Entwicklungen der Gesetzgebung in den letzten Jahrzehnte verfolgt haben, manchmal waren sie sogar selbst der Drahtzieher hinter diesen Entwicklungen.“ In einem Abstellraum, dessen Standort geheim ist, „um zu vermeiden, dass Dokumente verschwinden, die man nicht wiederfinden würde“, hebt das Ehepaar Kubikmeter an Ordnern auf, in denen die alten Schlachten dokumentiert sind.

Händlerin, Juristin: Martine lernt ihre Berufe als Späteinsteigerin. Not kennt kein Gebot. Im Moment mausert sie sich zur Lobbyistin, eine Rolle, in die sie in Vorwahlzeiten schlüpft. Schon 2007 und 2010 war das Paar nach Paris „hochgefahren“.

Bei jeder Präsidentschaftswahl beginnt alles von vorn: Mit Ordnern und Aktentaschen unterm Arm stürzen sich Martine und Claude in die Kampagne. „Wir fordern alle Kandidaten auf, 'Friert die Gewerbeflächen ein'. Also im Klartext, die Expansion der großen Handelsketten zu stoppen, die jedes Jahr mehr als eine Million Quadratmeter schlucken.“

Das Ehepaar selbst hat sich geschworen, diese Gewerbeflächen nicht zu betreten. Im Kofferraum ihres Citroen stehen ein Dutzend Aktentaschen – und ein Benzinkanister. Zehn Liter. „So kann ich nie steckenbleiben, es kann mir nicht passieren, dass ich bei Carrefour oder Leclerc halten muss, um den Tank vollzumachen“, sagt Claude Diot nicht ohne Stolz. Martine wiederum betritt den Lidl nebenan nur, wenn es unbedingt sein muss. „Beim letzten Mal habe ich eine Backform aus Silikon gesucht und da ist was schiefgegangen: Man hat mich gefragt, was ich da zu suchen hätte.“

„Der nächste Lidl wird in hundert Metern Entfernung vom Carrefour-Markt aufmachen, und mit dem Intermarché geht es bergab, seit es nebenan den Leclerc gibt“, knurrt Claude Diot. Mit nicht weniger als sechs Lebensmittelketten auf einer Strecke von weniger als fünf Minuten vermittelt die Fahrt zum Garagen-Büro von En toute franchise einen Eindruck vom Expansionsdrang der großen Ketten. „Dabei kann das doch nicht bis ins Unendliche weitergehen, es gibt doch nur drei Mahlzeiten am Tag statt sechs, oder?“, fragt unser Chauffeur. In der Tat „wächst der Park der Gewerbeflächen schneller als der Konsum“.

Die Handelsketten brauchen zum Wachsen keine Kunden

„Heute ist ein Einkaufszentrum vor allem dazu da, den Anforderungen der Immobilien- und Finanzmärkten gerecht zu werden, nicht denen der Konsumenten“, vermutet Pascal Madry. Hinter dem Mechanismus steckt keine Hexerei. Die Ketten funktionieren als Netzwerk. Indem sie mehrere Geschäfte eröffnen, teilen sie sich gewisse Kosten wie Lagerung, Buchhaltung... Je mehr Supermärkte sie also eröffnen, desto mehr verteilen sich ihre Ausgaben. Und da jede neue Filiale umso weniger kostet, je mehr es schon davon gibt, kompensieren die Ketten paradoxerweise sinkende Umsätze damit, neue Läden zu eröffnen. Für die Baufirmen ist das ein Geschenk des Himmels„, sagt Wirtschaftswissenschaftler Madry. Und was soll's, wenn die Konsumenten nicht mitmachen: die “Immobilienblase", von der Madry spricht, braucht die Kunden gar nicht, um zu wachsen.

Abgesehen von ihrer Forderung, nicht immer neue Gewerbeflächen auszuweisen, fordern Martine Donnette und Claude Diot für die Präsidentschaftswahl auch „eine Bestandsaufnahme des unfairen Wettbewerbs und des Missbrauchs von überlegenen Positionen“. Um ihrer Forderung Nachdruck zu geben, zitiert Martine die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte und auch die Präambel der französischen Verfassung. Steht in deren Artikel 5 nicht: „Jeder hat die Pflicht zu arbeiten, und das Recht, eine Anstellung zu erhalten.“ Die militante Aktivistin fordert außerdem „die gesetzlich vorgesehenen Sanktionen auch anzuwenden“.

Würde man alle Bußgelder eintreiben, die die großen Handelsketten eigentlich für Rechtsbrüche zahlen müssten, käme man Martines Rechnung zufolge auf bis zu 418 Milliarden Euro. Wie kommt sie auf diese horrende Zahl? Etwa vier Millionen Quadratmeter Baufläche sind einem Rundbrief von 2008 zufolge betroffen, der nach Anrufung des obersten französischen Verwaltungsgerichts durch En toute franchise schnell zurückgezogen wurde. Das Ganze multipliziert mit den gesetzlich vorgesehenen, manchmal täglichen Geldbußen – und man kommt auf 418 Milliarden. Donnette und Diot zufolge entspricht der Betrag dem Dreißigfachen des „Lochs“ in der Sozialversicherung oder der Summe der Einkommensteuern von fünf Jahren. Aber die Supermärkte kommen meist ungeschoren davon.

„Wenn sich ein Supermarkt in der Nähe ansiedelt, verlieren unsere Mitglieder im Durchschnitt zwischen 20 und 30 Prozent ihres Umsatzes“, berichtet Martine. „Haben die Probleme erst einmal begonnen, ist es meist innerhalb von sechs Monaten vorbei.“

Dem Argument der Supermarktketten, eine neue Filiale schaffe auch neue Arbeitsplätze, begegnet Martine mit einem Zitat aus dem parlamentarischen Bericht von Jean-Paul Charié, dem früheren Abgeordneten des Départements Loiret: „Die Supermärkte und Großsupermärkte (…) haben zum Verschwinden Tausender kleiner Geschäfte geführt, die drei- bis fünf Mal so vielen Menschen Arbeit gaben“, schrieb der konservative Abgeordnete im Jahr 2008.

Seitdem gibt es nur wenige Abgeordnete, die seinen Kampf fortsetzen. „In den Augen der Politiker existieren die kleinen Händler nicht“, regt sich Claude Diot auf. „Deshalb rücken wir ihnen auf den Pelz.“ Dieses Jahr haben die Rechtsradikalen als Erste auf ihren Wink mit dem Zaunpfahl reagiert.

Marine Le Pen vom Front National nimmt sich Zeit

Das Bierlokal, in dem sie sich an einem Donnerstag im Januar treffen, liegt drei Metro-Stationen entfernt vom Umsteigebahnhof Charles de Gaulle-Etoile, ihrem nächsten Treffpunkt. Für 15 Uhr hat das Ehepaar ein zehnminütiges Gespräch mit Marine Le Pen zugesagt bekommen.

Die Kandidatin des Front national und Nicolas Dupont-Aignan, Präsident der Partei „Debout la France“ (DLF; übersetzt in etwa „Steh auf Frankreich“), von denen sie so prompt empfangen wurden, sind bislang die einzigen, die ihre Unterschrift unter die Charta gesetzt haben. Riskieren sie dabei nicht, dem Kampf einen politischen Anstrich zu geben? „Wir haben unsere Charta an alle geschickt, da soll uns jetzt bloß einer sagen, wir seinen parteiisch“, weist Martine die Vorwürfe zurück. Sie antwortet schlagfertig, nicht betroffen. „Claude und Martine sind es gewohnt, angerempelt zu werden, sie müssen sich oft Beleidigungen gefallen lassen“, bedauert Jean- Noël Mora.

Jahre zuvor hat ein leitender Angestellter der Marseiller Generaldirektion für Wettbewerb, Verbrauch und Betrugsbekämpfung die Organisation und ihre Gründer als „Poujadisten der untersten Schublade“ bezeichnet. Der Poujadismus ist eine populistische rechte Bewegung der 50er Jahre, die sich die Verteidigung des Kleinhandels zum Programm gemacht hat, mittlerweile aber bedeutungslos ist. Heute amüsiert das Paar die Beschimpfung, aber Claude Diot entgegnet dennoch: „Hört doch auf, das ist alles vorbei! Haben Sie Pierre Poujade gesehen? Ich bin damals mit dem Fahrrad an seinen Plakaten vorbeigefahren, ich habe mich nie davon angesprochen gefühlt.“

Ihre politischen Vorlieben behalten Claude Diot und Martine für sich. Im Laufe der Diskussionen scheint man jedoch eine Sympathie für das Programm des Sozialisten Benoît Hamon zu erkennen. „750 Euro im Monat ist kein Luxus für junge Leute, die studieren. Klar gefällt das nicht allen, sie brauchen Leute, die am Sonntag in den Supermärkten schuften“, entrüstete sich die Aktivistin.

Im Clinch mit Ikea geht es um richtig viel Geld

Im Moment ist der schwedische Möbelgigant Ikea ihr größtes Ärgernis. „Solange sie nicht den Planeten zerstört haben, werden sie weitermachen, weitermachen, weitermachen“, entrüstet sich Martine Donnette und schlägt im Takt mit der Handfläche auf den Holztisch des Bierlokals. „Sie reißen hundert Jahre alte Baumstämme aus, um Pappmaché und Sägespäne herzustellen“, seufzt sie.

Martine und Ikea haben sich wegen eines Projekts in Saint-Isidore am Stadtrand von Nizza in die Haare gekriegt. In der Zeitung Nice-Matin bezeichnet Bouygues Immobilier, der für die Ausführung verantwortliche Bauträger, ihre Klagen vor Gericht als „extremistischen Kreuzzug“.

Auf Anregung von Bouygues hat Ikea Martines Organisation der „missbräuchlichen Einsprüche“ bezichtigt. Der vollständige Betrag, der von Martine Donnette verlangt wird, geht über die von Bouygues verlangten 152.000 Euro noch hinaus. Uns gegenüber wollte Ikea keine Zahlen nennen. Im Verhältnis zu den Ressourcen der Organisation eine kolossale Summe. Die Beiträge der 1.125 Mitglieder schwanken zwischen 10 und 900 Euro im Jahr. Aber der Anwalt von En toute franchise bleibt zuversichtlich. „Dieser Gegenangriff ist für die Projektträger ein Ausweichmanöver, um nicht zur Sache Stellung zu nehmen: der Verweigerung einer Öffnung für den Wettbewerb, der Einreichung unvollständiger Akten usw.“, sagt Anwalt Porta.

Auch nach mehrmaligen Anfragen möchten Bouygues und Ikea „zu diesem Zeitpunkt keine Angaben zum Thema machen“. Claude Diot und Martine Donnette geben sich ihrerseits Mühe, nichts zu dramatisieren. „Sie versuchen uns einzuschüchtern, aber wir bleiben entschlossen.“

„Mit 40.000 Euro werden wir sie alle niedermachen“, amüsiert sich Martine. Dann verfinstert sich ihre Miene wieder. „Wenn es nur die großen Supermärkte wären, wäre es einfach. Unser Problem aber sind die Abgeordneten, die das Gesetz nach und nach ändern.“

Handelsgesetz, Umweltgesetz, Royer-Gesetz (französisches Gesetz, nach dem große Geschäfte und Einkaufszentren nur mit Bewilligung einer Raumplanungskommission errichtet werden dürfen)... die Kämpferin kennt die Palette der Waffen auswendig, die ihr Arsenal ausmacht. Aber je mehr sich die Gesetzgebung verändert, desto kleiner scheint diese Palette zu werden. Der jüngste schwere Schlag: das Macron-Gesetz, das den Vermerk „weder abtretbar noch übertragbar“ verschwinden lässt. Martine Donnette analysiert: „Das heißt, dass man Gewerbeflächen verkauft, ohne zu wissen, an wen sie vergeben werden. Das ist, als würde man den Begriff der marktbeherrschenden Stellung abschaffen.“ Alles klar?

Niederlage, eine Stunde Niedergeschlagenheit, weitermachen

„Es ist schwierig, die große Öffentlichkeit für ein Thema wie den gewerblichem Städtebau zu begeistern, denn es ist nüchtern, trocken...“, gesteht Colette Auger, die Journalistin, die beim Verfassen des Buches geholfen hat. Selbst Händler interessieren sich nicht immer dafür. Sobald es darum geht, konkrete Maßnahmen zu ergreifen, „sagen sie uns 'Machen Sie mal, aber wir wollen nichts damit zu tun haben'“, bedauert Martine. „Sie haben verstanden, dass die Chancen zu gewinnen nach dem jetzigen Gesetz schlechter sind als früher. Sie sind mutlos.“

Diese Aussage stellt die Präsidentin des Kleinhändlerverbands einfach mal so in den Raum. Die letzten Schreiben des Gerichtsvollziehers und die von Bouygues und Ikea angestrengten Prozesse haben ihre Gelassenheit auf die Probe gestellt. Doch einen Rückzieher machen? Niemals. Fragt man Martine, was sie dazu bringen könnte, den Kampf aufzugeben, bekommt man eine klare Antwort: „Der Tod.“

Nach Jahren des Zuredens, um Martine und Claude dazu zu bringen, „ihre Rente zu genießen und spazieren zu gehen“, haben ihre Kinder resigniert. In den wenigen Momenten ohne Aktenstudium füttert Martine die vollgestopfte Website der Organisation, improvisiert Beiträge auf Youtube oder bringt eine Online-Petition mit 44.000 Unterschriften ein.

Colette Auger, die 18 Monate lang täglich mit ihr Kontakt hatte, hat ihre Entschlossenheit kennengelernt und auch „dieser unglaubliche Fähigkeit Martines, ihr Leben nach einem harten Schlag wieder in die Hand zu nehmen: Wenn sie eine Neuigkeit erhält, die sechs Monate Arbeit in Nichts auflöst, ist sie eine Stunde lang niedergeschlagen – dann fängt sie wieder von vorn an.“


Fotos: Philippe Billard; Übersetzung: Luisa Marie Schulz; Redaktion: Esther Göbel; Bildredaktion: Martin Gommel; Produktion: Vera Fröhlich

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