Krautreporter

Grüß die Geier!

etwa 4 Min. Lesedauer

W. sucht nach der Muschel von Kap Sounion. Diogenes hat sie ihm persönlich geschenkt. Wenn Du mit mir reden willst, benutze sie. Sprich in sie und ich höre dich. Halt dein Ohr an sie und du hörst mich. Die Muschel aber ist für die Zwecke seines heutigen Gesprächs ungeeignet. Er will Diogenes sehen machen. Daher greift er zum Kanal für besondere Anlässe, einem lebenden Kanal, für das Gespräch mit dem toten Philosophen.

W. greift zu Anti. Diogenes hat ihm eingeschärft, Anti nur in ganz besonderen Fällen zu benutzen. Er misstraut der Macht. Bestimmt haben sie längst auch Hunde da draußen, die auf nichts anderes als auf schwache Signale aufpassen, die die toten Philosophen anfunken. So seine Warnung an W.. Ohne dass er das eingesteht, wollte Diogenes die Reinkarnation seines Lehrers, des reinen Hundes, wie sie ihn nannten, nicht ohne triftige Gründe stören.

Das schwache Signal hat Diogenes erreicht. Er gebraucht das Ohr seines Gefährten Luzi, einem Zwilling unseres Luzi, für seinen Chat mit W.

Ergebener Lehrer, geliebte Begleiterin, Hüter der Weisheit, reiner Hund Anti, leih mir Dein Ohr, um mit Diogenes, Deinem Schüler, meinem Freund zu sprechen. So versetzt W. Anti in Sende-Trance. Die Verbindung baut sich auf. Sei gegrüßt, mein Freund, antwortet Diogenes. Ihr Chat gebraucht zwar die alten Formeln der Kommunikation, aber lange hält sich Diogenes nicht auf und springt mitten hinein in unsere Geschichte.

Diogenes: Hast Du ihn überredet? (Er bezieht sich auf den schlafenden Tuli.)

W.: Ja. Das war die leichteste Übung. Sein Ehrgeiz brennt. Er weiß nicht, wohin mit seiner Kraft. Jetzt schläft er, siehst du?

(Benutzt Anti und richtet ihre Augen auf den in der Ecke schlafenden Tuli.) Er arbeitet an seinen Träumen.

Diogenes: Das ist gut. Was ist seine erste Lektion?

W.: Zu vergessen, wer er ist und wo er herkommt.

Diogenes: Was steht als nächstes auf dem Programm?

W.: Er sammelt die Hundescheiße ein. Ich habe eine Maschine erfunden und ihm aufgetragen, das Gold der Wahrheit in der Scheiße der Hunde zu finden.

Diogenes: Das ist eine großartige Lektion. Erinnern wiederholen abarbeiten.

W.: Warum musst du Sigmund immer so verspotten?

Diogenes: Er braucht das. Das ab ist das neue durch.Was ist mit E.? Ist sie schon bei Euch? (Er bezieht sich auf die alte Dame, auf deren Schoß Anti hüpfte, um dort wie eine Katze zu schnurren.)

W.: Wir besuchen sie in der nächsten Folge. Dann klären wir das.

Diogenes: Ihr braucht sie schon bald. Ihr Wahnsinn ist eure Rettung. Vergiss das nicht!

W.: Unsere kleine Freundin, Dein wiedergeborener Lehrer, übernimmt das.

Diogenes: So sei es. Was ist mit dem Zwerg? Weiß er, wo Zara steckt? Grüß die Geier! Die Rachsucht des Zwergs ist gefährlich!

W.: Nein, er weiß nicht, wo wir stecken. Er liest nicht die Krautreporter. Nebenbei hat er auch noch andere Probleme. (Lacht dreckig.)

Diogenes: Unterschätz ihn nicht. Er ist unser gefährlichster Gegenspieler. Seine schönen Lieder sind Maskerade. Sorge dafür, dass er da draußen mit anderen Sachen beschäftigt bleibt.

Was ist mit unseren Lesern? Mögen sie unsere Geschichte?

W.: Manche ja, viele noch nicht. Sie finden es schräg, bizarr, die Bilder schlecht, bevorzugen die amerikanischen Comics.

Diogenes: Das Opium der Austromarxisten.

W.: Wie kommst du darauf?

Diogenes: Sie wissen nicht nur, wie der Kapitalismus funktioniert, sondern tun alles dafür, dass er überlebt. In der besten Welt haben sie es sich gemütlich gemacht, um sie scharf zu kritisieren. Du weißt, aus welcher Erfahrung ich spreche.

„Der Mann Diogenes lebte in einer verworrenen Zeit, und er hatte, als er in den Anekdoten erscheint, die von da ab sein Leben in Athen begleiten, bereits ein verworrenes Schicksal hinter sich. An ihm - so sagt er es selbst - haben sich die Flüche der Tragiker erfüllt: ohne polis, ohne Haus, seines Vaterlandes beraubt, bettelarm umherwandernd,führte er ein Leben für den Tag.“ Klaus Heinrich, Parmenides und Jona. Frankfurt 1982 S. 133f Wir kommen bei Gelegenheit für unsere geneigte Leserschaft auf dieses Buch zurück.

W.: Danke, darüber muss ich nachdenken. Friede in der Tonne!

Wuffwuff, den wir aus Rücksicht auf einen Leser nun wirklich nur noch W. nennen, hat jetzt Zeit zum Träumen, fast seiner wichtigsten Aufgabe in unserer Geschichte. In der nächsten Folge kümmern wir uns um die losen Fäden. Was ist mit der Bombe? Warum ist E. so wichtig? Was passierte mit Zara und dem Zwerg? Das erzählen wir nächste Woche in Episode fünf.


Kynästhesie ist eine Graphic Novel von Josefina Capelle (Grafik) und Hans Hütt (Text)