Konsum

Ich will dich besitzen!

etwa 31 Min. Lesedauer

Vergib mir, Herr, denn ich habe gesündigt. Ich bin eitel, ich lebe in einer eitlen Welt, die Menschen, die mich umgeben, sind eitel. Und ich genieße es.

Eine Frau steht gelangweilt in einem Elektrofachmarkt am Rande einer deutschen Großstadt und dreht eine ihrer blondierten Locken um den Zeigefinger ihrer rechten Hand. Der Kopf liegt schräg, mit leeren Augen starrt sie in die Luft. Sie ist nicht hier, um zu kaufen, sondern um zu verkaufen. Teure Surround-Soundanlagen einer bekannten Marke mit kleinen, würfelförmigen Lautsprechern. Sie ist Promoterin.

Die Heimkino-Anlagen sind die Premium-Produkte in diesem Billig-Elektrofachmarkt. Er gehört zu einer riesigen Kette, die damit wirbt, dass Geiz geil sei. Es ist das Jahr 2007, die Finanzkrise ängstigt die Deutschen, das Geld sitzt nicht mehr so locker wie in den neunziger Jahren. Wenn man Hi-Fi-Anlagen für 2.000 Euro, 3.000 Euro oder mehr verkaufen will, dann stellt man besser etwas Hübsches dazu. Eine sogenannte Werbedame. Werbedamen müssen schlank und ansprechend aussehen; sobald sie das Verfallsdatum von 30 Jahren erreicht haben, werden sie ausgemustert. Die Frau mit den blondierten Locken wird bald 27.

Der Arbeitstag der Frau beginnt damit, dass sie den Staub von den Surround-Soundanlagen im Hi-Fi-Studio wischt. Das Hi-Fi-Studio ist ein durch Glastüren und eine Glaswand abgetrennter Bereich innerhalb der Hi-Fi-Abteilung. Das Studio misst etwa fünf Quadratmeter, hier stehen Lautsprecher in allen Größen wie die Orgelpfeifen nebeneinander, davor kleine Schildchen mit Zahlen, mittels Knopfdruck kann dann Boxen-Paar fünf mit Verstärker Nummer drei angesteuert werden oder Verstärker acht mit Box 23.

Manche Kunden bringen DVDs ihrer Lieblingsfilme oder ihre Lieblings-CD mit, von denen sie genau wissen, wie diese für sie zu klingen haben. Ganze Soundsysteme können hier installiert und vorgeführt werden. In der Mitte des Raumes steht ein Bänkchen, auf dem die Kunden sitzen und auf einen großen Flachbildschirm an der Wand starren wie Schüler auf eine Tafel, während ihnen die Promotorin etwas vorführt – eine Lehrerin, in der Hand die Fernbedienung als ihren Zeigestock. Sie zeigt auf das Menu auf dem Bildschirm, dann auf die kleinen, unauffälligen Würfel an der Decke, sie nutzt den Überraschungseffekt, jedes Mal aufs Neue sind die Leute baff: so viel Klang (Männer) aus so kleinen Lautsprechern (Frauen)!

Schminke ist wichtig

Aber jetzt ist es noch nicht so weit, der Tag beginnt gerade erst, der Markt erwacht. Die Promoterin putzt die Surround-Anlagen mit einem Seidenläppchen. Die Geräte glänzen silbern und schwarz, sie haben die Form aerodynamisch-rundgelutschter Design-Objekte, jedes verfügt über ein kleines, rot leuchtendes LED-Auge. Die Promoterin lässt das antistatische Tuch über die Rundungen dieser Ufos gleiten, die in den Wohnzimmern der Kunden landen sollen. Von draußen durch die Scheibe betrachtet, sieht es aus, als würde sie die Geräte zärtlich streicheln.

Der Arbeitstag der Promoterin beginnt eigentlich schon viel früher, zu Hause, wenn sie vor dem großen Spiegel im Schlafzimmer steht, ihr Freund schläft dann meist noch, und sie grübelt, was sie heute anziehen soll. Sie hat von der Firma eine Auswahl enger Poloshirts in Schwarz und Weiß bekommen, mit tiefem Ausschnitt und dem Logo der Marke, oft trägt sie auch Blusen, weiße oder hellblaue, dazu einen schwarzen Bleistiftrock, um den Hals ein Schlüsselband mit dem Logo der Firma, daran baumeln ihr Namensschild und ein Kugelschreiber, im Winter trägt sie hohe Lederstiefel, im Sommer flache Ballerinas (in Pumps würde sie die acht Stunden nicht aushalten). Offene Schuhe, in denen man die Zehen sehen kann, sind im Markt nicht erwünscht.

Wichtig ist auch die Schminke: eine matte Make-up-Schicht, Puder, Lidschatten in verschiedenen Braunschattierungen, die Augenbrauen dunkel nachgezogen, Wimperntusche, Lippenstift, Rouge. Das kalte Neonlicht im Markt und dazu die trockene Luft sind unerbittlich, selbst gegenüber 27-jähriger Haut.

Speziell abgemischte CDs

Wenn sie mit dem Staubwischen fertig ist, legt sie das Läppchen in ein kleines, geheimes Schränkchen unter dem Flachbildschirm, wo auch Kaugummi, Pflaster und manchmal eine Wasserflasche versteckt sind. Es ist den Angestellten verboten, im Markt zu trinken, es sieht nicht gut aus vor den Kunden, und es könnte vielleicht auch Wasser auf die Elektrogeräte geraten. Die trockene Luft macht die Mitarbeiter permanent durstig, also müssen sie immer wieder den Markt verlassen, um in den Pausenraum zu gehen und dort schnell zu trinken. Das wird von den Abteilungsleitern beobachtet und auf einem imaginären Notizzettel als Fehlzeit vermerkt. Die Mitarbeiter wissen das, weshalb sie möglichst wenig trinken, um möglichst selten den Arbeitsplatz verlassen zu müssen. Ab und an wird mal einem schwummerig, weil er oder sie dehydriert ist. Aber was geht den Markt die Dehydratation seiner Mitarbeiter an.

Die Promoterin versteckt ihre Wasserflasche im Schränkchen. Sie muss vorsichtig sein, überall sind Kameras, die die Kunden überwachen sollen und vom Marktleiter zugleich genutzt werden, um die Angestellten zu überwachen. Sie nimmt aus dem Schränkchen ihre speziellen DVD und CD für die einzelnen Anlagen, es ist Fütterungszeit. Für die eine gibt es den Chris-Rhea-Mix, für die andere ein Paul-McCartney-Live-Konzert, Star Trek für die große Surround-Anlage, deren winzige Boxen überall im Raum verteilt sind.

Manche CD sind speziell zu Vorführzwecken produziert und so abgemischt, dass die Lautsprecher besonders gut klingen. Aber das sagt die Promoterin den staunenden Kunden nicht. Jedenfalls nicht, wenn die nicht explizit danach fragen. Ist das eine Sünde? Sie könnten doch fragen! Aber die meisten kommen nicht auf die Idee, dass es so etwas überhaupt gibt; speziell abgemischte CDs, die die Anlagen besonders gut klingen lassen, viel klarer, brillanter und kraftvoller, als sie je in den Wohnzimmern der Kunden klingen werden.

Wenn die Promoterin alle Anlagen gefüttert hat, genießt sie ein letztes Mal die Abwesenheit von Lärm im Glashaus. Sie schließt die Augen und atmet tief durch die Nase. Einige letzte Sekunden süßer Stille, bis sie in neun Stunden diesen Ort wieder verlassen darf. Dann öffnet sie die Augen wieder, schreitet zur Glastür, öffnet die Flügel und drückt auf der Fernbedienung in ihren Händen auf Play. Ein brachialer Soundbrei bricht hinter ihrem Rücken los, schwillt an, steigt auf und vermischt sich mit dem Gedudel, Geplapper und Gekreische aus hunderten Mini-Stereoanlagen, Flachbildschirmen, Laptops, Handys, Mixern, Staubsaugern und Radioweckern überall in den Gängen der riesigen Halle. Die Kakophonie der Geräte hängt wie eine Wolke über dem Markt; sie regnet auf die Kunden, Mitarbeiter und Promoter herab. Der Tag beginnt.

In Position wie eine Prostituierte

Die Promoterin stellt sich vor dem Glashaus in Position wie eine Prostituierte, die auf Freier wartet. Sie drapiert sich neben die günstige Einsteiger-Anlage ihrer Firma (Preis unter 1.000 Euro, das ist psychologisch wichtig, um die Menschen anzulocken), daneben liegen Flyer, hier soll sie die Kunden abfangen und in das Glashaus locken, zu den teureren Anlagen. Sie wird die Kunden dazu bringen, sich auf das Bänkchen in der Mitte des Raumes zu setzen. Sie wird die Glastüren hinter ihnen schließen, damit es kein Entkommen gibt, ihnen mit ruhiger, warmer Stimme erklären, warum sie die Einsteiger-Anlage, die sie da draußen eben noch interessant fanden, eigentlich gar nicht wollen und warum nur ein teureres Modell (2.000 Euro) für sie infrage kommt und eigentlich überhaupt erst das ganz teure Modell (3.000 Euro) ihren Ansprüchen genügt.

Aber noch ist kein Kunde in Sicht. Wie jeden Tag steht sie an derselben Stelle auf der eigenschaftslosen Auslegeware, wie jeden Tag ist sie perfekt geschminkt und beginnt wie jeden Tag nach wenigen Minuten, sich zu langweilen. Sie hasst ihren Job. Sie streift auf den wenigen Metern umher, die sie sich vom Glashaus wegbewegen darf. Ihr Gehirn spielt gelangweilt mit sich selbst: „Hi – Fi – Studio – Hai – Fisch – Studio, ich bin ein Haifisch, ich schwimme aus dem Glasaquarium hinaus, durch die Gänge, auf der Suche nach Beute. Vielleicht geht heute von ganz alleine etwas in meine Falle. Wenn ich nur warte. Dann muss ich bloß noch zurückkommen und die Glastüren schließen.“

Gitterstäbe aus Langeweile

Der verhasste Job finanziert ihr Studium. Geisteswissenschaften. Der Job bringt ihr mehr Geld als eine Stelle an der Uni oder in der Bibliothek. Viel mehr Geld. Den Kollegen sagt sie ungern, dass sie studiert, und dreimal so ungern, was sie studiert. Meist erntet sie irritierte Blicke oder ein spöttisches „Was willst du denn damit machen?“, hin und wieder auch ein „Oh, eine Studierte, da muss ich ja aufpassen, was ich sage!“. Hier im Markt mag man es simpel. Echte Arbeit. Nix mit Büchern. Wenn die, die hier für immer bleiben müssen, die „Lebenslänglichen“ in ihren uniformen roten T-Shirts, wenn die hören, dass die Promoterin hier nur auf Zeit einsitzt, auf dem Sprung in ein besseres Leben, wenn die wüssten, dass sie das, was die Lebenslänglichen als Broterwerb für den Rest ihres Lebens betreiben werden, nur nebenbei zur Zwischenfinanzierung macht – das käme nicht gut an.

Während sie auf und ab läuft, kommt sie sich vor wie im Gefängnis. Ein Gefängnis mit Gitterstäben aus Langeweile.

Sie bringt enorme Umsätze. Ihr (und den anderen auch) ist es ein Rätsel, warum sie so hohe Verkaufszahlen einfährt. Vermutlich, weil ihr alles egal ist. Es interessiert sie nicht, ob sie etwas verkauft oder den ganzen Tag nur herumsteht. Anders als die Promoter anderer Firmen bekommt sie keine Provision pro verkauftes Gerät, sondern einen festen Tagessatz.

Sie fühlt keinen Zwang, ihre Jagd ist ein Spiel. Ihr fehlt deshalb das gequälte Lächeln, das sich über die Jahre in die Gesichter mancher Promoter geätzt hat. Ihr fehlt der anbiedernde Gesichtsausdruck, das Verzweifelte, das besonders die älteren Männer hier umweht, die diesen Job schon viel zu lange machen, die in den Pausen zu viel rauchen und zu oft ins Solarium gehen und in deren Haut das Neonlicht tiefe Furchen schnitzt.

Sie hat es nicht nötig, etwas zu verkaufen. Vielleicht kommen die Leute deshalb zu ihr. Manche betteln regelrecht darum, von ihr verarztet zu werden: Es wird jetzt kurz wehtun, aber wir müssen etwas in einem operativen Eingriff entfernen, nämlich: Ihr Geld aus Ihrem Portemonnaie. Sie haben es bald überstanden und werden sich danach besser fühlen. Zumindest kurzzeitig. Also sehr kurzzeitig.

Immer die richtige Rolle spielen

Die Leute wissen nicht, wohin mit ihrem Geld. Und sie wissen nicht, was mit ihnen los ist, warum sie sich so schlecht fühlen. Sie wissen nur, dass da diese Leere in ihnen ist, von der sie nicht wissen, wo sie herkommt, nur dass sie da ist und sich grässlich anfühlt und dass sie weggehen soll. Also kaufen sie noch ein weiteres hübsches Gerät. Die Promoterin sieht die Leere in den Menschen. Wer selbst die Leere in sich trägt, kann sie in anderen erkennen. Die Promoterin braucht oft nur ein kurzes Gespräch, um zu analysieren, wie die spezifische Leere in den jeweiligen Kunden geraten ist. Psychologie ist das Einzige, was sie an diesem Job interessiert.

Für jeden Kunden spielt die Promoterin eine Rolle, genau die Rolle, die er braucht. Welche das sein soll, muss sie blitzschnell entscheiden. Binnen weniger Minuten muss die Promoterin das werden, was ihm fehlt.

Am einfachsten sind die alleinstehenden Männer. Die denken, wenn sie die Anlage kaufen, kriegen sie die Frau gleich dazu. Manche wollen zuerst nicht mit ihr reden und bitten die Promoterin, einen männlichen Kollegen zu holen, der sich „mit der Technik auskennt“. Das sind ihr die liebsten. Statt ihnen eine feministische Ohrfeige zu versetzen, wickelt sie die kleinen Macho-Fliegen in ihr Netz aus Wissen ein, erklärt ihnen jedes Detail und hat auf jede Frage eine Antwort.

Am schwierigsten sind die Pärchen zwischen 30 und 40. Frauen scannen die Promoterin blitzschnell als Konkurrenz. Also geht sie so offensiv wie möglich vor: Sie begrüßt zuerst die Frauen, lächelt sie freundlich an, schaut ihnen direkt in die Augen – und nimmt die Rolle der besten Freundin ein („Ja, mein Mann zu Hause, der steht auch auf Actionfilme, hach, diese Kerle!“). Niemals wäre sie so dumm, mit dem Mann zu flirten, wie sie es bei den Alleinstehenden macht. Sie nimmt kaum Blickkontakt zu den Kunden auf, die ihre Frauen dabeihaben. Der Mann der besten Freundin ist schließlich tabu. Nur wenn die Freundin mal kurz nicht hinschaut, lächelt die Promoterin ihn für wenige Sekunden wissend an: Wenn deine Freundin nicht wäre… zwischen uns könnte wer weiß was geschehen.

Für die Rentner ist sie die Enkeltochter. Denen sitzt das Geld so herrlich locker. Geduldig hört sie ihnen zu, wenn sie von ihren Bedürfnissen brabbeln und sich beklagen, weil die Enkel sich nie blicken lassen und keiner beim Aufbau der Anlage helfen wird. Dann erklärt sie ihnen sanft, wie idiotensicher das Installieren dieser Anlage ist, kein Grund, die undankbaren Erben um einen ihrer sporadischen Besuche zu bitten.

Zweifel sind unerwünscht

Zu Hause, wenn alles installiert ist, werden Omi und Opi feststellen, dass ihre neue Anlage nicht besonders benutzerfreundlich ist. Zu Hause werden sie sich ärgern, wenn Omi ihr Kreuzworträtsel lösen und Opi seinen Cowboy-Film schauen will und Omi dann sagt: „Setz dir deine Kopfhörer auf.“ Die teure neue Anlage hat keinen Kopfhöreranschluss. Die Promoterin verkauft eine Heimkino- und Musikanlage für über 2.000 Euro – ohne Kopfhöreranschluss.

Die meisten Kunden gehen davon aus, dass eine so teure Anlage naturgemäß einen Kopfhöreranschluss haben muss, so wie ein Baum Blätter hat oder ein Auto Räder. Also fragen sie erst gar nicht nach. Aber ist es die Schuld der Promoterin, wenn sie nicht fragen? Ist es eine Sünde? Wer anklopft, dem wird aufgetan. Die Promoterin lügt nicht. Sie spricht die Wahrheit nur nicht aus. Wenn die Anlage erst einmal zu Hause ausgepackt und aufgebaut ist, dann bringen die wenigsten Kunden sie zurück.

Sie sind wie Kinder. Sie wollen gelobt werden für ihren Kauf: Hast du fein gemacht! Brav! So eine gute Note! Sie klopft ihnen sanft auf die Schultern, drückt ihnen verbindlich die Hände, beglückwünscht sie dazu, dass sie alles ab-so-lut richtig gemacht haben. Während die Kunden mit dem Paket auf dem Rollwagen den Markt verlassen, drehen sich viele noch einmal um, vergewissern sich, dass das hier kein Traum war, machen winke, winke, als sei dies der Abschied in ein herrliches Abenteuer, in ein verheißungsvolles neues Leben.

Die Promoterin winkt ihnen hinterher, blickt ihnen nach wie eine stolze Mutter, noch immer besorgt, dass auf den letzten hundert Metern etwas passieren könnte: Der Kassenbereich muss durchquert werden. Oft gibt es dort bereits den ersten kleinen Streit („Schatz, hast du das Geld?“ – „Aber du hast doch das Portemonnaie eingesteckt!“) und der erste kleine Zweifel steigt langsam im Unterbewusstsein der Kunden auf, wie ein Blubberbläschen im Wasser steigt er höher und immer höher und wird langsam größer, dehnt sich aus: Das hier wird rein gar nichts an ihrem faden Leben ändern.

Die erste Begegnung

Eines Tages, die Promoterin kommt gerade aus der Mittagspause zurück, steht im Hi-Fi-Studio, hinter dem Glas, ein neues Objekt. Sie stoppt und starrt: in ihrem Revier! Das neue Objekt nimmt sie augenblicklich gefangen. Er steht hinter der Glasscheibe wie ein exquisites Produkt in einem Schaufenster. Nie hat sie einen schöneren Mann gesehen.

Er ist dunkelblond, seine Haarspitzen sind hellblond gesträhnt wie die eines Surfers. Seine Haut ist makellos glatt, leicht gebräunt, bronzig. Sein Körper ist perfekt, nicht zu muskulös, aber sportlich, nicht zu groß, aber gut gewachsen, gerade und symmetrisch, alles an ihm wirkt luxuriös, seine ruhigen Bewegungen, seine aufrechte Haltung, sein geschmeidiger Gang.

Er muss für die Weihnachtssaison eingetroffen sein, denkt sie, aber er hat kein Preisschild, sondern ein Namensschild: Er ist Promoter, so wie sie. Er trägt ein rotes Poloshirt, eine Freiheit, die er sich unerlaubterweise nimmt, denn Promotern ist es verboten, Rot zu tragen, damit sie nicht mit den Mitarbeitern verwechselt und für neutral gegenüber den Produkten gehalten werden. Dazu kombiniert er eine ausgewaschene blaue Jeans und weiße Sneakers.

Er grinst sie an und läuft auf sie zu. Ohne jede Schüchternheit beginnt er ein Gespräch, den Blick herausfordernd direkt in ihre Augen gerichtet. Sie betrachtet sein ebenmäßiges Gesicht, seine blauen Augen. Er tritt näher, das Gespräch wird zum Flirt. Ihr fällt auf, dass er keinerlei Geruch verströmt. Sie hat beim Betrachten aus der Ferne ein umwerfendes Aftershave erwartet. Aber er ist geruchsneutral, riecht weder nach Parfum noch nach Deodorant oder gar Schweiß, egal, wie nah sie an ihn herantritt.

In einigen Wochen wird sie gelernt haben, dass seine Dezenz eines seiner Verkaufsgeheimnisse ist. Der Promoter ist absolut massenkompatibel. Er stößt niemanden ab und zieht niemanden zu sehr an. Er kann alles sein für jeden. Für sie wird er zum Objekt, zu einer Ware, die sie besitzen muss.

Promoterin im Jagdmodus

Von nun an eilt sie jeden Morgen freudig in den verhassten Markt. Jeder neue Tag beginnt mit einem Prickeln, nachts schläft sie schlecht, sie wird schon vor dem Weckerklingeln wach. Was soll sie anziehen? Wie soll sie sich frisieren? Welche Ohrringe soll sie tragen? Ihr ohnehin schon langes Vorbereitungsritual dehnt sich aus. Sie ist noch gedankenverlorener als sonst. Abends steht sie oft allein auf dem Balkon. Sie raucht zu viel und starrt ständig auf ihr Handy. Sie lässt das Handy nicht mehr offen auf dem Tisch liegen. Sie nimmt es überallhin mit, selbst auf die Toilette. Nach einigen Wochen wird ihr Freund neugierig und beginnt, Fragen zu stellen. Aber er kann ihr nichts nachweisen.

Die Promoterin ist auf der Jagd – doch noch ist nichts passiert. Noch ist alles nur ein Plan in ihrem Kopf. Sie genießt das Prickeln des Anfangs. Als würde sie über den Kauf einer teuren Luxus-Heimkino-Anlage nachdenken und sich vorstellen, wie sich die hübschen Lautsprecher in ihrem Wohnzimmer machen werden.

Jeden Morgen wartet sie nun darauf, dass der Promoter endlich auftaucht. Aufgeregt steht sie vor dem Hi-Fi-Studio. Tage, an denen er nicht erscheint, weil er frei hat oder krank ist, sind verlorene Tage und tropfen sinnlos ins Leere.

Der Promoter verkauft Flachbildschirme drüben in der Fernsehabteilung. Sie beobachtet ihn, wie er von Bildschirmdiagonalen und Auflösungszahlen fachsimpelt. Manchmal schickt er ihr ein Lächeln quer durch die Regalreihen. Immer häufiger schlendert der Promoter hinüber in die Hi-Fi-Abteilung und plänkelt mit ihr zwischen den Kartonstapeln. (Im Markt stehen überall Paletten mit Kartons, um „Kaufdruck“ zu erzeugen: Was auf einer Palette steht, wirkt auf die Kunden wie ein einmaliges Angebot von begrenzter Dauer.)

Der Promoter macht fette Umsätze. Er übt eine ganz besondere Anziehung auf die Kunden aus, sie sind gern in seiner Nähe. Seine Erfolge resultieren ebenso wie die der Promoterin daraus, dass sie ihm tendenziell egal sind. Er ist Narziss, sich selbst genug, er braucht keinen anderen Menschen, freut sich an seinem eigenen Glanz. Er will nicht gefallen – er gefällt einfach. Wie nebenbei. Das alles wirkt so natürlich, so völlig frei von jeder Anstrengung, als sei er dazu geboren. Sein Körper ist dafür gemacht und sein Kopf so herrlich leer, keine störenden Gedanken verunsichern ihn. Er existiert in Schönheit vor sich hin, sich selbst und den anderen Menschen zur Freude.

Kundinnen stecken ihm ihre Telefonnummern zu. Einmal rennt eine Frau gegen eine Glasscheibe, während sie ihn anstarrt. Eine andere ruft an seinem Arbeitsplatz an, um sich mit ihm zu verabreden. Er berichtet ihr von einer Kundin, die nackt, mit halb geöffnetem Bademantel an ihrer Wohnungstür auf ihn wartet, als er ein Gerät bei ihr installieren soll. Er nimmt die Huldigungen mit einem müden Lächeln entgegen, wie ein vom Siegen verwöhnter Sportler. Alles fällt ihm zu. Im Grunde bemitleidet er die Frauen ein wenig. Sie haben sich nicht im Griff. Und er lässt sich nicht von ihnen greifen.

Genau so verkauft er auch. Er ist die Verkörperung der Unzufriedenheitsindustrie. Er begeistert, er verführt – und wenn die Menschen zugreifen wollen, dann gleitet er ihnen durch die Finger und verflüchtigt sich. Was also machen sie? Wenn sie ihn schon nicht besitzen können, dann kaufen sie zumindest das, was sie mit Geld erwerben können: einen Flachbildschirm. Die Promoterin bestaunt tagtäglich diese Vorgänge. Er macht das hauptberuflich, nicht nur als Nebenjob wie sie. In ihm hat sie ihren Meister gefunden. Manchmal verkaufen die beiden gemeinsam Paketangebote: er den Flachbildschirm und sie die passende Anlage dazu. „Wir sind perfekt füreinander“, flüstert er ihr dann ins Ohr, und sie bekommt eine Gänsehaut. Sie stellt sich vor, wie die anderen Frauen sie beneiden würden, wenn sie mit ihm am Arm durch die Straßen laufen würde. Ein perfektes Paar wie aus einem Werbeprospekt.

Die erste gemeinsame Mittagspause

Sie arbeitet einige Wochen lang darauf hin, mit ihm die Mittagspause verbringen zu können. Sie geht mit Bedacht vor, so ausgeklügelt, wie sie auch ihre Anlagen verkauft. Sie tut so, als sei ihr die Verabredung nicht sonderlich wichtig. Sie verschiebt den Termin („Zu viel zu tun heute“) oder sagt ihm vorläufig ab („Ich muss an die Uni“). Sie weiß: Sobald sie das erste Mal mit ihm allein sein wird, ihn von der Kollegenherde separiert hat, ist das der Anfang von etwas. Und ihr Freund? Der seit zwei Jahren mit ihr abends im Bett einschläft und morgens wieder aufwacht? Längst ist die Beziehung abgekühlt, der Jagdinstinkt erloschen, da sich die beiden Objekte „gekriegt haben“, sich also jeweils gegenseitig besitzen.

Das ist schon immer ihr Problem gewesen: Nach einer gewissen Zeit mit einem Mann (das können Tage, Wochen oder Monate sein) wird ihr langweilig. Nachdem sie einen Mann „bekommen“ hat, die Jagd also ein erfolgreiches Ende gefunden hat, fühlt sie irgendwann immer wieder die Leere, von der sie dachte, sie sei verschwunden. In Wahrheit aber war sie niemals weg. Beziehungen sind für sie die lange, lange, langweilige Zeit nach dem Happy End.

Sie lässt sich also Zeit bei der Jagd, um sie auszukosten. In dem Markt voller Kameras und Kollegenaugen ist es außerdem nicht leicht, unbeobachtet jene Zweisamkeit zu schaffen, die nötig ist, um Dinge außerhalb des Marktes in Gang zu bringen. Als es endlich so weit ist und sie in einem anonymen Schnellrestaurant im Einkaufszentrum hocken, achtet sie nicht einmal darauf, was er bestellt. Sie ist einfach nur fasziniert. Was sie viel mehr interessiert: Ob er isst wie normale Menschen? Bekleckert er sich? Bleibt ihm auch mal ein Krümel im Mundwinkel hängen?

Aber auch hier ist er von maximaler Dezenz und Kontrolliertheit. Er absolviert das Essen wie eine höchst elegante Turnübung. Nebenbei plappert er herrlich hohles Zeug, das sie nicht hört, während sie an seinen Lippen hängt. Sie bewundert seinen Brustkorb, der sich unter dem eng anliegenden Poloshirt spannt. Breite Schultern, eine schlanke Taille, ein perfektes, auf den Kopf gestelltes Dreieck. Alles an ihm befindet sich im goldenen Schnitt.

Er beginnt, über das Verkaufen zu fachsimpeln. Nun hört sie gespannt zu, denn hier klingt er ganz und gar nicht hohl, eher bauernschlau und eiskalt. Die heillose Überfülle der Warenwelt. Er begrenzt sie, und dafür seien ihm die Menschen dankbar, erklärt er ihr jetzt. Die Konsumenten – von der Reklame unzufrieden gemacht – stehen vor der Kaufentscheidung und wanken und schwanken und drohen aufgrund der Anstrengung, die dieses Wanken und Schwanken bedeutet, die Lust zu verlieren und nach der Notwendigkeit und dem Zweck des Kaufes zu fragen.

Hier nun muss er eingreifen, sie abholen und wie der Prinz aus dem Märchen das Happy End bringen, den Vertragsabschluss. Er verengt das Sichtfeld der Kunden, hilft ihnen beim Fokussieren auf ein Produkt (nämlich sein Produkt). Er macht die Welt weniger komplex, nimmt den Kunden die Entscheidung ab. Die Menschen sind ihm so dankbar für die Vereinfachung. Er befreit sie von Problemen, die sie eigentlich nie hatten.

„Ich bin selbst eine Ware“

Unter zwanzig oder fünfzig gleichwertigen Produkten, deren Austauschbarkeit einen schier wahnsinnig machen kann, zeigt er den Ausweg. Er ist der Gott mit den zwei Gesichtern: Erst verstärkt er die von der Werbung erzeugte Unzufriedenheit in den Kunden, dann stellt er Zufriedenheit in Aussicht. Das ist sein janusköpfiges Prinzip. Er ist Gift und Gegengift, Krankheitserreger und Medizin. Die Linderung darf nur niemals dauerhaft sein. Immer nur vorübergehend.

Er praktiziert dies, so erzählt er ihr, bei: edler Schokolade, Fun-Getränken, teuren Hi-Fi-Komponenten, Flachbildschirmen, Designerkameras. Alle Waren, die er präsentiert, sind überflüssig – und genau deshalb ist er notwendig. Die Schaffung von Luxusgütern hat als Nebenprodukt den Verkaufsförderer hervorgebracht.

Während er doziert, betrachtet sie seinen Mund. Die Lippen, so denkt sie, könnten ein Makel sein. Zu dünn. Leidenschaftlich küssen kann er damit nicht. Und seine Augen sind klein und blass. Kein Feuer. Aber da er die Leidenschaften ohnehin den anderen überlässt, jenen Schwachen, die ihm verfallen, scheinen ihr diese Mängel irrelevant. Feurige Augen und volle Lippen – sind sie nicht eigentlich überflüssig? So überflüssig wie beispielsweise der Kopfhöreranschluss an einer teuren Heimkinoanlage?

„Ich bin selbst eine Ware“, schließt er seinen Vortrag, tupft mit der Serviette dezent die Mundwinkel ab und macht sich bereit zum Gehen. Ja, du bist eine Ware, denkt sie. Und ich werde dich besitzen.

Freund auf Kontrollgang

Das Spiel geht in die nächste Runde. Immer öfter kommt der Promoter zu ihr in die Hi-Fi-Abteilung, umkreist sie, pustet ihr ins Haar, streicht ihr wie zufällig über den Arm. Eines Tages taucht überraschend ihr Freund im Markt auf. Sie wird blass. Er wolle einfach mal in der Mittagspause Hallo sagen, gibt er auf ihre überraschte Nachfrage als Begründung für seinen Besuch an. Das hat er noch nie gemacht. Aus dem Augenwinkel lugt sie hinüber in die TV-Abteilung: Will sich der Promoter gerade wieder nähern? Wirft er ihr unzüchtige Blicke zu? Da sich die Sache zwischen ihr und ihm quasi minütlich aufheizt, kann es jederzeit passieren, dass der Promoter unvermittelt hinter einem Kartonstapel auftaucht.

Ihr Freund späht in der Halle umher, dann murmelt er etwas von „mich mal umschauen“ und streicht durch die Gänge. Die Situation ist brandgefährlich. Ihr Blick scannt die TV-Abteilung: Wo ist der Promoter? Während ihr Freund in die Auto-Hi-Fi-Abteilung marschiert (vermutlich wähnt er einen muskelbepackten, tätowierten Verkäufer als seinen Konkurrenten, der dort drüben dicke Bassboxen an Proleten vertickt), flitzt sie in die TV-Abteilung zum Promoter, der sofort zu säuseln beginnt, und zischt ihm ins Ohr, ihr in der nächsten halben Stunde nicht zu nahe zu kommen. Er lächelt verwirrt und schaut ihr neugierig hinterher, als sie wieder an ihren Platz eilt, um dort mit pochendem Herzen und völlig außer Atem ihr übliches gelangweiltes Gesicht aufzusetzen, damit sie präpariert ist, wenn ihr Freund von seiner erfolglosen Pirsch zurückkommt.

Sie versucht, ihn davon zu überzeugen, einen Kaffee trinken zu gehen. Aber er will sich in der TV-Abteilung noch die neuesten Flachbildschirme ansehen. (Die beiden sind ein klassischer Akademikerhaushalt und haben gar keinen Fernseher, der Vorwand ist also genauso wackelig wie lächerlich.) Der Promoter wird diese kleine dramatische Episode sicher amüsant finden und für ein wenig Ablenkung in seinem Arbeitsalltag nutzen. Wie in einem Slapstick-Film flüchtet er unbemerkt von dem eifersüchtigen Freund durch die Gänge, versteckt sich hinter Regalen und blinzelt zwischen Kartonstapeln hervor. Ihr Freund zieht irgendwann unverrichteter Dinge ab, sein letzter Rundumblick auf der Suche nach dem unsichtbaren Feind verrät ihr, dass er nicht beruhigt ist.

Im Spiegelkabinett

Der Auftritt ihres Freundes hat ihr die Jagd erschwert. Der Promoter ziert sich plötzlich, er kommt nicht mehr so oft in die Hi-Fi-Abteilung. Das Letzte, was er will, sind dramatische Szenen. Das wäre zu viel Leidenschaft. Also muss sie aktiver werden und schlendert häufiger hinüber in die TV-Abteilung. Je öfter sie durch die Gänge voller Bildschirme geht, desto mehr versteht sie, warum hier sein Platz ist. Überall flackern schöne junge Menschen von den Wänden auf sie herab, schöne Mütter küssen ihre schönen Kinder in klarstem HD, schöne Männer wirbeln ihre schönen Frauen an wunderschönen Stränden durch die Luft. Die absolute Allmacht der Gegenwart. Austauschbare Gesichter. Bilderfetzen. Weiße Zähne, große Augen, rosige Haut.

Es ist alles eitel. Sie kann sich nicht vorstellen, dass diese Menschen irgendwann tot und ihre wunderschönen Gesichter von Würmern zerfressen sein werden. Sie scheinen unsterblich, in ewiger Jugend eingefroren. Zwischen den Bildschirmen fühlt sie sich wie in einem Spiegelkabinett, das ihr nicht zeigt, wie sie ist, sondern wie sie sein soll. Manche Bildschirme stehen erhöht auf Kartontürmen und sind flankiert von zwei Lautsprechern, sie sehen aus wie Altäre. Zu Füssen der Altäre das Konsumentenvolk, das sich nach diesen Bildern formt. Soundmüll, Bildmüll, in Ohren, Augen, Mund und Nase, in alle Körperöffnungen wird er hineingestopft wie süßer Brei. An manchen Tagen will sie die Bildermauern mit einem Vorschlaghammer zertrümmern.

Als sie einmal bei ihm steht und unauffällig sein Gesicht mit den Gesichtern der Männer auf den Bildschirmen vergleicht, während er irgendetwas Belangloses über seinen Hund oder verfärbte Wäsche plappert, bemerkt sie, dass er kleine Hautunreinheiten hat. Die Realität tropft in den Traum. Sie weiß, dass sie die Jagd zum Abschluss bringen muss. Außerhalb des Marktes schreiben sie sich mittlerweile täglich Nachrichten. Seine Mitteilungen werden immer anzüglicher. Sie strotzen vor Rechtschreibfehlern. Sie versucht, darüber hinwegzusehen, sich ein wenig dümmer zu stellen. Schließlich ist sie eine Meisterin im Variieren ihres Verhaltens.

Endlich darf sie auspacken

Sie verabredet sich mit ihm für ein abendliches Treffen. Sie sagt ihrem Freund, dass sie lange in der Bibliothek arbeiten muss. Der Promoter holt sie in der Bibliothek ab. Mit seinen gegelten Haaren und seinen spitzen Lederschuhen hebt er sich von den Gammelstudenten ab. Das hier ist fremdes Terrain für ihn. Wahrscheinlich weiß er nicht einmal, wofür die Spinde da sind und wie man ein Buch ausleiht, denkt sie sich. Sie betrachtet ihn und will seine schmalen Lippen küssen, obwohl sie sich keine überragende Leidenschaft von ihnen erwartet. Sie will ihn vor allem berühren, wie man etwas anfassen möchte, das in einem Schaufenster liegt.

Sie fahren zu ihm ins Hotel. Wenn er an roten Ampeln stoppt, dreht er seinen Kopf zu ihr, und die beiden starren sich lange an. So dicht war sie noch nie an diesem Luxusgut. Während der Fahrt erzählt er ihr, dass er darüber nachdenkt, sich zur Ruhe zu setzen. Promoter können nicht in Würde altern. Man verzeiht ihnen vieles, aber nicht das Alter. Die Über-vierzig-Promoter sehen allesamt lächerlich aus, mit gesträhnten Haaren und Lederbändern um den Hals, wie verschrumpelte Zwanzigjährige.

Sie versucht sich vorzustellen, wie er mit vierzig aussehen wird oder mit fünfzig, aber es gelingt ihr nicht. Er ist das Jetzt, die Gegenwart, genauso eingefroren wie die Gesichter auf den Bildschirmen. Er parkiert das Auto. Er wohnt in einem nichtssagenden Hotel irgendwo am Stadtrand. Sie gehen auf sein Zimmer. Das Zimmer kommt ihr grau vor. Er schaltet den Fernseher ein und sucht einen Musiksender. Sie fühlt sich, als habe sie eine teure Anlage gekauft, die sie nun endlich auspacken darf.

Ein einseitiges Wiedersehen

Ein halbes Jahr später. Es ist Hochsommer, das letzte Weihnachtsgeschäft ist lange vorbei, und der Kapitalismus bereitet schon das nächste vor. Die Sonne brennt auf das Einkaufszentrum nieder, Menschen schlecken Eis und sind zu faul zum Kaufen. Keine gute Zeit für Promoter. Sie arbeitet schon eine ganze Weile nicht mehr im Markt. Im August muss sie ihre Magisterarbeit abgeben und „konzentriert sich nun auf ihr Studium“, wie man so sagt. Den Promoter hat sie nicht mehr wiedergesehen. Die Lebenslänglichen haben ihr gesagt, sie solle doch mal vorbeikommen, sie besuchen. Sie hat das vermieden, weil der Anblick sie deprimiert, noch mehr als früher, weil sie nun den Markt jederzeit frei verlassen kann, während die anderen zum Bleiben verdammt sind.

Heute jedoch musste sie zwangsläufig in das Einkaufszentrum kommen, weil sie in das Möbelhaus neben dem Markt will. Sie schleicht an der großen offenen Eingangsfront vorbei, damit niemand sie entdeckt. Da sieht sie den Promoter in der Sonne vor einem der Cafés sitzen. Aus einer alten Gewohnheit heraus hüpft kurz ihr Herz.

Sie erinnert sich an den Winter. Wie sie nach Silvester in den Markt kam und der Promoter plötzlich weg war. Ein Produkt, das man über Nacht aus dem Sortiment genommen hatte. Keine Nachricht, kein Abschied, keine Erklärung.

Jetzt, ein halbes Jahr später, sieht sie ihn, wie er sich in seiner Mittagspause sonnt. Seine blonden Strähnen leuchten, ein elegantes braunes Hemd spannt sich über seinen Brustkorb. Hat er ein bisschen zugenommen? Noch immer scheint er stets nur Einfarbiges zu tragen und auf Muster oder Motive zu verzichten, die im Gemüt seines Gegenübers zu viel Bewegung verursachen könnten. Am rechten Ringfinger trägt er einen schlichten, breiten Silberring, ein dunkles Lederband mit einem braunen Stein liegt eng um seinen Hals, ein dazu passendes Armband ist um sein rechtes Handgelenk gewickelt. Alles wirkt wohldosiert und aufeinander abgestimmt. Jeans, dunkelbraune Lederschuhe, verspiegelte Pilotensonnenbrille, eine lockere Eleganz. Er lehnt sich in seinem Stuhl zurück, das Gesicht der Sonne zugewandt.

Sie forscht in sich nach dem Gefühl von früher, nach der großen Sehnsucht, ihn unbedingt haben zu wollen. Ein Flackern, das sie oft auch in den Augen ihrer Kunden gesehen hat. Die Erregung des Konsums, die Hoffnung auf das Hochgefühl, die Kompromisslosigkeit des Verlangens. Genau so hatte sie den Promoter lange Zeit angeblickt.

Jetzt aber sieht sie in ihm nur noch ein Versprechen, das nicht eingelöst wurde. Eine Luxus-Anlage, die zu Hause nicht den gewünschten Klangeffekt bringt, obwohl sie doch ordnungsgemäß aufgebaut und eingestöpselt wurde. Jetzt ahnt sie, wie ihre Kunden sich gefühlt haben müssen.

Und plötzlich ist sie wieder da: die Leere. Sie breitet sich in ihr aus wie eine gute alte Freundin, die es sich auf der Couch im Wohnzimmer gemütlich macht. Und bei der man fast das Gefühl haben könnte, sie sei niemals wirklich weg gewesen.


Zur Autorin: Können Menschen sich ändern? Unsere Autorin Bettina Schaffhaus ist der Meinung: Ja. Und sie nimmt diese Möglichkeit auch für sich selbst in Anspruch. Deswegen erzählt sie diese Geschichte unter Pseudonym. Mittlerweile fühlt sie sich nur noch entfernt verwandt mit der Promoterin, um die es in ihrer Reportage geht. Obwohl sie diese Frau ist. Der Text, der bereits einige Jahre lang in der digitalen Schublade lag, wurde vielleicht genau deshalb erst jetzt herausgenommen und für druckbar befunden. Diese Erzählung von Konsum und Leere ist zeitlos und an keinen Ort gebunden, sie betrifft uns alle - und sie kann jedem von uns zu jeder Zeit passieren.

Diese Geschichte veröffentlichen wir mit der freundlichen Genehmigung des Magazins REPORTAGEN, mit dem wir uns inhaltlich sehr verbunden fühlen. In dem zweimonatlich erscheinenden, unabhängigen Magazin berichten großartige Autorinnen und Autoren in spannenden Reportagen aus aller Welt. Und weil wir dieses Heft so gerne mögen, bekommt jeder, der ein Krautreporter-Abo abschließt und sich dafür entscheidet, eine kostenlose Print-Ausgabe von REPORTAGEN dazu. Für diejenigen, die schon Mitglied bei uns sind, gibt es das Print- und Digitalabo vergünstigt.