„Ich habe Tierversuche gemacht“

„Ich habe Tierversuche gemacht“

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Ich habe in Neurobiologie promoviert und dafür in vier Jahren circa 140 Mäuse operiert, trainiert und ihre Hirne in Scheiben geschnitten. Für die Forschung. Dafür Tiere zu töten, halte ich für berechtigt.

Aber wenn dich auf einer Party jemand fragt, was du machst, und du antwortest: „Ich mache Tierversuche“, wird es schwierig. Die Leute wissen ja fast nichts darüber. Es gibt immer welche, die gleich sagen: „So was könnte ich nie.“ Die kennen diese typischen Bilder aus den Medien oder von Tierschutzorganisationen, wo man Affen sieht, denen Elektroden in den Kopf gerammt werden. Wenn ich keine Ahnung habe und diese grauenhaften Bilder sehe, sage ich natürlich, das ist scheiße. Es ist auch gerne von Forschern die Rede, die sich wie Gott aufführen und Tiere massenhaft töten. Aber das ist Blödsinn. Alle Forscher, die ich kenne und die Tierversuche machen, sind sehr gewissenhaft und müssen durch unglaublich viele Kontrollen gehen. Es stellt sich niemand hin und sagt: „Ich will Tiere umbringen.“ Man will zur Forschung beitragen und stellt manchmal eben fest, dass es nur mit Tierversuchen geht.

In den Party-Gesprächen habe ich oft versucht zu erklären, warum Tierversuche wichtig sind. Auch für die Grundlagenforschung. Denn bevor ich eine Krankheit behandeln kann, muss ich erst einmal wissen, wie das System funktioniert, wie sich zum Beispiel Zellen ausbilden oder wie sich das Sehen entwickelt. Wenn ich ein Medikament entwickeln will, muss ich erst die Krankheit verstehen. Wenn einer Tierversuche kategorisch ablehnt, muss er auch damit leben, dass seine Großmutter an Krebs stirbt.

Ich bin total gegen Massentierhaltung und gegen Tierquälerei, aber es ist etwas anderes, ob ich jeden Tag Wurst für einen Euro essen will oder ob ich an Medikamenten forsche, die Leben retten. Oder Wissen sammele, das letztlich kranken Menschen hilft. Ich kenne auch vegetarische und vegane Kollegen, die Tierversuche machen. Die meisten, die absolut gegen Tierversuche sind, wissen zu wenig über sie.

In Deutschland sind 2014 rund 2,8 Millionen Tiere für wissenschaftliche Zwecke und Tierversuche eingesetzt werden. 83 Prozent waren Nagetiere, hauptsächlich Mäuse und Ratten. An zweiter Stelle stehen in Deutschland Fische (ca. 10 Prozent), an dritter Stelle Kaninchen (ca. 4 Prozent). Katzen und Hunde machen knapp 0,2 Prozent aller Versuchstiere aus, Affen 0,09 Prozent. Die genauen Zahlen stehen hier.

Die Videos von Tierrechtlern sind so zusammengeschnitten, dass sie möglichst krass wirken. Man sieht nicht, wie viele Leute sich darum Gedanken machen, dass Tierversuche möglichst schmerzlos ablaufen, wie sorgfältig die Forscher sich um die Tiere kümmern und wie stark sie dabei kontrolliert werden. Vor allem in Deutschland läuft eine monatelange bürokratische Schlacht ab, bevor ich einen Finger an eine Maus legen darf. Ich muss nachweisen, warum ich für meine Forschung Tiere brauche und dass diese Forschung noch niemand anders gemacht hat. Da muss jeder Handgriff vorausbedacht sein: Von der Flüssigkeit, die benutzt wird, um die Rasurstelle zu desinfizieren, über die Dauer der Betäubung, die Dauer der OP, das Garn zum Vernähen der Wunde, ob sich die Tiere danach einzeln oder in der Geschwistergruppe erholen, auf welche Diät sie gesetzt werden, wer was mit ihnen trainiert, wie getötet wird und was danach mit den Tierkörpern passiert.

Alles wird minutiös geplant, um kein Tierleben zu verschwenden. Mithilfe von Statistikern musst du genau ausrechnen und begründen, wie viele Tiere du brauchst. Selbst dann kommt der Antrag oft noch einmal zurück. "Rechnen Sie das noch mal nach”, heißt es dann.

Labormäuse sind besser dran als manche Haustiere

Ich wollte wissen, welche Rolle ein bestimmtes Protein bei Lernen und Gedächtnis spielt. Dafür habe ich das Proteinlevel im Gehirn meiner Mäuse manipuliert. Ich habe ihnen ein Virus gespritzt, das dazu designt wurde, ein bestimmtes Gen in Zellen einzuschleusen. Danach habe ich die Mäuse durch ein Labyrinth laufen lassen, um ihre Gedächtnisvorgänge zu testen. So etwas sieht man ja öfter im Fernsehen: Die Tiere müssen sich merken, wo sie Futter finden. Damit sie mitmachen, sind sie leicht auf Diät gesetzt, weil vollgefressene Mäuse nicht teilnehmen. Ich habe sie also bei 80 Prozent des Normalgewichts gehalten. Die Versuche, die ich gemacht habe, sind meiner Meinung nach angenehm für die Mäuse, das war ja wie Spielen. Sie hatten es besser als Haustiere, die bei Kindern im Käfig herumsitzen und vor sich hinstarren. An der Uni wird auch kein Tier in einem dreckigen Käfig liegengelassen.

Für alle, die mehr über Martinas Experiment wissen wollen, ist hier ihre genauere Erklärung: „Der ins Hirn gespritzte virale Vektor ist ein sehr oft gebrauchtes genetisches Tool. Letztendlich DNA, die in der Zelle zu einem Virus übersetzt wird, welche aber nur ein bestimmtes Gen transportiert und so designt werden kann, dass er allein in der Zelle der Erstinfektion bleibt. Mit einer Glaskanüle wird ein Mikroliter des Virus ins Mäusegehirn gespritzt und nur an der Stelle, wo gespritzt wurde, kann der Virus sein Werk verrichten: Er sorgt dafür, dass das von ihm getragene Gen in den Zellen in ein Protein übersetzt wird. Das heißt: vom Virus infizierte Zellen haben dann ein Zuviel des sowieso schon vorhanden Proteins. (Adeno associated virus, kurz AAV, wird auch zur Gentherapie eingesetzt. Hier dazu ein weiterführender Text.)“

Die neueste Entwicklung im Bereich Gene-Editing, die im vergangene Jahr unter Wissenschaftlern für viel Furore gesorgt hat, wird in diesem Interview von Esther Göbel näher erläutert.

In meinen Versuchen kam raus, dass die Mäuse, die manipuliert waren, sich schlechter erinnern konnten, wo sie ihre Belohnungen gefunden hatten. Das Protein hat also auf eine bestimmte Art ihr Gedächtnis beeinflusst. Man kann davon ausgehen, dass dieses Protein auch bei Menschen wichtig für Lernen und Erinnern ist. Meine Forschung war nur ein winziger Schritt, um die komplexen Systeme Lernen und Gedächtnis besser verstehen zu können. Aber erst, wenn diese Vorgänge verstanden sind, kann man auch Medikamente gegen Störungen wie Gedächtnisprobleme entwickeln.

Die Operation an jeder meiner Mäuse dauerte eine halbe Stunde, da musste jeder Handgriff sitzen. Niemand wird vors OP-Besteck gesetzt und darf einfach rumprobieren. Es gibt auch keinen Überschuss, du musst über jedes einzelne Tier Rechenschaft ablegen. Am Anfang sind erfahrene Forscher bei den Operationen dabei, die darauf achten, dass die Tiere richtig betäubt sind und die für dich geradestehen müssen. Auch danach kommt ständig jemand vorbei und kontrolliert. Ich musste jeden Tag in die Uni gehen, auch als ich krank war, an den Wochenenden und in den Sommerferien und nach meinen Mäusen schauen, sie füttern und ihnen Wasser geben. Wenn ein Kontrolleur ein totes Tier im Käfig sieht, gibt es empfindliche Strafen. Ich habe während meiner Zeit an der Uni nie erlebt, dass jemand seine Tiere schlecht behandelt hätte. Du weißt, das ist mein lebendes Material, dafür habe ich Verantwortung.

Natürlich bringst du die Tiere am Ende um. Das ist schwer für viele, auch für mich. Ich musste es tun, weil ich wissen wollte, wie sich das Gehirn der manipulierten Tiere verändert hat. Welche Bahnen von Nervennetzwerken betroffen waren. Dafür musste ich das Hirn in Scheiben schneiden, dann wird es eingefärbt und ich messe die Ströme. Vor fünfzig Jahren hat man Mäuse am Schwanz hochgehoben und an der Tischkante totgehauen, heute werden sie kunstfertig in einer Kammer betäubt, und danach schneidet man ihnen den Kopf ab. Das hört sich brachial an und es macht auch keinen Spaß. Ich war mit meinen Mäusen ja jeden Tag zusammen und habe sie ins Herz geschlossen. Du gibst ihnen keine Namen, aber du erkennst sie trotzdem: Die da ist total pfiffig, die kommt immer gleich auf meine Hand gerannt, wenn ich sie in den Käfig halte, und der Racker da hat mich am Anfang immer angepinkelt. Die Tiere kennen dich auch nach einer Weile und sind ganz ruhig, wenn du sie anfasst. Bei Fremden sind sie nervös. Ich kenne viele Forscher, die nach zwei Jahren Tierversuchen keine Lust mehr hatten, weil ihnen das Umbringen zu naheging.

Wissenschaftler schreien nicht am lautesten

Es ist eine Zeit großer Wissenschaftsskepsis, gerade in Bezug auf die Medizin. Das ist auch richtig, man muss nicht alles mit Antibiotika behandeln. Aber wenn jemand sagt, ich bin gegen Tierversuche und gegen Schulmedizin, werfe mir aber Globuli aus zerschredderten Bienenkörpern ein, dann finde ich das ätzend.

Jeder kann im Internet uninformiert seine Meinung dazugeben. Wer am lautesten schreit, wird am meisten gehört. Und die Wissenschaftler schreien nicht am lautesten, garantiert. Das ist ein großes Problem. Niemand redet transparent über Tierversuche, da wird den Wissenschaftlern auch von den Pressestellen ein Riegel vorgeschoben. Du wirst nie mit jemanden reden können, der Tierversuche macht, und wenn, dann sitzt garantiert ein PR-Mensch daneben. Wenn Fernsehteams in die Uni kommen, heißt es immer, lasst die nicht in die Mäuseräume, die dürfen keine Tiere filmen. Das ist die Angst vor militanten Tierschützern und der Öffentlichkeit, die eben nur deren Ansichten kennen. Ich kenne Leute aus einem Labor in Mailand, deren Tiere von Tierschützern freigelassen wurden. Das ist wirklich bescheuert. Labortiere können draußen überhaupt nicht überleben, manche sind auch noch genetisch verändert, die kann man nicht einfach draußen rumlaufen lassen.

Das Wissenschaftsmagazin Nature hat eine Umfrage unter Forschern dazu geführt, wie sie Tierversuchen gegenüberstehen, wie oft sie Angriffe von Tierrechtsaktivisten erleben und wie sie das beeinflusst. Bericht und Umfrageauswertung hier (auf Englisch)

Die Initiative Pro Test will das Schweigen der Forscher durchbrechen und in der Öffentlichkeit erklären, warum Tierversuche für die Wissenschaft wichtig sind. Es gibt aber auch die Organisation Ärzte gegen Tierversuche, die, wie der Name schon sagt, Tierversuche ganz abschaffen wollen. Sie sind unter anderem der Meinung, dass tierische und menschliche Organismen einander nicht ähnlich genug sind, um Rückschlüsse aus Tierversuchen ziehen zu können. Mehr dazu hier

Bestimmt gibt es auch unnötige Tierversuche. Die für Kosmetik sind zu Recht verboten worden. Aber es werden heute wirklich überall, wo es geht, Tierversuche vermieden. Vieles kann man heute in Zellsystemen machen oder in Computersimulationen, das wird immer durchdachter. Aber wie sich zum Beispiel ein Gehirn verändert, wenn ich es manipuliere, kann ich schlecht in einem Schälchen nachstellen. Man kann fragen, wie viele Leute man retten muss, damit Tierversuche gerechtfertigt sind. Sagen wir, es geht um eine superseltene Krankheit, die nur einen unter einer Million betrifft. Ist das Forschung mit Tierversuchen wert? Für den einen unter einer Million wahrscheinlich schon.

Hier die faszinierende Geschichte (auf Englisch) des Krebsforschers Joseph Harris, der tagsüber Tierversuche gemacht und sie nachts sabotiert hat. Dafür kam er ins Gefängnis.

*Name geändert


Dieser Text ist Teil der Kolumne „Was ich wirklich denke“ von Theresa Bäuerlein. Haben Sie einen interessanten Beruf oder sind Sie in einer besonderen oder herausfordernden Lebenssituation und möchten uns und anderen anonym erzählen, was Sie dabei wirklich denken? Die Polizistin, die berichten will, wie sie sich wirklich fühlt bei einem lebensgefährlichen Einsatz? Das Kind, das sich um seine kranke Mutter kümmert? Oder der Ehemann, der seit Jahren eine Affäre hat und nicht mehr rauskommt? Dann schreiben Sie an: theresa@krautreporter.de


Illustration: Sibylle Jazra für Krautreporter, Redaktion: Rico Grimm, Produktion: Vera Fröhlich