„Zeitungen, die überleben wollen, müssen eine klare Handschrift tragen”

„Zeitungen, die überleben wollen, müssen eine klare Handschrift tragen”

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Seit vielen Jahren geht nach dem Aufwachen der erste Blick auf das Smartphone: E-Mails checken, Facebook und Twitter aktualisieren. Dann surfe ich auf die Webseiten von Spiegel Online und tagesschau.de. Nach etwa zehn Minuten habe ich mir einen Überblick über die Nachrichtenlage verschafft.

Früher habe ich danach Morgenmagazin geschaut. Aber seit etwa acht Jahren haben wir keinen Fernseher mehr. Deshalb höre ich im Bad Radio Fritz – oder Spotify. Als ich noch von Augsburg nach München zum Bayerischen Rundfunk gependelt bin, habe ich Radioprogramme quergehört. Privatsender für die Musik, B5 aktuell für die Information und Bayern2 für die Seele.

Inzwischen arbeite ich von zu Hause aus, da hat sich der Radiokonsum deutlich reduziert. Früher habe ich DIE ZEIT und die Süddeutsche Zeitung abonniert – und leidenschaftlich am Wochenende gelesen. Inzwischen habe ich kaum noch Abos. Wenn ich Zeit und Muße habe, schaue ich im Kiosk, worauf ich Lust habe. Ich glaube, die Zeit der Abonnements ist langsam vorbei. Man möchte sich heutzutage nicht mehr für ein Jahr an einen Titel binden, sondern je nach Gemütslage entscheiden.

Lange Zeit fand ich NEON toll. Inzwischen habe ich einen sieben Monate alten Sohn, da ist eher NIDO angesagt. Was ich immer noch regelmäßig bekomme, ist das medium magazin. Das bietet immer wieder überraschende Themen und hilft, auf dem Laufenden zu bleiben. Gerade als ich als freie Auslandskorrespondentin in St. Petersburg gearbeitet habe – und auch in der Babypause – war das wichtig. Ich will mit meinem digitalen Magazin „Deine Korrespondentin“ den Medienwandel aktiv mitgestalten. Da kann man es sich nicht leisten, Augen und Ohren vor aktuellen Entwicklungen zu verschließen.

Auf Reisen lese ich E-Books auf dem iPad. Als ich mein Startup gegründet habe, waren das Bücher zu den Themen Unternehmensgründung, Lean-Startup-Modell, Steuern, Buchhaltung, Bilanzierung. Ansonsten lese ich Dossiers auf Reisen, die ich mir selbst zusammenstelle. Zum Beispiel, wenn ich erstmals in ein post-sowjetisches Land wie Aserbaidschan reise, habe ich einen Reiseführer dabei und einen Stapel mit aktuellen Artikeln. Ich will wissen, wer gerade regiert, wie die Machtverhältnisse im Parlament sind, wie es um die Pressefreiheit steht. Wenn ich dann vor Ort bin, interessieren mich am meisten die Menschen. Was treibt sie um? Womit haben sie zu kämpfen? Da ist es natürlich auch hilfreich, Lokalzeitungen zu lesen – oder sich mit lokalen Reportern auf ein Bier zu treffen.

Blogs lese ich kaum noch. Ich kann mich noch ganz genau an den Hype vor einigen Jahren erinnern. Jetzt spielen nur noch ganz wenige Blogs überhaupt eine Rolle. Sogar das Blog von Medienjournalist Stefan Niggemeier ist nicht mehr relevant, weil er mit Übermedien etwas viel Größeres geschaffen hat. Manchmal surfe ich auf die Blogbeiträge von tagesschau.de. Dort lernt man die Korrespondenten näher kennen. Das ist ja auch unser Ansatz, deshalb gefällt mir das gut. Generell finde ich, dass der Job des Korrespondenten mehr Transparenz vertragen würde und die Menschen wissen sollten, was das so alles mit sich bringt.

https://www.youtube.com/watch?v=-GG2iPuZaFI

Ich störe mich zunehmend an dem Begriff „die Medien“. Es gibt in Deutschland nicht „die Medien“. Es gibt eine Vielzahl von ganz unterschiedlichen Zeitungen, Radiosendern, Fernsehstationen, YouTube-Kanälen. Es gibt unzählige Special-Interest-Zeitschriften – so viele, wie nirgends sonst in Europa!

Was mich an der Tagespresse nervt, ist die Tatsache, dass man so mutlos geworden ist. Dass der Medienwandel dazu geführt hat, dass man peinlich darauf bedacht ist, keine Abonnenten zu vergraulen. Und das führt dazu, dass man glaubt, man könne seinen Lesern nichts mehr zumuten. Sie dürften sich nicht aufregen oder reiben. In Wirklichkeit geht es aber genau darum. Wir wollen unsere Leser fordern, manchmal auch überfordern. Aber ich glaube das ist besser, als den Leser in eine Kuschelkomfortzone zu packen. Die Zeitungen, die überleben wollen, müssen sich unterscheiden. Sie müssen eine klare Handschrift tragen – und nicht vollgepflastert sein mit austauschbaren Agentur-Berichten.

Mit einem kleinen Kind kommt man – leider – nur noch wenig zum Lesen. Grundsätzlich lese ich gerne Sachbücher. Im Moment liegt „Mut zu Kind und Karriere“ von Stefanie Bilen auf meinem Schreibtisch. Seitdem ich selber Mutter bin, beschäftigt mich das natürlich am meisten: Wie schafft man es, beide Bereiche bestmöglich zu verbinden? Die heutige Generation gibt sich mit der Mutterrolle nicht mehr zufrieden. Gleichzeitig sind viele Arbeitgeber noch nicht soweit, flexible Modelle anzubieten. Außerdem gibt es noch immer zu wenige Kita-Plätze. Das beschäftigt mich sehr. Auf dem Papier sind Männer und Frauen in Deutschland gleich. Wenn es aber um die Erziehung oder um das berufliche Weiterkommen geht, brechen die alten Muster durch.

Cover "Mut zu Kindern und Karriere"

Screenshot: fazbuch.de

Für das Buch „Mut zu Kindern und Karriere“ (herausgegeben von Working Mums e.V.) hat die Journalistin Stefanie Bilen 40 „Working Mums“ interviewt. Diese berichten, wie sie den vieldiskutierten Spagat zwischen Karriere und einem erfüllten Familienleben hinbekommen. Einige arbeiten in Teilzeit, andere in Vollzeit, manche sind selbstständig, manche angestellt, die einen haben einen Partner, die andere sind alleinerziehend. Lediglich in der Auswahl der Berufe sieht Michael Rasch, der das Buch für die NZZ rezensiert hat, eine Schwäche: „Befragt wurden nämlich Frauen, die erfolgreich Karriere im mittleren oder höheren Management machen“, schreibt er. „Diese können es sich in der Regel eher erlauben, eine teure Kinderbetreuung zu bezahlen, um es sich im wahrsten Sinne des Wortes leisten zu können, wieder zu arbeiten. Für die Sekretärin oder Verkäuferin dürfte es jedoch mindestens genauso schwierig sein, den Wunsch von Berufstätigkeit und Kindern zu verwirklichen.“
Im Gegensatz zu vergleichbaren Büchern ist „Mut zu Kindern und Karriere“ keine Sammlung von 40 separaten Interviews, sondern die befragten Mütter kommen thematisch gegliedert immer wieder zu Wort. Dazu kommen konkrete Tipps und Checklisten für das Leben im Beruf und zu Hause. Eine Leseprobe des Buchs kann man hier finden.

Um informiert zu bleiben, nutze ich unterschiedliche Apps. Was ich empfehlen kann, ist Tame. Da bekommt man die zehn Twitter-Nachrichten, die im persönlichen Netzwerk am meisten retweetet oder favorisiert wurden. Das hilft, um sich einen schnellen Überblick zu verschaffen, worüber die eigene Crowd gerade diskutiert. Grundsätzlich lese ich fast nur noch auf dem Smartphone oder Tablet. Mein MacBook benutze ich vor allem zum Arbeiten. Das Smartphone ist seit einigen Jahren die eigentliche Schaltzentrale meiner Kommunikation. Interessant finde ich Untersuchungen, die belegen, dass wir unser Smartphone täglich mehr als 200 Mal in die Hand nehmen.

Was ich gelesen habe, wird weggeklickt. Ganz selten mache ich mir Notizen, die ich später noch einmal aufgreife. So etwas wie ein Archiv besitze ich nicht. Täglich bekomme ich mehrere Newsletter, die ich überfliege: DIE LAGE (Der Spiegel), Morning Briefing (Handelsblatt) und die Morgenpost der Krautreporter. Zwischendurch kommt die wöchentliche Übersicht meiner abonnierten piqd-Feeds. Am Wochenende landet „Spotlight“ von CORRECT!V sowie der Newsletter des Reporter-Forums Schweiz in meinem Email-Postfach. Dort findet man jede Menge guter Leseanregungen über relevante Themen. Außerdem entdecke ich durch meine Freunde auf Facebook immer wieder interessante Artikel, die ich sonst nicht auf dem Schirm hätte.

Lieblingsautoren habe ich nicht. Ich mag Geschichten von Holger Gertz, Alexander Osang und Amrai Coen. In Hinblick auf Podcasts kann ich die Reihe „1 zu 1 – der Talk“ von Bayern2 und „Mensch, Otto!“ (Bayern3) empfehlen. Wenn ich den Kinderwagen stundenlang durch die Gegend schiebe, sind diese Sendungen einfach unschlagbar.

Ich meide ganz bewusst die BILD-Zeitung. Der Journalismus, der dort praktiziert wird, ist mir zuwider. Natürlich haben Boulevardthemen ihre Daseinsberechtigung. Wichtig finde ich aber, dass auch da die Würde der Protagonisten gewahrt wird. Leider ist das durch die extreme Verkürzung und Polarisierung bei der BILD oft nicht der Fall.

Außerdem meide ich Kommentare von Verschwörungstheoretikern und Hatern. Die kippen ihren Müll auf einen ab und verschwinden in der Anonymität des Internets. Grundsätzlich ist es richtig, dass wir unserem Publikum heutzutage auf Augenhöhe begegnen. Aber die vielen Beleidigungen – im Übrigen auch viel Frust – der ungefiltert auf einen einprasselt, muss man sich meiner Meinung nach nicht so ohne Weiteres reinziehen.

Die Mediengewohnheiten jedes Einzelnen ändern sich ständig, je nachdem, in welcher Lebensphase man sich befindet. Als Studentin hatte ich komplett andere Gewohnheiten als heute mit 33. Bemerkenswert finde ich die Segmentierung. Für unterschiedliche Themen nutze ich ganz unterschiedliche Medien. Hinzu kommen immer wieder neue soziale Netzwerke wie Instagram oder Snapchat, die anders funktionieren als die etablierten. Das macht sie aufregend und spannend. Ich finde, wir leben – in Hinblick auf die technischen Möglichkeiten – in einer fantastischen Zeit. Die Zukunft des Journalismus hat gerade erst begonnen.


Pauline Tillmann hat das digitale Magazin „Deine Korrespondentin“ gegründet. Von 2011 bis 2015 hat sie als freie Auslandskorrespondentin in St. Petersburg gearbeitet und vor allem die ARD mit Reportagen und Radio-Features über Russland und die Ukraine beliefert. Zuvor hat sie Politikwissenschaft, Soziologie und Psychologie studiert, beim Bayerischen Rundfunk in München volontiert und als Reporterin und Autorin gearbeitet. Für Krautreporter hat die Tibet-Reportage „Zwischen Hoffnung und Verzweiflung“ geschrieben.

Im Video-Interview oben erklärt Pauline Tillmann die Idee hinter „Deine Korrespondentin“, wie die Plattform funktioniert und wie sich finanziert.

Illustration: Veronika Neubauer, Foto: Evgeny Makarov.