Veganismus

Warum Veganer schlauer sind, als ihnen vielleicht klar ist

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Honig. Honig ist ein gutes Beispiel dafür, warum ich die Rhetorik veganer Aktivisten manchmal sehr anstrengend finde. Veganer lehnen Honig unter anderem deshalb ab, wie die Tierrechtsorganisation Peta erklärt, weil Bienen ihn nicht für Menschen, sondern für sich selbst machen. Und weil Imker ihnen als Ersatz billiges Zuckerwasser geben, das für die Bienen weniger gesund ist. Kann ich nachvollziehen. Aber wieso muss Peta zum Schluss dieser Erklärung Honig auch noch als „das Erbrochene von Bienen” bezeichnen. Als wäre der Text geschrieben, um ein „Iiiih!“ bei Erstklässlern zu provozieren?

Die Wortwahl ist seltsam, aber rein wissenschaftlich hat Peta recht: Bienen saugen Nektar aus Blüten, der im Bienenmagen landet (Honigblase) und mit körpereigenen Stoffen gemischt wird. Dann würgt die Biene die Flüssigkeit tatsächlich wieder hervor und lagert sie in Waben aus Bienenwachs ein.

Das Bienenbeispiel ist noch harmlos. Peta hat auch den bescheuerten Vorschlag gemacht, Hamburg in „Veggieburg” umzubenennen und hat kein Problem mit sexistischen Frauenbildern in Kampagnen, solange es der Sache dient. Vielleicht liegt es an mir, aber das erzeugt für mich ein Glaubwürdigkeitsproblem.

Ich erwähne diesen Punkt, um zu verdeutlichen, warum ich die Wichtigkeit der veganen Bewegung, besonders das Konzept veganer Landwirtschaft, jahrelang unterschätzt habe. Veganismus hat ein ähnliches Imageproblem wie Feminismus – darin stecken viele wichtige Ideen, aber es gibt auch viele anstrengende Vertreter, die sie verkünden. Die Argumente verkürzen und auf Populismus setzen mit Sprüchen wie „Vegan rettet die Welt“ (wie es zum Beispiel im Buch „Vegan für alle“ von Jan Bredack, Gründer der Veganz-Supermarktkette steht).

Oder die auf Facebook in dem Moment, in dem jemand das Wort „Schnitzel“ schreibt, Videos von den schlimmsten Auswüchsen der Massentierhaltung posten und jedes tierische Produkt pauschal als Resultat von Ausbeutung und Grausamkeit deklarieren. Ohne dabei Zwischentöne zuzulassen und zumindest den Landwirten respektvoll zuzunicken, die ihre Tiere gut zu behandeln versuchen, obwohl sie damit wahrscheinlich weniger Profit machen.

Ein pubertäres Image

Ich pauschalisiere hier selbst: So reden oder denken natürlich längst nicht alle Veganer. Aber die lautesten. Und so bekommt eine ganze Bewegung ein pubertäres Image. Das ist umso ärgerlicher, weil die vegane Bewegung viele gute Argumente auf ihrer Seite hat. Die Folgen der Tierhaltung sind eines der größten gesellschaftlichen Probleme, die es im Moment überhaupt gibt. Selbst wem egal ist, wie es Tieren geht, kann kaum die massiven Probleme verneinen, die Tierhaltung in der Masse verursacht. Von Umweltschäden über Klimaemissionen bis dahin, dass Nutztiere in Deutschland mehr Antibiotika als Menschen bekommen und so hochgefährliche resistente Keime entstehen (ausführlich habe ich diese Aspekte hier beschrieben).

Eigentlich müssten Menschen, die sich in der Konsequenz entscheiden, auf alles Tierische zu verzichten, also respektiert und geschätzt werden. Stattdessen gelten sie häufig als moralisierende Spaßbremsen oder anstrengende Lifestyle-Esser, die man nicht wirklich ernst nimmt. Beststeller-Autorin und Rezepteblogger-Star Ella Woodward sagte dem britischen Telegraph schon, dass sie den Begriff „vegan“ hasst, obwohl auch sie sich fast ausschließlich von Pflanzen ernährt: „Es geht immer darum, besonders zu sein und geht meiner Meinung nach oft mit Kritik an anderen Menschen einher“, erklärte sie ihre Ablehnung.

Mit diesem Urteil dürfte Woodward nicht alleine sein. Dabei hat die vegane Bewegung eigentlich ein viel grundlegenderes Problem als ihr kontroverses Image. Dass darüber kaum gesprochen wird, ist ein Zeichen dafür, wie wenig die meisten von uns, egal was wir essen, von Grundlagen der Landwirtschaft verstehen. In der Argumentation nämlich, keine Tiere (ausnutzen) zu wollen, steckt ein grundlegender Widerspruch. Weil so gut wie jedes Gemüse, Getreide oder Stück Obst, das man kaufen kann, in Erde gewachsen ist, die mit Erzeugnissen aus der Tierindustrie förmlich getränkt ist. Und zwar erst recht, wenn man Bioprodukte kauft.

Gülle oder „Kunstdünger“

Kleiner Exkurs auf den Acker: Pflanzen machen einen unschuldigen Eindruck, weil sie einfach so zu wachsen scheinen. Wer an einem Getreidefeld vorbeispaziert, könnte meinen, die dort wachsenden Gräser bräuchten nichts als Wasser, Erde und Sonnenlicht. Stimmt ja auch. Aber in dieser Erde stecken Spurenelemente wie Kupfer und Zink und wichtige Nährstoffe, die Pflanzen zum Wachsen brauchen, vor allem Stickstoff, Phosphor und Kalium. Wenn ein Bauer ein Weizenfeld aberntet, schafft er die Nährstoffe weg, die der Weizen aus dem Boden gezogen hat. Nur, wenn man dem Boden diese Nährstoffe wiedergibt, bleibt er fruchtbar. Ein Problem, das die meisten Gärtner und Landwirte mit Düngemitteln lösen. Es gibt Mineraldünger, von Laien auch „Kunstdünger“ genannt, die synthetisch hergestellt werden. Und organische Düngemittel. Diese sind zu einem großen Teil Tierprodukte: Gülle (eine Mischung aus Urin und Kot), Mist, Blutmehl und Hornspäne etwa.

Durch das Haber-Bosch Verfahren, erfunden von Fritz Haber und Carl Bosch, gelang es 1909 erstmals, aus Luftstickstoff und Wasserstoff Ammoniak zu synthetisieren. Damit wurde die großindustrielle Herstellung von Stickstoffdünger möglich. Heute deckt dieses Verfahren einen Großteil des weltweiten Stickstoffdüngerbedarfs ab, besonders für die intensive Landwirtschaft. Einen interessanten Text zu den Hintergründen dieser Erfindung hat die FAZ hier.

Mit anderen Worten: Selbst, wenn man streng darauf achtet, alles Tierische zu vermeiden, wenn man also auf Lederschuhe verzichtet und Limo nur aus Flaschen trinkt, deren Etiketten mit milcheiweißfreiem Kleber befestigt wurden – selbst dann hat man mit fast hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit Gemüse und Obst in der Küche, das mithilfe von Tierprodukten gewachsen ist.

Manche Kleber enthalten Kasein, eine Proteinmischung, die aus Milch gewonnen wird. Besonders bei Mehrwegflaschen wird häufig noch kaseinhaltiger Kleber verwendet

Genau das versucht Daniel Mettke immer wieder zu erklären. Mettke ist Agrarwissenschaftler und Experte für biovegane Landwirtschaft. Ein Konzept, das erst einmal widersinnig erscheint, weil gerade Bio-Bauern tierische Dünger noch mehr als konventionelle Landwirte verwenden, weil sie Mineraldünger nur begrenzt einsetzen dürfen. Mettke aber will Menschen davon überzeugen, dass auch ihre Bio-Möhren und -Kartoffeln tierfrei wachsen sollten. Er weiß, dass das viel verlangt ist. „Die Leute können sagen, nun ernähre ich mich schon vegan und kaufe meine Lebensmittel im Bioladen und dann soll ich auch noch darauf achten, dass sie vegan angebaut wurden?“

Selbst wenn man alle diese Kriterien einhalten wollte, geht es kaum, weil es fast keine bioveganen Lebensmittel zu kaufen gibt. Veganismus ist zwar definitiv ein wachsender Trend, aber trotzdem gibt es in Deutschland nur ca. 1 Million Menschen, bei denen ausschließlich Pflanzen auf dem Teller landen. Der Prozentsatz derer, die verstehen, dass diese Pflanzen mit Schlachtabfällen (Hornspäne etc.) und Tierkot gedüngt werden, dürfte noch viel kleiner sein. Mit anderen Worten: Es gibt noch kaum einen für Markt für veganes Obst und Gemüse.

Warum sollte es den auch geben? Von den Landwirten ist das ebenfalls viel verlangt. Synthetischer Stickstoffdünger ist zwar vegan, hat aber entscheidende Nachteile: ihn herzustellen verbraucht enorm viel Energie und erzeugt Treibhausgase. Außerdem düngen Landwirte oft mehr, als die Pflanzen auf ihren Äckern aufnehmen können. Der Überschuss gelangt über Regen in Flüsse, Seen und Grundwasser, unsere wichtigste Trinkwasserquelle.

Pflanzen als Stickstoffsammler

Für Biobauern und Gärtner wiederum ist es ohne tierische Dünger schwierig, Pflanzen mit Nährstoffen zu versorgen. Zwar gibt es tierfreie organische Dünger: Gärreste, Mulch und kompostierter Bioabfall zum Beispiel. Auch über genau geplante Fruchtfolgen auf ihren Feldern können sie einiges erreichen, indem sie zum Beispiel Hülsenfrüchte wie Linsen, Erbsen, Ackerbohnen und Lupinen anbauen, die Stickstoff im Boden binden. Trotzdem müssten viele vegane Bauern organische Dünger zukaufen, um zu verhindern, dass ihre Erträge deutlich niedriger ausfallen würden.

Wer mehr darüber wissen will, wie vegane Landwirtschaft funktioniert, kann diese sehr interessante Bachelor-Arbeit lesen, die Daniel Mettke betreut hat. Darin werden auch mehrere Bauern befragt, die vegan wirtschaften.

Vegane Landwirtschaft könnte nur für einzelne Betriebe funktionieren und nicht als Gesamtlösung, meint deshalb auch Joyce Moewius vom Bund ökologische Lebensmittelwirtschaft. „Tierhaltung gehört zur Landwirtschaft“, sagt sie. Und verweist darauf, dass fast 30 Prozent oder 4,6 Millionen Hektar der deutschen und 70 Prozent der weltweiten Agrarflächen Grünland sind. „Auf diesen Flächen kann der Mensch nur mithilfe der Tierhaltung Nahrungsmittel erzeugen. Ohne Grünlandnutznutzung kann die globale Ernährungssicherung nicht gelingen.“

Daniel Mettke weiß das alles natürlich. Trotzdem glaubt er, dass in der veganen Landwirtschaft viel mehr Potenzial steckt, als man ihr zugesteht. Manche Dogmen des Öko-Landwirtschaft würden ungern hinterfragt, die Notwendigkeit der Tierhaltung gehöre dazu. Gerade dieses dogmatische Denken könnte der Grund dafür sein, dass es zu veganen Anbaumethoden noch zu wenig Aufklärungsarbeit und Forschung gibt, meint Mettke. Dabei gebe es durchaus gute Gründe, das zu ändern. Vegan angebaute Lebensmittel könnten auch für Menschen interessant sein, die Tierhaltung grundsätzlich okay finden, aber zum Beispiel nicht, dass medikamentenbelastete Gülle auf Äckern landet. Oder für Bio-Kunden, die keine Lust darauf haben, dass ihre Lebensmittel mit den Ausscheidungen von Hühnern, Schweinen und Kühen aus konventionellen Massenställen gedüngt werden (die Bio-Öko-Verordnung lässt das zu, Bio-Anbauverbände nicht. Mehr dazu hier)

Aber es gibt noch einen viel wichtigeren Faktor, der für mehr Forschung spricht: Die meisten Landwirte in Deutschland sind davon abhängig, dass entweder sie selbst oder andere Bauern Tiere halten. Wenn Forscher und Landwirte Wege finden würden, mit weniger oder gar keinen Tierprodukten effizient wirtschaften zu können, wären sie nicht mehr abhängig von einer massiv zerstörerischen Industrie (was die Tierwirtschaft dann allerdings mit ihren Massen an Tierausscheidungen und -überresten machen würde, müsste noch geklärt werden).

Wie stark Tierhaltung Umwelt und Klima belastet, steht hier.

Im Endergebnis profitabler

Stephane Groleau vom Vegan Agricultural Network bezweifelt sogar, dass die geringeren Erträge ein Problem wären. „Wir müssen uns die Produktivität im Gesamtzyklus ansehen, nicht nur pro Hektar. Oft importieren Landwirte viel Dünger für ihre Ernten. Wir müssen also auch das Land miteinberechnen, das nötig war, um diesen Dünger zu produzieren. Und wenn wir Nährstoffe aus Schlachthäusern importieren oder Gülle von anderen Betrieben, schöpfen wir weitere Ressourcen ab.“ Dazu passt das Ergebnis eines über 30 Jahre angelegten Feldversuchs des Rodale Instituts in den USA, das konventionelle und Öko-Anbau-Systeme verglichen hat, um herauszufinden, was im Endergebnis profitabler war. Den höchsten Gesamtprofit hatte ein Bioanbausystem, das ohne Tiere auskam und Hülsenfrüchte anbaute, um die Bodenfruchtbarkeit zu erhalten.

Sollte es also passieren, dass Sie in Zukunft im Supermarkt Gemüse oder Obst mit einem veganen Label sehen, denken Sie nicht, dass hier Landwirte mit Realitätsverlust am Werk waren. Sondern an die guten Ideen, die dahinterstecken.


Redaktion: Vera Fröhlich; Produktion: Dominik Wurnig.