Engagement statt Einkauf

Es reicht nicht Biomilch zu kaufen, um die Welt zu verändern

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Mein Bruder Vincent isst nur bio, meine Kollegin Theresa verzichtet auf Fleisch und meine Bekannte Anna konsumiert keine Lebensmittel, die in Plastik verpackt sind. Sie alle kaufen dafür in speziellen Geschäften, wägen ab, wo und wann sie Ausnahmen machen und sind ständig auf der Suche nach der besseren Lösung. Sie machen das nicht aus Lust und Laune, sondern haben handfeste politische Gründe für ihr Handeln: Mit feinen Unterschieden geht es ihnen darum, die Welt ein wenig besser und nachhaltiger zu machen, also ökologischer zu gestalten.

Alle drei investieren Zeit, Mühe und auch Geld, um ein politisches Ziel zu erreichen. Klar, sie betreiben keinen riesigen Aufwand und leben kein entbehrungsreiches Leben – aber kleinzureden ist ihr politisches Engagement auch nicht. Einerseits verursachen diese Lebensentscheidungen (zum Teil) höhere Kosten, andererseits muss man mehr Zeit investieren, um in einem Laden ohne Plastikverpackungen einzukaufen oder unterwegs eine Biomahlzeit zu finden.

In meinem Milieu ist diese Art des politischen Engagement nichts Ungewöhnliches: Es ist die linksliberale, urbane Klasse, in der (fast) alle studiert haben, pro Flüchtlinge sind und es selbstverständlich ist, dass Homosexuelle die gleichen Rechte genießen sollen wie Heterosexuelle. Wir trennen Müll, versuchen weniger Treibhausgase zu verursachen, hinterfragen unsere Geschlechterrollen. Fast jeder und jede hat seine eigene kleine Baustelle, in der er oder sie versucht, durch Konsum die Welt zu verändern.

Spätestens mit dem Mauerfall und dem ausgerufenen „Ende der Geschichte“ von Francis Fukuyama hat sich die Individualisierung als Megatrend durchgesetzt – allen voran in den Großstädten der westlichen Welt. Wir entscheiden uns aber nicht nur individuell für Lebensweisen, Berufe und Einstellungen, sondern handeln auch politisch individuell. Die traditionellen linken Bewegungen, die in Deutschland nach wie vor von den Gewerkschaften, der Links-Partei und in Teilen auch von der SPD repräsentiert werden, zielen im Gegensatz dazu auf das Kollektiv als politisches Subjekt mit Handlungsmacht ab. Im Gegensatz dazu wird das individualisierte politische Engagement am ehesten von den Grünen vertreten. Im Klartext meint dies: Während beispielsweise die Eisenbahnergewerkschaft GDL versucht, als Kollektiv bessere Arbeitsbedingungen zu erkämpfen, treffen Konsumenten in Alternativvierteln wie dem Berliner Prenzlauer Berg individuell die Entscheidung für Biomilch oder Tofu für eine bessere Welt.

Im Marketingsprech nennt man die ethischen, bewussten, kritischen oder strategischen Konsumenten zusammenfassend LOHAS. Die Abkürzung steht für „Lifestyle of Health and Sustainability” und meint übersetzt, „Gesunder und nachhaltiger Lebensstil“. Laut einer Statistik gehören 28 Prozent der deutschen Verbraucher zur erweiterten Gruppe der LOHAS.

Demnach engagieren sich 28 Prozent der Verbraucher täglich im Supermarkt (Bio, Zero Waste), beim Kleidungskauf (Fairtrade), beim Stromanbieter (Erneuerbare), im Verkehr (Fahrrad und ÖPNV), beim Essen (vegetarisch/vegan) und vielem mehr politisch. Doch es wird kaum hinterfragt, ob dieser individuelle, politische Aktivismus strategisch auch sinnvoll und effizient ist. Genau das aber ist der Knackpunkt:

Kann bewusster Konsum wirklich etwas verändern? Oder gibt es wirksamere Felder politischen Handelns als das Individuum?

Die, die ihr (politisches) Dasein als LOHAS leben, folgen dem Grundsatz: „Wenn nur alle so konsumieren wie ich, wird die Welt nachhaltiger/ökologischer/besser/usw.“ Wie in einem Pyramidenspiel soll jeder Konsument den nächsten überzeugen. „Mein Handeln bewirkt etwas, weil ich als Vegetarier dauernd darauf angesprochen werde und auf Leute Einfluss habe“, sagt mir beispielsweise mein Bruder; die moralische Genugtuung durch sein Handeln wird quasi als Bonus auch noch im Gewissen abgespeichert. Diese Überzeugung fußt auf folgender Tatsache: Wer heute Medien konsumiert, wird beständig mit absurden Auswüchsen des Spätkapitalismus und seinen unintendierten Folgen konfrontiert: ausgebeutete Näherinnen, abgeholzter Regenwald zum Anbau von Futtermitteln, Plastikmüll im Meer, überdüngte Böden, Wasserknappheit, Massentierhaltung, Schlachtfabriken, das Töten von Junghähnen, Antibiotika in der Schweinemast, Klimaerwärmung durch Verbrennung von Kohle und Erdöl und so weiter.

„Kehre zuerst vor deiner eigenen Türe!“ als Maxime

Amerikanische Forscher haben ausgerechnet, welche Ressourcen eine Ernährung mit Fleisch im Vergleich zu vegetarischer Kost verbraucht: Insgesamt verbrauchen Nichtvegetarier 2,9 Mal mehr Wasser, 2,5 Mal so viel Energie, 13 Mal so viel Dünger und 1,4 Mal mehr Pestizide. Die Schlussfolgerung: Damit weniger Wasser, Energie, Dünger und Pestizide verbraucht werden, muss ich als Konsument aufhören, Fleisch zu essen. Die daraus abgeleitete politische Botschaft lautet dann: Wenn nur alle aufhören Fleisch zu essen, leben wir in einer nachhaltigeren Welt.

Doch so einfach ist es nicht. Der Einzelne hat freilich kaum Einfluss auf die große Masse. Das Vertrauen des bewussten Konsumenten auf den Dominoeffekt, wonach ein Stein den nächsten zum Fallen bringt, ist auf Sand gebaut. Oder anders gesagt: Die LOHAS folgen einem Trugschluss. Denn auch – um mal im Bild zu bleiben – wenn ein Individuum aufhört, Fleisch zu essen und damit weniger Ressourcen verbraucht, insgesamt betrachtet ist das aber bloß ein Tropfen auf dem heißen Stein: Es ändert sich nichts. Die Welt wird nicht nachhaltiger, weil eine Person auf Fleisch verzichtet.

Gerade der Sieg von Donald Trump zeigt, dass die alte Idee, Eliten würden durch ihre Vorbildfunktion wirken, sich nicht in die Realität ummünzen lässt. Überspitzt gesagt: Die linksliberale, akademische Klasse hat zwar die kulturelle Deutungshoheit errungen. Aber leider interessiert sich das „Pack“ (Copyright: Sigmar Gabriel) nicht dafür. Das ist die bittere Erkenntnis, die nun, nach Trumps Sieg, die Meinungselite erreicht: Von der Deutungshoheit zur Handlungsmacht ist es noch ein weiter Weg.

Bewusster Konsum hat demnach eben nicht das zugeschriebene Potenzial, alle Menschen zu Anhängern der eigenen Idee zu machen und damit eine Revolution auszulösen. Zwar wohnt dem kritischen Konsum das Potenzial inne, progressive Inseln des richtigen Lebens im Falschen zu kreieren, als Treibstoff für neue Formen des Wirtschaftens und Zusammenlebens. Aber als politische Strategie?

Wir machen uns zu handlungs- und kritikunfähigen Gutmenschen

Es bleibt also die Frage: Macht es wirklich Sinn, unser eigenes Handeln als Maßstab für das große Ganze anzulegen? Nein, sage ich. Es gibt kein richtiges Leben im Falschen. Wieso sollte der Einzelne das schaffen, was wir als Gesellschaft alle gemeinsam nicht schaffen?

In unserer Sprache existieren zahlreiche Sprichwörter und Floskeln, die das Wirken als Vorbild besingen. Doch „Kehre zuerst vor deiner eigenen Türe“ ist oftmals ein Totschlagargument gegen legitime Kritik. So wird einem Doppelbödigkeit vorgehalten, wenn man Wasser predigt und Wein trinkt: Nur wer er eine politische Haltung auch vorlebt, darf sie vertreten. Wer beispielsweise den Ressourcenverbrauch in der Landwirtschaft anprangert, während er in ein blutiges Steak beißt, gilt schnell als scheinheilig.

Was für ein scheinheiliger Blödsinn! Wenn wir uns aufbürden, stets richtig zu handeln, bevor wir zur Kritik ansetzen, machen wir uns zu getriebenen, handlungs- und kritikunfähigen Gutmenschen. So wird progressives, politisches Engagement zur Angelegenheit von Eliten, die das soziale, kulturelle und finanzielle Kapital mitbringen, den strengen Wertekanon zu erfüllen. Lohnender wäre es, gemeinsam zu kämpfen, anstatt uns einander das Leben schwerer zu machen. Sonst ergeht es uns irgendwann wie dem Wasserträger aus der Sodawerbung:

https://www.youtube.com/watch?v=akizW7t9h14

Anstatt politische Fragen auf jeden Einzelnen abzulagern, sollten wir deswegen unsere Fixierung auf das Individuum als politisch handelnden Subjekts ein Stück weit ablegen – und uns wieder mehr als politisches „Wir“ begreifen. Politische Probleme müssen wir als Gesellschaft gemeinsam aushandeln und lösen.

Deshalb nun drei Beispiele, wieso wir lieber die Billigmilch kaufen sollten und andere Strategien erfolgsversprechender sind:

  • Eier aus Käfighaltung: Jahrelang gab es ein Tauziehen um Eier aus Käfighaltung. Seit 2010 sind in Deutschland konventionelle Legebatterien verboten (die Kleinvolierenhaltung ist weiterhin erlaubt), EU-weit seit 2012. Zuletzt kauften in deutschen Supermärkten aber kaum noch Konsumenten die Käfigeier von Hühnern, die gerade mal auf einer A4-Seite Platz hatten. Dennoch fanden die Eier aus tierquälerischer Haltung über Nudeln, Mayonnaise und Backwaren den Weg auf unsere Esstische. Für bewusste Konsumenten war das kaum zu kontrollieren – besonders in Restaurants oder Kantinen. Erst die Gesetze haben eine klare Linie gezogen und wirksam Käfigeier verbannt. Bewusste Konsumenten haben hier den Boden für den Bundestag und das Bundesverfassungsgericht bereitet, wirksam sind aber nur Gesetze. Denn über Importe beispielsweise aus der Ukraine landen weiterhin Käfigeier in Deutschland.

  • Käfigfreies Massachusetts: Während Donald Trump die Präsidentschaftswahl gewann, haben im liberalen, wohlhabenden Bundesstaat Massachusetts im Nordosten der USA progressive Veganer einen vielversprechenden Erfolg eingefahren, wie quartz berichtet. Seit den 2000er Jahren versucht eine kleine Gruppe Pragmatiker durch geschickte Maßnahmen gezielt, das Leben von Tieren zu verbessern bzw. zu retten. So initiierten sie die Abstimmung „Käfigfreies Massachusetts”: Im Bostoner Bundesstaat stimmten 78 Prozent für ein Verkaufsverbot von Eiern, Schweine- und Rindfleisch, das von Bauernhöfen stammt, wo Tieren die Möglichkeiten genommen ist, sich hinzulegen, auszustrecken, aufzustehen oder sich umzudrehen. Zwar gibt es im kleinen Bundesstaat (6,7 Millionen Einwohner) mit den vielen Universitäten kaum große Eierfarmen. Aber wenn ein Großbauer aus Iowa nicht auf das Geld der Städter verzichten will, muss er sich nun anpassen. Nun haben die veganen Lobbyisten schon die nächsten urbanen, liberalen Bundesstaaten im Blick für ähnliche Abstimmungen.

  • Brasilianische Inspektoren: Michael Hobbes beschreibt in seinem Artikel, dass der Standort einer Fabrik entscheidet, wie miserabel die Arbeitsbedingungen sind. Fehlende Arbeitsschutzgesetze und zu wenige Inspektoren führen dazu, dass Foxconn, der Hersteller des iPhones, seine chinesischen Arbeiter ausbeutet, während es den Mitarbeitern im Werk im amerikanischen Indiana gut geht – dank US-Gesetzen und funktionierenden Kontrollen. Nicht der Druck privater Gütesiegel und der Kontrolleure (wie zum Beispiel beim Fair-Trade-Siegel), sondern staatliche Regulierung und effiziente Inspektoren mit dem starken Arm des Staates haben die Bedingungen in der Kohle- und Stahlproduktion in Brasilien massiv verbessert.

Gerade aus historischen Bewegungen und erreichten Zielen kann man lernen, wie stark das Kollektiv sein kann: Acht-Stunden-Tag, Wahlrecht, FCKW-freie Kühlschränke, Atomausstieg oder Klima-Abkommen, all das wurde nicht durch den Kauf von Biomilch und umweltfreundlichem Fleisch erreicht – sondern durch das Kollektiv. Wir müssen uns gegenseitig wieder entdecken und finden, um gemeinsam für das Gute zu kämpfen. Wenn wir uns nicht nur besser fühlen wollen, sondern tatsächlich eine bessere Zukunft für uns und unsere Kinder haben wollen, brauchen wir ein starkes Kollektiv. Wir alle müssen auf den Staat einwirken, damit der notwendige Strukturen zur Veränderung schaffen kann. Deshalb: Engagiert euch, aber achtet nicht darauf, was ihr einkauft!


Redaktion: Esther Göbel; Produktion: Esther Göbel; Foto: iStock