Soziale Ungleichheit

Was unsere Gesellschaft und ein Bleistift gemeinsam haben

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In jeder Gesellschaft existiert soziale Ungleichheit – „Human history is essentially a history of inequality“, schreiben Sie zu Beginn Ihres Buches. Warum ist das so, Herr Molander?

Es ist eigentlich ganz einfach: Stellen wir uns zwei Personen vor, die zum Beispiel ein Murmelspiel spielen. Der eine startet mit 30 Murmeln, der andere mit dreien. Wer wird wohl gewinnen und mit mehr Murmeln aus dem Spiel gehen, also mehr bekommen? Sehr wahrscheinlich derjenige, der sowieso schon mit mehr Kugeln ins Rennen gegangen ist. Es findet also eine Verstärkung der bereits bestehenden Verhältnisse statt. Es wird nie ein dauerhaft stabiles Gleichgewicht zwischen den beiden Spielern geben. Genauso ist es in einer Verhandlungssituation zwischen zwei Parteien: Diejenige Seite, die mit mehr Macht in die Verhandlungen startet, wird sehr wahrscheinlich größeren Erfolg haben als die andere. So funktioniert die Welt – das war schon bei den Jägern und Sammlern so. Die meisten Menschen spüren das auch intuitiv.

Wie definieren Sie „soziale Ungleichheit“ und wie lässt sie sich messen?

Es gibt verschiedene Indikatoren, die eine Aussage über soziale Ungleichheit erlauben. Zum Beispiel die Verteilung von Einkommen und Vermögen in den einzelnen Ländern. Ökonomen benutzen diesen sogenannten Gini-Koeffizienten sehr gern, weil sich dieser Wert relativ einfach ermitteln lässt. Aber noch weitere Indikatoren spielen eine Rolle: Bildung und Gesundheit beispielsweise, auch politische Ressourcen. Wie viel weiß jemand über das politische System, in dem er lebt? Wie viel Mitsprache hat er in diesem und wie sehr engagiert er sich? All diese Faktoren bestimmen, ob ein Mensch eher in einer Gesellschaft lebt, die mehr Gleichheit ermöglicht oder eher nicht.

Machen wir doch mal ein Gedankenexperiment: Wenn beide Spieler mit gleich vielen Murmeln starten, es also von Anfang an Restriktionen von außen gibt, und wenn sie außerdem gleich talentiert und gleich engagiert sind, dann herrscht doch ein Gleichgewicht, oder nicht? Also gleiche Verhältnisse.

Wenn beide Parteien mit absolut identischen Verhältnissen das Spiel beginnen beziehungsweise in eine Verhandlungssituation gehen, dann hat man ein Gleichgewicht, das auch bleiben wird. Aber wenn sich die Bedingungen nur marginal verändern auf einer Seite, dann wird diese Veränderung über die Zeit wachsen und sich in einer steigenden Ungleichheit spiegeln. In der Theorie zum Beispiel kann man einen Bleistift vertikal mit dem einen Ende auf einen Tisch stellen, und er wird so stehen bleiben. Das wäre ein absolut symmetrisches Gleichgewicht. Aber in der Realität wird sich dieses Gleichgewicht nicht halten; weil es immer Einflüsse von außen gibt, die auf die Situation einwirken. Beispielweise, weil jemand gegen den Tisch stößt, auf dem der Bleistift steht, oder weil er leicht schief ist. Der Stift wird umfallen, sobald man ihn loslässt. Diese Metapher lässt sich auf Gesellschaften übertragen.

Das klingt nicht sehr ermutigend. Wieso sollten wir uns dann überhaupt bemühen, soziale Ungleichheit zu verringern? Provokant gefragt: Was haben wir davon?

Eine bessere Gesellschaft.

Jemanden, dem das eigene Wohl wichtiger wäre als das allgemeine, würde diese Antwort nicht überzeugen. Können Sie konkreter werden?

Es wäre viel zu einfach, zu sagen: Naja, Ungleichheit wird es immer geben, also warum sollen wir uns damit aufhalten? Auch wenn es in eine Tendenz in Richtung soziale Ungleichheit sicher gibt – diese ist kein Naturgesetz. Es existiert immer auch Raum für Maßnahmen, die eine fairere Verteilung bedeuten. Wir sind durchaus in der Lage, den Grad an sozialer Ungleichheit, die in einer Gesellschaft herrscht, zu beeinflussen. Ob wir das sollten oder nicht? Das ist eine lange Diskussion. Die einen sagen, Restriktionen, die zum Beispiel den Markt begrenzen, schaden dem Wachstum. Aber das stimmt nicht. Wir wissen beispielsweise, dass es einen direkten Zusammenhang gibt zwischen dem Grad der sozialen Ungleichheit und dem Grad des Vertrauens innerhalb einer Gesellschaft. Mehr soziale Gerechtigkeit führt zum Beispiel zu einer geringen Kriminalitätsrate, weniger Schwangerschaften bei Jugendlichen und einer verbesserten Gesundheit der Menschen.

Ich habe sehr gestaunt über die Stelle in ihrem Buch, an der Sie schreiben, dass es in modernen Gesellschaften mehr Ungleichheit gibt als beispielsweise bei den Jägern und Sammlern. Man dürfte doch annehmen, dass mit der Entwicklung der Menschheit hin zur Zivilisation und Kultur, zur Verständigung auf gemeinsame Grundwerte und Rechte, die Ungleichheit eher abnehmen würde.

Es gibt tatsächlich eine Tendenz zur Verstärkung sozialer Ungleichheit in modernen Gesellschaften. Die Jäger und Sammler lebten sehr viel näher am Existenzminimum als wir es heute tun; es gab also weniger Raum für ein Ungleichgewicht. Je mehr es aber zu verteilen gibt, desto mehr steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass die ganze Sache kippt. Es gab aber zum Beispiel eine Periode in der modernen Geschichte Europas, die diesem generellen Trend widersprochen hat. In der es also wirtschaftliches Wachstum gab und gleichzeitig eine sinkende Ungleichheit zwischen den einzelnen Bevölkerungsschichten. Das war zwischen dem späten 19. Jahrhundert und 1970.

Wie erklärt sich das?

In dieser Zeit bildeten sich die ersten Gewerkschaften und das allgemeine Wahlrecht wurde eingeführt. Es wurden also Instrumente etabliert, die der ungleichen Verteilung von Macht und Besitz entgegenwirkten.

Und was ist nach 1970 passiert?

Die einfache Antwort auf diese Frage lautet: die Globalisierung. Bis zum Zweiten Weltkrieg hatten viele demokratische Länder natürlich versucht, auf nationaler Ebene durch gezielte Maßnahmen einer allzu starken Ungleichheit entgegenzuwirken, aber mit der Globalisierung entwickelten sich starke Kräfte des internationalen Finanzmarktes – für die es keine globalen Instrumente gab, um gegenzusteuern. Die Sozialdemokraten Europas haben ab den 70er Jahren außerdem zunehmend das Vertrauen in ihre traditionelle Politik verloren. Ein wichtiges Ereignis war in diesem Zusammenhang die ölpolitische Krise. Sie führte zu Problemen, die von den konservativen Rechtsparteien als Argument gegen eine Keynesianische Wirtschaftspolitik herangezogen wurden. (Anmerkung der Redaktion: Also gegen ein starkes wirtschaftspolitisches Eingreifen des Staates.)

Sie erwähnen in Ihrem Buch eine Studie der Organisation Oxfam, die besagt: 2015 besaßen die 80 reichsten Personen der Welt genau so viel wie die ärmere Hälfte der gesamten Weltbevölkerung – also so viel wie 3,5 Milliarden Menschen. Diese Zahlen sind absurd. Haben wir global ein Level an sozialer Ungleichheit erreicht, das es so noch nie gegeben hat?

Das kommt darauf, welche Indikatoren man für die Messung verwendet. Wenn man zum Beispiel einen Gini-Koeffizienten für die gesamte Weltbevölkerung anlegt, also wenn man die Einkommensverteilung aller Länder miteinander vergleicht, dann sieht man, dass dieser Wert sich in den vergangenen Jahren etwas ausgeglichen hat. Das liegt vor allem an China und teilweise an Indien. Denn wenn in solch großen Ländern eine enorme Steigerung der Wirtschaftskraft auftritt, dann hat das statistisch Auswirkungen auf die globale Verteilung von Einkommen. Die Oxfam-Studie orientiert sich aber nicht am Gini-Koeffizienten, sondern vergleicht das Vermögen der wohlhabendsten Menschen mit dem, was den Ärmsten zur Verfügung steht. Und diese Zahl driftet immer stärker auseinander; es gibt eine Konzentrierung von Vermögen am oberen Ende.

Was ist zu tun, um dem entgegen zu wirken?

Da hilft natürlich nicht eine einzige Maßnahme. Man braucht immer einen Kasten mit verschiedenen Werkzeugen, die im Groben an zwei großen Stellschrauben drehen: Man kann einerseits versuchen, eine möglichst große Chancengleichheit herzustellen, was die Ausgangsbedingungen eines jeden Einzelnen innerhalb einer Gesellschaft betrifft. Hier lautet das Stichwort ganz klar: Bildung. Sie ist die wichtigste Schlüsselstelle, wenn Sie mehr soziale Gerechtigkeit in einer Gesellschaft erreichen wollen. Aber das reicht noch nicht. Sie müssen auch versuchen, das, was hinten rauskommt, möglichst gerecht zu verteilen, etwa durch eine progressive Steuerpolitik. In Schweden kann man beispielsweise beobachten, dass das Bildungssystem sich innerhalb der vergangenen zwei, drei Jahrzehnte in eine vollkommen falsche Richtung entwickelt hat. Es gibt immer mehr Privatschulen. Die Kinder, denen es bessergeht, die also einen entsprechenden familiären Hintergrund mitbringen, gehen öfter auf diese Schulen, wohingegen Kinder, die aus weniger gut situierten Haushalten kommen, viel häufiger lediglich öffentliche Schulen besuchen. An diesem Beispiel kann man die Verstärkung der bestehenden Verhältnisse sehen, von der ich eingangs sprach.

Wenn man darüber nachdenkt, wie es gelingen kann, eine möglichst große Chancengleichheit möglichst früh herzustellen, landet man ja nicht nur beim Thema Bildung, sondern auch beim Stichwort Erbe. Der luxemburgische Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Guy Kirsch etwa fordert 100 Prozent Erbschaftssteuer – er will also quasi das Erben abschaffen. Was sagen Sie dazu?

Wenn man eine extrem liberale Position und damit den Grundsatz vertritt, dass jeder einzelne Mensch ganz allein für sein Lebensglück verantwortlich sein soll, finde ich das ein gutes Argument für eine 100-prozentige Versteuerung von Erbe. Man muss aber immer den möglichen negativen Effekt einer hohen Besteuerung in einer Voranalyse mitdenken. Wenn man zum Beispiel Einkommen sehr hoch besteuert, wird das dazu führen, dass manche Menschen weniger arbeiten werden, denn der Anreiz für sie sinkt; die Steuer hat also Einfluss auf das Verhalten der Menschen. Bei einer hohen Besteuerung von Erbe ist das nicht so, denn die Menschen sterben nicht mehr oder weniger in Abhängigkeit vom Steuersatz. Man kann, wenn man von dieser Warte aus auf Ihre Frage schaut, sehr hohe Steuersätze für Erbe anlegen, ohne den wirtschaften Anreiz zu schädigen. Aber auch eine 100-prozentige Erbschaftssteuer wird das Problem der sozialen Ungleichheit nicht komplett lösen. Überdies ist sie unrealistisch.

Wie wäre es mit einem globalen, politischen Gremium, das Restriktionen ansetzt, so dass die Ungleichheit unter den einzelnen Ländern nicht weiter auseinanderdriftet? Könnte das ein Instrument sein?

Auch das ist nicht realistisch. Die Welt ist nun mal in Nationalstaaten organisiert, und das wird in der unüberblickbaren Zukunft auch so bleiben. Alles andere ist nicht in Sicht. Schauen Sie sich die Europäische Union an: Selbst in diesem Verbund sind die einzelnen Länder sich oft nicht einig und treffen unterschiedliche Entscheidungen. Was wir also brauchen, ist eine bessere Koordination zwischen einzelnen Regierungen. Man kann außerdem auch auf nationaler Ebene immer noch viel tun, um soziale Gerechtigkeit zu fördern. Mögliche Instrumente haben wir ja schon besprochen. Aber auf mich wirkt es so, als hätte die sozialdemokratische Führung ihr Interesse darin verloren.

Machen Sie sich Sorgen, wenn Sie sich die momentane politische Lage Europas anschauen? In mehreren Ländern gibt es einen Rechtsruck. Was bedeutet das für die soziale Ungleichheit?

Sie wird ansteigen. Wir sehen das schon jetzt in vielen OECD-Ländern.

Wird unsere Welt auf ewig ein Ort voller Ungleichheit bleiben?

Absolute Gleichheit werden wir niemals erreichen. Das ist unrealistisch, sowohl auf nationalem als auch auf globalem Level.

Blicken Sie sehr besorgt in die Zukunft?

Wenn sich die aktuelle Strategie der meisten OECD-Länder nicht ändert: dann ja. Wir müssen mit Ländern wie Indien, China, Taiwan und Südkorea konkurrieren, die sich sehr viele Gedanken um ihr Bildungssystem machen. Es ist sehr schwer für ein Land, seine ökonomische Position zu verteidigen, wenn es über kein entsprechendes menschliches Kapital verfügt.

Haben Sie die Hoffnung schon aufgegeben?

Ich verliere niemals die Hoffnung. Ich halte es mit einem Zitat von Albert Camus: „Wir müssen diese Sisyphos-Aufgabe auf uns nehmen – und uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“


Redaktion: Susan Mücke; Produktion: Susan Mücke; Foto: Sofia Runarsdotter, Weyler förlag.

Per Molanders Buch beschäftigt sich nicht nur mit den Ursachen sozialer Ungleichheit, sondern forscht dem Begriff nach bis hinein in Primaten-Gesellschaften. Das Buch ist 2017 im Westend-Verlag erschienen: „Die Anatomie der Ungleichheit”.