Das Medienmenü von Nadia Boegli

„Es fällt mir immer schwerer, mit den dauernden negativen Ereignissen umzugehen”

etwa 7 Min. Lesedauer

Ich gehöre nicht zu den Menschen, die bereits morgens unter der Bettdecke in den Bildschirm gucken. lch brauche immer erstmal einen Tee oder Kaffee, setze mich jeden Morgen auf den gleichen Sessel, schlürfe meinen Tee, und dann öffne ich die ZEIT-App auf meinem Handy und stöbere durch die politischen und gesellschaftlichen Beiträge. Ein paar Freunde und ich teilen uns außerdem das Economist Espresso Abo. Die App finde ich super, weil es jeden Tag tatsächlich nur etwa sieben Artikel sind, die man schnell durchlesen kann. Und sofort versteht man wieder ein bisschen mehr über die Welt - oder eben nicht…

Im Büro vertiefe ich die Eindrücke ein wenig und lese vor allem The Guardian. Außerdem schaue ich mir an, wer gerade alles über Social Entrepreneurship schreibt, um interessante Journalisten für unsere Job-Plattform „The Changer“ zu begeistern. Nach 10 Uhr fehlt die Zeit dann meistens, weil eigene Inhalte produziert und Social Media bespaßt werden müssen.

Wenn das Geld nach der Ticketbuchung noch reicht, kaufe ich mir auf Reisen am Flughafen oder Bahnhof meistens die Monocle. Dieses Magazin schafft es irgendwie, mich völlig anzuziehen, es hat ein tolles Design, schön geschriebene Artikel und spricht die kreative Ader in mir an. Auf Reisen habe ich sonst eigentlich immer nur Krimis dabei. Dann lese ich auch schon mal 300 Seiten am Tag. Ich liebe Simon Beckett und Jo Nesbo oder auch Henning Mankell, weil ihre Bücher so schön detailliert und spannend sind. Ich wollte selbst Kriminologie studieren, und somit kann ich mit diesen Autoren immer ein wenig in eine andere Welt eintauchen. Doch manchmal verirrt sich auch ein Klassiker wie „The Great Gatsby“ oder dann eben Haruki Murakami (mein Lieblingsbuch: Norwegian Wood) in meinen Rucksack. Mein Kindle funktioniert leider nicht mehr, daher musste ich in den letzten Urlauben ziemlich schwer schleppen, um den Stoff dabei zu haben. Oft lasse ich gelesene Bücher für andere Gäste im Hotel/ Hostel und nehme mir gegebenenfalls wieder ein anderes mit. Digital schalte ich im Urlaub eigentlich immer ab.

Obwohl ich ja eher eine Krimileserin bin, habe ich im letzen Urlaub mal eine Ausnahme gemacht und “Konflikte lösen durch gewaltfreie Kommunikation” von Marshall Rosenberg gelesen. Dieses Buch hat mein Leben verändert, weil es so unglaublich viel Sinn macht zu erkennen, warum Konflikte entstehen und wie man sie auf gewaltfreie Art und Weise, also mit den richtigen Worten, lösen kann. Ich fand es sehr spannend, mal zu hinterfragen, welches Bedürfnis eigentlich hinter der eigenen Genervtheit oder Zickerei steht. Ich versuche jetzt öfter, die Giraffe in mir zu leben (das versteht man wohl erst, wenn man das Buch gelesen hat).

Konflikte lösen durch Gewaltfreie Kommunikation

Cover: Herder Verlag

Die Gewaltfreie Kommunikation (auch als GFK abgekürzt) ist ein Konzept des US-Psychologen Marshall B. Rosenberg. Wichtige Grundlagen der GFK sind aktives Zuhören und Empathie für den Gesprächspartner. Statt pauschalen Angriffen oder Beschuldigungen, empfiehlt Rosenberg, bei der GFK in vier Schritten vorzugehen:

  • Eine Beobachtung beschreiben, die man gemacht hat, ohne diese zu werten
  • Das Gefühl benennen, das diese Beobachtung in einem auslöst
  • Das Bedürfnis benennen, dessen Erfüllung zum Beispiel durch die Beobachtung erschwert oder verhindert wird
  • Bitte um eine konkrete Handlung
    Die von Nadia Boegli in ihrem Text angesprochene Giraffe ist gewissermaßen das Wappentier der Gewaltfreien Kommunikation. Durch ihren langen Hals soll sie in Konfliktsituationen den Überblick bewahren, ihr vergleichsweise großes Herz soll Empathie symbolisieren.
    Eine Leseprobe des im Text angesprochenen Buchs von Rosenberg gibt es hier.Einen Workshop von Rosenberg zur GFK kann man im Video unten sehen.

Wenn ich dann doch mal ein Sachbuch lese, wie das von Rosenberg oder „Reinventing Organisations“ von Frederic Laloux, dann unterstreiche ich mit pinkem Stabilo (aber wirklich nur das wichtigste, es soll ja Menschen geben, bei denen die Seiten komplett pink sind). Ich bin halt noch in der Zeit aufgewachsen, in der man den Computer zum Schreiben genutzt hat, aber digitales Ablegen und Archivieren ist nicht ganz mein Ding. Zumindest noch nicht. Ich versuche gerade, Pocket kennenzulernen, mit dem man anscheinend absolut alles aus dem Netz (auch Videos) später und sogar offline gucken bzw. lesen kann. Darauf freue ich mich, momentan schicke ich mir Dinge immer noch sehr altmodisch als Link in einer E-Mail. Haha.

Frederic Laloux ist ein ehemaliger McKinsey-Unternehmensberater und auf den amerikanischen Rednerbühnen gerade ein sehr gefragter Mann, wenn es um Themen wie Unternehmensorganisation oder Change-Management geht. Mit diesen Themen befasst er sich auch in seinem Buch „Reinventing Organizations“ mit dem deutschen Untertitel „Ein Leitfaden zur Gestaltung sinnstiftender Formen der Zusammenarbeit“.
Im ersten Teil seines Buches gibt Laloux einen Überblick über die bisherige geschichtliche Entwicklung von Organisationsformen. Im zweiten Teil folgt die empirische Perspektive, in der Laloux zeigt, welche Strukturen, Praktiken und kulturellen Muster solche Organisationen aufweisen, die nach dem neuen Modell funktionieren. Im dritten Teil, dem praktischsten, geht er auf die Rahmenbedingungen und auf die Hindernisse und Herausforderungen ein, die bei der „Neuerfindung“ der modernen Organisation auftauchen können. Kritiker werfen Laloux vor, mit seinen Beschreibungen und Analysen oft die Grenze zur Esoterik überschreitet.
Einen Vortrag von Laloux über sein Buch mit anschließender Fragerunde kann man sich hier ansehen:

Blogs lese ich nicht so viele, aber ich mag Peppermynta und ThisIsJaneWayne. Allerdings stöbere ich sehr gern auf Twitter - und da lasse ich mich dann schnell zu Artikeln führen, die mich sofort in die Tiefen des Internets ziehen … Meistens lande ich vermutlich bei Fast Company, Wired, good.is oder auch schonmal bei Utopia. Und natürlich folge ich auf Instagram Mitvergnügen und Notes of Berlin, so weiß ich stets was ich am besten im grauen Herbst in Berlin unternehmen kann und lache über Bilder von Hundesch.... mit Trump-Fähnchen drin. Regelmäßig genieße ich auch Edition F. Während ich früher als Teenager bei der NEON (die ich damals abonniert hatte) immer das Gefühl hatte, dass die Redaktion all meine Gedanken lesen kann und dann ein Heft drüber rausbringt, habe ich das gleiche Gefühl heute mit Edition F.

Zusätzlich habe ich noch den New Yorker im Abo. Ich liebe die Art und Weise, wie die Artikel geschrieben sind, man hat ausführliche Artikel zu wichtigen Themen und gleichzeitig bietet es noch etwas Aufmunterung mit Input aus der Kunst. Die ZEIT habe ich nicht im Abo, aber ich kaufe sie mir meistens, wenn ich im Zug sitze oder den Sonntag mit Kaffee und Croissant auf dem Sessel verbringe - eine meiner Lieblingsbeschäftigungen.

https://www.youtube.com/watch?v=k3O01EfM5fU

Ich sehe so gut wie nie fern, weil ich keinen Fernsehapparat zu Hause habe. Aber ich versuche, immer so im Fitnessstudio zu sein, dass ich die Nachrichten gucken kann, wenn ich auf dem Stepper bin. RTL, RTL 2 und Co. meide ich dabei aber konsequent. Ich kann die dauernde Schwarzmalerei nicht ertragen. Das ist für mich ein bisschen, wie Klamotten bei Primark kaufen: nicht wirklich gut für die Welt oder mein eigenes Gewissen.

Ich ahne, dass es ganz furchtbar ist, das zu sagen: Aber ich befürchte, dass ich weniger Nachrichten konsumiere als früher. Das hat auf der einen Seite damit zu tun, dass ich kaum noch dazu komme, aber dass es mir auch immer schwerer fällt, mit den dauernden negativen Ereignissen umzugehen. Ich fühle mich oft von Information überrollt. Auch wenn heute nicht unbedingt mehr auf dieser Welt passiert als früher, hat man heute einfach die Möglichkeit (freiwillig oder unfreiwillig) quasi alles darüber zu wissen. Für mich ist das oft auch ein Fluch. Ich lese heute viel bewusster. Früher, gerade im Studium (ich habe Internationale Beziehungen studiert), war ich stets super informiert und wusste, was auf der ganzen Welt vor allem politisch los war. Heute bin ich das leider weniger.

Was ich allerdings immer gerne schaue, ist „Last Week Tonight“ mit John Oliver. Gerade im US-Wahlkampf immer wieder eine ernüchternde Erfrischung.


Nadia Boegli ist eine Schweizer Kölnerin, die Berlin zu ihrer Wahlheimat erkoren hat. Zusammen mit zwei Freundinnen hat sie 2014 ihr eigenes Unternehmen „The Changer“ gegründet, Deutschlands meistbesuchte Karriereplattform für Jobs mit Sinn.

In der von Christoph Koch betreuten Rubrik „Medienmenü“ stellen interessante Persönlichkeiten die Medien vor, die ihr Leben prägen. Ihr könnt per Mail an christoph@krautreporter.de vorschlagen, wen er porträtieren soll.

Aufmacher-Illustration: Veronika Neubauer.