Bin ich normal, wenn ich mich trotz Freundeskreis und Familie oft einsam fühle?

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Zusammen ist man weniger allein, aber nicht unbedingt weniger einsam, könnte über dieser Kolumne stehen. Krautreporter-Leserin S. hat mir geschrieben, dass sie viele Freunde und eine Familie hat, sich aber dennoch häufig einsam fühlt. Ähnlich geht es Krautreporter-Mitglied Dominik. Er hat einen funktionierenden Freundeskreis mit zum Teil langjährigen Freunden, fühlt sich aber trotz allem oft einsam.

Der 28-jährige Jobcoach arbeitet mit jungen Flüchtlingen und integriert sie in Jobs. Nach einigen WG-Jahren wohnt er nun alleine, was ihm sehr gefällt, denn: „Wenn ich das Bedürfnis nach Kontakt und Austausch habe, könnte ich mich ja verabreden.“ Nur das ist nicht so einfach, wie jeder nachvollziehen kann, der als Single allein unter Paaren ist. „Mein Problem ist“, schreibt mir Dominik, „dass gefühlt 99 Prozent in meinem Freundeskreis in einer Beziehung sind. Das bedeutet, dass diese Menschen dann oft halt keine Zeit haben und was mit Partner/Partnerin unternehmen wollen, bei den Schwiegereltern eingeladen sind oder dergleichen.“ Besonders, wenn er nicht arbeitet oder seinen Hobbys nachgeht, fällt das auf: abends, am Wochenende, an freien Tagen oder in den Ferien.

Ein typischer Verlauf bei dir, liebe S., sieht womöglich so aus, wie Dominik ihn schildert: „Ich schreibe freitags SMS an meine Freunde, ob wir abends weggehen wollen, leider hat niemand Zeit. So nach der fünften SMS höre ich dann meist auf, weil ich mir dann irgendwie doof vorkomme. Bei mir hat sich in der Zwischenzeit auch niemand gemeldet – man hat mich wohl vergessen. Ich gehe dann halt allein ins Kino oder bleibe daheim und schaue einen Film oder Netflix. Ist halt eher mäßig lustig. Einziger Vorteil vom alleine Weggehen, etwa auf ein Konzert, ist, dass ich heimgehen kann, wann ich möchte, z. B. wenn mir das Konzert nicht gefällt. Ich muss dann keine Rücksicht darauf nehmen, ob jemand noch länger bleiben will.“ Entscheidender Nachteil: „Zu zweit oder dritt wär's lustiger.“

Klar, manchmal ist das auch okay, aber eben nicht immer.

Allein vs. einsam

In der Alltagssprache vermischt es sich oft, aber „allein“ und „einsam“ bedeuten nicht dasselbe. Sie treten häufig zusammen auf, müssen sich aber nicht bedingen. So lässt die Statistik vermuten, dass sich Menschen im Alter eher einsam fühlen, denn knapp die Hälfte der Frauen und fast jeder fünfte Mann ab 65 Jahren leben allein. Jenseits des Alters von 85 Jahren leben sogar drei Viertel der Frauen und ein Drittel der Männer allein. Insgesamt beträgt der Anteil der Alleinlebenden (2014) in Deutschland 20 Prozent, das sind 8,5 Millionen Frauen und 7,5 Millionen Männer. Auf dem Land und in Kleinstädten sind es weniger, in Großstädten wie Hamburg, Berlin oder München mehr. Der Alterssurvey 2012 kommt jedoch zu dem Ergebnis, dass sich Erwachsene im höheren Alter durchschnittlich weniger häufig einsam fühlen als jene im mittleren Erwachsenenalter (50 bis 69 Jahre). Wenn auch insgesamt im Erwachsenenalter das Gefühl der Einsamkeit zunimmt, wie John Cacioppo und sein Kollege Christopher Masi konstatieren. Männer sind dabei etwas einsamer als Frauen. Insgesamt aber gaben in dieser Befragung nur wenige Personen in der zweiten Lebenshälfte an, sich sehr einsam zu fühlen. Die Statistik des Bundesamtes sagt aber natürlich nicht aus, ob jemand, der alleine wohnt, auch Single ist (und umgekehrt), wie viele Freunde er hat oder wie gut er sozial integriert ist. Es lassen sich deshalb kaum Zahlen finden, die Einsamkeit erfassen. Erst wenn sie klinisch relevant ist, wird sie wieder statistisch erfasst. Studien zeigen, dass immer häufiger Jugendliche unter Einsamkeit leiden. Die sozialen Netze im Internet bewirken dabei das genaue Gegenteil, sie verbinden nicht sondern vereinzeln.

Interessant sind auch kulturelle Unterschiede. Während in konservativen Gesellschaften wie Spanien Einsamkeit eher mit Distanzierung zur Familie gleichgesetzt wird, gilt sie im liberalen Schweden eher als Autonomiebestrebung. Senioren in Spanien leiden entsprechend häufiger darunter. Einsame Kanadier schämen sich eher dafür als Türken. Der Psychologe Ami Rokach von der York Universität, Kanada, erklärt das damit, dass die kanadische Gesellschaft Einsamkeit missbillige.

Dieser Artikel in der SZ gibt erste Anregungen zur kulturellen Prägung. Erst im 20. Jahrhundert wurde Einsamkeit zunehmend als negativ bewertet, in früheren Zeiten wurde sie kultiviert, galt sie doch als erstrebenswerter Zustand, in dem man Gott nahe kommt. Überhaupt ist wahrscheinlich kein anderes Gefühl, außer der Liebe, so zentrales Thema in der Literatur. Man muss nur einmal „Einsamkeit“ im Buchkatalog eingeben und erhält fast 20.000 Suchergebnisse.

Einsamkeit beginnt im Kopf

Jeder dritte Erwachsene fühlt sich einsam, trotz Freunden und Familie, habe ich in einem Artikel gelesen. Der Grund: Einsamkeit hängt nicht davon ab, wie viele soziale Kontakte man hat, sondern davon, wie man über sich selbst und andere denkt. Dass viele Menschen, so wie du, liebe S., sich so fühlen, liegt nach Ansicht von Psychologen nicht daran, dass du allein bist, sondern daran, dass du dir zu viele negative Gedanken machst. Klar, schöne Küchenpsychologie, kann man einwenden, das lässt sich ja immer einfach sagen. Aber in diesem Fall ist es wirklich wissenschaftlich erwiesen.

Forscher der Universität Chicago um den Psychologen John Cacioppo haben vor sechs Jahren das Phänomen analysiert. Sie unterzogen sämtliche Studien der letzten Jahrzehnte, die sich mit dem Thema Einsamkeit beschäftigten, einer sogenannten Meta-Analyse. Das heißt, sie haben die Ergebnisse der Forschungen dahingehend untersucht, welches die wirksamsten Strategien gegen Einsamkeit sind. Dabei kamen sie zu dem Ergebnis, dass es nicht unbedingt hilft, einsame Menschen mehr mit anderen Kontakt zu bringen oder ihre sozialen Fähigkeiten zu verbessern. Wirksamer war es, etwas an der Art zu verändern, wie die Betroffenen andere Menschen wahrnehmen, wie sie über sie denken und wie sie sich anderen gegenüber verhalten.

Trivialer Smalltalk vs. tiefergehende Gespräche

Es kann sogar vorkommen, wie du, lieber Dominik schreibst, dass man sich in geselliger Runde einsam fühlt, „wenn das Gespräch komplett an mir vorbei geht“. Das passt zu einer anderen Studie, die ich nur am Rande erwähnen möchte, da mir die Datenbasis ein bisschen dünn erscheint, deren Ergebnis aber interessant ist. Psychologen um Matthias R. Mehl von der University of Arizona und der Washington University in St. Louis haben 97 Probanden mit Diktaphonen ausgestattet und sie losgeschickt in ihren Alltag. Sie wollten herausfinden, ob es einen Zusammenhang gibt zwischen dem eigenen Glücksgefühl und der Häufigkeit mit anderen zu reden. Nach vier Tagen werteten die Wissenschaftler die Aufnahmen aus. Das Ergebnis: Die glücklichsten Probanden waren um 25 Prozent weniger alleine und um 70 Prozent häufiger in Gespräche involviert als die unglücklichsten. Dabei war auch entscheidend, worüber gesprochen wurde: Die glücklichsten Versuchspersonen sprachen zweimal so oft über substanzielle Inhalte wie die unglücklichsten. Was mal wieder beweist, Smalltalk ist kein Erfolgsrezept.

Liebe S., mit deinem Gefühl, einsam zu sein trotz Gesellschaft, bist du nicht allein. Es betrifft ziemlich viele Mitmenschen, sicher auch in deinem eigenen Freundeskreis.

Krautreporter-Leser Joachim hat mich auf ein Zitat aufmerksam gemacht und damit möchte ich auch schließen:

„Es bleibt zwischen Menschen, sie seien noch so eng verbunden, immer ein Abgrund offen, den nur die Liebe, und auch nur mit einem Notsteg, überbrücken kann.“
Hermann Hesse Quelle

„Dem stimme ich voll zu“, schreibt der 59-Jährige. Das klingt lakonisch, enthält aber wohl ein Stück Wahrheit. Dennoch ist die Liebe ein schöner Kitt, auch wenn er nach Ansicht des Dichters zwei Menschen nur notdürftig miteinander verbindet.


Aufmacherbild: Audrey Tautou als Camille, Guillaume Canet als Franck, Francoise Bertin (Paulette) und Laurent Stocker als Philibert in „Zusammen ist man weniger allein“ (© Etienne George, Pathé Films)