Ein Boykott beruhigt nur das Gewissen

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Dieser Text stammt aus dem Sommer 2016. Wir haben ihn am 20. April 2018 sachte aktualisiert.


Erinnern wir uns an unsere Kindheit zurück. In jeder Schule gab es einen Bully. Bei mir hieß er Zoran, und er war stärker als alle anderen. Begegnete man Zoran auf dem Heimweg, konnte es unschön enden. Der Schläger Zoran war aber auch unbeliebt: Niemand wollte mit ihm befreundet sein und keiner ging auf seine Geburtstagsfeier. Undenkbar war es mit einem, vor dem man Angst hatte, Topfschlagen zu spielen und Torte zu essen. Ist Russland wie Zoran? Soll Deutschland der Einladung des Bullys Russland zur Weltmeisterschaft folgen?

Am 14. Juni 2018 geht es los: Russland trifft auf Saudi-Arabien, drei Tage später startet das deutsche Team in die WM.

Russland war nicht nett

Während Russland der großen Weltbühne Fußball entgegenfiebert, wird die Liste der Kritikpunkte an dem Land immer länger. Schon die Verletzung des Völkerrechts in der Ukraine sowie im eigenen Land die Menschenrechtsverletzungen, das Hooligan-Problem und die Einschränkung von Presse und Demokratie haben Russland zum Paria der internationalen Gemeinschaft gemacht. Dass Russland den syrischen Diktator Baschar al-Assad mit Luftschlägen im Kampf gegen seine eigene Bevölkerung unterstützt, toppt aber die Liste der Untaten.

Offiziell bekämpft Russland in Syrien Terroristen, doch in der Diktion von Diktator Assad sind alle Oppositionsgruppen Terroristen. Während keine Seite im Bürgerkrieg zimperlich ist, kämpft das Regime von Assad immer menschenverachtender: Chemische Waffen, Fassbomben auf Wohngebiete, Hunger als Waffe, gezielte Bomben auf Krankenhäuser oder Hilfskonvois.

Zwar lässt sich nicht klar sagen, wie stark die russischen Kräfte selbst an diesen Gräueltaten beteiligt waren, doch ist eindeutig, dass Präsident Wladimir Putin die Grausamkeiten zulässt. Die russische Regierung hat als wichtigster militärischer Verbündeter die Macht und die Möglichkeit, diese Kriegsverbrechen zu verhindern. In Analogie zum Strafrecht leistet die russische Regierung mindestens Beihilfe zu den Kriegsverbrechen.

Okay, denke ich mir. Die internationale Politik ist eindeutig: Das, was Russland macht, geht gar nicht. Russland ist wie ein Super-Schurken-Zoran, der die Schule anzündet, Haustiere tötet und alles jemand anderem in die Schuhe schiebt. Aber Diplomatie ist kein Kindergeburtstag, sondern ein heikler Eiertanz, deshalb wird es schwammig, wenn es um konkrete Schritte geht.

Was sagt der Fußball

Ich frage beim Deutschen Fußballbund nach, ob denn der Boykott der WM eine Option sei. Schließlich sind es ja die Jungs vom DFB, die da mitspielen. Rein formal kann die Regierung dem Deutsche Fußballbund nichts befehlen – praktisch sind Politik und Fußball aber an vielen Punkten verbandelt.

Auch der DFB findet „das Leid der vielen unschuldigen Menschen in Aleppo und anderen syrischen Orten unerträglich" und erklärt, es müsse endlich ein Ende haben. In dem schriftlichen Statement heißt es weiter: „Wir haben den tiefen Wunsch und nach wie vor die Hoffnung, dass die Gespräche zeitnah zu Ergebnissen führen, das Syrien-Problem nachhaltig gelöst werden kann und sich das Land 2018 in einem friedlichen Neuaufbau befindet.“

Gut, für Frieden sind wir alle. Aber reicht das? Dass die syrischen Trümmerfrauen und -männer abends nach dem Neuaufbauen Fußball kucken können, macht Leid und Kriegsverbrechen nicht ungeschehen. Kann man, selbst wenn jetzt sofort Frieden wäre, einfach zur Tagesordnung übergehen und Fußball spielen? „Einen Boykott der WM 2018 halten wir in diesem Kontext nicht für sinnvoll, zumal das auch in Moskau 1980 keinen positiven Effekt gebracht hat.“

Aha, so eine ähnliche Situation gab es schon mal: Im Dezember 1979 marschierte die damalige Sowjetunion in Afghanistan ein. Auf Druck des US-Präsidenten Jimmy Carter beschloss dann im Frühling das amerikanische Olympische Komitee den Boykott der Olympischen Sommerspiele in Moskau. Wie viele andere Bündnispartner zog auch Westdeutschland nach und blieb zu Hause. An der Situation in Afghanistan änderte das freilich nichts – auch trug die Konfrontation nicht gerade zur Entspannung zwischen Ost und West bei.

Aber könnt ihr denn gar nichts machen, lieber Fußballbund? Doch: „Wir werden als DFB in persönlichen Gesprächen mit dem WM-Organisationskomitee und dem russischen Fußballverband unsere Position auch in den Menschenrechtsfragen deutlich hinterlegen.“ Aber ob ein deutliches Hinterlegen der Positionen wirklich einen positiven Effekt bringt? Ich bin mir da nicht so sicher. Aber okay, I will cut you some slack, wie man auf Englisch sagt. Ich will mal nachsichtig sein, denn der DFB macht ja keine Politik. Klar, will man als Fußballverband beim wichtigsten Fußballturnier dabei sein. Noch dazu als amtierender Weltmeister.

Was sagt die Politik

Also, okay, meine moralischen Bedenken sind noch nicht ausgeräumt: Als nächstes frage ich bei den sportpolitischen Sprechern der Fraktionen im Bundestag nach, wie sich Deutschland verhalten soll. Obwohl es sich bei FIFA und DFB um Nicht-Regierungsorganisationen handelt, würde eine Entscheidung über einen Boykott nur im Einklang mit der Politik fallen.

CDU, SPD und die Grünen bringen alle ähnliche Argumente: Ein Boykott bringt nichts, weil er damals 1980 und 1984 bei Olympia auch nichts gebracht hat. Selbst der Grüne Özcan Mutlu, der lange Zeit den Russen aus verschiedenen Gründen die WM wegnehmen wollte, ist heute konziliant. “Ich bin zwischenzeitlich der Auffassung, dass nach 2016 eine Neuvergabe keine praktisch umsetzbare Lösung mehr darstellt”, sagt Mutlu. Ein Boykott wäre die allerletzte Eskalationsstufe. Jetzt müsse man demokratische Kräfte und Menschenrechtsgruppen in Russland unterstützen und die Kritik weiter vortragen, sagt Mutlu.

CDU und Grüne fordern, dass man von Gastgeberländern höhere Standards einfordert. „Im Zweifel müssen die internationalen Sportverbände die Ausrichtung entziehen”, sagt CDU-Sportsprecher Eberhard Gienger. „Wenn die gesellschaftlichen Verhältnisse oder die Außenpolitik eines Gastgeberlandes im krassen Widerspruch zu den Werten des Sports stehen, verliert das Sportereignis international an Glaubwürdigkeit und verkommt zur Show.”

Verstehe ich das richtig: Wir können leider nichts machen, aber die FIFA sollte Russland eventuell die Weltmeisterschaft wegnehmen? Das wäre mal was, das hat es noch nie gegeben: Selbst Nazi-Deutschland durfte 1936 seine Olympischen Spiele trotz Nürnberger Rassegesetze behalten. Auch in Argentinien 1978 wurde eine Fußballweltmeisterschaft gespielt, obwohl die Junta mordete und folterte. („Ein Land, in dem Ordnung herrscht. Ich habe keinen einzigen politischen Gefangenen gesehen”, sagte damals Teamkapitän Berti Vogts über Argentinien.)

Erst einmal in der Geschichte haben FIFA oder IOC einem Ausrichter die Großveranstaltung wieder entzogen: Das Olympische Komitee nahm St. Moritz die Spiele 1940 weg, weil die Schweiz Skilehrer starten lassen wollte. Für das IOC waren das jedoch Profis und keine Amateure. Diese Bestrafung hat wohl auch nicht viel gebracht: Heute dürfen Profis jedenfalls zu Olympia.

Michaela Engelmeier, die sportpolitische Sprecherin der SPD im Bundestag, hält den Sport trotz seiner politischen Geschichte für unpolitisch: „Der Sport darf nicht in Beugehaft für diplomatische und politische Irrwege genommen wird.“

Anders sieht das der Sporthistoriker Ansgar Molzberger von der Sporthochschule Köln: „Der Sport war immer schon politisch. Gerade Olympische Spiele stellten von Beginn an eine Bühne dar, die auch politisch genutzt wurde.“ So wurde Deutschland 1920, 1924 und 1948 in Strafe für die Weltkriege jeweils von Olympia ausgeschlossen bzw. nicht eingeladen. Südafrika wurde wegen der Apartheid mehr als drei Jahrzehnte lang von fast allen Sportveranstaltungen ausgeschlossen. 1992 durfte die jugoslawische Mannschaft wegen des Bürgerkrieges nicht zur Fußball-Europameisterschaft. Mit wem man spielt und Sport betreibt, ist eine politische Frage. So fand Anfang Oktober das erste Freundschaftsspiel zwischen Kuba und USA seit 69 Jahren statt – ein „historisches Spiel“.

Sport kann ja auch völkerverbindend sein, oder? „Es ist wichtig, weiterhin im Dialog mit Russland zu stehen“, sagt Engelmeier. Und das ginge sicher schwerer, wenn man die Fußballweltmeisterschaft boykottieren würde. Denn ein Boykott ist ähnlich wie Sanktionen immer auch Konfrontation, ein unfreundlicher Akt.

„Sanktionen sollen ein Zeichen des Protestes setzen, die Kosten des Gegenübers erhöhen und so ein bestimmtes Ziel erreichen“, sagt Sanktionsforscher Christian von Soest vom Leibniz-Institut für Globale und Regionale Studien (GIGA) in Hamburg. „Ich halte eine vollständige Isolierung eines Landes nicht für sinnvoll. Man will ja eine Verhaltensänderung hervorrufen.“

In den letzten Jahren hat sich der Umfang von Sanktionen geändert und sie sind viel zielgerichteter geworden. Auslöser waren die sehr breiten Sanktionen gegen den Irak nach dem ersten Golfkrieg in den 1990ern. Sie lösten humanitäre Katastrophen durch Nahrungsmittel- und Medikamentenknappheit aus. So zielen die derzeitigen Sanktionen gegen Russland ganz gezielt auf Entscheidungsträger und Schlüsselindustrien. Der gesellschaftliche, kulturelle und sportliche Austausch ist davon nicht betroffen.

Bringt es etwas?

Die Boykott-Idee klingt für mich dennoch verlockend: Europa lässt nicht die Waffen sprechen, setzt aber seine kulturelle, sportliche und wirtschaftliche Macht ein, um ein Zeichen zu setzen. Praktisch könnte es nur klappen, wenn die Europäische Union gemeinsam entscheidet, Russlands Fußballparty zu boykottieren. Alleine mit Deutschland, Spanien, Italien und Frankreich wären dann vier der letzten fünf Weltmeister abwesend – womöglich würden sich aber in Folge auch außereuropäische Länder dem Boykott anschließen. Damit sendet man ein starkes Signal und schadet dem russischen Wunsch, sich selbst im In- und Ausland positiv darzustellen. Auch, wenn es jetzt für die Entscheidung noch zu früh ist, könnte man schon mal eine rote Linie ziehen: Wenn die Bomben auf Zivilisten nicht aufhören, kommen wir auch nicht zu eurem Fußballfest.

Aber würde Wladimir Putin seine Politik ändern? „Wenn man es sehr wichtig findet, so ein Signal zu senden, kann das sinnvoll sein. Aber es wird wohl nicht dazu führen, dass Russland seine Syrien-Politik ändert“, sagt Russland-Expertin Susan Stewart von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Laut einer Umfrage finden über 70 Prozent der russischen Bevölkerung die westliche Kritik an Russlands Syrien-Politik nicht fundiert. „Ein solcher Boykott könnten vielleicht sogar Putin helfen. Denn der Wagenburgeffekt könnte dazu führen, dass Bevölkerung und Regierung enger zusammenstehen“, winkt von Soest ab. Vermutlich würde dieses Signal vor allem zu einer Verhärtung der Fronten führen und die Beziehungen zu Russland weiter verschlechtern.

Die Weltmeisterschaft in Russland zu boykottieren, hilft also den Menschen in Syrien kein Stück weit. Man könnte damit einzig das schlechte Gewissen von mir und vielen anderen beruhigen und gegenüber Russland den starken, harten Mann markieren. Das ist zu wenig. Damit macht man den Fußball und die Fußballer zur Geisel der Moral.

Doch man kann von den Olympischen Winterspielen 2014 im russischen Sotschi lernen: Auch davor gab es eine breite öffentliche Diskussion, ob man die Spiele auf Grund der Diskriminierung Homosexueller boykottieren sollte. Doch ohne internationales Rampenlicht hätte diese Menschenrechtsverletzung niemals so große Aufmerksamkeit bekommen. Letztlich fuhren die Sportler hin, aber viele Politiker blieben zu Hause: Barack Obama, Joachim Gauck, David Cameron, François Hollande und viele andere boykottierten Olympia 2014 in Sotschi.

Zumindest dieses Zeichen sollte Angela Merkel auch 2018 setzen: Setzen Sie sich nicht neben Wladimir Putin in die Ehrenloge! Fahren Sie nicht zur Fußballweltmeisterschaft nach Russland!


Anmerkung: Die FIFA, das Innenministerium sowie André Hahn, der sportpolitische Sprecher der Linken im Bundestag, wollten sich nicht zu der Thematik eines WM-Boykotts äußern.

Redaktion: Theresa Bäuerlein, Produktion: Vera Fröhlich, Aufmacherbild: Illustration von Sibylle Jazra für Krautreporter.