Transnistrien

24 Stunden im Land der Waffenschmuggler und Folterer

Reportage von Nils Resare, Transnistrien
etwa 24 Min. Lesedauer

Auf der schnurgeraden Straße steht in ein paar hundert Meter Entfernung ein graues Gebäude. Davor sind Wachposten zu sehen. Dort, am ersten rotgrünen Dach, fängt das Land an.

„Du musst da zu Fuß hingehen.“

Alexandru, der mich hergefahren hat, will nicht von der Grenzpolizei entdeckt werden. Er ist als „persona non grata“ in Transnistrien nicht willkommen. Die Geheimpolizei, der KGB, bedrohte ihn und setzte seinen Namen auf die Liste der verdächtigen Personen. Er muss in sicherem Abstand bleiben.

Alexandru hat versucht, mir meinen Plan auszureden. Es ist besser, tagsüber herzukommen und hier nur ein paar Stunden zu verbringen, sagt er. Die Nacht hier zu sein, ist gefährlich.

„Sie werden dich überwachen, im Hotel gibt es dafür Kameras“, sagt er.

Trotzdem greift er nach seinem Handy mit der transnistrischen SIM-Karte und ruft jemanden an.

Es ist neun Uhr morgens.

Transnistrien (rot-weiß schraffiert)
Transnistrien (rot-weiß schraffiert)

Quelle: Wikipedia, Perconte - self-made, CC BY-SA 2.0

„Okay, er ist jetzt da. Du kannst losgehen.“

Ich erkenne Boris schon aus der Ferne. Seine Jeans und sein weißblau-kariertes Hemd heben sich deutlich von den Grenzpatrouillen und den russischen Soldaten ab, die das Land vom Straßenrand aus bewachen. Boris ist einer von Transnistriens offiziellen Dolmetschern. Wir haben uns viele E-Mails geschrieben.

Boris bückt sich zu einem tiefsitzenden Fenster runter und unterhält sich mit den Wachen auf Russisch. Ich muss meinen Pass zeigen, auch wenn hier offiziell keine Grenze ist – eigentlich sind wir noch immer in Moldawien.

Nach ein paar Minuten schiebt der Wachmann eine winzige Notiz über den Tresen.

„Es ist sein Visum“, erklärt der Wachmann Boris. „Pass auf, dass er es nicht verliert. Er muss morgen früh um neun Uhr wieder hier sein, sonst bekommt er Probleme.“

Von diesem Moment an haben ich genau 24 Stunden Zeit, Transnistrien zu erkunden – ein von keinem Staat anerkanntes Land, das Resultat des längst vergessenen Bürgerkriegs in Moldawien. Nach 1.500 Toten und der russischen Unterstützung für die transnistrischen Separatisten wurde am 2. September 1992 der Landstreifen östlich des Flusses Dnjestr zur unabhängigen Nation erklärt.

Die Transnistrier taten alles, was möglich war, um von dem Rest der Welt anerkannt zu werden. Sie verabschiedeten eine eigene Verfassung, schufen ein Justizwesen, setzten öffentliche Wahlen an und gaben sich eine eigene Währung. Sie druckten sogar Pässe für ihre Bürger.

Aber die Welt erkannte Transnistrien nicht an und akzeptierte auch seine Pässe nicht.

Dafür gab es gute Gründe. Seit dem Bürgerkrieg war Transnistrien das „Schwarze Loch Europas“ – eine Freihandelszone für organisierte Kriminalität, Menschenhandel und Waffenschmuggel. Hier fanden zweifelhafte Charaktere Asyl, hier wickelten sie ihre Geschäfte ohne jegliche Kontrolle der Außenwelt oder des internationalen Justizsystems ab.

Da fehlende Anerkennung machte es den Herrschenden auch möglich, Menschen mit Folter und langen Haftstrafen zu erpressen, interessante Unternehmen zu übernehmen oder einfach nur Dissidenten zum Schweigen zu bringen. Die Mächtigen und ihre Verbündeten riskieren nichts – sie wissen, dass sie ungestraft davonkommen.

Hier kommt Alexandru Spiel, der mich an die Grenze gefahren hat. Zusammen mit anderen Anwälten der moldawischen Organisation PromoLex hat er vielen Menschen geholfen, die in transnistrischen Kerkern gelitten haben. Viele Folteropfer haben ihre Fälle vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gebracht. Alle haben ihre Verfahren gewonnen.

PromoLex arbeitete mit schwedischen Menschenrechtsaktivisten (Civil Rights Defenders) zusammen, finanziert von der schwedischen Regierungsorganisation Sida.
Aber eben diese Sida hat plötzlich ihre Unterstützung eingestellt, und Alexandru ist in Transnistrien nicht mehr willkommen. Was ist passiert?

Noch 23 Stunden und 50 Minuten

Durchs Autofenster sehe ich gewaltige Industrieanlagen aus der Sowjetzeit, wogende Felder, Häuser mit netten kleinen Gärten und die alte Festung von Bender, kyrillisch Tighina.

„Sie befinden sich auf historischem schwedischen Gelände“, sagt Boris.
Hierhin nach Bender, nur wenige Minuten von der Grenze entfernt, ist der schwedische König Karl XII. geflohen. Hier lebte er mehrere Jahre nach der Niederlage gegen Russland 1709 in der Schlacht von Poltawa. (Das war die Zeit, in der Schweden eine wichtige Macht in Nordeuropa war und seine Grenzen weit nach Osten reichten und den größten Teil der Ostseeregion umschlossen.)

Von Bender hoffte Karl XII., der nur noch einen Bruchteil seiner Armee im Schlepptau hatte, die wirkliche Supermacht dieser Zeit, das Osmanische Reich, für seine Vergeltung an Russland einzuspannen. Aber das Osmanische Reich, das aus vielen arabischen Ländern und der Türkei bestand, ließ ihn im Stich und griff schließlich das schwedische Lager an. Karl XII. musste fliehen.

Boris wurde in der Ukraine geboren, lebte aber in mehreren der ehemaligen Sowjetstaaten. Kurz vor dem Bürgerkrieg landete er in Transnistrien und blieb dort. Er ist ein abgeklärter Typ, spricht perfekt Englisch und weiß eine ganze Menge über die schwedisch-russischen Schlachten des 18. Jahrhunderts. „Die Russen sind Experten im Teilen und Herrschen“, sagt er, ohne Parallelen zu dem zu ziehen, was derzeit in der Ukraine oder Moldawien vor sich geht.

Wir halten an einem großen Wohnkomplex aus der Sowjetzeit. Alex Ursu, ein moldawischer Polizist, kaufte hier 2006 eine Wohnung für sich und seine Frau. Denn es war viel billiger hier in Transnistrien als auf der moldawischen Seite, wo er damals Polizeichef war. (Bitte Alex Ursu nicht mit Alexandru verwechseln.)

Alex Ursus Alptraum begann am 29. Juli 2009. Transnistrische Miliz stürmte sein Haus und warf ihm vor, die Rechnung für den Kauf seiner Wohnung gefälscht zu haben. Sie forderten ihn auf, ein Dokument zu unterschreiben, das besagt, dass er auf sein Heim verzichtet.

Er weigerte sich.

Die Milizionäre brachten ihn ins Gefängnis und setzten ihn in einen Verhörraum. Sie fesselten seine Hände zusammen und zogen ihn an die Decke. Dann schlugen sie ihn bewusstlos. Als er wieder zu sich kam, ging die Misshandlung weiter – drei Tage lang. Sie gaben ihm nichts zu essen, und er durfte die Toilette nicht benutzen.

Dann verhafteten sie seinen Vater. Drei weitere Tage lang mit Schlägen wurde sein alternder Vater gezwungen, mit ihm im Gefängnis zu sitzen. Selbst als die Milizionäre drohten, etwas seiner schwangeren Frau anzutun, gab Alex Ursu nicht nach.

Die Verhandlung fand einige Tage später statt. Der Richter ignorierte den Kaufvertrag für die Wohnung, den seine Frau dem Gericht als Beweis vorgelegt hatte. Er hörte nur auf den Bericht der Miliz. Alex Ursu wurde zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt.

Alex Ursus Frau wurde gezwungen auszuziehen. In die Wohnung zog ein Milizionär ein. Heute hat dieser Mann einen hohen Posten im selbsternannten transnistrischen Regime.

Erst als Alex Ursus Fall im Jahr 2012 internationale Aufmerksamkeit erregte, wurde er freigelassen. Aber viele seiner Mitgefangenen sind noch in Haft. Viele von ihnen sind keine Kriminellen, genauso wie Alex Ursu. Sie werden erpresst. Einige von ihnen wurden gezwungen, bis zu 20.000 Dollar pro Jahr zu zahlen, um die Haftstrafe zu verkürzen. „Sie haben sich wie die Mafia benommen“, sagte Alex Ursu ein paar Tage zuvor, als ich ihn in Chisinau, der Hauptstadt Moldawiens, getroffen habe, wo er heute lebt.

Ich schaue mir das Gebäude im großen Wohnkomplex in Bender an, wo er einst wohnte. Er ist einer dem Menschen, denen PromoLex geholfen hat. Sein Fall erlangte internationale Aufmerksamkeit, was ihm möglicherweise das Leben gerettet hat. Heute ist er gesund und wieder mit seiner Frau und seinen zwei Kindern vereint.

Sida half in Fällen wie diesen mit Geld. Aber es jetzt gibt es keine schwedischen Hilfsgelder mehr, um Folteropfer in Transnistrien zu helfen.

Die Bürgerrechtler haben natürlich protestiert, aber die Entscheidung wurde nicht rückgängig gemacht. Und als die Organisation nicht freiwillig die Zusammenarbeit mit PromoLex beendete, wurde ihr der Todesstoß angedroht. Sida drehte den Geldhahn zu, selbst bereits bewilligte Mittel bekamen die Bürgerrechtler in Moldawien nicht mehr.

Wir verlassen Bender und ziehen weiter in Richtung Tiraspol, Transnistriens inoffizieller Hauptstadt. Boris erzählt mir von seinem Onkel in der Ukraine, der gerade 113 Jahre geworden ist. „Das Wichtigste ist eine positive Einstellung, wenn du ein hohes Alter erreichen willst“, sagt er.

Noch 21 Stunden

Wir fahren an westlichen Boutiquen vorbei, an gut sortierten Lebensmittelgeschäften und an einer riesigen Fußball-Arena, die die meisten Sportanlagen in diesem Teil Europas in den Schatten stellt. Tiraspol hat auch eine Universität, ein Krankenhaus, Grundschulen und eine funktionierende Industrie, die beispielsweise Textilien nach ganz Europa exportiert.

Boris bringt mich zu einem kleinen Restaurant, das lokale Spezialitäten serviert. Das Menü spiegelt die Geschichte Transnistriens wider. Es gibt türkische Kohlrouladen, gefüllt mit Fleisch, russische Klassiker wie Borschtsch und Soljanka sowie Gerichte aus der südeuropäischen Küche wie mediterrane Salate.

Boris und ich entscheiden uns für Russisch - Pelemini mit Smetana, mit Hackfleisch gefüllte Teigtaschen, serviert mit Schmand. Wir versuchen auch die lokalen Dolmades – mit Reis gefüllte Weinblätter.

Um uns herum ist ein typischer Samstag, wie er auch auf der Westseite des Flusses Dnjestr abläuft – in Moldawien. Familien bummeln, einige sind auf dem Weg hinunter zum Fluss zum Schwimmen.

An die Sowjet-Ära erinnern noch viele Symbole – Hammer und Sichel, riesige Lenin-Statuen und stalinistische Monumentalbauten. Gemischt mit kühlen Victoria‘s Secret Stores, der US-Modemarke für Reiz- und Unterwäsche, und eleganten Gehweg-Bistros schaffen sie ein Disney-Land-Gefühl.

Das ist genau das, was das Regime Leuten wie mir zeigen will, die das Land für einen Tag besuchen. Sie wollen, dass alles normal scheint.

Aber wer länger bleiben und an der Oberfläche kratzen konnte, bekam einen anderen Blick auf Transnistrien. Ein Beispiel dafür sind die Experten der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, OSZE, die in der Vergangenheit das Militärdepot Kolbasna besuchen durften, eine Hinterlassenschaft aus der Sowjetzeit im Norden Transnistriens.

Angeblich werden verschiedene Arten von Atomwaffen in Kolbasna gelagert – einige nicht größer als ein Koffer, aber in der Lage, Großstädte zu vernichten. Und es gibt Hinweise darauf, dass solche Waffen und Raketen mit radioaktiven Inhalt, sogenannte schmutzige Bomben, nach Ende des Bürgerkriegs im Jahr 1992 aus Transnistrien herausgeschmuggelt wurden.

Wenn diese Art von Waffen in die falschen Hände gerät, dann gibt es ein internationales Sicherheitsproblem. So groß, dass jeder James-Bond-Film dagegen niedlich wirkt.

Es gibt wahrscheinlich auch Waffenfabriken in Transnistrien, die neue Waffen produzieren, die dann in Konfliktregionen und zu terroristischen Gruppen exportiert werden. Nach dem Fall der Sowjetunion blieben sowohl die Einrichtungen als auch das Wissen zurück, wie Waffensysteme gebaut werden. Es wäre ein Leichtes, sie über die Ukraine zum Hafen Odessa zu schmuggeln.

Niemand kann sagen, was gerade in Transnistrien los ist und welche Waffen aus dem Land geschmuggelt wurden. Dem Vorsitzenden der OSZE wurde seit mehreren Jahren die Einreise verweigert. 2016 hat Deutschland den Vorsitz in der weltweit größten Sicherheitsorganisation und Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier besuchte im Juli Transnistrien – eine wenig erfolgreiche Mission. Bisher sah sich keine unabhängige Organisation in der Lage zu untersuchen, was die Fabriken produzieren oder was im Depot Kolbasna zurückgelassen wurde.

Es ist nicht einmal möglich, grundlegende Informationen über Transnistriens Nationaleinkommen zu erhalten, wie viele Menschen dort leben oder welche Art von Vermögenswerten die politische Elite besitzt. Es gibt keine freien Medien, und das Regime gibt so gut wie keine Informationen an seine Bürger weiter.

Nur den Russen wird so etwas wie Einblick gewährt. Seit dem Ende des Bürgerkriegs sind russische Friedenstruppen im Land stationiert. Auch ist es Russland, das Transnistrien mit Erdgas versorgt – kostenlos.

Nach der Annexion der Krim und angesichts des Konflikts im Osten der Ukraine bekommt die russische Präsenz in Transnistrien ein neues Gewicht. Viele befürchten, Russland könnte das nicht anerkannte Land als Basis verwenden, um die westlichen Regionen der Ukraine einzunehmen. Beides, Waffen und Soldaten, sind bereits vor Ort. Als Vorsichtsmaßnahme hat die Ukraine ihre Grenzen zu Transnistrien geschlossen. Aber das scheint den Waffenschmuggel nicht zu stoppen.

Um für diese äußerst gefährliche Situation eine Lösung zu finden, versuchen die am meisten betroffenen Länder und Organisationen, einer alten Task Force wieder Leben einzuhauchen, die sich dem künftigen Status' Transnistriens gewidmet hat. An den „5 plus 2“-Gesprächen nehmen Moldawien, Transnistrien, die OSZE, Russland, die Ukraine sowie die EU und die USA teil. Aber die Arbeit kommt nur im Schneckentempo voran.

Hier kommen Alexandru und PromoLex wieder ins Spiel. Ihr Einsatz und die Arbeit der Richter beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte belegt - immer und immer wieder –, dass die herrschende Klasse in Transnistrien Mafia-Methoden anwendet, um sich zu bereichern.

Mit dieser Darstellung ist das Regime natürlich alles andere als einverstanden. Denn es steht in den internationalen Verhandlungen über die Sicherheit und das Wohlergehen von Millionen von Menschen schlecht dar.

Deshalb versucht das Regime, PromoLex zu stoppen, koste es, was es wolle – sonst weigert es sich, an den Verhandlungen überhaupt teilzunehmen.

Noch 18 Stunden

Als wir unser Mittagessen beendet haben und das Restaurant verlassen, brennt die Sonne glühend heiß. Auch wenn man berücksichtigt, dass Samstag ist, sind relativ wenige Menschen unterwegs. Boris glaubt, dass viele nach Odessa und an den Strand gefahren sind. Ich versuche, das Leben auf der Straße mit der Kamera einzufangen. Wir kommen an der beeindruckenden Parade-Straße vorbei. Dort inszeniert das Regime jedes Jahr einen riesigen Militäraufmarsch, um den Nachbarn mit dem riesigen Waffenaufgebot Angst einzujagen.

Wir gehen hinunter zum Fluss: Hier sonnen sich die Menschen an einem extra angelegten Strand oder schwimmen. Auf dem Weg kommen wir an einem Denkmal aus dem Bürgerkrieg und einem Panzer aus dem Zweiten Weltkrieg vorbei, der angemalt und in eine Art Denkmal verwandelt wurde.

Boris hält mich mehrmals zurück, als ich ein paar Fotos schießen will. Er verweist auf Überwachungskameras und Wachen, die uns sehen können. Als wir an der Regierungszentrale vorbeikommen, einem in einer Seitenstraße versteckten Gebäude, fordert er mich auf, meine Kamera zurück in die Tasche zu tun.

Manchmal fühlen sich Boris‘ Vorsichtsmaßnahmen absurd an, zum Beispiel, als wir an der großen Lenin-Statue vor dem Parlamentsgebäude ankommen. Obwohl es ein Wahrzeichen von Tiraspol ist, bittet er mich, es nicht zu fotografieren.

Das Gleiche passiert, als ich ein Bild von einem normalen Supermarkt machen will. Ich verstehe das Problem nicht. Wahrscheinlich gibt es auf der anderen Straßenseite Überwachungskameras.

„Scheriff“ ist der Grund für seine Paranoia. Das ist ein Unternehmen, das so ziemlich alles kontrolliert, was in Transnistrien von Wert ist. Es ist im Besitz derselbe Gruppe von Männern, die auch die herrschende Klasse bilden. Neben Lebensmittelgeschäften besitzen sie auch Tankstellen, Handy-Unternehmen und alle Läden, in denen es Wein und Cognac gibt. Selbst die riesige Fußballarena trägt das Logo „Scheriff“.

Auf dem Papier kann jeder in Transnistrien eine Firma gründen. Aber das Regime wendet eine Reihe von Taktiken an, dies zu verhindern. Man hat mir zum Beispiel erzählt, dass immer dann, wenn jemand ein Lebensmittelgeschäft eröffnet, Scheriff sofort die Preise in ihren eigenen Läden senkt, um den Wettbewerber aus dem Geschäft zu drängen.

Eine weitere und deutlich grausamere Methode wurde gegen Eriomenco Vitalii angewendet, der mehrere erfolgreiche Unternehmen in Transnistrien sei eigen nannte. Er war unter anderem in der Bäckerei- und Brauindustrie erfolgreich.

Eriomenco verbüßt eine Haftstrafe im Gefängnis in Slobosia etwas außerhalb von Tiraspol. Er wurde im März 2011 festgenommen und wegen Veruntreuung von Geld seines eigenen Unternehmens angeklagt. Am selben Tag, an dem er verhaftet wurde, übernahm ein Mitglied von Transnistriens selbsternannter Regierung seine vier Unternehmen.

Vor ein paar Tagen habe ich Eriomencos Schwester Ala Gherman in Moldawien getroffen. Sie hat erzählt, dass die Polizei zuerst versucht hat, Eriomenco davon zu überzeugen, ein Dokument zu unterzeichnen, mit dem das Eigentum an seinen Unternehmen an einen Regierungsvertreter übertragen würde. Als er sich weigerte, wurde er unter anderem mit Scheinhinrichtungen gefoltert. Als er dann immer noch nicht unterschreiben wollte, wurde seine Familie bedroht und war gezwungen, nach Moldawien zu flüchten.

Ein dreijähriges Gerichtsverfahren folgte. Der Richter schlug alle Beweise zu Eriomencos Verteidigung in den Wind. Er wurde zu einer langen Haftstrafe verurteilt.

Eriomenco sitzt nun seit fünf Jahren im Gefängnis. Seine Schwester sagt, er sei an Prostatakrebs erkrankt. Ihm werde noch immer ärztliche Hilfe verweigert. Seine Familie muss für Lebensmittel, Medikamente und andere lebensnotwendigen Dinge zahlen.

Ala Gherman hat PromoLex um Hilfe ersucht, Eriomencos Fall vor ein wirkliches Gericht zu bringen. Sie ist überzeugt, dass er unschuldig ist. Sie verbringt ihre gesamte Freizeit damit, darauf hinzuarbeiten, ihn freizubekommen. Sie sammelt Beweise, die seine Sicht auf den Fall seit langer Zeit unterstützen.

In ihrem Computer hat sie eine Röntgenaufnahme seines Kiefers. Die Aufnahme wurde von einem Zahnarzt gemacht, der vorübergehend die Erlaubnis hatte, Eriomenco im Gefängnis zu besuchen. Es fehlen einige Zähne. „Schau, was sie ihm angetan haben“, sagt sie, und zeigt mir die Aufnahme.

Dieses Bild von Eriomenco Vitalii wurde kurz vor seiner Verhaftung im März 2011 gemacht.
Dieses Bild von Eriomenco Vitalii wurde kurz vor seiner Verhaftung im März 2011 gemacht.
Die Röntgenaufnahme zeigt  Eriomenco Vitaliis Kiefer, nachdem er im Gefängnis geschlagen wurde.
Die Röntgenaufnahme zeigt Eriomenco Vitaliis Kiefer, nachdem er im Gefängnis geschlagen wurde.

Noch 13 Stunden

In einem kleinen Dorf, etwa eine halbe Stunde mit dem Auto von Tiraspol entfernt, lebt Luiza Doro – sie gilt als eine der Profiliertesten unter Transnistriens Journalisten. Sie und ihr Mann geben eine Online-Zeitung heraus. Es ist die einzige Publikation im Land, die nicht dem Staat gehört oder im Besitz von „Scheriff“ ist.

Luiza bietet mir ein Glas frische Kuhmilch vom benachbarten Bauernhof an. Wir setzen uns in ihr Büro, das gleichzeitig das Wohnzimmer der Familie ist. An den Wänden hängen ein paar bunte Textildrucke mit Wüstenmotiven, die ihre Tochter kürzlich in einer Galerie in Tiraspol gezeigt hat.

Die Online-Zeitung der Doros kommt investigativem Journalismus so nahe, wie es in Transnistrien eben geht. Der Ehrgeiz und der Wunsch sind da, aber die Grenzen der Veröffentlichung bestimmt der KGB.

Luiza lacht ein bisschen, als sie mir von ihrem Kontakt mit dem Geheimdienst erzählt. Dann wendet sie sich an Boris, der unser Gespräch aus dem Russischen übersetzt.

„Musstest du nicht ein paar Mal mit dem KGB sprechen“, fragt sie Boris.

„Ja, das passiert ab und zu. Manchmal, wenn ich für ausländische Besucher übersetze, rufen sie an und fragen, was die wollten“, sagt Boris.

Bei Luiza rufen sie regelmäßig an. Der Geheimdienst kontaktiert sie einmal im Monat. Zuvor sind die Mitarbeiter alles sorgfältig durchgegangen, was sie seit dem Anruf im Vormonat veröffentlicht hat.

„Sie wollen sicherstellen, dass wir nicht für andere Staaten arbeiten und so Transnistriens Interessen untergraben. Sie bedrohen uns nie, aber sie stellen sicher, dass wir im Rahmen ihrer Empfehlungen bleiben“, sagt sie.

Nach einigen Jahren als Chefredakteurin der größten transnistrischen Zeitung weiß Luiza ziemlich genau, wie weit sie die Geduld des Geheimdienstes mit seinen aufmerksamen Augen strapazieren kann. Es gibt einen Maulkorberlass: Über Menschenrechte und Beziehungen zu anderen Nationen darf nichts veröffentlicht werden. Auch darf Transnistriens Wirtschaft nicht auf den Prüfstand, weil sonst die illegalen Machenschaften des Regimes enthüllt werden.

„Wir müssen sehr vorsichtig sein mit dem, was wir veröffentlichen. Wir haben keine Angst, aber man könnte sagen, es ist ein Tanz auf des Messers Schneide“, sagt sie.

Aber manchen investigativen Ansatz kann sie sich erlauben – zumindest hofft sie, dass sie es kann. Gerade jetzt sind sie und ihr Mann an der Geschichte dran, wie viele Menschen tatsächlich in Transnistrien leben. Es ist ein umstrittenes Thema, seit das Regime aus welchen Gründen auch immer beschlossen hat, die Zahl nicht zu veröffentlichen.

Die Hypothese lautet, dass sich die Bevölkerung im Laufe der vergangenen Jahre drastisch reduziert hat, weil die Wirtschaft in Trümmern liegt. Die Doros verwenden alle Daten, derer sie habhaft werden können. Ein Beispiel ist der Blick darauf, wie sich die Brot-Verkäufe in Transnistrien in den vergangenen Jahren verändert haben.
Ist es nicht riskant, das zu untersuchen?

„Ja, aber wir haben keine Angst, da wir nur offizielle Daten und offene Quellen verwenden. Das Gesetz erlaubt das“, sagt sie.

Luiza erklärt, dass der Geheimdienst in regelmäßigem Kontakt mit allen etablierten Journalisten in Transnistrien bleibt, auch mit denjenigen, die freiberuflich arbeiten. Bisher haben erst zwei Journalisten die Grenzen des Erlaubten überschritten. Einer von ihnen, Sergei Ilchenko, wurde im vergangenen Jahr verhaftet. Ihm wird vorgeworfen, extremistische Meinungen über Transnistrien auf Facebook verbreitet zu haben.

Der Geheimdienst forderte, er solle alles zurücknehmen, sonst wäre sein Leben in Gefahr. Nach drei Monaten in Einzelhaft entschloss er sich zu tun, was sie verlangten. Er wurde freigelassen und floh nach Moldawien.

Seitdem sagt er, dass jemand seinen Facebook-Account gehackt hat. Derjenige habe das angerichtet, wofür er verhaftet worden sei.

Noch zehn Stunden

Ich checke im City Club Hotel ein, ein paar Blocks entfernt von Tiraspols wichtigster Flaniermeile. Ich konnte das Zimmer über das Internet im Voraus reservieren. Das Hotel ist neu gebaut und hat zwei große Restaurants, eines drinnen und eines draußen. Im Untergeschoss gibt es ein Fitnessstudio. Laut Website sind alle Betten mit orthopädischen Matratzen ausgestattet.

Die Rezeptionistin lächelt mich an, als ich in die Lobby komme. Ich habe das Gefühl, ich werde erwartet. Ich grabe in meiner Tasche nach dem Ausdruck meiner Reservierung, aber die Frau ist mir einen Schritt voraus.

„Wir brauchen die Reservierung nicht, Sir“, sagt sie. „Sie sind heute Abend der einzige Gast hier.“ Ich sehe mich überrascht um und frage mich, wie so ein großes Hotel ohne Gäste im Geschäft bleiben kann.

Zunächst bin ich der einzige, der im großen Restaurant isst, aber nach einer Weile kommt eine russische Familie zum Essen, obwohl sie in einem anderen Hotel wohnt.

Mein Zimmer ist geräumig, sauber und hat alle technische Ausrüstung, die man sich wünschen kann. Ich bekomme sogar den Code für ihre WLAN-Verbindung. Ich sollte wirklich meine E-Mails checken, aber ich entscheide mich dagegen.

Vor ein paar Tagen hat mit Alexandru zwei Videoclips gezeigt, die sowohl in Transnistrien als auch in Moldawien die Runde auf Social Media gemacht haben. Die Clips haben einen bedrohlichen Unterton zumindest für diejenigen, die die herrschende Klasse in Tiraspol infrage stellen. Alexandru glaubt, dass der Geheimdienst die Videos produziert hat.

Die Videos sehen aus, als habe sich jemand bemüht, etwas von der berüchtigten Hackergruppe Anonymous zu kopieren. Eine Person in einem dunklen Anzug, mit einer Maske über dem Gesicht, erklärt, was mit denjenigen passiert, die Transnistriens Unabhängigkeit als eine selbstständige Nation hinterfragen.

Ein Video zeigt, wie die E-Mail-Konten einer Reihe von Menschenrechtsaktivisten und Journalisten gehackt werden. Alexandrus E-Mail-Konto ist dabei, genauso wie Luiza Doros'. Ein Sprecher erklärt mit verzerrter Stimme, sie arbeite mit den PromoLex-Anwälten zusammen.

Beide Videos warnen auch westliche Organisationen davor, Aktivisten zu unterstützen, die versuchen, die Legitimität des transnistrischen Regimes zu untergraben.

Unter den Namen derjenigen, deren E-Mail-Konten angeblich gehackt wurden, findet sich auch ein schwedischer Name. Das Konto gehört Månstråle Dahlström, stellvertretende Botschaftssekretärin Schwedens für Entwicklung und der Zusammenarbeit in Chisinau, der Hauptstadt Moldawiens. Dahlström war einige Jahre lang für die Sida-Hilfe für Menschenrechte in der Region verantwortlich, einschließlich ihrer Unterstützung für PromoLex.

Die Geheimpolizei veröffentlichte später auch eine Pressemitteilung, in der sie die Arbeit von PromoLex verurteilte und behauptete, deren Mitglieder verfolgten politische Ziele und hätten Verbindungen zum moldawischen Geheimdienst. Die Pressemitteilung ist etwas weniger krass als die Video-Clips, aber niemand kann den bedrohlichen Unterton darin überlesen.

Könnten die Videoclips und Pressemitteilung etwas damit zu tun haben, dass Schweden die Finanzhilfe eingestellt hat?

Die schwedische Botschaft sagt nein. Als ich Månstråle Dahlström und ihren Chef, Henrik Huitfeldt, vor dieser Reise interviewt habe, behaupteten sie, dass ihre Entscheidung nichts mit den Bedrohungen des KGB zu tun hatte – und dass sie die Videos überhaupt nicht kannten.

Nach ihrer Ansicht ist es jedoch wichtig, die Verhandlungen mit dem transnistrischen Regime wieder in Schwung zu bringen, um den Folteropfern auf lange Sicht helfen zu können. Im Augenblick steht PromoLex einer solchen Möglichkeit für Verhandlungen im Weg. Wenn die 5-plus-2-Gespräche Fortschritte machten, gäbe es durchaus die Möglichkeit, Folteropfern irgendwann einmal zu helfen, begründeten sie ihre Haltung.

Henrik Huitfeldt behauptete auch, dass die PromoLex-Arbeit politische Probleme verursache – sie bestärke die antirussischen Kräfte in Moldawien, die das Land mit Rumänien verschmelzen wollen. Er sagt, dies wiederum sei ein Nachteil für die Verhandlungen über die Zukunft Transnistriens.

Diese Vorwürfe machen Alexandru und seine Kollegen von PromoLex wütend. Er sagt, sie hätten noch nie politische Ziele gehabt. Sie versuchten nur, Menschen zu helfen, die sonst nicht die Möglichkeit eines fairen Verfahrens in einer Oligarchie hätten – deren Justizsystem im besten Fall schlecht genannt werden könne und die Folter nicht als Verbrechen sehe.

Nach Ansicht von Alexandru und seinen Kollegen von PromoLex, ist Sida auf die Propaganda des Regimes reingefallen. Schweden, mit seiner langen Tradition und dem guten Ruf, sich für Menschenrechte einzusetzen, sollte es besser wissen, als blind einem selbsternannten Regime in einem Land wie Transnistrien zu folgen.

„Dieses Regime macht seit 1992, was es will. Es wird sich nie an einen Verhandlungstisch setzen“, sagte Alexandru einmal.

Ich finde es seltsam, dass die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, OSZE, auch dienstbeflissen dem transnistrischen Regime zu gehorchen scheint. Vor meiner Reise bat ich darum, über das Problem der Folteropfer mit dem OSZE-Vertreter in Moldawien sprechen zu können. Mir wurde lediglich ein vertrauliches Gespräch „off the record“ mit dem Leiter der OSZE-Mission in Moldawien, Botschafter Michael Scanlan, zugesagt.

Ich dürfte aber keine Fragen über Folter stellen. Das könnte die Beziehungen zu den Machthabern in Transnistrien gefährden. "Allerdings wird er nicht in der Lage sein, mit Ihnen über Folterfälle zu reden. Wenn Sie nichts dagegen haben, werden wir dieses Thema erst gar nicht ansprechen“, schrieb sein Pressesprecher in einer E-Mail.

Also haben sich Schweden und die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa entschieden, die Beziehungen, wenn nicht zu pflegen, dann zumindest zu glätten – zu einem Regime, das vermutlich Raketen mit radioaktivem Material zu terroristischen Organisationen schmuggelt.

Es dauert lange, bis ich diese Nacht zur Ruhe komme. Bevor ich meine Nachttisch-Lampe ausschalte, kämme ich den Raum vom Boden bis zur Decke durch, suche versteckte Mikrofone und Kameras. Ich schaue im Badezimmer nach, hinter den Vorhängen, in der Tischlampe.

Ich finde nichts.

Noch zwei Stunden

Als ich am Morgen in der Lobby komme, ist es ganz still. Kein Licht ist an. Niemand ist im Restaurant, das Taxi ist noch nicht gekommen. Ich weiß, ich bin zu früh, aber ich will nicht riskieren, zu spät an der Grenzstation zu sein. Ich ziehe ein Buch heraus, setze mich hin, lese und warte.

Nach etwa einer Minute höre ich ein Signal, und eine Lautsprecher-Stimme sagt etwas auf Russisch. Dann öffnet sich eine kleine Tür hinter der Rezeption und eine gerade erst aufgewachte Rezeptionistin lugt heraus. Es ist dieselbe Frau wie am Tag zuvor.
Wer hat sie aufgeweckt? Wurde ich von Kameras überwacht?

„Guten Morgen, Sir. Sie sind früh dran – Ihr Taxi wird jeden Augenblick hier sein.“

Alles scheint wieder so normal.

Ich habe noch zehn Minuten, als ich meinen Pass über den Tresen in dem niedrigen Fenster schiebe. Die Wache studiert den Visumseintrag. Er schaut auf seine Uhr und nickt: „Du kannst gehen.“

Im Rückspiegel sehe ich die Grenzstation mit den rotgrünen Dächern verschwinden. Eine illegale Grenze zu einem „Land“, das seine Bürger quält und Terrororganisationen radioaktive Raketen liefert. Eine Nation, die nicht existiert.


In diesem Artikel wurden Namen geändert oder nicht genannt, wenn Einzelpersonen oder Organisationen ihre Identität nicht preisgeben wollten.

Bilder: Anton Polyakov und Nils Resare; Übersetzung: Vera Fröhlich; Produktion: Sebastian Esser.

Das Blank Spot Project ist ein schwedisches Online-Magazin für Reportagen und Berichte aus der ganzen Welt. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Geschichten, die andere nicht aufgreifen. Als Mitgründer Martin Schibbye nach 438 Tagen Haft aus dem Gefängnis in Äthiopien freigelassen wurde, flüsterte ihm ein Mitgefangener zu: „Erzähle der Welt, was du gesehen hast.“

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