Die Zukunft von 50 Millionen Küken

Die Zukunft von 50 Millionen Küken

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Zu 1 – Hühnersexer. Das klingt nach einem Fetisch, über den man lieber nichts wissen möchte. Ist in Wirklichkeit aber ein nicht besonders spektakulärer Job, bei dem Menschen in Brütereien die weiblichen von den männlichen Küken trennen. Weil Hähne keine Eier legen, wandern sie anschließend in einen Behälter, wo sie mit CO2 begast werden und ersticken. Das hört sich scheußlich an und genau so sieht es auch in den Videos aus, die Tierschützer ins Netz stellen.

Als wäre Küken vergasen nicht hässlich genug, wird überall auch noch behauptet, die Tierchen würden lebendig geschreddert oder „zermust“. Das allerdings stimmt nicht: „In Deutschland werden keine Legehennenküken ,geschreddert', auch wenn rechtlich ein solches Verfahren zugelassen wäre“, sagte mir Christiane von Alemann vom Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft. Auch derTierschutzbund hat mir das bestätigt.

Dass trotzdem überall, wirklich überall, vom Schreddern die Rede ist,liegt vielleicht daran, dass man Tierproduzenten mittlerweile alles zutraut. Gerade das Kükenthema hat eine starke emotionale Wirkung, weil Küken mit die niedlichsten Lebewesen sind, die man sich vorstellen kann. Wenn man sieht, wie die flauschigen, gelben Tierchen hilflos über ein Fließband taumeln, wo sie dann riesige Hände ergreifen, möchte man sofort die Campact-Kampagne „Retten Sie 50 Millionen Küken!“ unterzeichnen. Die fordert Bundesagrarminister Schmidt in einem offenen Brief derzeit auf, das Kükentöten zu verbieten (zwischen 40 und 50 Millionen männliche Küken werden jedes Jahr in Deutschland getötet). Die Unterzeichner der Kampagne wollen, dass die kleinen Hähne wie ihre Schwestern groß gezogen werden. So, wie es die Bruderhahn-Initiative, ein Zusammenschluss ökologischer Eiererzeuger und Händler, schon seit 2012 fordert und praktiziert.

Dass es den männlichen Hähnen letztlich trotzdem an den Kragen gehen wird, steht nicht in dem Kampagnen-Brief. Die Bruderhahn-Initiative hingegen macht keinen Hehl daraus, dass die Tiere zum Schlachten großgezogen werden. Wo sollten die Hähne sonst auch hin? Strenggenommen müsste die Überschrift also lauten: „Retten Sie 50 Millionen Küken - und ermöglichen Sie den Tod von 50 Millionen Hähnen!“ Man kann verstehen, dass die Aktivisten auf diesen Zusatz verzichten.

Das schreibt die Bruderhahn-Initiative auf ihrer Internetseite:
Pro Legehenne darf ein männliches Küken mit aufwachsen. Es wird nach Bioland/Demeter-Richtlinien auf einem Mastbetrieb mit Zugang zum Freiland aufgezogen. Die Küken stammen grundsätzlich von einer ökologischen Elterntierherde ab. Die Hähne werden bis zur 5. Woche mit den Hennen zusammen aufgezogen.
Dann werden die Hähne in den Maststall umgesiedelt und in einer Premiumhaltung in bäuerlicher Landwirtschaft 18 bis 22 Wochen lang gemästet. Während der ganzen Zeit bekommen sie 100 Prozent Bio-Futter. Die Haltung der Hähne muss erhöhten Anforderungen genügen. Sie benötigen sehr viel Auslauf und Beschäftigungsmöglichkeiten, da sie sonst anfangen, sich gegenseitig zu attackieren. Nach der Schlachtung geht das Fleisch zum Teil in die Verarbeitung und zum Teil in den Fachhandel.

Foto: iStock

Zu 2 – Eins ist sicher: Niemand hat Freude an Millionen toter Küken. Auch die Ei-Erzeuger nicht. Wie also ist die Geflügelwirtschaft überhaupt an einen Punkt gekommen, an dem Millionen gerade erst geschlüpfter Küken nichts als Ausschussware sind? Bis in die 1960er Jahre war das in Deutschland noch anders. Da war das, was die Bruderhahn-Initiative heute als Ausnahmefall betreibt, einfach Standard: Hühner behielt man zum Eierlegen, die Hähne wurden gegessen. Solche „Zweitnutzungshühner“ kommen in der Landwirtschaft kaum noch zum Einsatz. Es gibt dort fast nur noch Hybridhühner, die entweder besonders viele Eier legen oder schnell viel Fleisch ansetzen. Beides gleichzeitig schafft kein Huhn, weil Legeleistung und Fleischansatz negativ zusammenhängen. Würde man die Eier zählen, die eine Henne aus einem typischen deutschen Stall legt, käme man auf 300 im Jahr. Das ist fast doppelt so viel wie in den Sechzigern. Diese Menge hat aber eben ihren Preis: Die Brüder der leistungsstarken Legehennen sind praktisch wertlos. Rein ökonomisch gedacht, lohnt es sich mehr, sie wegzuschmeißen bzw. zu Tierfutter zu verarbeiten, als sie für das bisschen Fleisch, das an einem solchen Hahn dran ist, noch großzuziehen.

Für die Erzeuger funktioniert dieses Modell, und das Tierschutzgesetz erlaubt es auch (wenn auch mit leichtem Knirschen, weil es die ökonomischen Interessen der Eierproduzenten gegen ethische Gesichtspunkte des Tierschutzes abwägt).

Aber Kükentöten ist beim besten Willen keine schöne Praxis, das gibt auch der Verband deutscher Geflügelwirtschaft sofort zu. Sie stößt die deutschen Käufer, die immer sensibler in Sachen Tierschutz werden, zunehmend ab. Als erstes natürlich die in Sachen Lebensmittelherkunft überdurchschnittlich gut informierten Biokunden. Auch für Bioeier sterben die männlichen Küken. Die Supermarktkette Alnatura hat in ihren Biomärkten in Hamburg und Berlin deshalb schon Eier aus Bruderküken-Initiativen getestet. Die Kunden griffen derart freudig zu, dass Alnatura vor ein paar Tagen ankündigte, so bald wie möglich nur noch solche Eier anbieten zu wollen. Nur 4 Cent mehr sollen die pro Stück kosten. Das Geld sollen Alnaturas Geflügelhalter in die Aufzucht der männlichen Küken investieren.

https://twitter.com/Alnatura/status/784437493559095296

Für Alnatura ist das ein echter Marketing-Coup: Küken retten macht sympathisch. Für die Erzeuger wiederum, die nicht an Alnatura liefern, erhöht es den Druck. Sie kennen die Dynamik ja schon aus der Debatte zur Käfighaltung: Eier aus Kleingruppenkäfigen wollen heute nur noch elf Prozent der Käufer haben. Wer in Zukunft noch Eier im Einzelhandel verkaufen will, muss also handeln. Das weiß auch die Politik. Schmidt hat angekündigt, dass er das Kükentöten 2017 beenden will. Aber wie soll das gehen? Was macht man mit dem Fleisch von 50 Millionen mageren Bruderhähnen?

Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft erklärt, warum Kükentöten nicht verboten werden soll: § 1 des Tierschutzgesetzes regelt: Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen. Wenn das in diesem Forschungsprojekt zu entwickelnde Gerät als praxistaugliche Alternative zum Töten der Küken vorhanden ist, greift automatisch das Tierschutzgesetz in der jetzigen Form und das Töten männlicher Eintagsküken ist verboten.

Foto: iStock

Zu 3 – Schmidt hat gar nicht vor, Brütereien das Kükentöten einfach zu verbieten. Jedenfalls nicht, solange es keine Alternative gibt, die sich wirtschaftlich für sie auszahlt. Der Agrarminister hofft stattdessen auf eine Technik, die Forscher in Leipzig und Dresden gerade entwickeln (was übrigens von der Geflügelwirtschaft mitinitiiert wurde): Die In-Ovo-Geschlechtsbestimmung. Diese Technik soll testen, ob sich in befruchteten Eiern männliche oder weibliche Küken entwickeln. Und zwar zu einem Zeitpunkt, an dem der Hühnerembryo noch kein Schmerzempfinden hat. Eier mit männlichen Embyronen könnten dann einfach aussortiert werden und nur die Weibchen würden ausgebrütet. Sobald diese Technik marktreif ist, könnte also Schluss sein mit dem Kükentöten.

So einfach, so elegant. So kompliziert. Denn das ist der Prozess, den die Forscher meistern müssen: Ein Gerät fräst mit Lasertechnologie ein kleines Loch in das drei Tage bebrütete Ei und bestimmt dann mittels einer Technik mit dem beschwingenden Namen „Nah-Infrarot-Raman-Spektroskopie“ das Geschlecht des Embryos. Anschließend muss das Ei wieder verklebt werden.

So funktioniert der Prozess, der das Geschlecht von Hühnerembryos feststellen soll

Grafik: BMEL

Dieser gesamte Prozess muss in wenigen Sekunden passieren. Es dürfen dabei keine Keime durch die Öffnung ins Ei gelangen. Und aus dem Emybro muss sich danach noch ein gesundes Huhn entwickeln können. All das testen die Forscher gerade. 2017, so viel ist jetzt schon klar, werden sie höchstens einen Prototyp schaffen können. Die Zeit hat herausgefunden, dass es sogar noch bis 2019 dauern könnte, bis die Technik marktreif ist (das Unternehmen Evonta Technology, das die Technik mitentwickelt, hält sich bedeckt, sagte mir aber: „Wenn es in der Zeit so stand, können Sie dies gerne zitieren.“) Wer keine toten Küken auf dem Gewissen haben will, kann bis dahin also nur Eier aus Bruderhahn-Initiativen kaufen. Oder muss auf Eier verzichten.

Bezugsquellen für Eier aus Betrieben, die männliche Küken nicht töten, hat die Verbraucherzentrale hier aufgelistet

Diesen Zeitplan des Bundesministeriums werden die Forscher nicht einhalten können, das steht so gut wie fest.

Grafik: BMEL

Zu 4 – Ob es ein Zufall ist, dass United Egg Producers, die größte Vereinigung von Eierproduzenten in den USA, im Juni dieses Jahres bekannt gab, bis 2020 das Kükentöten beenden zu wollen? Wohl kaum. In den USA schaut man auf die Forschung aus Deutschland (und auf ein ähnliches Projekt in den Niederlanden, das aber eine andere Technik verwendet, die auf eine chemische Analyse setzt). Egal, ob die Technik also 2017 oder erst ein paar Jahre später marktreif ist: Die Tage der Hühnersexer sind definitiv gezählt. Nicht nur in Deutschland, sondern überall.


Aufmacherfoto: iStock, Redaktion: Rico Grimm, Produktion: Susan Mücke.