US-Präsidentschaftswahl

Es gibt Alternativen zu Clinton und Trump

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  • Zahlen aktualisiert 17. Oktober, 21:51 Uhr
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Rund 15 Prozent der US-Wähler wollen weder Hillary Clinton noch Donald Trump die Stimme geben. Bei unseren Leserfragen wolltet Ihr schon häufiger wissen, wer diese anderen Kandidaten sind, was sie vorhaben – und wie groß ihre Chancen sind. Ich habe die fünf wichtigsten Fragen und Antworten.

Der Libertäre: Was will Gary Johnson?

Besonders bei jungen Wählern punktet Gary Johnson von der Libertären Gruppe. Bei der Wahl 2012 kam der frühere Republikaner auf knapp ein Prozent der Stimmen, doch dieses Mal sieht es für ihn deutlich besser aus. Bei den TV-Debatten darf er zwar nicht aufs Podium – das ist erst ab einem durchschnittlichen Umfrage-Schnitt von 15 Prozent möglich – aber er konnte bisher viele Unzufriedene aus dem Lager des linken Kandidaten Bernie Sanders, der Hillary Clinton in den Vorwahlen unterlegen war, an sich binden. Johnson und sein Vizepräsidentschaftskandidat William Weld stehen in allen Bundesstaaten zur Wahl.

Kernprogramm: Liberal bei Waffen und Marihuana, radikal bei Steuern

„Johnsons größte Stärke in dieser Wahl ist, dass er einen Nachnamen besitzt, der weder Clinton noch Trump lautet.“ – Ganz so harsch wie der Atlantic muss man es nicht sehen. Bei seinen Befürwortern punktet der Libertäre mit einem Programm, das größtmögliche Freiheiten für den Einzelnen vorsieht – der Staat soll sich aus so vielen Angelegenheiten wie möglich raushalten.

Waffenbesitz will Johnson deshalb genauso wenig regulieren wie den Besitz und Konsum von Marihuana. Die bundesweite Einkommensteuer will er durch eine Konsumsteuer ersetzen, Leistungen der staatlichen Krankenkassen Medicare und Medicaid um 40 Prozent zusammenstreichen und generell soll es dem Staat verboten sein, einen negativen Haushalt aufzustellen. Auch in Rezessionszeiten soll die Politik die Wirtschaft nicht durch zusätzliche Ausgaben stimulieren können.

Es wundert viele, dass Johnson Anhänger aus beiden politischen Lagern anzieht: Die Linken plädieren in der Sozialpolitik häufig für einen aktiveren Staat, beispielsweise, wenn es um Bernie Sanders’ Wunsch nach kostenloser Hochschulbildung für alle geht. Bei den Republikanern stehen Johnsons offene Einwanderungspolitik oder die persönliche Wahlfreiheit der Frau bei Abtreibungen im Widerspruch zu wichtigen Kernforderungen. Verpflichtende Impfungen lehnt er ab. Ein Burkaverbot befürwortet er. Das Gesundheitssystem möchte er komplett privatisieren. Politisch lässt sich das insgesamt kaum in üblichen Rechts-Links-Schemata verorten.

Doch Johnson ist kein wirklich sattelfester Kandidat, besonders in der Außenpolitik hat er massive Schwächen. Im TV-Interview wusste er aus dem Stand nicht, was Aleppo ist. Ihm fiel kein Name ein, als er gefragt wurde, welchen ausländischen Staatschef er bewundere und mit dem Namen des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Un konnte er ebenfalls nichts anfangen. Immer wieder wird ihm Oberflächlichkeit vorgeworfen.

Die Grüne: Was will Jill Stein?

Ebenfalls zum zweiten Mal tritt die Grüne Jill Stein an. Stein und ihr Vize-Präsidentschaftskandidat Ajamu Baraka stehen in Nevada und South Dakota nicht zur Wahl, in Oklahoma kämpfen sie gerichtlich noch um die offizielle Akzeptanz als Kandidaten und in Georgia, Indiana und North Carolina kann man sie nur im Freifeld des Wahlscheins als Wunschpräsidentin eintragen.

Kernprogramm: Erneuerbare Energien und weniger Militär.

Stein ist für amerikanische Verhältnisse eine extreme Linke und ihre „Platform“ (das Programm hinter den Kandidaten) enthält einige linke Wahlkampfschlager, beispielsweise einen Mindestlohn von 15 Dollar pro Stunde und kostenlose Hochschulbildung. Sie will die USA bis 2030 vollständig auf erneuerbare Energien umstellen. Pestizide, die Bienen bedrohen, sollen verboten werden, ebenso per Gentechnik verändertes Essen.

Jeder Bürger soll laut Steins Willen eine Krankenversicherung bekommen, Homöopathieforschung soll staatlich förderbar werden, Impfungen sieht sie skeptisch. Waffenbesitz will Stein einschränken und die Eheschließung soll für alle Formen der Partnerschaft möglich sein.

In der Außenpolitik plant Stein, die Rolle der USA massiv zurückzufahren. Sie will die Militärausgaben halbieren und mehr als 700 Stützpunkte weltweit schließen. US-Grenzen sollen entmilitarisiert werden, Immigranten ohne Vorstrafen sollen leichter US-Bürger werden dürfen.

Welche Chancen haben die Dritt-Kandidaten?

Ganz klar: Wer nicht von den Republikanern oder den Demokraten aufgestellt wird, der hat keine Chance auf das US-Präsidentschaftsamt. Das mag man vergleichsweise undemokratisch finden, aber andererseits ist auch in Deutschland klar, dass nur Unions- oder SPD-Kandidaten Kanzler oder Kanzlerin werden können. Aber die Dritt-Kandidaten haben trotzdem großen Einfluss: Sie nehmen den Hauptkandidaten Stimmen weg. Entscheidend ist nicht die Frage, wie viel Prozent sie selbst erreichen, sondern welcher der anderen beiden mehr unter ihnen leidet.

Aktuell kommt der Libertäre Gary Johnson laut Realclearpolitics landesweit auf rund 7 Prozent, Jill Stein liegt bei etwa 2 Prozent. In einigen Bevölkerungsgruppen und Regionen liegen Johnsons Werte sehr viel höher. In seinem Heimatstaat New Mexiko erreichte er kürzlich einmal 24 Prozent im Vergleich zu Clintons 35 Prozent und Trumps 31 Prozent, in Utah stand es für die drei 23-34-27. Daraus wird Johnson selbst aber kaum Kapital schlagen können: Wahlmännerstimmen bekommt ja nur der Sieger oder die Siegerin. Heißt aber auch: Gewinnen wird, wem Johnson weniger schadet.

Je näher der Wahltag rückt, desto kleiner wird in der Regel die Gruppe der Dritt-Wähler. Auch 2016 sinkt ihr Anteil laut Fivethirtyeight gerade, er liegt aber trotzdem immer noch bei fast 15 Prozent und damit doppelt so hoch wie zu diesem Zeitpunkt vor den Wahlen 2008 und 2012. Trump und Clinton kommen derzeit zusammen auf rund 85 Prozent.

Wie wichtig sind die Dritt-Kandidaten historisch?

Das fragt man am besten Al Gore. Jeder US-Politikinteressierte wird mit der Zahl 537 etwas verbinden, denn das war die Anzahl Stimmen, die Gore im Jahr 2000 in Florida hinter George W. Bush lag.

Der grüne Kandidat Ralph Nader erhielt dort seinerzeit 1,6 Prozent der Stimmen – aber absolut waren das 97.488. Ein Hundertachtzigstel dieser Stimmen brachte die Entscheidung. Gore verlor den Bundesstaat, die Wahl – anderenfalls wäre unsere Welt nach 9/11 eine komplett andere geworden.

Das letzte große Beispiel für einen Aufsehen erregenden Drittkandidaten liegt 24 Jahre zurück. Auf landesweit rund 18 Prozent kam 1992 Ross Perot, ein millionenschwerer Industrieller aus Texas, der für die Reformpartei antrat. Er sorgte dafür, dass Bill Clinton 43 Prozent der Stimmen zum Sieg reichten.

Dennoch: Seit 1972 hat kein Kandidat, der nicht für Demokraten oder Republikaner antrat, auch nur eine Wahlmannstimme gewonnen.

Wer sind die anderen zwei Dutzend kleinen Kandidaten?

Über die beiden „großen Kleinen“ hinaus hat die erzkonservative Constitution Party mit Darrell Castle und Scott Bradley zwei Kandidaten aufgestellt. Sie kämpfen in Bundesstaaten um Stimmen, die 207 der 538 Wahlmänner vergeben. Inklusive der möglichen Freifeldstimmen könnten sie theoretisch auf 406 Wahlleute kommen.

Bleibt schließlich noch Evan McMullin, ein unabhängiger konservativer Kandidat, der in so vielen Bundesstaaten antritt, dass er bei Wahlsiegen überall inklusive der Freifeld-Staaten auf 329 Stimmen käme.

Alle anderen Kandidaten stehen nicht auf ausreichend Wahlzetteln, um auch nur theoretisch auf eine Mehrheit bei den Wahlleuten zu kommen. Wikipedia zählt rund zwei Dutzend von ihnen.


Aufmacherbilder: Jill Stein (links) und Gary Johnson (rechts), Wikipedia/Flickr/CC BY-SA 2.0; Redaktion: Rico Grimm; Produktion: Susan Mücke.