Ist es normal, nicht zu wissen, was man werden will?

Ist es normal, nicht zu wissen, was man werden will?

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Liebe Linda, danke für deine Frage. Leider weiß ich nicht mehr über dich, als dass du dir diese Frage stellst. Womöglich machst du gerade deinen Schulabschluss oder hast angefangen zu studieren, stehst jedenfalls an einer Schwelle in deinem Leben, wo du dir überlegen musst, was du beruflich einmal machen willst. Ganz ehrlich, als ich Abitur gemacht habe (damals, ist schon ein bisschen länger her), wusste ich noch nicht, was ich später mal machen möchte. Auch im Studium (Neuere deutsche Literatur, Ältere deutsche Literatur, Mittelalterliche Geschichte auf Magister, auch eher kein Beruf) war mir nicht wirklich klar, wohin das Ganze eigentlich führen soll. Klar, es gibt die Journalisten, die schon Redakteur bei ihrer Schülerzeitung waren, später beim Lokalblatt hospitiert und dann ganz klassisch die Journalistenschule besucht haben. Aber es gibt genauso viele wie mich, die erst im Laufe der Zeit, über Praktika, Jobs, Zufälle oder Freunde herausgefunden haben, was sie eigentlich mal werden möchten.

„Werden möchten“, ist im Grunde auch so eine Redewendung von früher, die heute kaum noch gilt. Denn Berufsleben bedeutet meist Veränderung. Vorbei sind die Zeiten, in denen man einen Beruf ergriff und ihn dann lebenslang ausübte oder wo der erste Arbeitsplatz zugleich der letzte war. Nur noch 14 Prozent der Befragten haben in einer Studie der Europäischen Kommission angegeben, noch nie den Arbeitsplatz gewechselt zu haben. Zwei Drittel hatten sich ein- bis fünfmal verändert. Jeder achte Erwerbstätige ist nach einer Erhebung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung mit seiner beruflichen Tätigkeit generell unzufrieden.

Fragt man Kinder, dann wollen die meisten Jungs Polizist, Feuerwehrmann oder Fußballer werden, die Mädchen Tierärztin, Lehrerin oder Kinderkrankenschwester. Aber je näher das Berufsleben tatsächlich rückt, umso vager werden die Vorstellungen.

In meinen Anfangsjahren als Redakteurin, genauer gesagt war ich damals während eines Urlaubssemesters an der Uni freie Mitarbeiterin in einer Fernsehproduktionsfirma, habe ich für eine Boulevard-Talkshow mal das Thema „Wozu habe ich eigentlich studiert?“ recherchiert. Mit dem wenig überraschenden Ergebnis, dass ganz viele Studienkarrieren, nicht da enden, wo sie ursprünglich landen sollten. Lehramtsabgänger wurden Schlagersänger, Soziologiestudentinnen Fernsehmoderatorin, Schauspieler hatten Medizin studiert, Dichter Jura. Ob Microsoft-Gründer Bill Gates (Mathematik), Fernsehmoderator Günther Jauch (Jura) oder Eisschnelläuferin Annie Friesinger (Innenarchitektur) - die Liste prominenter Studienabbrecher ist lang und macht deutlich, dass Karrierewege keineswegs gerade verlaufen, auch nicht bei Promis.

An Universitäten bricht jeder dritte Student sein Studium ab, an Fachhochschulen jeder vierte. Das hat das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung ermittelt. In technischen Fächer gibt teilweise sogar mehr als die Hälfte auf. Bei den Ausbildungen sieht es nicht anders aus. Jeder vierte Azubi hört vorzeitig auf, wie aus dem Berufsbildungsbericht 2015 hervorgeht. Damit wurden fast 150.000 Verträge gelöst. Am häufigsten Gebäudereiniger (50,7 Prozent), Sicherheitskräfte (50,6) und Friseure (49), am seltensten Verwaltungsangestellte (3,9 Prozent), Elektroniker (5,5) und Bankkaufleute (5,8). Je höher der Schulabschluss, umso weniger wird abgebrochen. Die Abbrecherquote der Azubis mit Hauptschulabschluss liegt bei 35,9 Prozent, die der Abiturienten hingegen bei 13,9 Prozent. Häufig spielen Zufallsinformationen und irrationale Gründe eine Rolle bei der Wahl des Ausbildungsplatzes, etwa Fernsehserien, die Erzählungen vom Onkel oder Berufe, die gerade bei den Freunden als hip gelten, meint Heinrich Wottawa, Psychologie-Professor an der Universität Bochum. Und der Realitätsschock führt dann zum Abbruch, falsche Erwartungen, zu wenig Kenntnis über den Beruf oder schlicht mangelnder Spaß.

Offiziell existieren 9.500 grundständige Studiengänge, von Angewandter Sexualwissenschaft (Hochschule Merseburg) über Friesische Philologie (Uni Kiel) bis zu Tibetologie (Uni Marburg), hinzu kommen 350 staatlich anerkannte Ausbildungsberufe und unzählige Jobs. Ein Blick in die Listen lohnt sich besonders auch für diejenigen, die hinsichtlich der Berufswahl nicht in die Fußstapfen ihrer Eltern treten wollen oder können.

Nur gut ein Drittel der Schulabgänger weiß recht genau, was sie später einmal machen möchten. Mehr als die Hälfte ist unsicher und jeder fünfte hat noch gar keine Vorstellungen davon. Zwar befragte das Allensbach-Institut für seine Studie „Schule und dann“ nur gut 500 Schüler, aber andere Umfragen bestätigen dieses Verhältnis. Die Mehrheit der Schüler oberer Klassen ist unsicher, was sie später beruflich machen möchte.

Der Blick in die Statistiken zeigt, dass wir, liebe Linda, ziemlich normal sind. Und an dieser Stelle kann ich endlich einen Spruch unterbringen, der zwar recht abgedroschen, aber dennoch treffend ist, wie ich finde: „Wege entstehen, indem man sie geht“. Und das trifft wohl für den beruflichen Werdegang ganz besonders zu.


Aufmacherbild: Detlev Buck als Karl Schmidt und Christian Ulmen als Herr Lehmann in „Herr Lehmann“ (© Artwork). Redaktion: Dominik Wurnig; Produktion: Rico Grimm.