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Berlin

Der unsichtbare Bürgermeister

von Iman Al Nassre
etwa 8 Min. Lesedauer

Hat die Sache etwa einen Haken, fragt sich der Wähler. Denn drei Tage vor der Berliner Abgeordnetenhauswahl 2016 plakatieren die Sozialdemokraten: „Wer Müller will, muss SPD wählen.“ Ach so, der Kandidat zählt, nicht die Partei. In den ersten Wochen des Wahlkampfs hatte die SPD auf den Großflächenplakatensogar ganz auf ihr Logo verzichtet. Manchmal verbannte sie sogar Michael Müller in den Hintergrund.

Inzwischen hängt sein Konterfei gefühlt an jedem dritten Laternenpfahl in der Stadt. Einer der 700.000 Müllers in Deutschland möchte in Berlin Oberbürgermeister werden, pardon, bleiben. Er ist es ja schon seit knapp zwei Jahren. Für den Fall, dass ihn ein Wähler doch noch nicht kennt, hält die Landes-SPD eine Broschüre über ihn parat. Titel: „Müller, Berlin“ – wieder ohne Partei-Logo. Was ist dem Regierenden wichtig? „Ich möchte vor allem, dass unser Berlin sozial, bunt, frei und erfolgreich bleibt. Dafür arbeite ich jeden Tag“, erfährt man in der Broschüre. Nun ja.


Es ist heiß im fünften Stock, Müller verspätet sich zu unserem Termin. Seine Mitarbeiter sind schon da, einige Journalisten, Fotografen, natürlich das Fernsehen. Müller stattet der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin im Prenzlauer Berg einen Wahlkampf-Besuch ab. Im Schlepptau hat er/ihn Katarina Barley, Generalsekretärin der Bundes-SPD. Die kennt außerhalb der Partei auch niemand so richtig.

Was muss man über Müller wissen, um ein erstes Gespür für ihn als Person zu bekommen? Geboren wurde er am 9. Dezember 1964 in Tempelhof, dort lebt er noch immer, mit seiner Frau Claudia. Die beiden haben zwei erwachsene Kinder namens Max und Nina. Müller hat als junger Mann eine Ausbildung zum Bürokaufmann in einem metallverarbeitenden Betrieb absolviert und 15 Jahre lang mit seinem Vater zusammen als selbstständiger Drucker gearbeitet. Zur SPD kam er in Tempelhof, sieben Jahre lang saß er in Tempelhof in der Bezirkverordnetenversammlung. Seit 1996 ist Müller Mitglied des Abgeordnetenhauses in Mitte. Zu Wowereits Zeiten war er SPD-Fraktionsvorsitzender und Stadtentwicklungssenator.

Als Müller und Barley durch die Tür der Beratung kommen, sind Dutzende Kameralinsen und Augenpaareauf sie gerichtet. Er ist groß, größer, als die Plakate von ihm vermuten lassen, schlank, trägt eine Brille mit ovalen Gläsern gegen seine Weitsichtigkeit, Anzug, Krawatte. Fast genau so wie auf einem seiner filmreifen Statementwahlplakate, auf dem er seine Brille - dort allerdings mit runden Gläsern - zurechtschiebt, flankiert von der bunt umrahmten Aussage: „Verantwortung zählt.“

SPD-Wahlplakat

Damit gab Müller der Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzenden Angela Merkel eine Steilvorlage. Müller schiebe die Verantwortung von sich, kritisierte sie seine Haltung in der Flüchtlingspolitik. Er erkläre sich gerne für nicht zuständig. So parierte sie Müllers Forderung nach mehr Unterstützung von der Bundesregierung. Auch hatte er den Unionsparteien vorgeworfen, sie hätten sich gegen ein modernes Einwanderungsgesetz gewehrt.

Wer den Text jetzt liest, kennt natürlich schon das vorläufige amtliche Endergebnis. Danach kommen in Berlin die CDU auf magere 17,6 Prozent, die SPD auf 21,6 und die Grünen auf 15,2. Die FDP schaffte es mit 6,7 Prozent mal wieder in ein Landesparlament. Die Linken erzielten stattliche 15,6 Prozent und der Angstgegner AfD aus dem Stand 14,2 Prozent.

Unzufriedenheit herrschte in Berlin sowohl mit den Regierungsparteien SPD und CDU als auch mit den Oppositionsparteien im Abgeordnetenhaus. 59 Prozent erklärten, sie hätten lieber Müller als Regierenden Bürgermeister, 19 Prozent wollen CDU-Herausforderer Frank Henkel.

15 Minuten lang kein Ton von Müller

In der Beratungsstelle möchte Projektleiterin Bianca Klose die Wahlkämpfer jetzt durch das Büro führen. Doch Müller lässt es sich nicht nehmen, allen Anwesenden im Empfangsbereich die Hand zu schütteln und sich vorzustellen. Er läuft gezielt den kleinen Vorraum ab, um den Raumteiler herum, auf alle zu, die sitzen oder stehen, fester Händedruck, Lächeln, Blickkontakt, warmes Blinzeln.

„Eine Stadt wie Berlin lässt sich nicht von oben regieren. Um mitzukriegen, was den Menschen wichtig ist, muss ich auf die Straße und mit ihnen sprechen. Das tue ich täglich und gern.”
Müller, Berlin

Erst nach Begrüßung der Mitarbeiter läuft Müller der Projektleiterin hinterher. Der schmale Gang mit den Büroräumen auf beiden Seiten mündet in ein überschaubares Besprechungszimmer. Mehrere zusammengeschobene Tische, ein beinah deckenhohes Bücherregal. Man setzt sich.

Hinter Müller und Barley hängt ein meterhohes Triptychon, ein zerschlagenes Hakenkreuz, die Teile bruchstückhaft neugeordnet. Es geht um die Arbeit der Beratungsstelle, darum, ob rassistische Übergriffe in Berlin zunehmen, was der neue rechtspopulistische Ton mit altbekannten Rechtsextremen macht, wie die Beratungsstelle interveniert. Müller hört aufmerksam zu, nickt, nippt zwischendurch an seinem Wasser.

„Wohnen, gebührenfreie Bildung, gerechtes Wachstum, Start-up in die Zukunft, gute Arbeit, sichere Stadt.”
Müllers „Standpunkte” im Wahlkampf

Doch die ersten fünfzehn Minuten im Besprechungszimmer ist von Müller kein Ton zu hören. Nach insgesamt fünfundvierzig Minuten hat er viermal den Mund aufgemacht: dreimal, um eine Frage zu stellen, einmal, um etwas zu kommentieren: die AfD. Insgesamt kommen von ihm vielleicht zehn Sätze.

Müller fährt eine klare Linie: Er spricht nicht mehr als absolut notwendig ist, aber bestimmte Themen lässt er niemals unkommentiert. Die AfD ist eines dieser Stichworte.

„Meine Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit lautet: mehr sozialer Zusammenhalt statt Ausgrenzung und Spaltung.”
Müller, Berlin

Ein paar Wochen zuvor am Wittenbergplatz: Müller macht das, was seine Pressesprecherin als „ein neues Format, eine Art Mini-Kundgebung, also richtigen Straßenwahlkampf“ bewirbt. Und Straßenwahlkampf heißt hier: links das KaDeWe, auf der anderen Seite des U-Bahnhofs ein Currywurststand und davor, an der Straßenecke, zwischen den beiden Bushaltestellen, eine kleine Plattform.

Zwei Lautsprecher sind hier aufgebaut, ein Kabel läuft zurück in das Mikrofon, das Müller benutzt für Sätze wie: „Das mit der Vielfalt und der Weltoffenheit mussten wir lernen, aber das musste auch gelernt werden!“ Und dann spricht er auch noch über Koalitionsmöglichkeiten wie Rot-Grün und Rot-Rot-Grün.

Bisher ist es ganz gut gelaufen für Müller im Wahlkampf: CDU-Konkurrent Henkel ersetzte den Versuch, eine schwarz-grüne Koalition im Abgeordnetenhaus anzupeilen, schnell durch eine resigniert wirkende Haltung: Hoffentlich bleiben wenigstens diejenigen hier, die so verdächtig zu FDP und AfD rüber schielen. Erschwerend kommt hinzu, dass angeblich 23 Prozent der CDU-Wähler lieber Müller als Henkel im Amt des Regierenden wollen. Also bleibt für Henkels Kurs nicht viel mehr übrig als mehr Video-Überwachung, keine doppelte Staatsbürgerschaft, Burkaverbot.

SPD-Wahlplakat

Doch auch Müller konnte nicht immer punkten. Bei diesem Wahlplakat (links im Bild) explodierten die Kommentare in den sozialen Netzwerken und Blogs. Was soll das, will er jetzt das Neutralitätsgesetz abschaffen, was müssen wir noch alles akzeptieren. Frauen mit Kopftuch monierten: Es ist egal, ob wir uns vollverschleiern, oder nicht, die Frau mit Kopftuch gibt es immer nur von hinten zu sehen, sie hat sowieso kein Gesicht.

Herr Müller, wenn diese Frau mit dem rosa Kopftuch, die man auf ihrem Wahlplakat nur von hinten sieht, sich heroisch über den Handlauf schwingen würde, um zu sagen: Herr Müller! Danke für das nette Lächeln, aber ich bin Lehrerin und ich will in Berlin mit meinem Kopftuch arbeiten. Was sagen Sie ihr?

Dass ich ihr da keine Hoffnungen mache.

Neutralität ist ein Gut, auf dass Sie stolz sind, das sagten Sie bereits im letzten Jahr.

Wir haben ja bewusst kein Kopftuchverbot verabschiedet, sondern ein Neutralitätsgesetz. Das heißt, es gilt auch für die Kippa und das christliche Kreuz und andere religiöse Symbole. Es gibt öffentliche Räume, in denen uns die Neutralität sehr wichtig ist, und dazu gehört auch die Schule.

„Müller-Treffen“ am Gesundbrunnen, mit Rosen

Die SPD nennt den Straßenwahlkampf „Müller-Treffen“. Kurz vor der Wahl am 18. September 2016 findet ein solches am S- und U-Bahnhof Gesundbrunnen statt. Hier ist das Spektakel um einiges größer als am Wittenbergplatz. Mitarbeiter tragen rote Müller-Trikots. Ein junges Mädchen ruft: „Den kenn’ ich aus dem Fernsehen!“ Als der Kandidat dann selbst eine Handvoll Rosen nimmt und in das Einkaufszentrum trägt, rennen ihm zwei kleine Jungen hinterher, schreien, wo er denn sei, der Bürgermeister.

Müller marschiert durch das Gesundbrunnencenter, beantwortet nebenbei Fragen von Journalistinnen, die in ihr Notizbuch kritzeln, lässt sich fotografieren, gefolgt von etwa zwanzig verschieden aufgeregten Menschen, verteilt Rosen an zwei Frauen, die Eis essen auf einer Bank, läuft schnurstracks in eine Yves-Rocher-Filiale, grüßt gut hörbar, überreicht noch eine Rose, lässt sich von seinem Mitarbeiter noch eine Handvoll Blumen geben.

Ich starte den Versuch, ein paar zusammenhängende Sätze aus dem Regierenden Bürgermeister herauszubekommen:

Herr Müller, wie fühlt sich das an, wenn einem eine solche charismatische Kampagne auf den Leib geschrieben wird? Wenn so viele Plakate von einem selbst in der ganzen Stadt hängen?

Gut.

(Wieder: Blickkontakt, nicken, warm lächeln. Nach einigen Momenten ergänzt er schließlich noch:)

Manchmal waren das Schnappschüsse und manchmal war das richtig in Szene gesetzt, wie mit dem Foto auf der Rolltreppe.


Mehr hat er nicht zu sagen. Und auch in seiner Broschüre lässt er Fragen offen: Sogar, wenn es um Erdmännchen geht, seine Lieblingstiere. Die SPD-Abteilung in seinem Wahlkreis Tempelhof hat Müller 2014 als Weihnachtsgeschenk eine Patenschaft für ein Erdmännchen im Berliner Zoo geschenkt. Auf seinem Schreibtisch im Roten Rathaus liegt eine Stofftiervariante. Was hat es damit auf sich?

„Nein, das ist keine Plüschversion von mir. Aber es hat natürlich einen Grund, warum Erdmännchen meine Lieblinge sind” …
Müller, Berlin

Damit endet seine Erklärung abrupt – ein Schwätzer ist er wirklich nicht, der Regierende.


Redaktion: Sebastian Esser, Vera Fröhlich; Produktion: Esther Göbel; Aufmacherbild: Wahlplakat der Berliner SPD.

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