Brillen

Wieso tragen eigentlich so viele Menschen eine Brille? Hat heutzutage jeder schlechte Augen?

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  • Zahlen aktualisiert 23. Oktober, 16:00 Uhr
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Neulich war ich beim Augenarzt. Meine Augen sind schlechter geworden, seit ich vor etwa zehn Jahren meine erste Lesebrille bekommen habe. Zu meiner Verwunderung empfahl mir der Augenarzt aber keine neue, stärkere Brille, ja, er riet mir fast davon ab, sondern gab mir auf, den Muskel zu trainieren und nur im Notfall zur Lesehilfe zu greifen („Gerne auch eine günstige von der Drogerie um die Ecke“). Letztlich hat er mir keine Brille verordnet, sondern mir selbst die Entscheidung überlassen. Ich bin darüber bis heute verwirrt, habe auf eine Neuanschaffung einstweilen aber tatsächlich verzichtet.

Deine Frage, lieber Rainer, kommt da gerade recht. Sind Brillen einfach ein neumodisches Phänomen? Sind wir wirklich augenschwächer als früher? Oder einfach nur bequemer? Du fragst:

„Warum nur ist ein Organ so offensichtlich nicht voll funktionsfähig: Ist das eine Zivilisations-, eine Ernährungs-, eine Berufs-, eine Überlastungs-, eine Überforderungsfrage?”
Krautreporter-Leser Rainer

Dazu möchte ich gerne zuerst Ralf zu Wort kommen lassen, der eine interessante Beobachtung gemacht hat: „Ich war einige Wochen in Papua-Neuguinea und habe festgestellt, dass fast niemand dort eine Brille trägt. Dafür gibt es verschiedene Erklärungsansätze. Die Gemeinschaften dort kannten bis vor wenigen Jahrzehnten keine Schriftsprache. Erst als der ‚weiße Mann’ kam und Handelsbeziehungen aufnahm, Land kaufte, Plantagen anlegte, Missionare folgten, kam auch die Druckschrift dorthin.“ Seine Theorie: „Die Südsee-Insulaner sind in einer noch besseren körperlichen Verfassung als wir. Schließlich haben unsere Vorfahren schon hunderttausende von Schriftzeichen ‚verschlungen’ und die Ermattung der Augen wird von Generation zu Generation weitergegeben.“

Zwei Drittel tragen eine Brille – jeder Dritte ständig

Die Zahlen scheinen das zu bestätigen. Zwei Drittel der Deutschen, 40,1 Millionen Erwachsene tragen heute eine Brille. Mehr als jeder Dritte hat sie ständig auf der Nase (22,6 Millionen), die anderen gelegentlich. Das hat die aktuelle Brillenstudie des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag des Kuratoriums „Gutes Sehen“ gezeigt. Frauen sind dabei deutlich häufiger betroffen als Männer, die Generation 60+ fast vollständig, aber auch die Twens ziehen nach.

Noch zu Beginn der 1950er Jahre trug nur etwa jeder Zehnte in Westdeutschland ständig eine Brille. Bei den 20- bis 29-Jährigen lag der Anteil der Brillenträger bei rund 13 Prozent. Heute sind es in dieser Altersgruppe bereits mehr als 30 Prozent. Die über 60-Jährigen besaßen in der Wirtschaftswunderzeit zwar auch zu 88 Prozent eine Sehhilfe, nutzten diese hauptsächlich aber zum Lesen.

Vom teuren medizinischen Hilfsmittel zum bezahlbaren stylischen Konsumgut

In jenen Jahren begann die Sehhilfe, sich langsam zum modischen Accessoire zu entwickeln. Auch wenn bis in die 1980er Jahre hinein nur sechs verschiedene Kassengestelle für Erwachsene existierten. Die Herstellung war lange sehr aufwendig und wenig automatisiert. „Besser sehen, besser aussehen“, warb die Optikervereinigung in Zeitungen und Magazinen. Und während 1959 noch mehr als die Hälfte der Bevölkerung urteilte: „Zu einem Maurer passt keine Brille“ und 47 Prozent der Ansicht waren, bei einer Kellnerin wirke eine Brille „etwas komisch“, sind heute die meisten davon überzeugt, dass es „für jeden die zu ihm passende Brille gibt“.

Das zeigt auch die Studie des Allensbacher Instituts: 41 Prozent sind der Ansicht, eine Brille mache viele Menschen interessanter. 40 Prozent stimmen der Aussage zu, dass sie die Persönlichkeit unterstreiche. Auf fast jeden Dritten wirken Brillenträger intelligenter.

Dabei besteht durchaus ein Zusammenhang zum Bildungsgrad. Je höher der ist, umso höher ist die Quote der Brillenträger, hat die Gutenberg Health Study 2014 ergeben. In China beispielsweise sind 31 Prozent der Bevölkerung kurzsichtig, an weiterführenden Schulen aber 77 Prozent.

Danke, Toni, für den Hinweis zu diesem Beitrag.)

Vor allem das Lesen und die Arbeit am Computer tragen zu Kurzsichtigkeit bei. Hieß es früher, unter der Bettdecke lesen, schade den Augen, sind es heute TV und Smartphone sowie der Mangel an Licht und frischer Luft im Alltag, die unseren Augen zu schaffen machen.

Die Brillenbranche boomt

Mit dem Aufkommen großer Discounter wandelte sich der Markt rasant. Es liegt nahe, wie Krautreporter-Leserin Simone vermutet, dass mit der Brille als Konsumgut zugleich ein Bedarf erzeugt wurde, den es vorher in dem Maße noch nicht gab. Simone schreibt: „Wie hat es die Modeindustrie geschafft, uns die Brille als Fashion-Must-Have aufzudrängen und uns damit das Geld aus der Tasche zu ziehen? Und gibt es vergleichbare, eigentlich nutzlose Gegenstände, bei denen es ebenfalls so war? Zum Beispiel Armbanduhren, Manschettenknöpfe, Abendtaschen. Haben die wirklich einen gewachsenen Nutzen oder sind sie einfach nur gute Marketing-Ideen?“

Brillen sind bezahlbar geworden, zumindest bei uns. Dazu passt Ralfs Beobachtung in Papua-Neuguinea: „Hier sind die Menschen arm an Geld, die Arbeitslosigkeit ist hoch. Es gibt viele Kinder. Man hat dort vielfach nicht die finanziellen Möglichkeiten, eine Brille zu kaufen. Zudem sind Optiker sehr rar gesät.“

Der Blick in die Bücher der deutschen Brillenbranche zeigt jedenfalls: Ihr Umsatz steigt kontinuierlich an: Im Jahr 2014 setzte sie 5,6 Milliarden Euro um und verkaufte mehr als 12 Millionen Sehhilfen. Damit macht der Markt für augenoptische Produkte jährlich etwa 0,2 Prozent des gesamten Bruttoinlandsproduktes aus und gehört somit zu den wichtigen deutschen Branchen. Die meisten Brillen werden mittlerweile in Asien gefertigt, insbesondere in Thailand und Korea. Nur noch weniger als jedes zehnte Modell stammt aus Deutschland.

Aber auch andere Faktoren dürften eine Rolle spielen. So vermutest du, Ralf: „Durch verbesserte Kontrollen und Screening, schon in der Grundschule, können wir Abweichungen der Augen sehr früh feststellen. In den Hochleistungsgesellschaften behindert jede Abweichung eine optimale Performance, also wird, weil man es sich eben auch leisten kann, mit technischen Hilfsmitteln wie der Brille nachgeholfen. Wir können es uns einfach leisten. Brillenkonzerne wie Fielmann oder Brille24 ermöglichen es mittlerweile vielen, sich für kleines Geld eine Sehhilfe zuzulegen.“

Dein Eindruck, lieber Ralf, stimmt also, heute tragen viel mehr Leute eine Brille als früher, ob tatsächlich auch alle schlechter sehen, ist fraglich. Und ich habe noch etwas Wichtiges bei meiner Recherche entdeckt: Das Verhältnis von augenärztlich verordneten Sehhilfen zu direkt durch den Augenoptiker veranlassten Brillen hat sich umgekehrt. Noch vor gut 20 Jahren wurden 60 Prozent der Sehhilfen vom Arzt verschrieben (40 Prozent vom Optiker), heute sind es nur noch 20 Prozent – ein Schelm, wer Böses dabei denkt.


Aufmacherbild: Meryl Streep als Miranda Priestly in „Der Teufel trägt Prada“ (© Warner Bros.); Redaktion: Dominik Wurnig; Produktion: Esther Göbel.