Ein Jahr als Flüchtling in Deutschland

„Neuerdings sage ich nicht mehr, dass ich aus Syrien komme – sondern aus Papua-Neuguinea“

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Manches läuft besser als noch vor ein paar Monaten: Ich kann mich mittlerweile ganz normal auf Deutsch unterhalten. Seit März besuche ich einen Sprachkurs, fünf Stunden am Tag, fünf Tage die Woche. Der Kurs geht noch bis September, dann werde ich die Abschlussprüfung ablegen. Wie es danach weitergeht, weiß ich auch schon: zwei Semester Studienkolleg, Deutsch als Fremdsprache und Grundkenntnisse Mathematik. All das wird mir helfen, schneller einen Job zu finden. Eine Arbeitserlaubnis habe ich noch nicht, dafür aber wenigstens eine Aufenthaltsgestattung. Das Papier gilt für ein Jahr, mein Asylverfahren läuft allerdings noch. Wann ich eine genaue Rückmeldung vom BAMF bekomme? Keine Ahnung. Die Verfahren dort laufen sehr schleppend, man wartet tage-, wochen-, monatelang. Zermürbend ist das. Ich bin froh, wenn ich endlich einen Job finde. Eine Arbeit fehlt mir gerade am meisten. Mein Opa hat mal zu mir gesagt: „Erst wenn man mit Händen arbeitet, verdient man sich Respekt.“ Diesen Satz habe ich im Hinterkopf.

Nach einem Jahr in Deutschland ist das Ankommen für Khaled immer noch nicht leicht.

Foto: Rico Grimm

Als ich im Herbst 2015 ankam in Deutschland, war die Stimmung den Flüchtlingen gegenüber zum großen Teil sehr positiv; ich habe so viele nette Menschen getroffen! Jetzt erlebe ich viel Rassismus. Zum Beispiel bei der Wohnungssuche: Ich habe seit April gefühlt 1.000 Anfragen per E-Mail verschickt und noch immer nichts gefunden. Momentan lebe ich bei einer Familie in Berlin-Prenzlauer Berg; die sind sehr nett, aber für etwa zehn Tage im Monate übernachte ich bei einem Kumpel. Nämlich dann, wenn die Kinder des Vaters zu Besuch kommen, die die restliche Zeit bei der Mutter leben. Als ich letztens mit dem Vermieter einer Ein-Zimmer-Wohnung in Berlin-Reinickendorf telefonierte, fragte der logischerweise nach meinem Namen. Ich sagte, wie ich heiße, woraufhin der Vermieter antwortete: „Ach so, Khaled, das ist ja ein arabischer Name. Wie viele Bomben würdest du denn mitbringen in die Wohnung?“

Wenn ich ein Mädchen im Club kennenlerne oder mit einem Mädchen chatte, sage ich neuerdings nicht mehr, dass ich aus Syrien komme – sondern aus Papua-Neuguinea. Macht viel weniger Stress. Papua-Neuguinea finden die meisten interessant. Außerdem wissen nur die wenigsten, wo genau es liegt oder welche Sprache man dort spricht.

Khaled in einem Café in seiner neuen Heimat Berlin. Hier will er bleiben. Ursprünglich stammt er aus Damaskus. In Syrien hatte er sechs Semester Englische Literatur studiert,bevor er sich auf den Weg nach Deutschland machte. Hier möchte er bald BWL studieren, trotzdem sucht er schon jetzt dringend einen Aushilfsjob.

Foto: Rico Grimm

Ich habe mich damals, bei meiner Flucht, nicht mit einer rosaroten Brille in ein Boot gesetzt und gedacht: „Deutschland wird der Himmel auf Erden werden, das Paradies!“ Ein Cousin von mir lebt seit drei Jahren in Senftenberg in Brandenburg, von ihm wusste ich, dass es hart werden würde. Ich war vorbereitet. Trotzdem bin ich enttäuscht. Berlin feiert sich immer als die Multikulti-Stadt Deutschlands: 184 Nationalitäten zusammen, friedlich, offen. Ich hätte nie gedacht, dass mir hier so viel Rassismus begegnen würde.

Trotz aller Schwierigkeiten bin ich gern in Berlin. Ich würde nicht mehr nach Syrien zurückwollen, auch nicht, wenn dort kein Krieg wäre. Meine Eltern und meine drei Schwestern sind noch dort, es geht ihnen gut. Ich vermisse eigentlich nur meine Mutter. Sonst komischerweise niemanden, auch nicht meine Freunde. Vielleicht, weil ich hier freier bin als ich es in Syrien je sein könnte – trotz aller Einschränkungen, denen ich als Flüchtling unterliege.

In Syrien müsste ich heiraten, obwohl ich das nicht will, meine Familie würde erwarten, dass ich Kinder bekomme, und ich müsste ein Leben als gläubiger Muslim führen, obwohl ich in Wahrheit nicht religiös bin. Der soziale Druck in Syrien ist immens, der enge soziale Zusammenhang wirkt auch als eine Art Kontrolle. In Deutschland ist das anders. Hier kann ich mehr ich selbst sein.


Mehr zu Khaleds Geschichte könnt ihr in diesen Texten über ihn und von ihm lesen:

Nachtrag 1: Etwa zwei Wochen, nachdem ich das Interview mit Khaled für diesen Text geführt hatte, gab es gute Nachrichten: Er macht jetzt ein Praktikum in einer Werkstatt, in der Nummernschilder hergestellt werden. Allerdings unbezahlt. Er hofft sehr darauf, dass seine Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung endlich bald bei ihm eintrudeln.

Nachtrag 2: Am Tag der Veröffentlichung dieses Protokolls im September 2016 bekam Khaled eine SMS: Eine WG aus Neukölln hat ihm zugesagt. Damit hat er einen weiteren wichtigen Schritt geschafft – und nun endlich sein eigenes Zimmer.

Nachtrag 3: Seit 2017 studiert Khaled in Cottbus.

Redaktion: Susan Mücke; Produktion: Dominik Wurnig; Aufmacherbild: Rico Grimm.