„Die Moderne ist zu schnell für mich”

„Die Moderne ist zu schnell für mich”

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Die Medien und ich, das ist ein depressives Element. Ich krieg da einfach keine Ordnung rein. Morgens immer Facebook, meistens direkt nach dem Erwachen. Das macht mich dann erstmal traurig, weil ich halt auch meistens so triviale, also nicht im eigentlichen Sinne nachrichtliche Sachen anklicke, und der Algorithmus potenziert das ins Unendliche. Also ich lese dann als erstes irgendwelche Sex-Tipps oder etwas von dem jüngsten Schriftstellerstreit in Wien. Davon bekomme ich schlechte Laune, auch, weil es so viel über mich aussagt. Da ist gar kein Relevanzgefälle, wenn dann da ein Terroranschlag ist, nehme ich das gar nicht richtig wahr.

Meine Laune wird noch schlechter, wenn ich meine E-Mails checke, was ich leider auch immer gleich direkt nach dem Erwachen mache, weil ich die Gmail-App auf dem iPhone installiert habe und das iPhone mein Wecker ist. Ich habe mir zum letzten Geburtstag extra einen Digitalwecker schenken lassen, aber irgendwie löst er das iPhone-Problem nicht, sondern ergänzt es nur um ein weiteres Geräusch.

In meinem Postfach ist dann immer dieser Newsletter von Blendle und ich finde es in dem Fall wirklich, wirklich nervig und anstrengend, morgens so penetrant geduzt zu werden. Auch will ich die Sachen, die sie da anteasern, sehr gerne lesen, verstehe das mit der Bezahlfunktion aber nicht. In der Küche wird es dann besser, da höre ich, wenn ich noch Zeit habe, Deutschlandradio Kultur. Ich liebe Deutschlandradio Kultur, sie spielen so gute Musik. Am meisten liebe ich die Kindersendung „Kakadu“. Und die Hörspiele. Ich glaube, das ist einer der Hauptgründe, warum ich sehr bald Kinder haben will: damit ich immer beim Kinderprogramm von Deutschlandradio Kultur einschalten kann. Jedenfalls, morgens: Da erfahre ich also eigentlich erst über die Radionachrichten wirklich, was in der Welt passiert ist.

Ich schreibe gerade ein Buch, in dem es, unter anderem, genau darum geht: Um die absolute Unmöglichkeit, sich in dieser Welt zu orientieren. Um die riesige Unordnung in meinem Kopf. Seitdem ich eigentlich am Buch schreiben muss, rezipiere ich auch noch weniger, weil mich das sonst völlig durcheinander bringt. Ich finde, lesen braucht lange und es braucht klar definierte Zeiten.

Abonniert habe ich nur „Die Welt“, die Zeitung, bei der ich arbeite, weil ich da ein Mitarbeiter-Abo habe. Am Sonntag schafft es der Bote nicht, die etwas dickere „Welt am Sonntag“ über den Hinterhof zu meinem Briefkasten zu bringen. Er wirft sie immer direkt hinter die Haustür auf den Boden, es sieht aus, als sei er beim Versuch, sie zu überbringen, überfallen worden. Ich mag das irgendwie. Den “Spiegel" habe ich deabonniert, als ich letztes Jahr finanzielle Probleme hatte.

Das einzige Magazin, von dem ich wirklich sagen kann, dass ich es regelmäßig lese – und das, obwohl ich es nicht abonniert habe - ist das „Dummy“-Magazin. Das Magazin widmet ja jede Ausgabe einem anderen Thema, zum Beispiel „Schwule“ oder „Juden“ oder „Abenteuer“ oder. Ich finde es selten, dass so viele Texte in einem Magazin gut sind, also dass ich sie einfach gerne lese. Das finde ich ein ganz wichtiges Kriterium, ich bin ein bisschen oberflächlich. Ich mag Sound, ich mag Pathos, ich mag es, wenn mir Geschichten erzählt werden.

Das Gesellschaftsmagazin Dummy erscheint seit 2003 viermal im Jahr. Es wurde von den beiden Journalisten Oliver Gehrs und Jochen Förster gegründet, die es bis heute herausgeben. Jede Ausgabe hat einen thematischen Schwerpunkt (zum Beispiel „Pfusch“, „Mama“ oder zuletzt „Muslime“). Außerdem ist jede Ausgabe von einem anderen Art Direktor grafisch gestaltet.
In der Zeitschriftenbranche steht der Begriff Dummy für eine Art Testausgabe, den Probelauf einer neuen Magazinidee. Auch beim Berliner Dummy-Magazin überwiegt das Neue und Wechselnde gegenüber gleichbleibenden Rubriken oder optischen Elementen, wie sie für Magazine sonst typisch sind. Das Magazin wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Neben dem Dummy-Magazin gibt der Dummy-Verlag auch das Jugendmagazin „Fluter“ der Bundeszentrale für Politische Bildung heraus und betreut dessen Webseite. Oben kann man Oliver Gehrs zuhören, wie er über die Anfänge und Ansätze des Dummy-Magazins spricht_._

Ich liebe Bahnreisen. Auf Bahnreisen lese ich das „Dummy“-Magazin. Außerdem versuche ich in letzter Zeit immer mehr, diese ganzen Sachen zu rezipieren, von denen alle ständig reden. Ich liebe Pressegeschäfte in Bahnhöfen und Flughäfen, da kriege ich immer einen riesigen Lebenshunger nur vom Gucken. Einige meiner Kollegen bei der Welt waren ja vorher bei der „Vanity Fair“. Neulich bin ich auf eine Reportagefahrt gefahren und meine Kollegin Mara Delius riet mir, ich könne das dann ja so im Stile der amerikanischen Vanity Fair schreiben. Ich hab mir daraufhin zum ersten Mal in meinem Leben in einem Bahnhofspresseladen in Le Mans eine Vanity Fair gekauft, auf Französisch. Da stand eine wahnsinnig süße Geschichte über die Freundschaft zwischen Ava Gardner und Grace Kelly drin. Jedenfalls, so etwas: All diese Sachen, über die alle reden, und ich frage mich immer, wann sie diese Sachen rezipieren und ob etwas mit mir nicht stimmt. Mit der „New York Times“ geht es mir übrigens genauso. Ausländische Medien. Ich reise sehr viel.

Wie ich mich nachrichtlich auf dem Laufenden halte? Ich fürchte, SPIEGEL online. Ich lese da auch immer alle Kolumnen, vor allem Sibylle Berg, aber die mag mich nicht, hat sie neulich geschrieben. Ich weiß nicht, ob ich sie mag, aber ich lese sie immer. Der Mann, mit dem ich gerade fast zusammengekommen wäre, teilt ständig Nachrichten des Portals heise.de. Er interessiert sich sehr für die kurdische Frage. Die Artikel, die er teilt, haben dann so Überschriften wie „Der Kampf um Manjbi“ oder auch, bei anderen Themen, eher so Tech- oder Wirtschaftsthemen, sowas wie „Wie viele Sklaven halten Sie?“ Er mag die Artikel gerade, weil er findet, dass sie so sachlich geschrieben sind, und weil er anderen Medien nicht vertraut. Ich bewundere das, aber ich kann es nicht lesen, das sind mir zu viele Zahlen. Ach so, und doch, ich lese viel „ha'aretz“. Irgendwie finde ich es leichter, ein nachrichtliches Verhältnis zu den Dingen zu entwickeln, wenn sie mich zwar angehen, aber weit weg sind und ein so klar definiertes Umfeld wie eben die Gesellschaft und Politik dieses winzigen Landes Israel haben. Außerdem sind die einfach gut als Zeitung.

Viel leichter finde ich es, Blogs zu rezipieren. Das Modeblog „ThisisJaneWayne“, auch wenn mich der naive Laber-Sound mittlerweile nervt, vor allem, seitdem ich verstanden habe, dass die das gar nicht ironisch meinen. Den Blog von Ronja von Rönne, „Sudelheft“, lese ich natürlich, darüber hab ich mich ja auch in ihre Texte verliebt und sie postet eh alles doppelt, also im Blog und auf Facebook. Manchmal klicke ich so furchtbare Sachen an wie „Schlecky Silberstein“, aber nur wegen der Faultiervideos. Ich weiß, dass Nostalgie albern und kokett ist, aber ich würde wirklich, wirklich gerne in einer Zeit vor dem Internet leben.

Was Bücher anbelangt, lese ich ausschließlich Romane. Alles andere lege ich nach ein paar Seiten weg. Wobei, in letzter Zeit bin ich besser mit Theorie geworden. Ich habe neulich vor dem Einschlafen ein paar Stunden Foucault „Sexualität und Wahrheit“ gelesen und war wirklich gefesselt. Heidegger geht auch meistens.

https://www.youtube.com/watch?v=W-lZ-W9Rsh0

In letzter Zeit am liebsten gelesen habe ich „Das größere Wunder“ von Thomas Glavinic. Überhaupt alles von Thomas Glavinic. Er baut eine Welt, die so groß ist, dass sie mir hilft, ein Verhältnis zu den Dingen zu gewinnen. Thomas Glavinic zu lesen ist wie eine Art ontologische Therapie, dadurch, dass man permanent mit etwas konfrontiert ist, das größer ist als man selbst, das aber trotzdem in der Sprache der eigenen Seele geschrieben ist. Er ist brachial und subtil gleichzeitig, eine ganz merkwürdige Mischung. Und jetzt lese ich gerade „Nach einer wahren Geschichte“ von Delphine de Vigan. Das ist eine französische Autorin, das Buch ist ganz großartig. Es erzählt die Geschichte einer Schriftstellerin, die genau so heißt wie die Autorin, Delphine. Delphine lernt auf einer Party eine andere Frau L. kennen, die beiden entwickeln eine Freundschaft, Delphine fasst Vertrauen und erzählt ihr von der Idee für ihr nächstes Buch. Es ist ein unglaublich gutes und aufregendes Buch, eine Art Schreibkrisenthriller. Sehr unheimlich. Vor allem aber mag ich, wie die Freundschaft der beiden Frauen beschrieben ist, der Alltag, was sie kochen, was sie anhaben, in welchen Bars sie sich treffen.

Bisher habe ich noch keine App gefunden, die mir hilft, mich im Internet zu orientieren. Add-ons und sowas habe ich alles nicht. Auf meinem Handy sind Facebook, Twitter, Gmail und Instagram installiert, ich finde das reicht vollkommen. Ich möchte gar nicht noch mehr mitbekommen. Wenn ich wissen will, wie der Straßenverkehr in Israel gerade ist, frage ich die App „Waze“. Es beruhigt mich manchmal, zu wissen, wie der Straßenverkehr in Israel gerade ist.

Ich lese sehr, sehr viel auf dem Smartphone, vor allem Longreads. Also Geschichten aus der New York Times zum Beispiel, epische und gut recherchierte Reportagen auf Englisch. Zeit online, auch. Ich finde, das Smartphone fördert das lange Lesen.

Ich habe ein Notizbuch von Moleskine. Wenn ich das nicht dabeihabe, werde ich nervös. Da sind 20 Euro Finderlohn drauf. Da schreibe ich alles rein, auch wenn ich es im Internet gefunden habe, als Zitat mit Anführung und Abführung.

Richtige Rituale habe ich eigentlich nicht. Ich versuche jeden Sonntag, die Welt am Sonntag zu lesen, ich finde auch wirklich, dass wir viele tolle Autoren haben. Aber ich habe einfach keine Zeit, die Moderne ist zu schnell für mich.

In der Zeitung habe ich viele, viele Lieblingsautoren. Anna Prizkau von der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Fernsehserien – wenn, dann „Game of Thrones“, ich bin in der vierten Staffel und sehr glücklich, dass ich so hinterherhinke. Die Philosophie-Sendung „Sein und Streit“ auf Deutschlandradiokultur mit René Aguigah höre ich gerne, ebenso „Religionen“, das ist auch so eine Sendung da. Ich versuche, den „Tatort“ zu gucken, weil ich immer das Gefühl habe, es gehört zum Deutschsein dazu. Aber ich werde einfach nicht so richtig warm, ich kann mir nichts merken, ich kenne auch keinen einzigen Kommissar außer dieser Lena Odenthal und den mit der großen Nase, den ich sehr attraktiv finde, aber seinen Namen weiß ich nicht.

Ich meide wenige Medien bewusst, aber die meisten instinktiv. Fernsehen überfordert mich kolossal. Seit Jahren nehme ich mir vor, endlich mal etwas mit Jan Böhmermann zu gucken.

Jemand, der ein bisschen anstrengend, aber sehr klug ist, ist der Philosoph Daniel-Pascal Zorn. Er kommentiert alles auf Facebook und er trollt die AfD und die Pegida-Leute. Seine Methodik besteht darin, anderen Menschen Widersprüche nachzuweisen. So ärgert er Rassisten. Er hat auch eine Kolumne in der „Hohen Luft“, dem Philosophie-Magazin. Philosophie-Magazinen stehe ich eigentlich grundsätzlich ablehnend gegenüber. Ich finde es ja nicht schlecht, wenn Menschen dadurch ein bisschen nachdenken, aber mit Philosophie hat es für mich nichts zu tun. Es ist für mich auch nicht die Wiederbelebung der griechischen Agora, sondern schlicht eine Konsumierbarmachung von etwas, das per se ein bisschen anstrengend sein sollte und eben nicht konsumierbar. Wenn man wirklich, wirklich philosophiert, dann ist das nicht wie Sudoku oder Meditation, sondern es tut weh. Denken tut immer weh und es ist gefährlich. Das Magazin meiner sehr guten Freundin Theresia Enzensberger, „BLOCK“ ist toll – es erscheint immer dann, wenn es genug Abonnenten hat, die es vorbestellt haben. Ich habe für „BLOCK“ einmal eine Reportage geschrieben, in der es darum ging, wie ich mit zwei Freunden in die Hütte von Heidegger einbreche, um ihn posthum durch das Vorlesen von Paul-Celan-Gedichten zu entnazifizieren. So etwas kann man nur bei BLOCK machen. Das Layout ist auch wunderschön.

Theresia Enzensberger ist Gründungsmitglied der Krautreporter-Redaktion und hat hier bereits über Online-Hetze, Schlaf und die Gemeinsamkeiten von Klöstern und Think Tanks geschrieben.
In der Crowdfunding-Phase von Krautreporter hat auch sie bereits einen Einblick in ihr Medienmenü gegeben.

Außerdem sollte man sollte viel mehr Lyrik lesen. Das Gedicht, das ich gerade am schönsten finde, ist von Robert Frost:

Whose woods these are I think I know.
His house is in the village though;
He will not see me stopping here
To watch his woods fill up with snow.
My little horse must think it queer
To stop without a farmhouse near
Between the woods and frozen lake
The darkest evening of the year.
He gives his harness bells a shake
To ask if there is some mistake.
The only other sound’s the sweep
Of easy wind and downy flake.
The woods are lovely, dark and deep,
But I have promises to keep,
And miles to go before I sleep,
And miles to go before I sleep.


Hannah Lühmann hat an der Humboldt-Universität zu Berlin, an der Pariser Sorbonne und an der Berliner Universität der Künste studiert. Sie hat eine Zeit lang in Israel gelebt und liebt das Land sehr. Als freie Journalistin schrieb sie für FAZ, Süddeutsche, ZEIT online und die Berliner Zeitung. Inzwischen arbeitet sie als Redakteurin im Feuilleton von „Welt“ und „Welt am Sonntag“. Sie schreibt an ihrem ersten Buch, es heißt „Wo ist die Welt? – Warum wir nichts mehr wissen“.

In der von Christoph Koch betreuten Rubrik „Medienmenü“ stellen alle zwei Wochen interessante Persönlichkeiten die Medien vor, die ihr Leben prägen. Ihr könnt per Mail an christoph@krautreporter.de vorschlagen, wen er porträtieren soll.

Aufmacherfoto: Carolin Weinkopf; Illustration: Veronika Neubauer.