Diskriminierung

Frei – und doch nicht frei

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Karim hat es geschafft. Nach Monaten der Angst und des Aufbrechens, nach einer gefährlichen Reise durch zig Länder sitzt er schließlich in einem Park in Berlin-Dahlem im struppigen Gras. Ein zarter junger Mann, kurze Jeanshose, blauweiß-gestreiftes T-Shirt. Karims Stimme klingt weich, er wirkt bestimmt in dem, was er sagt, aber unaufdringlich. Ein schmaler Silberring verbindet seine Nasenlöcher, am Ohr zwei weitere kleine Piercings. Den dichten Bart trägt Karim akkurat gestutzt, das schwarze Haar als Kurzhaarfrisur. Nach dem äußeren Erscheinungsbild beurteilt ist Karim längst in Berlin angekommen, nichts trennt ihn von den modebewussten jungen Männern dieser Stadt. Aber so einfach ist es nicht; natürlich nicht. Wer Karim genau ansieht, blickt in ein Gesicht, das unendlich müde wirkt, in gerötete Augen, die eine Geschichte über die lange Suche nach Freiheit erzählen. Und über die Schwierigkeiten des Ankommens.

Wir treffen uns an einem Wochenende, träge liegt die Hitze über der Stadt. Zur Verstärkung hat Karim seinen Kumpel Omar mitgebracht, er kommt aus dem Irak, zusammen wagten die beiden die Flucht von der Türkei aus übers Mittelmeer. Karim selbst ist 24 Jahre alt und stammt aus Daraa, einer Stadt im Süden von Syrien, gelegen in direkter Nähe zur jordanischen Grenze und etwa halb so groß wie Damaskus. Bevor Karim aus dem Krieg flüchtete, studierte er in Damaskus Wirtschaft und Nachrichtentechnik. Er hat drei Schwestern und drei Brüder, bis auf eine Schwester lebt der Rest der Familie mittlerweile in Libyen. Karim ist der einzige aus der Familie, der den Weg nach Europa gewagt hat. Vor fast genau einem Jahr, am 19. Juli 2015, ist er in Deutschland angekommen.


Karim, wenn du zurückdenkst: Wie bist du als Kind aufgewachsen?

Ich bin in Libyen geboren, weil mein Vater dort arbeitete und die meiste Zeit dort war. Er ist im Immobiliengeschäft tätig. Meine Mutter war zu Hause und hat sich um uns Kinder gekümmert. Die ersten zehn Jahre meines Lebens habe ich in Libyen verbracht. Dann sind wir nach Syrien zurückgegangen, nach Daraa. Mein Vater war wenig zu Hause, weil er noch immer viel in Libyen gearbeitet hat. Abgesehen davon hatte ich eine ganz normale Kindheit, würde ich sagen. Als Teenager war ich eher brav, habe mich auf die Schule konzentriert, viel gelernt, und ansonsten viel Zeit mit meiner Familie oder den Freunden aus der Schule verbracht.

Ab wann hast du gewusst, dass du schwul bist?

Ich muss so ungefähr 17 Jahre gewesen sein, als mir das klar wurde. Ich habe mich nie für Mädchen interessiert. In Syrien ist es sehr schwer, wenn du homosexuell bist, das ist nicht erlaubt. Ich habe lange Zeit gedacht, ich bin der einzige, der so fühlt; ich wusste nicht, dass es dort auch andere Schwule gibt. Aber mit 17, 18 Jahren habe ich zum ersten Mal schwule Jungs aus Daraa kennengelernt.

Wie hast du die kennengelernt, wenn du gar nicht wusstest, dass es noch andere Menschen gibt, die so fühlen?

Einer aus meiner Klasse war auch schwul, was ich irgendwann mitkriegte. Wir erkannten gegenseitig im Anderen, dass da noch eine Person war, die mit dem gleichen Schicksal zu kämpfen hatte. Wir hingen viel zusammen rum, redeten über unsere Gefühle, scherzten, wenn uns in der Stadt ein Typ über den Weg lief, der uns gut gefiel. Ich vertraute meinem Klassenkameraden, wir freundeten uns an. Er kannte andere Schwule aus Daraa.

Hast du dich je vor deiner Familie geoutet?

Darüber habe ich noch nicht mal nachgedacht, es ist einfach unmöglich. Ich kann mir noch nicht mal vorstellen, was dann passieren würde. In Syrien hast du einen viel intensiveren Kontakt mit der Familie als in Deutschland, auch mit Tanten, Onkeln, Cousins, Cousinen. Es geht weniger um einen individualistischen Lebensstil als vielmehr um die ganze Familie. Wenn ich meinen Eltern sagen würde, dass ich schwul bin, wüsste das sehr bald meine komplette Familie. Die ganze Gemeinschaft.

Haben deine Eltern nicht irgendwann mal versucht, dich zu verheiraten? Eine Hochzeit ist ja ein sehr wichtiges Ereignis in eurer Kultur.

Ja, es ist sozusagen das Nummer-Eins-Ereignis im Leben eines Menschen. Meine Eltern haben mich immer mal wieder gefragt, ob es ein Mädchen gibt, das ich gut finde, und mir gesagt, dass ich heiraten soll. Aber ich habe einfach immer geantwortet, dass ich noch zu jung bin und meine Zeit für mein Studium brauche.

Wann hast du dich zum ersten Mal verliebt?

Als ich zum Studieren nach Damaskus gegangen bin, 2011. An der Uni habe ich meinen ersten Freund kennengelernt. Wir haben uns sofort gut verstanden, es war einfach mit ihm. Er ist drei Jahre älter als ich und eine starke Persönlichkeit, es hat ihn zum Beispiel nicht interessiert, was irgendwer über ihn gesagt hat. Das hat mir gut gefallen. Auch der Vater wusste, dass sein Sohn schwul war, und irgendwann hat mein Freund mich seinem Vater sogar vorgestellt. Manchmal haben wir ihn in seinem Büro besucht.

Aber in der Öffentlichkeit konntet ihr euch als Paar nicht zeigen, oder?

Mein Freund hat mal mitten auf der Straße in Damaskus gerufen „Ich liebe dich, Karim!“ Es war ihm wirklich egal, was die anderen dachten. Aber als das passierte, waren wir gerade auch in einem Viertel von Damaskus unterwegs, in dem eher liberale Menschen lebten, wo es Cafés gab, Clubs und sogar eine bestimmte Bar und ein bestimmtes Café, wo man andere Schwule treffen konnten. Man musste aber trotzdem vorsichtig sein, Händchenhalten oder küssen ging auch an diesen Orten nicht. Wir waren etwa ein Jahr zusammen.

Was ist dann passiert? Habt ihr euch getrennt?

Der beginnende Krieg hat uns getrennt. Ich bin von Damaskus nach Daraa zu Besuch gefahren, weil ich nach zweien meiner Brüder schauen sollte, die zu diesem Zeitpunkt noch dort lebten. Meine Mutter und der Großteil meiner Geschwister waren schon bei meinem Vater in Libyen. Mit den ersten Demonstrationen in Daraa 2011 hatte der zivile Aufstand gegen das Regime begonnen, ich bin also regelmäßig von Damaskus nach Daraa gefahren, um zu checken, ob es meinen Brüdern gut geht. Als die Auseinandersetzungen schlimmer wurden, sagten meine Eltern irgendwann: „Ihr könnt nicht mehr dort bleiben, es ist dort nicht mehr sicher. Am besten kommt ihr auch nach Libyen.“ Ich bin dann nochmal kurz zurück nach Damaskus, da haben wir uns verabschiedet, mein Freund und ich. Und uns versichert: „Es ist ja nur für eine kurze Zeit, dass wir getrennt sein werden. Es ist okay.“ Ich habe ihm versprochen, dass ich zurückkommen werde.

Später im Gespräch wird Karim lange Sätze am Stück sprechen, aber an dieser Stelle antwortet er in wenigen Worten. Dennoch bleibt seine Stimme klar und bestimmt. Kein Zögern, kein Zittern, kein Weinen. Karims Blick bleibt standhaft, er weiß um die Tragik seiner Worte, beschönigt nichts, aber dramatisiert auch nichts.

Habt ihr euch seitdem nochmal wiedergesehen?

Nein.

Weißt du, was mit ihm passiert ist?

Nein.

Seid ihr noch in Kontakt?

Ich habe versucht, ihn von Libyen aus per E-Mail zu kontaktieren. Aber er hat nicht geantwortet. Vielleicht, weil das ganze Kommunikationssystem durch den Krieg zusammengebrochen ist. Ich weiß es nicht.

Also bist du direkt von Daraa nach Libyen zu deinen Eltern?

Nein, so einfach ging das nicht, es war ja schon Krieg. Wir mussten von Daraa über Jordanien nach Damaskus, und sind von dort zunächst nach Ägypten geflogen. Da haben wir dann eine Woche auf unsere Eltern gewartet, die schließlich kamen, um meine Brüder und mich abzuholen. Gemeinsam mit meinen Eltern sind wir dann nach Misrata in Libyen geflogen.

Mit dieser ersten Reise beginnt Karims Odyssee, die sich wie ein Drama liest. Ein Zeitraum über mehrere Jahre, in denen er mehrere arabische Länder durchläuft. Überall wird Karim wegen seiner Sexualität bedrängt und bedroht, zweimal verhaftet. Von Libyen, wo er 16 Monate bleibt, flieht Karim zunächst wieder zurück nach Ägypten, von dort nach Jordanien, nach einigen Monaten landet er wieder in Syrien, wagt schließlich den Weg in die Türkei – und im vergangenen Jahr die Überfahrt nach Europa.

Wie war es in Libyen für dich, deiner ersten längeren Station nach der Ausreise aus Syrien?

Schwierig. Die Leute sind dort viel konservativer als in Syrien. Die Nachbarn gucken genau aufeinander, tuscheln darüber, was der andere macht. Bekannte erzählten mir, dass Leute mich kidnappen wollten, weil sie wussten, dass ich schwul bin. Leute aus der Nachbarschaft sagten, ich sähe nicht aus wie jemand aus Libyen, weil ich damals lange Haare trug. Aber eigentlich hatte der Typ, mit dem ich damals eine heimliche Affäre hatte, mich verraten an die Männer, die unser Viertel in Misrata kontrollierten. Ich wollte fliehen, aber mein Vater verbot es mir, weil er eine Reise für zu gefährlich hielt. Irgendwann war mir das egal. Ich wollte unter diesen Umständen kein Leben führen. Also schrieb ich meinen Eltern einen Zettel, nahm mein ganzes Geld, das ich gespart hatte, ungefähr 2.500 Dollar, und bin los nach Alexandria in Ägypten. Da kannte ich jemanden, der auch aus Daraa kam.

Wie lange hast du dort gelebt?

Sechs Monate etwa. Ich habe mit zwei anderen Typen in einer Wohnung gewohnt. Alles war sehr billig, die Wohnung, das Essen. Aber dort zu studieren war keine Option, überall gab es nur schlechtbezahlte Jobs. Ich habe also meinen Vater angerufen und sagte: „Ich kann hier nicht bleiben, und ich will hier auch nicht bleiben.“ Aber ich hatte einen Freund, den ich von zu Hause kannte, der sagte, in Jordanien sei das Leben besser. Also bin ich dann nach Jordanien, mein Kumpel auch, zwei Tage vor mir. Wir haben uns dann zusammen eine Wohnung gesucht. In der Hauptstadt Jordaniens, in Amman, bin ich etwa zehn Monate geblieben.

Wieso nicht länger?

Es gab zwei Zwischenfälle: Einmal saß ich mit meinem Kumpel und ein paar anderen Leuten draußen in den Straßen von Amman, wir hingen da ein bisschen rum, da kam die Polizei und begann, in so einem komischen Ton mit meinen jordanischen Bekannten zu reden. Die Polizisten wussten, dass meine Bekannten schwul waren. Also sagten sie: „Na, ihr Süßen, wie geht's euch? Ihr seid ja niedlich.“ Sie haben uns erst beleidigt, dann mich und einen anderen verhaftet – und ins Gefängnis gesteckt für zwölf Tage. Einfach so. Ich musste eine „Strafe“ zahlen, erst dann haben sie mich wieder rausgelassen. Ich bin dann zum UN-Büro in Amman gegangen, hab denen meine Papiere aus dem Gefängnis gezeigt und die haben mir versichert, dass sie mir helfen würden. Danach war erstmal alles okay.

Du sprachst von einem zweiten Zwischenfall ...

Die Polizei hat mich kurz nach meiner Freilassung noch einmal verhaftet – weil ich bei einer Straßenkontrolle meinen Ausweis nicht dabeihatte. Im Gefängnis sagten sie mir dann: „Wieso bist du schon zum zweiten Mal hier? Du hast dich scheinbar nicht sehr gut benommen. Wir schicken dich zurück nach Syrien. Vielleicht zum IS? Oder zum Regime? Oder zu Al-Kaida? Wir werden dich nicht töten, aber mach dir keine Sorgen: Dort werden sie dich schon töten.“ Sie haben mir gedroht, ich habe deswegen noch aus dem Gefängnis heraus Freunde kontaktiert, die wiederum das UN-Büro in Amman kontaktierten. Aber niemand meldete sich bei mir.

In vielen muslimisch stark geprägten Ländern sind homosexuelle Handlungen verboten und werden in unterschiedlichem Maße strafrechtlich verfolgt. In Jordanien allerdings nicht – zumindest nicht offiziell. Gesellschaftlich breit akzeptiert ist Homosexualität aber auch dort nicht. Seit dem Arabischen Frühling verschlimmern sich zudem die Ressentiments gegen Homosexuelle, wie der Deutschlandfunk in einem Stück aus dem vergangenen Jahr berichtet. In einigen Ländern im arabischen Raum und in Afrika droht Homosexuellen gar die Todesstrafe, so etwa im Iran, in Saudi-Arabien und im Jemen. Im Herrschaftsgebiet des IS, das sich durch Syrien und den Irak zieht, wurden von den Terroristen bereits mehr als 30 Männer hingerichtet, weil sie der Homosexualität verdächtigt wurden. Stand Juli 2015.)

Was geschah dann?

Eine Woche, nachdem ich zum zweiten Mal verhaftet worden war, haben sie mich mit anderen Gefangenen in einen Bus gesteckt und uns an die syrische Grenze kutschiert. Ich habe mir von da ein Taxi genommen und bin zurück zu meiner Schwester, die ja immer noch in Daraa in Syrien lebte. Also war ich wieder genau dort, wo ich meine Flucht 2011 gestartet hatte. Als meine Schwester mich fragte, wieso ich im Gefängnis gewesen sei, sagte ich nur, dass ich ohne Erlaubnis gearbeitet hätte. Dass ich schwul bin, habe ich auch damals nicht erzählt.

Wie hatte sich die Lage in Daraa mittlerweile entwickelt?

Es war die Hölle. Es gab kein fließendes Wasser, keinen fließenden Strom, immer weniger zu essen, tägliche Bombardierungen, jeden Tag Tote. Ich sagte zu meiner Familie: „Lasst mich in die Türkei gehen, ich will hier nicht bleiben.“ Wir diskutierten das rauf und runter, aber sie sagten immer wieder: „Nein, es ist zu gefährlich.“ Alles fing wieder von vorne an. Ich habe dann irgendwann gesagt: „Ob ich hier sterbe oder an der Grenze zur Türkei ist doch egal. Ich werde hier nicht auf meinen Tod warten. Entweder helft ihr mir, oder ich versuche es allein.“ Schließlich haben meine Eltern nachgegeben.

Wann genau war das?

Im Februar 2015. Ich bin 17 Tage durch die Wüste gelaufen, mit einigen anderen hundert Leuten. Irgendwann bin ich dann schließlich in Kilis in der Türkei angekommen, einer Stadt direkt hinter der syrischen Grenze. Und dort habe ich meinen Freund aus Amman wiedergetroffen, der wollte nämlich auch in die Türkei und war zwischenzeitlich wieder in Syrien gelandet. Von Kilis sind wir dann zusammen mit dem Bus nach Istanbul. Dort haben wir Omar kennengelernt, der zu diesem Zeitpunkt schon zwei Jahre in Istanbul lebte.

Wie war es in Istanbul?

Anfangs wirklich okay. Es gibt in Istanbul eine große LGBT-Community, das hatte ich gar nicht gewusst, bevor ich dorthin kam. Omar, ich und mein Freund aus Amman lebten zusammen in einer Wohnung, ich habe mich eigentlich dort wohlgefühlt. Aber dann passierte die Sache mit der Pride Parade.

Was genau meinst du?

(Jetzt spricht Omar): Wir dachten erst, bei der Parade wäre so viel Polizei anwesend, um uns, also die Teilnehmenden, zu schützen. Aber dann ist die Polizei auf uns losgegangen. Die haben Leute verprügelt, Wasserwerfer benutzt und Tränengas. Es war ein Desaster. Schließlich haben sie die Parade beendet. Ein Teil der Bevölkerung ist auf diesen Zug aufgesprungen und hat angefangen, Schwule und Lesben in den Straßen zu beschimpfen.

Euch auch?

Karim: Wir wurden beleidigt und bedroht, wir haben uns nicht mehr aus dem Haus getraut. Die Situation wurde unerträglich, also überlegten wir: „Was wäre, wenn wir nach Europa gehen würden? Schließlich entschieden wir uns für „Ja, wir versuchen es!“ Meine Eltern sagten: „Nein, das machst du nicht, da ertrinken massenweise Leute bei der Überfahrt, viel zu gefährlich.“ Aber am Ende habe ich sie so lange bearbeitet, bis sie mir das Geld gegeben haben für die Überfahrt. Dann sind wir los von Istanbul nach Izmir. Ich, Omar und mein Freund aus Amman. Am 1. Juli 2015 sind wir in Izmir angekommen und haben uns einen Schmuggler gesucht. Nach acht Tagen kamen wir schließlich auf der griechischen Insel Samos an.

Wie viel musstet ihr den Schmugglern zahlen?

1.150 Euro pro Person.

Wie ging eure Reise weiter?

Von Samos mussten wir nochmal mit dem Boot übersetzen, dann nach Athen, von dort haben wir die Balkanroute genommen; Mazedonien, Serbien, Ungarn, Österreich, schließlich sind wir in München angekommen und später in Dresden gelandet.

Wie war es in München?

(Omar schaltet sich ins Gespräch ein): Karim und ich waren im Erstaufnahmezentrum mit zwölf anderen Männer aus Syrien in einem Zimmer untergebracht. Und das wurde ziemlich schnell zu einem Problem. Wir haben die LGBT-Regenbogenflagge aufgehängt, die anderen Typen aus unserem Zimmer wussten gar nicht, wofür die Regenbogenfarben der Flagge stehen, geschweige denn, was LGBT sein soll. Also haben sie uns gefragt, und wir haben's erklärt.

Wie waren die Reaktionen?

Omar: Ein paar haben sich nicht weiter gestört, ihnen war es egal. Aber ein paar andere meinten: „Nein, das geht nicht, wir akzeptieren das nicht! Das ist unmöglich!“ Unser Zimmer hat sich dann aufgeteilt: In die einen, die uns in Ruhe gelassen haben, und die anderen, die was gegen uns hatten, einfach, weil wir schwul sind.

Karim: Sie haben angefangen, uns zu beleidigen: „Guckt doch mal, wie ihr ausseht! Wie ihr euch anzieht! Wieso habt ihr so komische Piercings? Wieso benehmt ihr euch nur so?!“ Wir haben dann den Security-Leuten Bescheid gesagt, und die waren wirklich cool, die haben uns geholfen und den anderen gesagt: „Ihr hört auf, die Jungs zu beleidigen und zu bedrohen!“ In München im Erstaufnahmelager waren wir zehn Tage, danach wurden wir umverteilt nach Dresden. Wir waren voller Hoffnung, dass wir schließlich an einem sicheren Ort ankommen würden, wir kannten Dresden ja nicht.

Und dann?

Karim: Naja, das Pech war: Wir sind nach Dresden umgezogen mit denselben Typen, mit denen wir uns in München das Zimmer geteilt hatten. Die waren auch nach Dresden umverteilt worden. Dort waren wir dann in einem großen Zelt mit ungefähr 100 anderen Flüchtlingen untergebracht, und dort wusste jeder, dass wir schwul sind. Ich glaube, die Typen, die mit uns aus München gekommen waren, haben es herumerzählt. Jeder wusste es. Die Kinder, die Eltern, das Security-Personal. Das war echt hart; sogar schlimmer als es in Istanbul gewesen war.

Omar und ich haben uns beim Personal gemeldet, gesagt, dass wir Angst haben und beleidigt werden, aber die sagten nur: „Hier sind so viele Leute, die werden euch schon nix tun, hier sind doch viele verschiedene Nationen zusammen, habt keine Angst.“ Aber das stimmte nicht; manchmal waren ein paar andere Männer im Zelt betrunken, dann haben sie uns verarscht und gesagt: „Kommt, tanzt für uns!“ In den Essensschlangen haben sie sich vorgedrängelt, sie haben uns beleidigt, geschlagen und bespuckt. „Du siehst aus wie eine Schlampe“ oder „Ich mag deinen Arsch!“ haben sie zu uns gesagt. Die Flüchtlinge aus Marokko waren ein besonders großes Problem. Wir hatten solche Angst, wir haben uns kaum getraut, noch auf die Toilette oder duschen zu gehen. Es war so schlimm, dass wir überlegt haben, nach Istanbul zurückzukehren.

Hat das Security-Personal euch denn gar nicht geholfen?

Omar: Nein, haben sie nicht. Die haben einfach nichts gemacht und nur gesagt: „Okay, ihr seid schwul? Was sollen wir da machen?“

Karim: Ich dachte die ganze Zeit: Wir sind doch nach Deutschland geflohen, weil es hier sicherer sein soll. Weil wir freier leben wollten. Was ist hier los? Wieso helfen die uns nicht? Aber dann, nach etwa zwei Wochen, haben wir eine Sozialarbeiterin im Camp getroffen, die stammte aus dem Irak. Wir haben ihr erzählt, dass wir arge Probleme haben, und sie hat arrangiert, dass wir in ein anderes Zelt verlegt werden, näher am Büro der Camp-Leitung. Aber schon am zweiten Tag kamen neue Flüchtlinge an – die wieder begannen, uns zu beleidigen. Wir waren also wieder genau an demselben Punkt wie vorher. Und dann habe ich zu der Sozialarbeiterin gesagt: „Ich mache das nicht mehr mit. Ich kann nicht mehr. Wir müssen eine andere Lösung finden.“ Das hat sie dann gemacht und den Verein CSD Dresden e.V. kontaktiert.

Wie ging es weiter?

Omar: Wir fuhren zunächst zum CSD Dresden ins Büro, zum Gespräch. Danach sind wir zurück ins Camp. Dort wieder: Beleidigungen, blöde Bemerkungen von anderen Flüchtlingen. Das Ganze endete schließlich in einer Schlägerei, die Polizei kam, die Camp-Security, das Rote Kreuz. Die sagten uns schließlich: „Ihr zieht um.“ Ich dachte schon: „Oh nein, die legen uns wieder in irgendein anderes Zelt.“ Aber es kam dann tatsächlich jemand vom CSD Dresden, der uns abholte und in ein Hostel brachte. Dort haben wir uns sicher gefühlt. Niemand hat uns mehr beleidigt, die Leute von dem Verein haben uns sehr geholfen, auch mit dem Papierkram. Wir haben eine Wohnung gefunden in Dresden, alles war einigermaßen okay.

Karim: Bis wir die ersten Interviews gegeben haben. Wir waren ja mit die ersten LBGT-Flüchtlinge im vergangenen Jahr.

Was war schlecht daran?

Omar: Die sind im Netz total viral gegangen, auch die Fotos – und genau das war das Problem. Uns war das gar nicht klar gewesen im Vorfeld, vielleicht waren wir zu naiv, aber mit der Presse kamen die Hasser aus dem Netz. Ein Artikel wurde ohne unser Wissen und ohne unsere Zustimmung ins Arabische übersetzt. Mit Klarnamen. Und irgendwann bekamen wir die ersten Facebook-Nachrichten von wildfremden Menschen: „Wir sollten euch umbringen! Wir sollten euch verbrennen!“ Das war sehr angsteinflößend.

Abgesehen von den Facebook-Hassern: Wie habt ihr die Zeit in Dresden empfunden?

(Jetzt spricht hauptsächlich Omar, Karim wirft nur ab und zu ein paar Ergänzungen ein): Die Schwulenszene in Dresden war nicht besonders gut auf uns zu sprechen, die mochten uns nicht.

Wieso das denn nicht?

Karim: Ein paar von ihnen waren sehr abweisend. Wir sahen jeden Montag, wie die Pegida-Demonstration durch die Stadt marschierte. Die waren unfreundlich, wollten uns auch nicht wirklich kennenlernen. Wir saßen elf Monate fast nur in Dresden – und haben dort keinen einzigen Freund gefunden. In der Sprachschule haben die anderen arabischen Flüchtlinge auch blöde Sprüche über uns gemacht. Irgendwann sind wir nicht mehr hingegangen. Als unsere Aufenthaltsgenehmigung endlich da war, sind wir direkt nach Berlin gefahren. Hier wollen wir bleiben.

Wie lange seid ihr in Berlin?

Karim: Ich seit knapp drei Wochen.
Omar: Ich erst seit fünf Tagen.

Wo lebt ihr jetzt?

Omar: Wir wohnen bei unserem Freund aus Amman, der lebt in einem Flüchtlingsheim in Dahlem. Aber wir brauchen dringend jeder ein eigenes Zimmer.

Wie geht es euch jetzt, in Berlin?

Karim: Wir mögen es hier, es ist auf jeden Fall besser als in Dresden. Die Leute sind nett, im Flüchtlingsheim bedroht uns keiner, obwohl ich über Facebook noch immer Hass-Nachrichten bekomme. Aber jetzt müssen wir uns darum kümmern, uns hier ein neues Leben aufzubauen.

Fühlst du dich frei?

(Karim und Omar blicken sich an, dann sagt Karim): Ich weiß es nicht. Es gibt Plätze, an denen ich mich sicher fühle in Berlin, zum Beispiel im Flüchtlingsheim. Aber dann gibt es wieder Orte, wo viele arabische Leute sind. So wie am Hermannplatz oder am Rathaus Neukölln. Dort fühle ich mich nicht wohl.

Nach allem, was ihr durchgemacht und auch in Dresden erlebt habt: Würdest du sagen, Karim, es hat sich gelohnt, herzukommen?

Karim: Ich denke schon, dass es sich gelohnt hat, ja. Aber die ganze Antwort auf diese Frage kann ich dir noch nicht geben, dafür ist es noch zu früh. Wir stehen jetzt am Anfang, uns ein normales Leben aufzubauen. Im Moment fühle ich mich etwas verloren. Es ist zum Beispiel sehr schwer, ein Zimmer zu bekommen. Und es ist nicht einfach, wirklich konkrete Hilfe zu finden. Wir haben so sehr auf die Aufenthaltsgenehmigung gewartet, aber deswegen ist unsere Situation noch lange nicht unproblematisch.

Würdest du deinem damaligen Freund aus Damaskus, von dem du seit deiner Flucht nichts mehr gehört hast, raten, all das auf sich zu nehmen und auch nach Deutschland zu kommen?

Sicher. Wenn ich Kontakt zu ihm hätte, würde ich ihm das sagen. (Karim zieht jetzt schüchtern das T-Shirt an seinem linken Oberarm ein Stück hinauf) Ich habe mir seinen Namen auf meinen Arm tätowieren lassen. (Er lächelt verlegen, senkt den Blick und blickt kurz auf die arabischen Schriftzeichen seines Tattoos.)

Ich denke fast jeden Tag an ihn.


Karims und Omars Namen wurden von der Redaktion geändert. Das Interview wurde während des Gesprächs durch einen Dolmetscher aus dem Arabischen ins Englische übersetzt und später auf Deutsch niedergeschrieben.

Illustration: Sibylle Jazra für Krautreporter; Redaktion: Dominik Wurnig; Produktion: Vera Fröhlich.