Das Medienmenü von Vea Kaiser

„Für jedes Buch, das ich gelesen habe, erstelle ich mir eine Karteikarte”

etwa 7 Min. Lesedauer

Morgens brauche ich zuerst einen Espresso mit Eiswürfeln und dann schaue ich auf dem Tablet ORF.at und Spiegel Online durch. Auf diesem Weg krieg ich das Wichtigste von hier und überall ganz gut mit. Wenn ich allerdings bereits morgens am Roman schreibe, verschiebe ich das Nachrichtenlesen auf den Nachmittag, sobald ich mit der Arbeit fertig bin, um mir währenddessen den Kopf klar zu halten und in die Fiktion eintauchen zu können. In diesem Fall lese ich dann morgens zuerst das, was ich am Vortag zuletzt geschrieben habe.

In der letzten Zeit hatte ich nur ein Abo der Reportagen, ein großartiges Magazin, das ich nur weiterempfehlen kann, und ein Digital-Abo der New York Times. Das lag auch daran, dass ich so viel auf Lesereise war und es sich nicht gelohnt hätte, Tages- oder auch nur Wochenzeitungen zu bestellen, wenn die dann ungeliebt vor der Wiener Türschwelle versauert wären.

Nun, wo die Lesereise vorbei ist, überlege ich aber, den Falter zu abonnieren, die Wiener Stadtzeitung und (leider quasi) einzige kritisch investigative Zeitung in Österreich, sowie die Süddeutsche. Vielleicht auch DIE ZEIT, aber ich weiß nicht, ob mir das nicht zu viel wird, weil ich immer, wenn eine Zeitung zu Hause liegt, das Bedürfnis bzw. die Verpflichtung verspüre, sie auch ganz durchzuarbeiten.

Ich lebe in Wien und spaziere leidenschaftlich gern mit dem Hund ins Café Korb, Engländer oder Prückl, wo alle wichtigen internationalen Zeitungen ausliegen. Da schau ich eigentlich fast alles durch, mal dieses, mal jenes, je nach Lust, Laune und Zeit. Ich weiß allerdings, dass ich noch nie den Stern gelesen habe. Keine Ahnung warum, ich hatte dieses Magazin einfach noch nie in der Hand. Ich weiß, dass es den gibt, nur sieht man den hier nirgends.

Blogs mag ich, lese aber keine so richtig regelmäßig. Ich klicke mich immer wieder durch diverse Literaturblogs – vorausgesetzt, ihre Verfasser/innen sitzen weder physisch noch geistig in Berlin-Mitte. Ich mag auch etliche Blogs über Mode, Nachhaltigkeit, Fotografie, Reisen und praktische Haushaltstipps, die das Leben einfach leichter machen. Grundsätzlich ist das mit den Blogs aber bei mir eher situativ denn regelmäßig. Ich bin ja nicht so gern und dementsprechend auch nicht so viel im Netz unterwegs. Wenn, dann um etwas Konkretes zu erfahren (zum Beispiel: Welchen Flug nehm ich nach Köln?), aber nicht um mir einfach irgendwas durchzulesen (zum Beispiel: „Hier in meinem Blog erfährst du alles über mein verrücktes phantastisches Leben. Click dich rein, yeah!“ Danke, nein.)

Was mich nervt ist Tendenzjournalismus. Wenn die Meinung des Schreibenden wichtiger ist als seine Objektivität – Kolumnen, Glossen und Artverwandtes sind hiervon natürlich ausgenommen. Außerdem nervt mich schlechtes Deutsch ohne Augenmerk auf Stil, das ist ja eine weitverbreitete Krankheit, besonders hier in Österreich. In puncto Stil außerdem: diese immer häufiger auftretenden Kurz-Satz-Langtexte. Diesen Federn gilt es unbedingt zu erklären, dass das Großartige an der deutschen Sprache ihre Fähigkeit zu Hypotaxen ist. Hypotaxe nennt man auch Satzgefüge. Das bedeutet Folgendes: Ein Satz kann von einem anderen abhängen. Man trennt sie nicht durch einen Punkt. Man trennt sie durch ein Komma. Sie können schön verbunden sein.

Dann klänge der Schreibende nicht wie ein atemloser Sportler. Ein Sportler beim Versuch, etwas zu erklären. Was er nicht versteht. Oder was er schon versteht. Man merkt ihm sein Verständnis allerdings nicht an. Weil er ständig so kurze Sätze macht. Weil er keine Luft kriegt. Der Journalist muss aber nicht laufen. Der muss nur schreiben. Da sollte man genug Luft bekommen. Oder?

Das immer stärker werdende Herumreiten auf Meinungsumfragen nervt auch. Ebenso (hier in Österreich) das viel zu häufige Abschreiben von Nachrichtenagenturen. Und wenn Twitter und Facebook als Quellen bei Themen herangezogen werden, bei denen es nicht um Twitter oder Facebook geht – der schlimmste Satz lautet: „Ein Blick in die Sozialen Netzwerke verrät … .“

Oh, und das Allerallernervigste: das ICH ICH ICH ICH in Reportagen meist jüngerer Autoren. Es gab mal eine Zeit, da war der Inhalt des Texts wichtiger als der Bauchnabel desjenigen, der ihn verfasst hat.

Auf Reisen lese ich Romane, Romane, Romane und Romane. Ich kann auf Reisen fast nicht arbeiten, aber herrlich konzentriert lesen. Und man glaubt gar nicht, wie schnell vier Stunden im heillos überfüllten ICE dank Noice-Cancelling-Earphones und einem guten, dicken Roman vergehen. Beim Fliegen höre ich Hörbücher. Das ist ein wunderbares Gefühl: tausende Meter über der Erde über die Flure zu laufen und dabei eine Geschichte erzählt zu bekommen.

Romane sind überhaupt das Beste. RICHTIGE Romane. Epische, klassische Romane, die große Geschichten in schönem Stil erzählen. Am besten mit über 350 Seiten. Verlage sollten sich übrigens diese Unsitte abgewöhnen, Novellen, Erzählungen oder Kurzgeschichtensammlungen mit diversen Layout-Tricks auf fast oder leicht über 200 Seiten zu strecken und dann als Roman zu verkaufen. Womöglich auch noch gebunden. Pixie-Bücher sind auch urschön! Ein Buch, das ich in letzter Zeit gelesen habe und vom dem ich sehr beeindruckt war, ist „Biografie“ von Maxim Biller. Ein Meisterwerk, das mich sprachlos gemacht hat.

"Biografie" von Maxim Biller

Screenshot: kiwi-verlag.de

Maxim Billers neuester Roman „Biografie“ ist „eine groteske Erpressungs- und Entführungsstory globalen Ausmaßes“, ein „Entwicklungs-, Liebes-, Künstler-, Familien-, Wende-, Spannungs-, Heimat- und Holocaustroman“ (Eigenwerbung Verlag). Ganz schön viel.
Die Kritik war nur mäßig begeistert: Lothar Müller bezeichnete das Buch in der Süddeutschen Zeitung als „monströse, über weite Strecken hochtourig leerlaufende Stilübung“, in der „das Sitcom-Format hat das Leben so fest im Griff“ habe, „dass es kaum noch Luft bekommt“.
In der FAZ schreibt Andreas Platthaus: „Jedoch ist der Anlauf, den das Buch über Hunderte von Seiten nimmt, zu lang, als dass am Schluss, wenn die beiden Biographien in ,Biografie' auf im besten Sinne pathetische Weise wieder zusammengeführt werden, noch Kraft genug da wäre für den literarischen Höhenflug, der Maxim Biller selbst vorgeschwebt haben dürfte.“
Einen Auszug aus dem Roman kann man hier lesen.

Meine Lieblingsautoren sind John Irving, Gabriel García Marquez, Heimito von Doderer, A. M. Homes, Yan Lianke, Lily Brett, Gary Shteyngart, Jeffrey Eugenides, Euripides, Homer, Herodot, Horaz, Ovid, Lukian und Aristoteles.

Artikel, die ich wirklich großartig finde, reiße ich aus der Zeitung und trage sie in meinem Notizbuch herum, bis ich sie verliere. Für jedes Buch, das ich gelesen habe, erstelle ich mir eine Karteikarte. Je nachdem, wie viel mir aufschreibenswert erscheint, auch mehrere. Und dann gibt es noch zwei Kisten, in denen alles landet, was für das momentane oder spätere Romanprojekte von Bedeutung sein könnte.

https://www.youtube.com/watch?v=2RHpQte0sH0

Sehr regelmäßig schaue ich übrigens „Game of Thrones“. Wer mir das spoilert, kann mit lebenslangem Hass rechnen.

Die wichtigsten Apps auf meinen Smartphone sind die KICKER-App und der Liddell-Scott-Jones, ein altgriechisches Wörterbuch. Aber gehört letzteres noch zum Thema „informiert bleiben“?

Zwei Medien, die ich bewusst meide, sind die Kronen Zeitung und Österreich. Denn da reg' ich mich nur auf und bekomme sehr sehr schlechte Laune.

Die „Krone“ und Österreich sind zwei große österreichische Boulevardzeitungen. Die Kronen Zeitung gibt es schon seit dem Jahr 1900, Österreich ist hingegen eine Neugründung aus dem Jahr 2006. Die Kronen Zeitung ist mit einer Auflage von 2,3 Millionen (werktags) und 2,9 Millionen Lesern (sonntags) gemessen an der Bevölkerungszahl Österreichs eine der erfolgreichsten Zeitungen der Welt. Wie weit ihr Einfluss reicht und wie tendenziös die Berichterstattung oft ausfällt, zeigte die Fernsehdokumentation „Kronen Zeitung – Tag für Tag ein Boulevardstück“, die 2002 auf Arte ausgestrahlt wurde (siehe Video unten).

Verändert hat sich mein Medienkonsum vor allem im Bereich Radio. Bis vor etwa sieben Monaten hörte ich tagtäglich und mit großer Leidenschaft den österreichischen alternativen Jugend-Sender FM4. Und dann ganz plötzlich stellte ich fest, dass ich den nicht mehr ertrage. Seither höre ich Ö1, unseren Klassik- und Kultursender. Mit ein bisschen weniger Leidenschaft. Man nennt das hierzulande „Erwachsenwerden“.


Vea Kaiser (28) ist Schriftstellerin. Die Österreicherin veröffentlichte 2012 ihren Debütroman „Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam“, der mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde. 2015 folgte „Makarionissi oder Die Insel der Seligen“.

Vea Kaiser war unter anderen in der österreichischen Late-Night-Talkshow „Willkommen Österreich“ von Christoph Grissemann und Dirk Stermann zu Gast (siehe Video oben ab Minute 21:00).

In der von Christoph Koch betreuten Rubrik „Medienmenü“ stellen alle zwei Wochen interessante Persönlichkeiten die Medien vor, die ihr Leben prägen. Ihr könnt per Mail an christoph@krautreporter.de vorschlagen, wen er porträtieren soll.

Illustration: Veronika Neubauer.