Das Medienmenü von Katrin Gottschalk

„Nachrichten wie ein Gespräch zu gestalten, finde ich genial”

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Wenn morgens der Wecker klingelt, nehme ich als Erstes das Telefon in die Hand und schaue mich auf Twitter um. So kann ich noch eine Runde liegen bleiben, aber schon die erste Neugier stillen. Facebook nutze ich auf dem Telefon kaum noch, da mich zunehmend der Algorithmus nervt. Manchmal schaue ich dann auch bei Snapchat vorbei, aber das läuft bei mir noch nicht automatisch. Die taz-Ausgabe des Tages lese ich in Form des E-Papers am Abend zuvor und verfolge ab dem Morgen die taz auf allen Kanälen online. Zum Frühstück höre ich Radio Eins.

Facebooks Newsfeed – also die Meldungen, die man angezeigt bekommt, wenn man sich einloggt – wird seit geraumer Zeit durch einen Algorithmus sortiert und gefiltert. Längst bekommt ein Nutzer nicht mehr alles zu sehen, was seine Freunde (oder Seiten, denen er folgt) posten. Denn im Durchschnitt wären das bei jedem Besuch 1.500 Beiträge. Facebook filtert deshalb extrem stark aus und zeigt beispielsweise bevorzugt Beiträge von Quellen, deren bisherige Postings der Nutzer geliked, kommentiert oder geteilt hat. Genau dies, so die Befürchtung, führt aber nach und nach zu einer Art Echokammer, in der jeder Facebooknutzer nur noch mit den Dingen und Ansichten konfrontiert wird, mit denen er sowieso übereinstimmt.
Twitter verfolgte lange Zeit ein gegenläufiges Modell zu Facebook und zeigte ungefiltert alles an, was die Leute, denen der Nutzer folgt, veröffentlichen. Anfang 2016 kündigte das Unternehmen jedoch an, auch auf eine durch einen Algorithmus „kurarierte“,also gefilterte, Timeline zu setzen. Obwohl die Funktion optional und deaktivierbar wäre und erst nach und nach ausgerollt würde, erntete Twitter dafür einen Proteststurm.

Im Abo habe ich natürlich das „Missy Magazine“. Ich bin gespannt auf die nächste Ausgabe – es wird die erste sein, an der ich nicht mitgearbeitet habe. Abschließen muss ich noch ein Abo der „Analyse&Kritik“, die ich bis vor Kurzem im Austauschabo hatte. Die Printausgabe lese ich sehr gerne – da gibt es im Gegensatz zur Webseite auch Bilder. In der aktuellen „A&K“ war besonders der Text von Sarah Speck zu „Sauberkeitsstandards“ unter heterosexuellen Paaren – auch linken und vermeintlich gleichberechtigten – sehr erhellend.

Ich mag Papier. Im Urlaub lese ich am liebsten Bücher. Die funktionieren auch dann, wenn die Sonne blendet. Und am allerliebsten lese ich Comics. Dazu gebracht hat mich erst relativ spät Ulli Lusts „Heute ist der letzte Tag vom Rest meines Lebens“. Darin erzählt sie von einem Teenage-Punk-Girl, das zusammen mit ihrer Freundin aus der Wiener Einöde nach Sizilien trampt. Toll sind auch die Comics von Rutu Modan oder Aisha Franz. Außerdem lese ich jedes Buch der schottischen Schriftstellerin A.L. Kennedy. Das ist bisher meine kontinuierlichste literarische Liebe, wenn auch eine etwas gestörte.

https://www.youtube.com/watch?v=VgoLdCQ1gSw

Für handfeste Informationen scanne ich bei den meisten Nachrichtenseiten, deutsch- wie englischsprachige, einfach die Themen. Zeit nehme ich mir gerne für Texte von weniger mainstreamigen Webseiten. „Media Diversified“ veröffentlicht gute Analysen zur Medienberichterstattung – sei diese zu Prince, antimuslimischem Rassismus oder Hillary Clinton. Immer wieder schaue ich auch bei „Mosaik Blog“, „Migazin“ und natürlich feministischen Seiten wie „kleinerdrei“ oder der „Mädchenmannschaft“ vorbei.

Für schnelle Nachrichten habe ich die Tagesschau-App inklusive Push-Meldungen bei mir aktiv. Ich folge seit Kurzem dem taz-Channel bei „Telegram“ und bekomme darüber Push-Meldungen. Und obwohl ich die Nachrichten wegen des starken Fokus auf die USA meistens nicht sonderlich relevant für mich finde, habe ich seit Februar die neue Quartz-App auf dem Telefon. Ich bin völlig begeistert. Die Idee, Nachrichten erst wie ein Gespräch zu gestalten und dieses mit längeren Texten und Bildern zu ergänzen, finde ich genial.

Die Nachrichten-App von Quartz im Messenger-Stil

Foto: Quartz

Bots, die in Dialogform mit dem Nutzer interagieren - offiziell „conversational UI“ genannt - sind gerade das neue heiße Ding. Im Medienbereich war die amerikanische Seite Quartz die erste, die eine eigene App anbot, in der Nachrichten in den klassischen Messenger-Bubbles angerissen werden (Bilder siehe oben). Rund fünf Geschichten werden jeweils einzeln kurz angerissen, bei Interesse geht es per Link zum ausführlicheren Artikel - nicht immer bei Quartz, oft wird auch zur Konkurrenz verlinkt.
Doch nicht nur im Nachrichtenbereich interessieren sich gerade alle für Bots: Der Artikel „The Search For The Killer Bot“ auf The Verge liefert einen sehr guten Überblick über die Thematik. Doch wie immer sind nicht alle überzeugt, dass Bots die neuen Apps werden - oder gar das ganze Internet ersetzen. Dan Grover beispielsweise bezieht unter dem Titel „Bots won't replace apps. Better apps will replace apps“ lesenswert Gegenposition.

Mindestens genauso genial finde ich das „Renk“ Magazin, das noch viel mehr Menschen lesen sollten. Das „Magazin zur Aufdeckung deutsch-türkischer Ausnahmeverhältnisse“ ist einzigartig in der deutschen Medienlandschaft, indem es junge, unterhaltende und politische Themen mit einer postmigrantischen Perspektive verbindet.


Katrin Gottschalk ist stellvertretende Chefredakteurin der taz. Zuvor war sie Chefredakteurin des „Missy Magazine“. Bei dem feministischen Magazin für Pop und Politik hatte sie unter anderem ab 2011 die Online-Ausgabe aufgebaut und 2015 die erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne „Mehr Missy“ geführt.

Illustration: Veronika Neubauer; Foto: Stefanie Kulisch.

In der von Christoph Koch betreuten Rubrik „Medienmenü“ stellen alle zwei Wochen interessante Persönlichkeiten die Medien vor, die ihr Leben prägen. Ihr könnt per Mail an christoph@krautreporter.de vorschlagen, wen er porträtieren soll.