Wieso der Kampf gegen Ebola Malaria-Kranke tötet

Wieso der Kampf gegen Ebola Malaria-Kranke tötet

David López Frías
Verfasst von
am, etwa % Minuten Lesedauer

"Malaria-Schnelltests retten Leben. Und viele Todesfälle hätten vermieden werden können, wenn wir mehr davon während der Ebola-Krise gehabt hätten“, erklärt Dr. Ibrahim Touré, Direktor des Heilig-Geist-Hospitals in Makeni im Norden von Sierra Leone. Makeni ist ein unwirtlicher Ort, drei Stunden von der Hauptstadt entfernt. Medizinische Geräte und Medikamente fehlen. In Makeni gehört es zum Alltag, an Malaria zu sterben – wie in ganz Westafrika.

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist die Malaria die häufigste Todesursache in Sierra Leone. Weltweit verzeichnen nur Burkina Faso, Mosambik und die Zentralafrikanische Republik mehr Tote. 90 Prozent der Todesfälle sind Kinder unter fünf Jahren.

Sierra Leone hat ein Problem: Von den fünf Arten von Malaria, die Menschen bekommen können, grassiert dort die tückischste Art. Malaria wird durch eine Stechmücke der Gattung Anopheles übertragen. Der Erreger namens Plasmodium falciparum verursacht Malaria tropica. Diese in Westafrika endemische Art ist die gefährlichste für Menschen. Sie kann im Gehirn Lähmungen bewirken. Viele Patienten sterben.

Im Gegensatz zur der Malaria-Art, die es in Amerika gibt, führt die afrikanische Malaria häufig zum Tod. Allein im Jahr 2014 starben 6.088 Menschen in Sierra Leone daran. Für das Jahr 2015 gibt es noch keine zuverlässigen Daten. Denn im vergangenen Jahr mussten sich die Hilfskräfte in Westafrika um eine andere Krankheit kümmern: die Ebola-Epidemie.

Die Regierung von Sierra Leone verbot Sportevents, öffentliche Veranstaltungen und Demonstrationen. Sie schloss die Grenzen und verhängte den Ausnahmezustand. Trotzdem belief sich die Zahl der Todesfälle wegen Ebola im Land auf 3.956 Menschen in zwei Jahren – an Malaria sterben jährlich fast doppelt so viele.

Die Angst vor Ebola und Fehldiagnosen verursachten Chaos

Was ist im Jahr 2015 geschehen? An vielen Orten wurden Fehldiagnosen gestellt. „Die Ebola-Zeit war besonders schwierig für Ärzte in Sierra Leone“, sagt Dr. Touré, „weil die ersten Symptome beider Erkrankungen sehr ähnlich sind. Manchmal sind sie sogar identisch. Fieber, Durchfall, allgemeines Unwohlsein, Kopfschmerzen ...“ Der Mangel an Ressourcen, schlechte Infrastruktur und die Angst vor Ebola verursachten schließlich das Chaos.

Dr. Touré und ein Pfleger mit dem Schnelltest

Image caption: Dr. Touré und ein Pfleger mit dem Schnelltest

Copyright: Foto: David López Frías

Wenn Menschen ins Krankenhaus kommen, wird erst einmal Fieber gemessen. Während der Ebola-Krise wurden Menschen mit hoher Temperatur direkt in einen separaten Pavillon gebracht, wo alle Patienten mit Fieber im selben Raum sind. Unter ihnen Menschen, die sich mit Ebola infiziert hatten: einer Krankheit, die durch Körperkontakt übertragen wird. Viele Menschen kamen in die Notaufnahme, weil sie an Malaria litten, aber niemand diagnostizierte sie richtig. Sie wurden in den selben Raum wie Ebola-Infizierte gesteckt.

„In unserer Klinik haben wir Schnelltests, die es uns in wenigen Minuten ermöglichen zu beurteilen, ob eine Person Malaria hat oder nicht“, sagt Touré. Dadurch seien sicher “viele Leben gerettet" worden. Aber nicht alle Gesundheitszentren im Land arbeiteten unter den gleichen Bedingungen. Das Krankenhaus von Makeni wird von der italienischen katholischen Diözese von Albano betrieben, die es mit Material beliefert.

In Tourés Klinik gibt es ausreichend Schnelltests.

Image caption: In Tourés Klinik gibt es ausreichend Schnelltests.

Copyright: Foto: David López Frías

Sierra Leone ist eines der ärmsten Länder der Welt. Die meisten der Krankenhäuser sind abhängig von ausländischer Hilfe: vor allem von Nichtregierungsorganisationen und religiösen Orden. Das öffentliche Gesundheitssystem erhält kaum Geld von der Regierung. Folglich gibt es in vielen Gesundheitszentren keine Schnelltests.

Dadurch wurden zwischen 2014 und 2016 in Krankenhäusern Menschen gegen Ebola behandelt, obwohl sie Malaria hatten. Viele waren gar nicht mit dem Ebola-Virus infiziert, aber sie liefen Gefahr, an Malaria zu sterben. „Um Malaria zu bekämpfen, ist eine frühe Diagnose wichtig, damit man die richtigen Medikamente einsetzen kann“, sagt Touré. Aber die drastische Zunahme der Fälle von Patienten mit Fieber führte dazu, dass für das Krankenhauspersonal die Bekämpfung von Ebola Priorität hatte. Folglich kamen viele Malaria-Tests zu spät. Viele Patienten - insbesondere Kinder - wurden nicht rechtzeitig diagnostiziert und starben.

Auch Laien können selbst den Test machen.

Image caption: Auch Laien können selbst den Test machen.

Copyright: Foto: David López Frías

Einer der wichtigsten Vorteile der Schnelldiagnosetests ist, dass sie einfach zu verwenden sind. Der Test kann zu Hause gemacht werden, ohne Instrumente oder spezialisiertes medizinisches Personal. In vielen Apotheken der Hauptstadt Freetown gibt es die Sets zu kaufen, aber nur selten in kleineren Städten. Der Preis liegt bei etwas mehr als einem Euro; also durchaus erschwinglich für Europäer und Amerikaner. Aber unerschwinglich in einem Land, in dem der Durchschnittslohn unter 200 Euro pro Monat liegt und die Arbeitslosenquote exorbitant hoch ist.

Die Schnelltests sind einfach, billig – und unerreichbar

„Für unsere Familie wäre es Luxus, einen dieser Tests zu kaufen, weil wir nicht einmal genug zu essen haben“, erklärt Madeleine. Die 28 Jahre alte Frau aus Sierra Leone hatte in den vergangenen sechs Monaten zweimal Malaria. Madeleine lebte in einer Hütte in einem Dorf nahe Rokupr in der Landesmitte. Das örtliche Krankenhaus wurde 2014 geschlossen. Das nächste Gesundheitszentrum ist in der 30 Kilometer entfernten Stadt Lunsah. Aber man muss einen Fluss überqueren. “Es gibt keine Brücken, und um Lunsah zu erreichen, müssen wir einen großen Umweg machen.“ Aus den 30 Kilometer werden so 100 Kilometer.

Madeleine.

Image caption: Madeleine.

Copyright: Foto: David López Frías

Das ist einer der Gründe, warum Behandlungen im katholischen Krankenhaus von Lunsah nur im Ausnahmefall möglich sind. Madeleines fünf Jahre alter Neffe starb an Malaria. "Er war krank, und meine Schwester sagte nichts. Sie hatte Angst, dass er ihr weggenommen und nie wieder zurückgebracht würde.“ Außerdem werden Familien ausgegrenzt, wenn sie unter Ebola-Verdacht geraten. Deshalb entschließen sich viele Menschen, jedes Anzeichen der Krankheit zu verbergen.

Wer in Sierra Leone einen Ebola-Patienten versteckt, kann mit zwei Jahren Gefängnis bestraft werden. Deshalb zog sich Madeleines Schwester in ihre Hütte zurück, schwieg und wartete die Entwicklung der Krankheit ab. „Wenn er sich infiziert hätte, wäre es Ebola gewesen. Und wenn nicht, Malaria“, sagt Madeleine. Schließlich starb der Junge. Niemand in seinem Haus wurde mit einer Krankheit angesteckt. Deshalb zogen sie den Schluss, er sei an Malaria gestorben. "Hätten wir diesen Test gehabt, hätte meine Schwester Ebola ausschließen können und das Kind mit Medikamenten behandeln lassen“, sagt Madeleine.

Ein Pieks und kurz warten.

Image caption: Ein Pieks und kurz warten.

Copyright: Foto: David López Frías

Sie lebt inzwischen im Mutter-Teresa-Frauenzentrum in Makeni. Sie hat ihr Dorf nach der Ebola-Krise verlassen. Dort sagen einige, Madeleine habe überhaupt keine Schwester und all das sei ihr und ihrem Sohn passiert.

Es gibt keinen Impfstoff gegen Malaria. Die einzige Möglichkeit, die Ausbreitung der Krankheit zu stoppen, ist zu verhindern, dass man von einem Moskito gestochen wird (genauer gesagt, von weiblichen Mücken, weil nur sie stechen). Über das Radio werden die Menschen mit aggressiven Werbekampagnen beschallt und dazu gedrängt, unter Moskitonetzen zu schlafen. Allerdings haben nicht alle Haushalte ein Moskitonetz für jedes Familienmitglied.

Die andere Möglichkeit ist die Prophylaxe. Sie beschränkt sich aber auf Touristen und Menschen, die nur eine begrenzte Zeit in dem Land bleiben. Medikamente wie Malarone oder Lariam können die Auswirkungen des Parasiten auf den Körper verringern. Wegen schwerer Nebenwirkungen dürfen sie nicht dauerhaft genommen werden. Außerdem können die Einheimischen in Sierra Leone sie nicht bezahlen: Der Preis für eine Schachtel dieser Pillen liegt bei 60 Euro.

Tests haben keine Nebenwirkungen wie die teuren Medikamente.

Image caption: Tests haben keine Nebenwirkungen wie die teuren Medikamente.

Copyright: Foto: David López Frías

Deshalb sind sich die Gesundheitsbehörden einig: Schnelltests und die entsprechenden Medikamente sind der effektivste Weg, in Sierra Leone die Todesrate durch Malaria zu senken. Drei Dosen Pillen kosten in der Apotheke einen Euro. Viel weniger als die Prophylaxe-Pillen.

„Hier bekommt fast jeder mehrmals im Jahr Malaria. Es ist wie Grippe für Europäer“, sagt Dr. Touré. „Das Wichtigste ist eine schnelle Diagnose, insbesondere bei Kindern, und die Verabreichung der richtigen Medikamente.“

Ebola ist unter Kontrolle, aber Malaria tötet weiter

Sierra Leone ist das drastischste Beispiel für Malaria-Tod in Westafrika. Es sterben unverhältnismäßig viele Menschen an dieser Krankheit. Im Jahr 2014 registrierte Sierra Leone mehr als 6.000 Todesfälle durch den Parasiten, Nigeria 8.000. Aber Nigeria hat 173 Millionen Einwohner, Sierra Leone nur 6 Millionen.

Während der Ebola-Krise machte die internationale Gemeinschaft Sierra Leone zu einem Schwerpunktland. Regierungen auf der ganzen Welt stellten große Mengen an Geld zur Verfügung, vor allem Großbritannien. Aber diese Mittel wurden nur im Kampf gegen Ebola eingesetzt. Priorität hatte, die Epidemie zu beenden. Alles Geld wurde ausgegeben für Desinfektionsmittel, Handschuhe, Sterilisationsanlagen, Zelte, für improvisierte Pavillons... und Malaria wurde vernachlässigt.

Für Dr. Touré ist klar: „Wir brauchen erhebliche Investitionen, denn Malaria ist das große Übel Westafrikas, noch schlimmer als Ebola. Denn diese Epidemie ist bereits unter Kontrolle, aber Malaria tötet weiterhin Jahr für Jahr…“


Illustration: Sibylle Jazra für Krautreporter

Dieser Beitrag ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit mit unseren spanischen Kollegen von ​El Español​. Die viermonatige Recherche wurde ermöglicht mit 9.500 Euro aus dem „Innovation in Development Reporting Grant Programme“ (IDR) des European Journalism Centre (EJC) mit Unterstützung der Bill & Melinda Gates Foundation. Weitere Kooperationspartner sind ​Quartz , Radio Ambulante und ​Efecto Cocuyo ¡Muchas gracias!