Dann lieber Mafia, Mörder und Hells Angels

Dann lieber Mafia, Mörder und Hells Angels

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Seine Geschichte beginnt am 4. Juni 1949 in der Nähe von Verden an der Aller, einer Stadt, die einst berühmt war für ihren Bischofssitz, das Wasser, mit dem Becks gebraut wurde, die vielen Pferde und Kneipen. Von den Kneipen sind wenige übrig geblieben, Becks wurde verkauft, die Bischöfe sind alle längst tot, bleiben also die Pferde. Und davon gibt es viele hier auf den Wiesen und Feldern der Umgebung. „Ja“, sagt Günter Burmeister, der Justizwachtmeister, atmet die Waldluft ein und blickt auf seine Schuhe, die langsam im Laub versinken. „Hier bin ich also geboren.“

Im Herbstlicht ist der Boden übersät mit Golddukaten, Nebel hängt zwischen den Bäumen wie ein Netz aus Spinnweben. „Bis zuletzt wollte ich nie über meinen Ruhestand nachdenken“, sagt der 65-Jährige, zieht eine blaue Schachtel Zigaretten aus seiner Jackentasche. Eine Sportjacke. Norddeutsche sind irgendwie durchgehend atmungsaktiv. „Und ich wollte bis zum letzten Tag alles geben. Jetzt ist das rum“, sagt er und zuckt mit den Schultern, als könne er nicht richtig sagen, was das jetzt heißt.

„Das war bestimmt toll für Ihre Frau, sie hatte quasi ihren eigenen Bodyguard zu Hause. Wie im Film mit Whitney Houston“, versuche ich und schiebe einen Tannenzapfen vor mir her. Burmeister lächelt. „Wahrscheinlich. Mögen Frauen das? Sie hatte auch Angst, gerade am Anfang: Was machst du da, was sind das für Leute, die du eskortierst? Mir war das Risiko gar nicht so bewusst, denke ich. Und ich habe nicht darüber nachgedacht, was auf mich zukommt als Wachmann der Justiz. Ich dachte: Na, du schützt halt ab jetzt Häftlinge und Richter voreinander.“

Günter Burmeister war immer schon der Mann, der in der zweiten Reihe steht. Der Mann, der auf den wichtigen Fotografien der deutschen Geschichte am Bildrand steht und bei dem sich der Betrachter zwangsläufig fragt: Wer ist der Mann, und was denkt er wohl gerade?

„Was war dann eigentlich Ihr erster großer Einsatz?“, frage ich und betrachte meinen Wandergefährten von der Seite. Burmeister überlegt kurz. „Michael Kühnen“, sagt er dann, „der Nazi. Ende der Siebziger.“ Kühnen war damals Leutnant der Bundeswehr und Anführer vom „SA-Sturm Hamburg“. Und er soll sich von seinen Leuten wie einst Ernst Röhm nur „der Chef“ nennen lassen haben. Bis zu seiner Verurteilung zu vier Jahren Haft 1979 im "Bückeburger Prozess“ wegen Volksverhetzung, und im Prinzip auch wieder direkt nach seiner Entlassung, war Kühnen so etwas wie der Anführer der Neonazi-Bewegung in Deutschland.

„Wir hatten morgens Lagebesprechung“, erinnert sich Burmeister. „Wir holen ihn ab und führen ihn dem Richter vor, meine Kollegen sichern den Raum, falls die anderen Glatzen kommen oder die Fotografen, die sich nicht an die Spielregeln im Gerichtsaal halten wollen. Gerade damit haben wir bei großen Prozessen häufiger Probleme“, fügt er an. „Und dann sitze ich da während der Verhandlungstage neben Kühnen und der beugt sich rüber und flüstert mir zu: Sie sind in Ordnung, Burmeister. Wenn ich raus bin, werden Sie mein Gauleiter.“ Er lacht, so dass seine Wangen seine Augen leicht zudrücken.

Damals habe er auch den Unterschied zwischen links- und rechtsradikal kennengelernt, obwohl es „in beiden Lagern hohle Vertreter gibt“, wie er sagt: „Die harten Linken wie der Schwarze Block, die legen dir beim Prozess Nagelbretter vor die Einfahrt, damit du mit den Polizei- und Transportwagen nicht mehr rauskommst, und schlagen richtig Krawall. Die Rechten kommen in Hemd und sauberer Hose, sind höflich und zurückhaltend vor Gericht. Die wollen ja Vorbild sein für ihr neues Land da.“ Er stockt kurz. Das solle jetzt aber keineswegs heißen, einer sei irgendwie besser als der andere. „Die Glatzen“, sagt er dann, „sind gefährlich.“

Als Günter Burmeister sieben Jahre alt wird, zieht die Familie von Verden nach Bonn, in die Bundeshauptstadt. Der Vater, Jahrgang 1914, ein Offizier beim Militär, wird ins Verteidigungsministerium berufen, und die Kinder der Nachbarschaft spielten im Garten von Loki Schmidt, Gattin des späteren Bundeskanzlers Helmut. Und wenn der Wachmann kommt, dann grüßen sie artig. Und der Wachmann grüßt natürlich auch, das Gewehr auf den Schultern, auf seinen Wegen ums Haus. „Das muss man sich mal vorstellen“, sagt Burmeister, schüttelt den Kopf, zieht an seiner Zigarette. „Wir rennen durch Lokis Garten, sie macht die Blumen, und da ist nur ein Wachmann, der die Familie Schmidt beschützt. Heute wäre das doch völlig undenkbar. Aber damals war das eben so.“

1967 stirbt „der Alte“. Staatsbegräbnis. Burmeister und seine Freunde versammeln sich am Bundeshaus in Bonn, wo der Staatsakt für Konrad Adenauer stattfindet. „Wir also auf der Mauer, vor uns die dicken Limos, und dann steigen Charles de Gaulle, Königin Elisabeth und die ganze Politik-Prominenz der Welt aus“, erzählt Burmeister und zieht wieder an seiner Zigarette „Das war vielleicht ein Event, Junge, das kann ich sagen. Die gingen direkt an uns vorbei!“ Abends sitzt er dann mit seinem Vater im Wohnzimmer vor der Tagesschau, die Kamera im Fernsehbericht dreht und zeigt die Jungs, wie sie fröhlich auf der Mauer sitzen. Sein Vater war davon gar nicht begeistert. Sein Sohn hätte Berufsschule gehabt.

Burmeisters Vater, in seiner Erinnerung ein stolzer Soldat für das Vaterland, ist ein harter, aber gerechter Vater gewesen, wie Burmeister findet. Sein Sohn wurde unglücklicherweise ausgemustert und nur für bedingt wehrtauglich erklärt. „Heimlich hat er sich immer gewünscht, ich würde auch mal eine Uniform tragen“, sagt der 65-Jährige, lacht und drückt seine Zigarette im Waldboden aus. „Sein Sohn nicht beim Militär, das musste er sicher auch erstmal verkraften. Und ich wäre hingegangen, keine Frage.“

Stattdessen stehen die 68er-Jahre bevor, und als sie anbrechen, lässt sich der Sohn die Haare lang wachsen, diskutiert am Esstisch über Politik, ist gegen den Vietnam-Krieg und solidarisiert sich mit den Studentenprotesten, was dem Vater natürlich überhaupt nicht gefällt: „Er war ja sehr konservativ und glühender Adenauer-Anhänger. Der Vater der Nation, der die Gefangenen aus Sibirien zurückgeholt hat. Tja. Und Dylan, Beatles, Stones, Jeans, Röcke, Lambrusco und Sit-ins. Das ging mal so gar nicht“, erinnert sich Burmeister. Seine Augen leuchten dabei. „Aber das war, so möchte ich das heute mal sagen, wohl eine der schönsten Zeiten in meinem Leben.“

1968 geht Burmeister zurück in seine ländliche Heimat. Der gelernte Kfz-Mechaniker, der vorher noch Adenauers Fuhrpark reparierte, wechselt „wegen der finanziellen Sicherheit“ in den Justizdienst. Das hieß zuerst: Briefmarken kleben auf der Wachtmeisterei. Als der sogenannte Linksruck Deutschland erfasste - die Rote Armee Fraktion, die Hausbesetzerszene und die Proteste gegen das Atommülllager Gorleben - da wurde seine Spezialeinheit ins Leben gerufen: die Einsatzreserve des Justizwachtmeisterdienstes.

„Die Polizei sollte neben Gorleben auch die Gerichte bei solchen Prozessen schützen. Da haben die gesagt: Machen wir nicht, ihr braucht eigene Leute.“ Er wurde genommen und monatelang umgeschult. „Ich weiß noch, wie ich damals in Gorleben dann in dieser Sammelstelle stand, wo die Demonstranten, die ausgerastet waren, dem Schnellrichter vorgeführt wurden. Zwecks Platzverweis und so. Ich habe die Leute verstanden: Ich würde doch auch, wenn bei uns um die Ecke so ein bescheuerter Transport fährt, sofort auf der Straße stehen! Und dann habe ich den Jungs und Mädels gesagt: Macht das weiter, aber bitte, bitte: seid friedlich und vorsichtig.“

„Sprechen Sie generell mit Angeklagten?“, frage ich. „Haben Sie Mitleid?“ Burmeister nickt. „Natürlich. Manche von denen sind doch richtig arme Schweine. Klar hört man sich da deren Sorgen an. Man darf in unserem Job nicht unterscheiden oder Vorurteile haben, das wäre nicht richtig. Wenn da beispielsweise so ein junger Typ neben mir sitzt, der vorgeführt wird, weil er wegen Betäubungsmitteldelikten einen Bruch gemacht hat – ja, was soll der denn auch machen, bitteschön, wenn der Staat ihm nicht früher hilft? Der macht das doch nicht freiwillig, die Drogen und sein Scheißleben da. Da habe ich Mitleid, ja.“

Er macht eine Pause und wirkt kurz wütend, fängt sich dann aber wieder. „Und, ich muss schon sagen: Wenn da so eine junge Bande sitzt, die ohne einen Menschen zu verletzen eine Bank um ein paar Tausend Euro erleichtert hat, und da kommt keiner zu Schaden bei, dann hab ich Respekt. Die sind doch richtig clever, die Kerle, und tricksen die alle da oben schön aus. Das bewundere ich. Und es ist auch nur Geld, es tut meist keinem weh.“

Dann gab es auch Prozesse, die führten Günter Burmeister bis an den Rand seiner Grenzen: „Es gibt natürlich Angeklagte, mit denen kann und möchte ich nicht sprechen. Da ist überhaupt keine Ebene mehr. Wenn ich mehrere Stunden neben einem Kinderschänder sitze, der seine Tat im Detail dem Richter erklärt, und der empfindet nicht mal Reue dabei, während er erzählt, wie er richtig loslegt, dann sitze ich da und denke an meine Enkelin. Oder die Eltern des Kindes. Und dann werde ich so wütend. Das ist ganz furchtbar für mich - und das werde ich auch nachher nicht mehr so richtig los. Meiner Frau kann ich das ja eh nicht erzählen. Also dann lieber Mafia, Mörder und Hells Angels“.

Wenn er frei hat, geht es mit den Motorrädern samt Familie am Wochenende ins Umland. Burmeister ist selbst Teil eines Triker-Clubs. Dass das Steintorviertel in Hannover sowie andere Gegenden bis nach Hamburg den Nord-Ablegern („Charter“) der Hells Angels unterstehen, die zwar mittlerweile verboten sind, das weiß er aus erster Hand.

Vor einigen Jahren trifft Burmeister als Teil einer ganzen Sicherungsgruppe der Einsatzreserve vor Gericht auf Frank Hanebuth, Hells-Angels-Boss der norddeutschen Chapter, Rotlicht-König und Hardcore-Rocker. Knappe zwei Meter groß, fast genauso breit. Seine Freunde nennen ihn nur „den Langen“. „Da ging mir schon richtig die Muffe“, verrät Burmeister. „Ich habe mit den Anwälten von ihm ausgemacht, dass wir hier nicht die Wachtmeister raushängen lassen, damit nichts eskaliert. Der ist jedem von uns schon körperlich überlegen“, sagt der 65-Jährige. „Wir saßen dann neben ihm - ohne, dass er auch nur einmal mit uns gesprochen hätte. Für Frank Hanebuth sind Justiz und Polizei ein rotes Tuch.“ Burmeister zuckt mit den Schultern. Man kann es ja auch verstehen, irgendwie.

Dass es allerdings auch ganz andere „Jungs“ gibt, wie Burmeister sagt, dafür steht ein ganz besonderer Tag exemplarisch: der 14. November 2013. In einer Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft Hannover heißt es an diesem Morgen trocken, dass der Gerichtsprozess gegen einen gewissen Christian Wulff aus Großburgwedel eröffnet wird.

Günter Burmeister wird dem damaligen Bundespräsidenten als Begleiter im Gerichtssaal zugeteilt – um wen zu schützen? „Na, ihn“, sagt er freudig. „Die haben ja richtig Hatz auf den gemacht. Einfach ekelhaft. Ich erinnere mich an einen Tag, wie eine Reporterin am Handy zu ihrem Kollegen sagte, der wohl während des Prozesses vor Wulffs Haus gewartet hat: Hast du auch die Mülltonnen durchsucht?“ Burmeister verzieht das Gesicht. „Das ist so abscheulich“ sagt er dann grollend. „Das macht man nicht – egal, um wen es geht.“

Sein Sitznachbar sei sehr nett gewesen, erinnert er sich. Jeden Morgen vor Prozessbeginn gibt er Burmeister medienwirksam vor den Kameras die Hand. Und natürlich verfolgt auch der Wachtmeister die Zeitungen. „Einmal habe ich ihm zwischendrin gesagt: Herr Bundespräsident, da haben sie jetzt aber richtig Mist gebaut mit dem AB bei Herrn Diekmann. Da schaut er mich an und sagt: Herr Burmeister, das stimmt und das passiert, wenn man Dinge nicht zu Ende denkt.“

Er macht eine kurze Pause, sucht etwas in der Tasche. „Ich glaube, das ging ihm alles viel zu schnell. Diese Tage da vor Gericht, die ganze Presse, die ständigen Erklärungen. Er ist ganz froh, seinen Job los zu sein und Ruhe zu haben.“

Burmeister kramt den Schlüssel hervor, der Spaziergang neigt sich dem Ende entgegen. „Was mich aber wirklich traurig macht, ist, dass für läppische 700 Euro ein Mann vom Hof gejagt wird, der eigentlich nichts falsch gemacht hat. Außer, dass er einen dummen, aber verzeihlichen Fehler gemacht hat. Ich habe damals den Verteidiger gefragt, ob ich als Justizangestellter meinen Freund auf Mallorca jetzt besser auch nicht mehr besuche.“ Burmeister versteht es nicht. Eine Einladung sei eine Einladung - und wenn keine Gegenleistung erfolgt oder die Höhe irgendwie fragwürdig scheint, dann sei das doch okay, findet er. Auch Politiker seien Menschen.

„Ich habe Wulff daraufhin zu meiner Pensionierung eingeladen“, sagt Burmeister triumphierend. „Geht alles auf mich, habe schon einen Saal angemietet mit meinen Ex-Kollegen. Das wird aber kein Spaziergang, das kann ich sagen. Da können seine Bodyguards ihn anschließend stützen kommen“, fügt er augenzwinkernd und vergnügt an. „Herr Wulff trinkt aber gar keinen Alkohol.“ Ich blicke ihn lange an, betrachte, wie der Schlüssel ins Schloss fährt. „Okay, ja“, sagt Burmeister dann und dreht sich nochmal zu mir. „Ich glaube ja auch nicht, dass er kommt. Zugesagt hat er jedenfalls.“

Als seine Haustür sich öffnet, zwängt sich eine Wolke aus Kaminfeuer, Kerzenwachs und frischer Gänsekeule durch den Hausflur ins Freie. So also riecht Ruhestand. „Herr Burmeister, eine Frage noch. Glauben Sie eigentlich, Ihr Vater wäre stolz auf Sie?“ Seine Frau taucht neben ihm auf, legt den Arm um ihn. „Na, immerhin habe ich doch noch mal eine Uniform getragen, nicht wahr?“, sagt er dann, winkt und schließt die Tür.

Es ist dunkel geworden, und das Licht aus den Fenstern streift den Kies auf der langen Einfahrt. Seine Frau holt in der Küche einen Braten aus dem Ofen, und Burmeister hängt seine Jacke an den Haken. Für morgen hat sich sein Sohn zum Holzhacken angekündigt.

Aufmacherfoto: Jörg Singer

Das Audiofile wurde erstellt von detektor.fm