Arm gleich krank?

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1. Ab wann hat ein Mensch nicht mehr nur wenig Geld zum Leben – sondern gilt tatsächlich als arm? Diese Frage ist entgegen der ersten Annahme gar nicht so leicht zu beantworten, vor allem nicht pauschal. Experten unterscheiden deswegen zwischen absoluter oder extremer, relativer und gefühlter Armut:

Die Weltbank definiert Menschen als absolut arm, die lediglich 1,90 US-Dollar pro Tag zur Verfügung haben. Bei etwa 1,2 Milliarden Menschen ist das noch immer der Fall – auch, wenn im vergangenen Jahr laut Bericht der Weltbank erstmals weniger als zehn Prozent der Weltbevölkerung von absoluter Armut betroffen waren. Vor allem die afrikanischen Länder der Subsahara, aber auch Ost- und Südasiens leiden unter extremer Armut, so die Weltbank.

Relative Armut findet sich hingegen in Wohlstandgesellschaften, in denen zwar niemand mehr von der extremen Form des Geldmangels betroffen ist, es aber eine geringverdienende Unterschicht gibt. Wer weniger als die Hälfte des Durchschnitteinkommens bekommt, gilt als relativ arm. In Deutschland lag das durchschnittliche Bruttoarbeitsentgelt aller Versicherten der Deutschen Rentenversicherung zufolge im vergangenen Jahr bei knapp 35.000 Euro, für das laufende Jahr wurde der Wert höher, nämlich auf 36.267 Euro, veranschlagt.

Der jüngste Bericht des Paritätischen Wohlfahrtverbandes vom Februar gibt an, die Armutsquote in Deutschland liege mit 15,4 Prozent jedoch unverändert hoch – obwohl die Wirtschaft anzieht. Vor allem gefährdet: Alleinerziehende, Rentner und Erwerbslose. Zum Vergleich: Vor zehn Jahren lag die Armutsquote noch bei 14 Prozent. Als echte Problemregion in Deutschland nennt der Paritätische Wohlfahrtsverband das Ruhrgebiet. Hier beträgt die Armutsquote 20 Prozent.

Doch auch jemand, der der Definition nach „offiziell“ gar nicht arm ist, kann sich selbst so einschätzen. Denn Armut definiert sich immer in Relation, also dadurch, dass ein Vergleich stattfindet. In München beispielsweise dürfte es weitaus schwieriger sein, mit einem unterdurchschnittlichen Einkommen zu leben als in Berlin. Wer dort wiederum nach der landesspezifischen Definition arm ist, könnte in einem Entwicklungsland als reich gelten. Arm zu sein ist also nicht nur ein objektiver Zustand, sondern auch ein Gefühl. Deswegen sprechen Experten von gefühlter oder sozio-kultureller Armut. Davon betroffen sind Menschen, die sich aufgrund ihrer finanziellen Lage als von der Gesellschaft ausgeschlossen betrachten und in ständiger Angst vor Armut leben.

2. Die meisten Menschen sterben in Deutschland heute aufgrund einer Herz-Kreislauf-Erkrankung. Auf Platz zwei der Todesursachen stehen Krebserkrankungen, schreibt das Robert-Koch-Institut aus Berlin (RKI) in seinem aktuellen Gesundheitsbericht. Interessant ist die Tatsache, dass Frauen im Schnitt etwa fünf Jahre älter werden als Männer. Laut RKI könnten Mädchen von heute durchschnittlich 82,7 Jahre alt werden, Jungen mit einer Lebenserwartung von 77, 7 Jahre rechnen. Warum? Das lässt sich nicht eindeutig sagen. Wissenschaftler vermuten ein Zusammenspiel aus biologischen Faktoren und solchen, die die Lebensweise betreffen. Frauen verfügen im Gegensatz zu Männern über ein zweites X-Chromosom, auch über einen anderen Hormonhaushalt. Beides könnte eine Rolle spielen. Männer, so nehmen Forscher an, leben außerdem eher ungesund. So rauchen und trinken sie in der Tendenz mehr und kümmern sich weniger als Frauen um ihre gesundheitliche Vorsorge.

3. Die anfangs zitierte Politikerin Sabine Zimmermann führt ihre Aussage noch weiter aus: „Die Lebenserwartung besonders von Männern liegt in struktur- und einkommensschwachen Regionen wie weiten Teilen der neuen Bundesländer und Teilen des Ruhrgebiets, des Saarlandes und Frankens statistisch signifikant unter dem Durchschnitt.“ Arme Männer fliegen also zuallererst aus dem Lebenskarussell, so ließe sich die Aussage zusammenfassen. Das ist auf zweierlei Weise bitter: Arm zu sein bedeutet schon eine Bürde, aber dann auch noch früher sterben müssen? Es war der amerikanische Schriftsteller Tennessee Williams, der gesagt haben soll: „You can be young without money, but you can´t be old without it." Offensichtlich hatte er recht - selbst gestorben wird nach Klassenunterschieden.

Aber warum ist das so? Wieso sterben arme Menschen (insbesondere arme Männer) früher? Im jüngstem Gesundheitsbericht des RKI lässt sich nachlesen: „Die gesundheitliche Situation der Bevölkerung wird von vielen Faktoren beeinflusst. Sie basiert auf sozialen Unterschieden; es zeigen sich aber auch geschlechterbezogene, regionale und weitere Gesundheitsunterschiede, wie zum Beispiel nach Migrationsstatus.“ Armut ist einer der Faktoren, der die Gesundheit von Menschen beeinflusst. So heißt es weiter im Bericht des RKI: „Für eine Vielzahl chronischer Krankheiten gilt: Je niedriger der soziale Status, desto höher ist das Erkrankungsrisiko." Wer über zu wenig Geld verfügt, hat von einer anderen Sache zu viel: Sorgen. Die aber bedeuten Stress – und wer permanent unter Stress steht, wird schneller krank. Vor allem dann, wenn die Sorgen existenzieller Natur sind.

Wer gerade über so viel Geld verfügt, dass er nicht hungern muss sowie Miete und Versicherung abdecken kann, wird mit großer Wahrscheinlichkeit kein Geld übrighaben, das er in eine gesunde Ernährung, in Sportkurse und regelmäßige gesundheitliche Check-Ups investieren kann, also kurz: in Maßnahmen, die allgemein der Gesundheit dienen – und damit einem längeren Leben. Menschen mit geringerem Bildungsabschluss arbeiten zudem häufiger in Berufen, die körperlich schwer und belastend sind. Und sie leben eher in Gebieten, in denen Lärm und eine hohe Luftverschmutzung den Alltag begleiten; wer über wenig Geld im Portemonnaie verfügt, kann sich keine Wohnung am Rande des nächsten Naherholungsgebiets leisten, sondern wohnt in der Platte an der nächsten Schnellstraße.

Der Lebensort gepaart mit der Einkommensklasse hat damit Einfluss auf die Frage, wie alt ein Mensch wird. Das schreiben auch das amerikanische Magazin The Atlantic oder die New York Times. Beide beziehen sich auf eine Studie, die gerade im Journal of the American Medical Association (JAMA) veröffentlich wurde. Für die umfangreiche Arbeit hatten Forscher Daten von mehr als einer Milliarde Steuererklärungen aus den USA ausgewertet. Sie kamen unter anderem zu dem erstaunlichen Ergebnis: Die Korrelation zwischen Ort, Armut und Lebensspanne gilt nicht pauschal für alle Städte. In New York, Birmingham (Alabama) oder Los Angeles etwa leben selbst Menschen mit unterstem Einkommen fast genauso lange wie ihre Nachbarn aus der Mittelschicht.

Dieses Ergebnis lässt den Schluss zu, so schreibt es die New York Times, dass eben nicht allein das Einkommen und die äußeren Gegebenheiten entscheidend sind – sondern die Verhaltens- und Lebensweisen der Menschen selbst. Und die wiederum lassen sich fördern, weil der Mensch sich adaptiv verhält. So dürfen in New Yorker Restaurants und Imbissen beispielsweise keine gesundheitsschädlichen Transfette verwendet werden, auch Rauchen ist dort streng reguliert. In Birmingham wurde der Zugang zu vorsorglichen medizinischen Checkups durch den Bau von Kliniken in ärmeren Stadtvierteln erhöht.

So lässt sich die Lebensspanne gering verdienender Menschen mit lokalen Maßnahmen wie diesen verlängern und damit auch Tennessee Williams Zitat zumindest teilweise außer Kraft setzen. Getreu dem Satz: Arme sterben früher – aber die Hoffnung stirbt zuletzt.