Wie viel Privates macht ihr während der Arbeitszeit?

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Insgesamt 14 Jahre, mehr als 23.000 Arbeitsstunden lang, tat er nichts, dann verabschiedete sich der Mendener Vermessungsingenieur mit einer E-Mail an seine Kollegen in den Ruhestand. Darin schrieb der Angestellte im öffentlichen Dienst: „Ich war anwesend, aber nicht wirklich da. Ich bin auf den Ruhestand also gut vorbereitet.“ Der spektakuläre Fall sorgte für Aufsehen. Während der Ingenieur aber einfach keine Aufträge mehr erhielt, werden Arbeitnehmer, die nebenher Privates erledigten, deutlich weniger gefeuert. Ein Flughafenserviceunternehmen entließ beispielsweise eine Mitarbeiterin, die einmalig 45 Minuten früher den Arbeitsplatz verließ als angegeben. Erst kürzlich hat der europäische Gerichtshof für Menschenrechte die Entlassung eines Ingenieurs in Rumänien gebilligt, der während der Arbeitszeit persönliche Nachrichten auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht hatte.

Was ist in diesem Zusammenhang normal, hat mich Krautreporter-Leserin Hanna gefragt. Doch bevor ich antworte, wollte ich von ihr wissen, wie sie es mit dem Privaten während der Arbeitszeit hält.

Hanna, warum stellst du mir die Frage?

Ich habe gemerkt, dass es in meinem Freundeskreis immense Unterschiede gibt, was das Erledigen von Privatangelegenheiten in der Arbeitszeit bzw. mit Arbeitsmitteln (Drucker usw.) angeht. Und auch was die moralische Vorstellung darüber betrifft. Für manche ist das ein No-Go und für manche ganz selbstverständlich. Beispielsweise hat ein Bekannter gesagt, er arbeite nur zwei Stunden am Tag und spiele den Rest der Zeit mit dem Handy oder schaue Filme. Ein anderer liest nicht mal seine Nachrichten während der Arbeitszeit.

Wo arbeitest du?

Ich bin Softwareentwicklerin in einer kleinen Softwarefirma in Berlin (vier Vollzeit-Mitarbeiter, drei Teilzeit-Mitarbeiter).

Erledigst du selbst viel Privates während der Arbeitszeit?

Da ich meinen privaten Rechner im Büro nutze, komme ich um manche „private Ablenkung" gar nicht herum. Also, Mails die ankommen, Erinnerungen, Kalender. Das führt dann schon mal dazu, dass ich die eine oder andere private Mail schreibe. Andererseits habe ich dabei auch immer ein schlechtes Gewissen und bleibe dadurch eher länger im Büro. Ich schreibe meine Stunden nicht auf, aber ich denke und hoffe, dass sich das wieder ausgleicht. Wenn ich unmotiviert oder blockiert bin, dann kann es aber auch sein, dass ich das gefühlt nicht ausgleiche.

Und deine Kollegen?

Meine Kollegen sind sehr unterschiedlich. Die meisten schauen nebenbei ab und zu in soziale Netzwerke rein, beantworten Nachrichten auf dem Handy etc. Manche haben sogar ihr privates Notebook neben ihrem Arbeitsrechner stehen und wechseln hin und her. Wiederum andere erledigen (scheinbar) fast gar keine Privatangelegenheiten am Arbeitsplatz. Von meinem Chef wird das nicht so gern gesehen.

Womit verbringst du die meiste Zeit?

Mit E-Mails, SMS (die werden auf meinen Rechner übertragen) und privaten Nachrichten auf Facebook. Selten mit dem Activity Stream, Recherchen, drucken o.ä.

Detektei spürt „Arbeitszeitbetrüger” auf

Eine große Detektei, die sich darauf spezialisiert hat, im Auftrag von Arbeitgebern Arbeitnehmer auszuspionieren, die Privates in der Arbeitszeit erledigen, und reißerisch wirbt: „Arbeitszeitbetrug - Wir überführen die Täter!“, hat eine ganze Reihe Gerichtsurteile zusammengetragen, die einen interessanten Einblick geben in das, was sich täglich unter deutschen Firmendächern ereignet. Eine Angestellte ging montags früher, um Krankengymnastik zu machen. Ein anderer erledigte vormittags Einkäufe im nahegelegenen Supermarkt.

KR-Leserin Therese berichtet von einem Kollegen, der einen Hockey-Verein leitet und sich während der Arbeitszeit um Bestellungen von Trikots kümmert, Einladungen verschickt und zahlreiche Telefonate mit Vereinsmitgliedern, seinen Kindern und der Frau führt. Und nicht zuletzt sucht laut einer Umfrage des Onlinejobportals Monster jeder Dritte während der Arbeitszeit einen neuen Job. Jeder sechste der befragten Angestellten verbrachte mehr als fünf Arbeitsstunden pro Woche mit der Stellensuche im Internet.

Eine (nicht-repräsentative) Umfrage unter 941 Krautreporter-Lesern hat ergeben, dass 85 Prozent privat im Internet surfen, fast drei Viertel schreiben private E-Mails und immerhin 5 Prozent gaben an, während der Arbeitszeit Freunde zu treffen. Demgegenüber erklärte aber jeder Zehnte auch, dass er gar keine privaten Dinge erledigt.

Bis zu zwei Stunden Arbeitszeit täglich werden mit privaten Dingen verbracht. Fast jeder vierte Krautreporter-Leser vertrödelt damit ein Viertel seines Arbeitstages. Mehr als jeder dritte beschäftigt sich bis zu einer Stunde mit Privatem.
US-amerikanische Untersuchungen zeigen, dass Mitarbeiter bis zu 21 Stunden wöchentlich auf Kosten der Arbeitszeit online sind. 60 Prozent aller Online-Einkäufe werden in den Vereinigten Staaten zwischen 9 Uhr morgens und 5 Uhr nachmittags getätigt.

In vielen Unternehmen ist es nicht grundsätzlich verboten, Privates in der Arbeitszeit zu erledigen, wenn dabei Maß gehalten wird und die Arbeit selbst tatsächlich nicht auf der Strecke bleibt. Das zeigt auch die Umfrage unter Krautreporter-Lesern. Nur jeder fünfte Chef verbietet privates Surfen und Co. ausdrücklich. Fast die Hälfte aber erlaubt es.

Meine Kollegin Vera Fröhlich plädiert dafür, die Frage anders zu stellen: „Wie viel Arbeit machst du in deiner ‚Freizeit‘? Das Smartphone garantiert, dass uns E-Mails und andere Anfragen Tag und Nacht erreichen können, wenn wir das zulassen. Das Wochenende muss dafür herhalten, ‚Liegengebliebenes‘ aufzuarbeiten. Weil dich sonst zu Wochenbeginn der Stapel an Aufgaben erschlägt. Schöne neue Welt im Internetzeitalter.“

Die Gründe sind vielfältig, warum Menschen Arbeit und Privates nicht strikt trennen. Während einige Arbeitnehmer unter Überforderung leiden, sind andere unterfordert oder haben, wie es besonders in großen Unternehmen vorkommt, schlicht zu wenig zu tun. Das schreibt der schwedische Soziologe Roland Paulsen in seinem Buch „Empty Labor“. Die Angestellten würden dies ihrem Chef aber nicht mitteilen, da sie zu recht befürchteten, dass ihre Arbeitszeit dann gekürzt werden würde.

Auch KR-Leserin Therese räumt ein, dass sie Tage, an denen sie prokrastiniert oder weniger zu tun hat, zum Onlineshopping nutzt, "anstatt mir Gedanken zu machen, wie ich ein neues Projekt an Land ziehen könnte oder ähnlich tolle Dinge für die Firma machen könnte. Man muss sich mal vorstellen, wie deutlich erfolgreicher ein Unternehmen wäre, wenn all die Prokrastinierer ihre Energie in die Weiterentwicklung ihres Arbeitsalltages setzen würden“. Der Landesrechnungshof Berlin hat den Schaden, den die Landesdiener durch privates Surfen im Internet anrichten, auf jährlich 50 Millionen Euro beziffert. Der Revision Mitte der 2000er Jahre zufolge wurde das Internet teilweise bis zu zwei Dritteln privat genutzt. In den USA wird der volkswirtschaftliche Schaden aufgrund der privaten Nutzung von Facebook & Co. während der Arbeitszeit auf 759 Milliarden Dollar beziffert.

Liebe Hanna, die Grenzen zwischen Arbeitszeit und Freizeit sind heute häufig fließend. Je mehr Arbeitnehmer auch in ihrer Freizeit etwas für den Job tun (E-Mails checken, Telefonate beantworten), private Ressourcen freimachen, Überstunden leisten - umso mehr müssen sie auch Privates während der Arbeitszeit erledigen (dürfen). Auch wenn sie das nicht gerne hören, die Chefs.


Aufmacherfoto: Christoph Maria Herbst als Bernd Stromberg in „Stromberg. Der Film“ (© Brainpool Produktion).