Schmutzige Wäsche

Schmutzige Wäsche

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Calafat, Süd-Rumänien, 7 Uhr morgens. Hunderte Textilarbeiterinnen drängeln sich auf einem provisorischen Markt. Sie brauchen Nachschub für die nächste Schicht - Cracker, Chips und Limonaden stapeln sich auf den Motorhauben von zwei Minivans. Immer mehr Menschen kommen, mit dem Bus oder zu Fuß über eine lange Autobahnbrücke.

Die Strickwarenfabrik Maglierie Cristian Impex gehört Italienern. Sie ist der größte Arbeitgeber in der Region. Zu ihren Kunden gehören bekannte Marken wie Kenzo, Escada, Marc O'Polo, Faconnable und auch Inditex, der in Spanien angesiedelte Marken-Riese, dem auch Zara und Massimo Dutti gehören. Einer Lokalzeitung zufolge, die den Werksleiter interviewt hat, gehören auch Hugo Boss und Pierre Cardin zu den Auftraggebern.

Viele Arbeiterinnen wollen nicht mit einem Reporter sprechen. Weil sie fürchten, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Andere nuscheln im Vorübergehen, sie hätten ihre Gehälter nicht erhalten. Es laufe schlecht, sagen sie. „Helfen Sie uns, wenn Sie können“, sagt mehr als eine.

Arbeiter sichern sich einen Vorrat an Snacks vor ihrer Schicht in der Maglierie-Cristian- Fabrik in Calafat, Süd-Rumänien (im Juli 2015).

Image caption: Arbeiter sichern sich einen Vorrat an Snacks vor ihrer Schicht in der Maglierie-Cristian- Fabrik in Calafat, Süd-Rumänien (im Juli 2015).

Copyright: Foto: Laura Stefanut

„Arbeit, Arbeit, Arbeit - aber kein Lohn“, klagt eine Arbeiterin, die 34-jährige Cristina (Name zum Schutz der Frau geändert). Rund ein Dutzend derzeitige oder ehemalige Arbeiterinnen der Fabrik sagten dem Balkan Investigative Reporting Network, BIRN, sie müssten auf ihr Geld warten. Einige berichteten, im vergangenen Jahr hätten sie nur alle zwei oder drei Monate Löhne erhalten.

In den vergangenen Jahren haben Aktivisten und Journalisten die Not von Textilarbeiterinnen angeprangert. Meistens konzentrierten sie sich auf Asien. Aber auch innerhalb der Europäischen Union, in Rumänien und Bulgarien, müssen die Arbeiterinnen niedrige Löhne hinnehmen, lange Arbeitszeiten und schwierige Bedingungen ertragen, wenn sie Kleidung für große Mode-Häuser machen, darunter auch Edelmarken.

Nicht-Regierungsorganisationen wie die Fair Wear Foundation und die Clean Clothes Campaign fordern, die Marken müssten die volle Verantwortung für ihre Produktionsketten übernehmen; dazu gehörten auch anständige Löhne und Arbeitsbedingungen für alle beteiligten Arbeiter.

Die Fabrikbesitzer sagen, die Marken setzten sie unter Druck, die Kosten niedrig zu halten. Die Arbeiter, überwiegend Frauen, werden oft zum gesetzlichen Mindestlohn von ein paar hundert Euro im Monat angeheuert und bekommen meist sogar weniger ausgezahlt. Sie müssen oft monatelang auf ihren Lohn warten, der weit unter dem Existenzminimum in den betroffenen Ländern liegt.

Cristina sagt, sie sei von Ende Januar bis Mitte Juli nur zweimal bezahlt worden. Insgesamt hat sie rund 1.500 Lei (340 Euro) für ein halbes Jahr Arbeit bekommen. "Frauen gehen zum Chef und beginnen vor ihm zu weinen, sie sagen: ‚Bitte geben Sie mir mein Geld, ich habe nichts zu essen für meine Kinder‘“, erzählt Cristina. Sie lebt in einem Häuschen in einem Dorf, etwa zehn Kilometer von der Fabrik entfernt.

Cristina teilt sich ein winziges Haus mit zwei Zimmern mit ihrem Ehemann, ihrem Sohn und ihrer Schwiegermutter. Sie ist das einzige Familienmitglied in einer Vollzeitbeschäftigung. Und dennoch denkt sie, dass sie mehr Glück hat als ihre Kolleginnen: Sie muss keine Bankkredite tilgen und lebt auf dem Land, wo sie ihr eigenes Essen anbauen kann.

Wilder Streik

Im April 2014 beteiligten sich mehr als 300 Mitarbeiterinnen der Maglierie-Cristian-Fabrik an einem wilden Streik. Sie protestierten dagegen, dass sie ihre Gehälter zu spät bekommen. Wahrscheinlich könnten sie ihren Familien zu Ostern nicht einmal eine anständige Mahlzeit auftischen, schimpften sie.

Einer der Streikenden, der 29 Jahre alte Cristi Deseanu, sagt, die Leute hätten schließlich ihr Geld bekommen. Aber er und andere lautstarke Demonstranten seien gefeuert worden.

In einem kurzen Telefongespräch erklärte ein leitender Angestellter dem BIRN, Deseanu habe gekündigt. Aber Unterlagen aus der Fabrik belegen, dass die Firma ihn entlassen hat. Weil er einem internen Disziplinarverfahren zufolge an einem nicht genehmigten Streik teilgenommen hat und so das Unternehmen in Verruf gebracht habe.

Deseanu arbeitete als Mechaniker in der Anlage, er programmierte und wartete Maschinen. Er sagt, offiziell habe sein Gehalt rund 250 Euro pro Monat betragen. Aber er habe nicht immer die komplette Summe erhalten. Vor allem nicht im Winter, wenn die Fabrik weniger Aufträge hatte. Einige Monate verdiente er nur rund 150 Euro. Das kann er mit seinen Lohnabrechnungen belegen.

"Mit meinem Gehalt dort konnte ich es mir nicht leisten, eine eigene Familie zu gründen“, sagt Deseanu. Er hat inzwischen einen Job in einer anderen Fabrik gefunden - 250 Kilometer von seiner früheren Wohnung und seinem Arbeitsplatz in Calafat entfernt.


Die Fabrik in Calafat ist mehrheitlich im Besitz von Enzo Mantovani, dem Gründer einer Luxus-Kaschmir-Marke, und seinen beiden Söhnen, Cristian und Gianluca. Letzterer ist auch Hauptgeschäftsführer des rumänischen Unternehmens, das 2014 einen Umsatz von mehr als 8,3 Millionen Euro auswies (nach Angaben des Ministeriums für öffentliche Finanzen).

Das Werk gehört zu den größten Bekleidungsfabriken in Rumänien und beschäftigt rund 1.000 Mitarbeiter. Es wirbt damit, „einen guten Ruf im In- und Ausland“ zu haben und als Philosophie die „absolute Kundenzufriedenheit“. Nach eigenen Angaben hatte es im Jahr 2014 rund 900 Mitarbeiter.

BIRN hat wiederholt über mehrere Monate versucht, eine Stellungnahme von der rumänischen Firma zu erhalten, vor allem zu den konkreten Vorwürfen in diesem Artikel. Ein BIRN-Reporter ging zum Werkstor, rief die Firma mehrfach an, reichte Fragen per E-Mail ein und kontaktierte Cristian Mantovani via Facebook. Aber es gab keinen Kommentar, der über die mageren Worte zu Deseanus Ausscheiden hinausging.

Inditex sagte im September vergangenen Jahres, seinen Sozialprüfungen zufolge habe die Anlage die Standards eingehalten. Ende Januar dieses Jahres hieß es dann, dass Inditex die Fabrik nun „unter einen Korrekturplan“ gestellt habe. Was das genau bedeutet, erklärte Inditex nicht.

„In den folgenden Wochen werden die Audit-Teams bei dem Lieferanten ein weiteres Mal prüfen, ob die Sozial-Standards eingehalten werden. Der Lieferant wird dann entweder die Genehmigung erhalten, Inditex weiter zu beliefern, oder er wird definitiv ausgeschlossen“, erklärte das Unternehmen.

Die anderen Marken, die angeblich in der rumänischen Fabrik arbeiten lassen, reagierten nicht auf E-Mail-Anfragen oder telefonische Bitten um eine Stellungnahme oder beantworteten nicht die gestellten Fragen.

„Lebensader“

Catalin Mohora ist Inspektor beim Gewerbeamt im Kreis Dolj, zu dem Calafat gehört. Er sagt, für einen Arbeitgeber könne es durchaus legal sein, weniger als den Mindestlohn zu zahlen. Wenn beispielsweise die Nachfrage nach seinen Produkten gering sei, könne der Arbeitgeber die Arbeitszeiten verringern und den Lohn entsprechend senken.

Das Gesetz sieht laut Gewerbeamt auch keine Strafen für den Fall vor, dass Gehälter nicht pünktlich bezahlt werden. Wenn das Geld zu spät kommt, müssen die Inspektoren zunächst den Arbeitgeber auffordern, endlich zu zahlen. Erst wenn dann immer noch nichts passiert, können Bußgelder verhängt werden.

Inspektor Mohora sagt, Maglierie Cristian sei einer der besseren Arbeitgeber im Kreis. Andere Unternehmen versuchten, den rechtlichen Spielraum so auszunutzen, dass sie kaum Löhne und Steuern zahlten – sie veränderten zum Beispiel Verträge nach der Unterzeichnung oder zahlten den Mitarbeitern kein Geld für Überstunden.

Calafat, eine Stadt mit rund 17.000 Einwohnern an den Ufern der Donau, wurde unter der Herrschaft des kommunistischen Diktators Nicolae Ceausescu ein Industriezentrum. Aber nur wenige der Fabriken überlebten den Wechsel zum Kapitalismus in den 1990er Jahren.

Der stellvertretende Bürgermeister der Stadt, Dorel Mituletu, sitzt an seinem Schreibtisch, neben ihm stehen große Flaggen von Rumänien und der EU auf dem Boden. Calafat kämpfe um Investoren, sagt er. Und die Maglierie-Cristian-Fabrik sei die „Lebensader“ der Stadt.

„Niemand kann es sich leisten, sich gegen jemanden zu positionieren, der auf die eine oder andere Weise 1.000 Personen Arbeitsplätze bietet“, sagt er.
„Wenn die gehen, bleiben Sie mit einem großen sozialen Problem zurück.“

Der Vizebürgermeister von Calafat, Dorel Mituletu, im Juni 2015 in seinem Büro.

Image caption: Der Vizebürgermeister von Calafat, Dorel Mituletu, im Juni 2015 in seinem Büro.

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Mituletu räumt ein, die Beschäftigung in der Fabrik sei „eine anstrengende Arbeit für die Frauen“, vor allem im Sommer, wenn es im Inneren so heiß werde, dass einige Arbeiterinnen in Ohnmacht fallen.

„Die armen Dinger fallen um wie die Fliegen“, sagt Mituletu.

Cristina berichtet, sie habe im vergangenen Juli gesehen, wie es drei Frauen in ihrem Abschnitt wegen der Hitze schlecht geworden sei oder wie sie zusammengebrochen seien. Und sie erinnert sich an einen italienischen Aufseher, der gelacht und gesagt habe, er müsse auf dem Hinterhof einen improvisierten Friedhof einrichten, wenn die Frauen weiter so umfielen. "Er wollte einen Scherz machen“, sagte Cristina resigniert.

Die Fabrik hat zwar Klimaanlagen. Aber sie reichen nicht aus gegen die Hitze von Maschinen und Bügeleisen. Da sind sich Cristina und Mechaniker Cristi Deseanu einig.

Die Modemarken schicken manchmal Mitarbeiter, um die Fabriken zu überprüfen, mit denen sie arbeiten. Cristina sagt, im Sommer 2015 habe ein Vertreter von Lacoste die Fabrik in Calafat besucht. Sie hatten rund um die Uhr gearbeitet, um gestreifte Pullover für die französische Marke zu produzieren - in zwei Zwölf-Stunden-Schichten.

"Wir haben wie verrückt gearbeitet und uns gefragt, wie lange wir so weitermachen könnten“, erinnert sich Cristina.

Der Lacoste-Mann fragte nach den Arbeitsbedingungen. Eine Abteilungsleiterin war besorgt, dass sie zu viel gesagt habe und deswegen entlassen werden könnte. Denn die Arbeiterinnen seien angewiesen worden, sich nicht bei Außenstehenden zu beklagen.

BIRN nahm Kontakt mit der Firma Lacoste auf, um nach dem Besuch ihres Vertreters zu fragen. Das Unternehmen bestätigte den Eingang der Frage. Aber trotz wiederholter Nachfrage bekam BIRN keine Antwort.

Nach offiziellen Statistiken arbeiten in Rumänien rund 240.000 Menschen in der Bekleidungsindustrie. Sie ist der zweitgrößte Exportsektor nach der Automobilindustrie. In Bulgarien beschäftigt die Textilbranche 105.000 Menschen in 4.500 Unternehmen.

Neustart wird zum Alptraum

Vor etwa einem Jahr dachten Ioana Ganea, 45, und ihre Freundin Carmen Ciobanu, eine 39 Jahre alte Mutter von drei Kindern, dass Jobs in der örtlichen Textilfabrik ihre ernsten Geldprobleme lösen würden. Beide Frauen leben in dem kleinen Dorf Sultana, etwa 90 Kilometer von Bukarest entfernt.

Ciobanus Ehemann, ein Fischer, war entlassen worden. Die Familie lebte im Wesentlichen von dem Geld, das Ciobanus Mutter schickte. Sie arbeitete als Putzfrau in Italien.

"Selbst, wenn man auf dem Land lebt, muss man noch Rechnungen bezahlen und Dinge kaufen ... Es wächst nicht alles auf deinem Hinterhof“, sagt Ciobanu.

Ganea arbeitete acht Stunden am Tag in einer Bekleidungsfabrik in der Hauptstadt und verbrachte weitere vier Stunden im Bus zwischen der Arbeit und ihrem Zuhause. Ihr blieb wenig Zeit, sich um die 72 Jahre alte Mutter zu kümmern.

Ganea raucht ängstlich, ihr kommen die Tränen, als sie über ihre Mutter spricht. Sie sitzt mit Ciobanu an einem Tisch im Garten ihres Hauses. Der Tisch ist wie das Haus - alt, klein und schief.

Ioana Ganea und ihre Mutter im Garten ihres Hauses im rumänischen Dorf Sultana.

Image caption: Ioana Ganea und ihre Mutter im Garten ihres Hauses im rumänischen Dorf Sultana.

Copyright: Foto: George Popescu

Ciobanu ermutigte Ganea, ihren Job in Bukarest aufzugeben und zusammen bei der Zendoo-Style-Fabrik zu arbeiten, etwa 20 Kilometer vom Dorf entfernt. Laut Managerin Vasilica Sterschi machte das Werk Kleidung für verschiedene westliche Firmen.

Ganea und Ciobanu begannen im Januar 2015 in diesem Werk zu arbeiten. Doch bald waren ihre Hoffnungen auf ein besseres Leben zunichtegemacht.

Die Menge an Arbeit war unmöglich zu bewältigen und der Druck war hoch, sagen die Frauen. Die Arbeiterinnen wurden angewiesen, nicht miteinander zu reden und nur im Notfall auf die Toilette zu gehen. Ihre Chefin warf ihnen vor, nicht hart genug zu arbeiten.

"Sie schrie die ganze Zeit schneller, schneller, schneller. Können Sie sich vorstellen, wie es sich anfühlt, wie eine Sklavin behandelt zu werden“, klagt Ganea.

Managerin Sterschi sagt BIRN am Telefon, dass sie keine Gehälter für unzureichende Arbeit bezahlen konnte und „Ich kann nicht mehr arbeiten“ nicht als Vorwand akzeptieren wollte.

"Wenn (die Arbeiterin) kommt und in der Toilette sitzt oder antwortet ‚Ich kann nicht mehr arbeiten‘, kann ich sie dafür nicht bezahlen“, sagt Sterschi.

Ganea, Ciobanu und etwa ein Dutzend anderer Frauen beschlossen, einfach nicht mehr zur Arbeit zu kommen. Aber Sterschi habe dies nicht akzeptiert und damit gedroht, sie zu verklagen, wenn sie ihre Meinung nicht änderten, erklärten Ganea und Ciobanu.

BIRN hat mit zwei anderen Frauen gesprochen, die klagen, dass sie genauso behandelt wurden, als sie die Fabrik verlassen wollten. Sterschi erklärt zunächst, sie habe nie beabsichtigt, die Arbeiterinnen wegen Arbeitsniederlegung zu verklagen. Aber später, in einem Interview in ihrem Büro, sagt sie unverhohlen, sie werde die Frauen verklagen, die mit BIRN gesprochen haben – weil sie entgegen der Vereinbarung vertrauliche Dinge offengelegt hätten.

Ganea glaubte, dass ihr die Fabrik noch Lohn schuldete. Sie brachte ihren Fall beim örtlichen Gewerbeamt vor. Das kam zu dem Schluss, sie sollte noch etwa 50 Euro als Kompensation für Urlaub bekommen, den sie nie genommen hatte.

Zendoo Style, die Firma, die die Fabrik in Calarasi besitzt, wies im Jahr 2014 einen Umsatz von rund 370.000 Euro aus und hatte nach eigenen Angaben 82 Mitarbeiter.
Sterschi sagte, sie habe allen ihren Arbeiterinnen den doppelten Mindestlohn bezahlt und sie fair behandelt.

Aber die Verträge von zwei ehemaligen Arbeiterinnen der Fabrik belegen, dass sie nur den Mindestlohn erhielten – etwa 160 Euro netto pro Monat.

Nach Angaben des rumänischen Gewerbeamts ergaben Kontrollen zwischen 2013 und 2015, dass das Unternehmen sich nicht an das Gesetz über die Lohnzahlungen, Arbeitszeiten, Überstunden und Ruhezeiten für Arbeitnehmer hielt. Es wurde verurteilt, weil es der Aufforderung nicht nachkam, diese Probleme zu beheben.

Im Mai 2015 wurden Sterschi und der Fabrikbesitzer, ihr Mann Ion, wegen Steuerhinterziehung verurteilt und erhielten eine Bewährungsstrafe von sechs Monaten, wie öffentlich zugängliche Gerichtsakten belegen. Als sie telefonisch nach dieser Verurteilung gefragt wurde, antwortete Sterschi: „Kümmern Sie sich um ihr eigenes Geschäft. Bitte rufen Sie mich nicht mehr an, sonst werde ich Sie verklagen.“ Auf weitere Anfragen nach einer Stellungnahme per E-Mail reagierte sie nicht.

Zendoo Style meldete im September 2015 laut einer Gerichtsentscheidung Konkurs an. Aber Sterschi sagt, sie bleibe im Bekleidungsgeschäft.

Niedrige Löhne und schlechte Bedingungen sind "endemisch“

Studien von Nichtregierungsorganisationen zeigen, dass die Missstände, die BIRN aufgedeckt hat, in der Region kein Einzelfall sind.

Im Jahr 2014 hat die Clean Clothes Campaign einen Bericht über Osteuropa und die Türkei veröffentlicht. Die internationale Organisation setzt sich für bessere Arbeitsbedingungen in der Branche ein. Die Gruppe fand heraus, dass Armutslöhne, gefährliche Arbeitsbedingungen und erzwungene Überstunden „in der gesamten Textilindustrie üblich“ sind.

„Die Kunden haben diese vorgefasste Meinung – ‚Made in Europe, dann muss es fair sein‘“, sagt Corina Ajder, Expertin der Organisation. „Aber das stimmt nicht.“

Die Gruppe fand heraus, dass die nationalen Mindestlöhne, die oft in der Bekleidungsindustrie gezahlt werden, unter der Armutsgrenze in allen untersuchten Ländern lagen - und weit unter dem geschätzten Existenzminimum für eine vierköpfige Familie. In Rumänien und Bulgarien macht der Mindestlohn nur etwa 20 Prozent dieses „existenzsichernden Lohns“ aus.


Vor Ort: Undercover in einer Fabrik

Ich wollte selbst erfahren, was es heißt, in der Textilindustrie zu arbeiten. Deshalb ging ich zu einer Fabrik in der Stadt Timisoara, die Mitarbeiter suchte und wurde auf Probe in der Druckabteilung eingestellt.

Um 6 Uhr morgens waren die Arbeiter bereits in der Fabrik. Sie bekämen eine ganze Stunde nicht bezahlt, wenn sie sich verspäteten, berichtete mir ein Angestellter.
Eine Vorgesetzte machte mit mir einen Rundgang durch die Abteilung. Ein starker Geruch nach Chemikalien hing in der Luft, aber die Frau beruhigte mich: Die Fabrik habe auf wasserlösliche Farben umgestellt, die nicht schädlich sind. Aber später erzählte sie mir, als Arbeiterin würde ich pro Tag eine Flasche Milch erhalten - die in der Regel nur Arbeitnehmer erhalten, die Belastungen ausgesetzt sind, auch hoher Toxizität. So schreibt es das Gesetz vor. Der einzige schwierige Teil meiner Arbeit, sagte sie, wäre die Hitze. Denn die Klimaanlage bleibe ausgeschaltet – um die frisch gedruckten Farben zu erhalten.

Ich musste Stoffstücke auf einem Papiermuster arrangieren, das auf einem großen Tisch ausgebreitet war. Es war wie ein groß angelegtes Puzzle. Ich legte Muster für Shorts und dann für Hemden aus. Der Stoff ging dann in eine große Druckmaschine, um Logos und andere Design-Elemente hinzuzufügen. Dann ging er nach oben zum Nähen. Ich und die anderen Arbeiter taten dies immer und immer wieder. Schon um 9 Uhr war die Hitze im Raum ermüdend, meine Kollegen bekamen rote Gesichter. Um 11 Uhr, als wir unsere einzige Pause von 20 Minuten hatten, fühlte ich mich ausgelaugt. Meine Sicht war verschwommen, wegen der Konzentration auf die feinen Linien, als ich den Stoff auf dem Muster ausrichtete. Mein Hals war steif vom ständigen Vorbeugen. Meine Beine schmerzten vom permanenten Stehen.

Ich sollte das Mindestgehalt für einen Vollzeit-Job erhalten: rund 220 Euro pro Monat, von denen ich nach Abzug der Steuern etwa 165 Euro bekommen würde.

Ein Arbeiter warnte mich, alles sei nicht so großartig, wie es am Anfang scheine. Für mich schien es von Anfang an nicht großartig. Ich traf drei Arbeiter. Sie sagten mir, dass sich der Raum, in dem ich arbeitete, während der Spätschicht mit Dampf aus den überhitzten Druckmaschinen füllt. Ein Vorarbeiter beschimpfe sie regelmäßig, behaupteten sie. Und das Geld, das sie verdienten, sei nicht genug, um ihre Familien über die Runden zu bringen. Sie müssten kräftezehrende Überstunden leisten.

Ich habe selbst nichts an Misshandlungen erfahren, über die ich in anderen Fabriken in Rumänien und Bulgarien gehört hatte. Aber nur einen „normalen“ Job in der Bekleidungsindustrie zu haben, schien mir eine sehr große Herausforderung. Und das Geld reicht kaum aus, um zu überleben.

Laura Stefanut


Modemarken und Fabriken geben manchmal Sozialkontrollen in Auftrag, um zu überprüfen, ob die Arbeitsbedingungen internationalen Standards entsprechen. Der rumänische Wirtschaftsprüfer Rodica Soldea bemängelt, dass es nicht genug von diesen Kontrollen in Osteuropa gibt.

Auch sind Kontrollen kein Allheilmittel. Das Gewerbeamt hatte zwei Fabriken in Bangladesch und Pakistan kontrolliert. Trotzdem brachen dort Brände aus. Mehrere hundert Textilarbeiterinnen starben im Jahr 2012.

Nach Ansicht von Experten können diese Kontrollen schwere Missbräuche aufdecken, wie zum Beispiel Kinderarbeit. Aber es ist schwieriger, weniger auffällige Probleme zu erkennen, wie die verspätete Zahlung der Löhne oder unbezahlte Überstunden. Denn die Wirtschaftsprüfer verbringen nur ein paar Stunden oder wenige Tage in den Fabriken, und die Arbeiter haben Angst, offen zu sprechen.

Gewerkschafter werben um mehr Mitglieder und wollen so die Bedingungen verbessern. Aber die Gewerkschaften haben weder in Rumänien noch in Bulgarien viel Einfluss. In Rumänien wurden sie durch die Gesetzgebung im Jahr 2011 weiter geschwächt.

Fabrikbesitzer in Rumänien und Bulgarien sagen, sie könnten nur wenig tun, um die Löhne zu erhöhen, solange die Marken einen solchen Druck auszuüben, um die Kosten niedrig zu halten.

"Sie wollen nur die Preise drücken, runter, runter, das ist alles“, sagt Radina Bankova, Präsident des bulgarischen Verbands der Textil- und Bekleidungshersteller und Exporteure.

In einigen Fällen haben sich jedoch die Arbeitskräfte zusammengeschlossen und bessere Bedingungen verlangt.

Die Geschichte eines Arbeitgebers

Im Jahr 2007 streikten die Arbeiter der Pirin-Tex-Fabrik in der bulgarischen Stadt Gotse Delchev, die in einer bergigen Gegend in der Nähe der griechischen Grenze liegt. Sie forderten eine Lohnerhöhung von 100 Euro im Monat.

Bertram Rollmann, der deutsche Besitzer der Fabrik, war schockiert. Seit er vor 14 Jahren das Werk übernommen hatte, hatte er das Gefühl, hart für eine gute Beziehung zu seinen Arbeitern gearbeitet zu haben. Die Löhne seien jedes Jahr gestiegen und für die Branche überdurchschnittlich gut gewesen, sagt er

„Was habe ich falsch gemacht?“, fragte sich der 59-Jährige.

Rollmann ist ein Veteran in der Bekleidungsindustrie. Sein Großvater war Schneider, genauso wie Mutter und Vater. Sein Vater besaß eine Textilfabrik in Deutschland, „im Goldenen Zeitalter der Industrie“, wie Rollmann die 1970er und 1980er Jahre beschreibt, als die Marken andere Prioritäten setzten.

„In dieser Zeit wurden eher Kapazität und respektable Qualität verlangt ... und die Marken fragten nicht so viel nach dem Preis“, sagt er im Büro seiner Fabrik.

In den frühen 1980er Jahren eröffnete seine Familie eine Fabrik in Griechenland, Rollmann leitete sie. Seit der Mitte des Jahrzehnts ging es auf dem Markt immer mehr darum, größere Gewinne zu machen, sagt Rollmann. Der Zusammenbruch des Kommunismus im Jahr 1989 machte den Weg frei zu neuen, billigen Arbeitskräften in Osteuropa.

Rollmann sah voraus, dass es eine riesige Welle an Outsourcing geben würde, und machte sich selbst auf in die Region. Er fand interessierte örtliche Behörden in Gotse Delchev, einer Stadt mit etwa 20.000 Einwohnern, und eröffnete 1993 seine Fabrik. Das Unternehmen wuchs, beschäftigte mehr als 2.000 Mitarbeiter und wurde die größte Bekleidungsfabrik in Bulgarien.

Die Fabrik befindet sich in einem breiten zweistöckigen Gebäude, mit Produktionshallen größer als drei Fußballfelder (30.000 Quadratmeter). Das Werk hat eine Ausbildungsabteilung. Dort lernen die Menschen, wie man näht. Es stehen aber auch Themen wie Fremdsprachen und Geschichte auf dem Lehrplan. Man findet Labors für Stofffarben, Räume für Recycling und eine Kinderkrippe.

Bertram Rollmann in seiner Pirin-Tex-Fabrik in Bulgarien.

Image caption: Bertram Rollmann in seiner Pirin-Tex-Fabrik in Bulgarien.

Copyright: Foto: Laura Stefanut

Aber im Jahr 2007 meinten die Arbeiter, dass sie kein gutes Geschäft machten. Bulgariens Aufnahme in die EU begünstigte den Streik noch. Die Arbeiter wollten jetzt wie ihre Kollegen in Westeuropa bezahlt werden.

Selbst Gewerkschaftsführer hielten die Forderungen für unrealistisch. Dimitar Tabakov, Vorsitzender der Föderation der unabhängigen Gewerkschaften der Leichtindustrie beim Gewerkschaftsbund CITUB, erinnert sich daran, das 2007 den Arbeitnehmern auch gesagt zu haben. Sie beschuldigten ihn, auf der Seite ihres Arbeitgebers zu stehen.

Aber Rollmann ging zu seinen Kunden, den großen Marken, und bat sie, ihm mehr Geld für seine Produkte zu zahlen. Als Folge davon verlor er seinen größten und einen seiner ältesten Kunden, der bisher die Fabrik allein zu 25 Prozent ausgelastet hatte.

Andere Marken waren jedoch bereit, mehr zu zahlen. Der Streik endete nach 17 Tagen, als Rollmann eine Lohnerhöhung von rund 60 Euro anbieten konnte. Derzeit liege das durchschnittliche Gehalt in seiner Fabrik bei rund 415 Euro, sagt er.

Rollmann glaubt daran, dass sich die Bedingungen und Löhne in der Branche langsam verbessern werden, auch weil Kampagnen und die Berichterstattung über Tragödien in den Bekleidungsfabriken in Asien dazu geführt haben, dass die Verbraucher die Modemarken zunehmend unter Druck setzen.

„Sie reagieren jetzt“, sagt Rollmann. “Die öffentliche Meinung ändert sich.“


Laura Stefanut ist freie Journalistin in Rumänien. Dieser Artikel entstand im Rahmen des Balkan Fellowship for Journalistic Excellence, unterstützt von der ERSTE Stiftung und den Open Society Foundations in Kooperation mit dem Balkan Investigative Reporting Network.


Wie es weiterging: Protest gegen wen?

Nicht lange nach der Veröffentlichung meines Artikels über die schrecklichen Arbeitsbedingungen in der rumänischen und bulgarischen Bekleidungsindustrie erhielt ich anonyme Anrufe von Leuten, die etwas ins Telefon nuschelten oder schwer atmeten. Ein Mann – vermutlich arbeitet er im Rathaus – kam zu meinem Haus, wollte mich sehen, zeigte aber keinen Ausweis.

Dann, am 16. Februar 2016 um die Mittagszeit, erhielt ich einen Anruf von einer unbekannten Nummer.

Was nun, fragte ich mich. Ich nahm das Gespräch an. Es war eine Arbeiterin aus einer der Fabriken, über die ich geschrieben hatte. „Hallo, Frau Laura, sind Sie das? Könnten Sie zu uns ins Stadtzentrum von Calafat kommen, um zu hören, was wir zu sagen haben?“

Endlich, dachte ich. Die lange von den Fabrikbesitzern ausgenutzten Arbeiterinnen haben den Mut gefasst, ihre Gehälter zu fordern. Zuletzt hatten die Textilarbeiterinnen in der südrumänischen Stadt im April 2014 wegen nichtgezahlter Löhne protestiert. Deswegen wurden die Wortführer unter ihnen gefeuert.

Aber die Stimme am Telefon klang gereizt. „Vergessen Sie die Gehälter“, knurrte die Frau. "Wir werden gegen das protestieren, was Sie geschrieben haben.“

Die Frau sagte, dass sie in der Tat seit Dezember nicht mehr bezahlt worden sei. Und dass Frauen manchmal ohnmächtig würden, auch sie selbst. Aber das liege daran, dass sie krank gewesen sei, sagte sie, nicht an der Erschöpfung wegen vieler Arbeitsstunden unter schlechten Bedingungen.

Trotzdem ist offensichtlich nichts schlimmer, als gar keine Arbeit zu haben. Das Management der Textilfabrik in Calafat sagte den Beschäftigten, dass mein Artikel ihre Kunden vergrault hatte, darunter einige der renommiertesten Namen der europäischen Bekleidungsindustrie. Und dass unweigerlich Arbeitsplatzverluste folgen würden. Mehrere Arbeiter erzählten mir, dass als erster großer Kunde der Mode-Riese Zara die Verbindung gekappt hatte.

Inditex, der spanische Konzern, dem neben Zara auch Labels wie Massimo Dutti gehören, hatte Ende Januar gesagt, er arbeite noch immer mit der Fabrik in Calafat zusammen. Aber er habe dafür einen „Korrekturplan“ ausgearbeitet und werde überprüfen, ob die Sozial-Standards eingehalten werden. Die Arbeiter jedoch glaubten ihren Managern, die sagten, Zara sei bereits ausgestiegen, und hatten Angst um ihre Arbeitsplätze.

Rund 200 protestierten, 20 von ihnen wurden zu einem Treffen mit den örtlichen Behörden geladen. Einige saßen um einen großen ovalen Tisch herum. Andere standen. Ihre Hauptforderung war, die Behörden der Stadt sollten den Artikel widerlegen. Sie wurden von Mircea Guta, dem Bürgermeister von Calafat, und dessen Stellvertreter Dorel Mituletu empfangen. Ein lokaler Journalist zeichnete die gesamte Sitzung als Stream auf Youtube auf.

Mituletu war das Hauptziel ihrer Wut. Er war in meiner Untersuchung für BIRN mit den Worten zitiert worden, dass „arme Frauen umfallen wie die Fliegen (in der Fabrik), vor allem im Sommer“. Der stellvertretende Bürgermeister versuchte, sich zu verteidigen. Zwar habe er das tatsächlich gesagt, aber seine Bemerkung sei aus dem Zusammenhang gerissen worden. (Eine Audio-Aufnahme des Gesprächs belegt, dass sein Zitat nicht verändert wurde.) Mituletu sagte, seine Ehrlichkeit habe seine Position in seiner politischen Partei gefährdet.

Mitten im Aufruhr stimmte Marian Pasat, der Direktor der Fabrik, zu, mit mir zu reden, nachdem ich fast ein Jahr lang einem Kommentar von ihm nachgejagt war. Er bestätigte, er habe den Arbeitern gesagt, dass der BIRN-Artikel einige Kunden vergrault hatte. Er räumte auch ein, dass das Unternehmen manchmal die Gehälter nicht pünktlich bezahle. "Einige Perioden sind schwieriger. Das verzögert die Gehälter. Aber dies bedeutet noch lange nicht, dass die Fabrik nicht legal oder unethisch ist.“

Die Gewerbeaufsicht belegte die Fabrik nach offiziellen Angaben in den vergangenen Jahren dreimal mit einer Geldstrafe – wegen Verstößen wie illegalen Arbeitszeiten und das Nichtzahlen von Gehältern.

„In der Tat müssen die Leute manchmal zusätzliche Stunden arbeiten, aber wegen objektiver Gründe, denn es fehlen uns derzeit etwa 200 Menschen“, antwortete Pasat. Auf die Frage, warum die Menschen nicht in seiner Fabrik arbeiten wollen, sagte Pasat, er sei sich nicht sicher, aber es liege wahrscheinlich an „Italien, Deutschland, Spanien, England" – also an den Verlockungen für die Rumänen, in reicheren Teilen der EU zu arbeiten. Im Dezember 2015 gab es offiziellen Angaben zufolge 327 arbeitslose Menschen in der Stadt.

Marian Pasat widersprach der Ansicht, die Marken könnten sich wegen den Problemen in der Firma zurückgezogen haben. Der einzige Grund sei mein Artikel gewesen, sagte er.
Missstände gab es lange bevor ich meinen Artikel veröffentlicht habe, aber der Fabrik mangelte es nicht an Aufträgen. Als jetzt solche Praktiken öffentlich wurden, sehen sich die Fabriken mit möglichen Gegenreaktionen von Kunden konfrontiert, die um ihr Image bei den Verbrauchern fürchten.

Es ist seit langem bekannt, dass Arbeitnehmer in Ländern wie Bangladesch, China oder Vietnam ausgebeutet werden, um Produkte für westliche Käufer am laufenden Band herzustellen. Aber der Aufdruck „Made in EU“ wurde als Garantie für fairen Handel gesehen. Dem ist nicht so. In vielen Fällen hat er einfach die Ausbeutung in den ärmeren, neueren EU-Mitgliedsstaaten wie Rumänien und Bulgarien verschleiert.

Im Wettbewerb mit Asien auf dem Markt für billige Arbeitskräfte sehen sich Fabriken in Rumänien und Bulgarien starkem Druck ausgesetzt, Preise und Gehälter niedrig zu halten. Oder sie verlieren Kunden. In den beiden Ländern gibt es zusammen mehr als 10.000 Bekleidungsfabriken. Der Wettbewerb ist also groß.

Laut einer in Thailand durchgeführten Studie würde ein um 90,53 Euro höheres Monatsgehalt die durchschnittlichen Kosten für ein Kleidungsstück nur um 0,29 Euro steigen lassen. Wahrscheinlich wären die meisten Käufer bereit, den zusätzlichen Betrag zu zahlen. Aber sie werden nur selten die Möglichkeit dazu bekommen.


Aufmacherfoto: Carmen Ciobanu in ihrem Haus im Dorf Sultana, Rumänien (© George Popescu)