Eine Begegnung mit Ägyptens Stasi

Eine Begegnung mit Ägyptens Stasi

Sebastian Esser monogram
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Ägypten ist heute, fünf Jahre nach der Revolution und der großen Hoffnung auf Demokratie und Wohlstand, ein Polizeistaat. Erst taute der arabische Frühling die jahrzehntealte Militär-Herrschaft auf. Dann siegten die anti-liberalen Muslim-Brüder bei den ersten demokratischen Wahlen. Schließlich vertrieb sie ein Coup der Armee unter General Abdel Fattah el-Sisi wieder von der Macht. Sisi (oben im Bild mit Bundeskanzlerin Merkel bei seinem Deutschland-Besuch am 3. Juni 2015) ist heute Staatspräsident. In den vergangenen Monaten verfolgen sein Regime und ihr Spionage- und Repressions-Instrument, die ägyptische Staatssicherheit, verstärkt Intellektuelle. Wissenschaftler, Schriftsteller und Journalisten erhalten lange Haftstrafen, hunderte Menschen verschwinden spurlos.

Atef Botros Al-Attar ist Literaturwissenschaftler, Kafka-Spezialist. Er ist seit 2008 Deutscher, aber er hält eine enge Verbindung zu seinem Geburtsland Ägypten. Botros engagiert sich dort für kulturelle Projekte und setzt sich für Demokratie und Menschenrechte ein. Am 29. Januar hielten ihn Vertreter der ägyptischen Staatssicherheit länger als 24 Stunden am Flughafen von Kairo fest. Sieben Stunden lang wurde er intensiv verhört. Schließlich verweigerten ihm die Behörden die Einreise, schickten ihn nach Deutschland zurück und verhängten ein lebenslanges Einreiseverbot.

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Image caption: Atef Botros al-Attar ist Assistant Professor der Komparatistik (Vergleichende Literaturwissenschaft) am Doha Institute for graduate Studies/CNMS und unterrichtet an der Universität Marburg

Herr Botros, haben Sie Angst?

Nein. Ich wurde bereits zum zweiten Mal inhaftiert. Beim ersten Mal war es sehr beängstigend. Jetzt habe ich mich ein wenig daran gewöhnt. Aber mit der Staatssicherheit zu tun zu haben, ist einfach kein Spaß.

Hatten Sie die Befürchtung, festgenommen zu werden, als sie in Kairo aus dem Flugzeug stiegen?

Ja, diese Angst habe ich jedes Mal. Dieses Mal vielleicht stärker, denn ein Freund von mir war zwei Tage zuvor auch festgehalten worden und sie hatten ihn nach meinem Namen gefragt. Ich war also vorgewarnt. Aber ich dachte mir: Es kann nicht sein, dass diese Idioten mich davon abhalten, mein Land zu besuchen. Was soll mir passieren?

In Ägypten verschwinden hunderte Menschen ohne ein Lebenszeichen. Gerade wurde die Leiche des regimekritischen italienischen Studenten Giulio Regeni am Straßenrand gefunden; er war gefoltert worden.

Viele haben mir geraten, nach diesem Vorfall den Mund zu halten. Aber ich nutze ihn, um über die politischen Gefangenen zu sprechen und über die Menschenrechtsverletzungen. Für mich gibt es jetzt kein Aufhören mehr. Ich werde weitermachen. Denn wenn wir alle Angst haben, redet niemand mehr über Folter und die Gefangenen. Dann haben sie erreicht, was sie erreichen wollten. Meine Sache ist im Vergleich zu den Freunden, die im Gefängnis sitzen, harmlos. Ich kann mich außerhalb Ägyptens frei bewegen und frei sprechen. Ich mache es zu meiner Aufgabe, über die Gefangenen zu reden.

Wie ist das Verhör genau abgelaufen?

Da war ein Staatssicherheits-Offizier, der mich abwechselnd verhörte und warten ließ. „Wenn Sie mir helfen und Namen geben, dann ist die Sache für sie leichter“, sagt er mir. Sonst werde es schwierig. Er vermittelte den Eindruck, sollte ich kooperativ sein, könnte ich schnell nach Ägypten einreisen. Als er sieben Stunden später fertig war, wurde mir mitgeteilt, dass ich nicht einreisen darf. Ich wurde stattdessen in eine Zelle gesteckt.

Wie haben sich die Vertreter der deutschen Botschaft verhalten?

Sie haben sich viel Mühe gegeben. Der Sicherheitsbeauftragte hat insistiert, dass er mit mir persönlich spricht. In der Tat kam der Verhöroffizier verärgert mit seinem Handy und erlaubte mir, mit der Botschaft zu reden. Der Botschaftsmitarbeiter riet mir, so schnell wie möglich das Land zu verlassen, sonst würde es schwierig, mir zu helfen.

Der Begriff Staatssicherheit erinnert an die Stasi.

Beide Organisationen haben viel miteinander zu tun. In der Nasser-Zeit in den 60er-Jahren hat die Stasi mit der ägyptischen Staatssicherheit zusammengearbeitet und ihre Leute ausgebildet. Die Methoden stammen noch immer aus der Zeit des Kalten Krieges, so scheint es mir: verhören, bedrohen, spionieren, abhören. Inzwischen geht es natürlich auch um elektronische Überwachung, zum Beispiel von Facebook.

Die ägyptische Botschaft in Deutschland soll schwarze Listen führen. Wissen Sie, ob Sie auch darauf stehen?

Ich bin überzeugt, dass die Berichte über mich hauptsächlich aus der Botschaft aus Berlin kamen. Es gibt dort viele Mitarbeiter, die eigentlich zum Sicherheitsapparat gehören. Sie werden nach Deutschland geschickt, um Ägypter auszuspionieren, in Facebook-Gruppen zu beobachten, wer was sagt, wer Demonstrationen organisiert, wer vor der Botschaft protestiert. Die Staatssicherheit führt auch Akten über die Leute, für die sie sich interessieren.

Das heißt, es gibt in Ägypten nun Stasi-Akten über Sie?

Falls ich die eines Tages einsehen kann, wird es sicher interessant. Die Staatssicherheit führt sogenannte Überwachungslisten, die Tarakub-Listen. Darauf stehen Leute, die am Flughafen aufgehalten werden. Seit ich den deutschen Pass besitze – also seit 2008 – war ich vielleicht 20-mal in Ägypten. Mein Pass ist voller Stempel. Kein einziges Mal hat man sich bisher für ein Visum interessiert. Das Einreiseverbot hat also nichts mit den formalen Sachen zu tun. Es hat etwas mit meinem politischen Engagement zu tun.

Sie sind schon lange politisch aktiv. Warum wurden sie gerade jetzt zum Ziel der Staatssicherheit?

Das Regime hat die Methoden verschärft. Außerdem habe ich den Deutschland-Besuch von Sisi und die Praxen seines Regimes in den Medien stark kritisiert.

War der Zweck der Verhaftung, Ihr politisches Engagement unmöglich zu machen?

Die Staatssicherheit versteht die Arbeit von Mayadin al-Tahrir in Deutschland als rein politisch. Das ist sie aber gar nicht. Der Verein veranstaltet kulturelle Events wie Filmwochen, Fotoausstellungen, Vorträge und Podiumsdiskussionen. Diese kulturellen Aktivitäten versuchen sicherlich die Situation in Ägypten kritisch zu thematisieren und sind für das Regime unangenehm. In Ägypten habe ich mit Freunden eine andere selbständige NGO aufgebaut, die sich für Entwicklungs- und Bildungsarbeit einsetzt. Wir fördern Alphabetisierungskurse für Frauen, Kunst für Kinder, gesellschaftliches Engagement. Dieses Projekt ist nun eingefroren, hoffentlich nur vorläufig.

Sie haben über Kafka geforscht. Haben Sie sich während ihrer Verhöre an eine Kafka-Szene erinnert gefühlt?

Wer sich mit Kafka befasst, den begleiten auch seine Figuren lebenslang.

Literatur ist inzwischen in Ägypten Grund für Verfolgung. Der Journalist und Romanautor Ahmed Naji wurde gerade zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Die Anklage lautete: Man empfinde beim Lesen zu viele Gefühle.

Es ist lächerlich, aber auch dumm. Der Auszug aus Najis Roman war zunächst nur auf einer kleinen literarischen Webseite erschienen. Nun lesen ihn natürlich viele. Man erreicht also das Gegenteil. Es ist ein Zeichen dafür, was gerade in Ägypten passiert: Es wird immer repressiver. Gerade erst gab es ein Gerichtsurteil gegen vier christliche Kinder, die sich in einem Video lustig gemacht haben über den IS und die Art und Weise, wie dessen Anhänger religiöse Aussprüche nutzen. Nun kommen sie fünf Jahre in Haft. Soll das ein moderner, progressiver Rechtsstaat sein?

Warum ist die Sisi-Regierung so nervös?

Das hysterische Verhalten des Staates zeigt, dass die Mächtigen Angst haben. Die Situation ist geprägt von der Angst des Regimes, dass wieder eine revolutionäre Situation entsteht. Das glauben sie vermeiden zu können, indem sie alles Mögliche verbieten und Strafen verschärfen. Aus meiner Sicht ist es genau umgekehrt, denn der Druck wird wachsen. In den jüngsten Reden von Sisi wird deutlich, mit wem man es zu tun hat: Die politische Macht wird konzentriert in einer Person. Er sieht demokratische Strukturen nicht. Er denkt, er kenne den richtigen Weg und alle müssten ihm folgen. Wer nicht folgt, ist ein Staatsfeind. Das ist Militär-Faschismus.

Wie sollte sich die Bundesregierung gegenüber der ägyptischen Militärregierung verhalten?

Mir ist klar, dass Außenpolitik nach geopolitischen Interessen gemacht wird, nicht nach Lage der Menschenrechte. Trotzdem: Ich plädiere dafür, dass die deutsche Außenpolitik versucht, alle möglichen Mittel zu nutzen, um auf die Lage der Menschenrechte in Ägypten zu achten und sie zu kritisieren. Das allein wird nicht ausreichen; aber Druck von außen könnte helfen.

Sollten deutsche Urlauber eine Ägypten-Reise im Moment absagen?

Ich persönlich rate nicht davon ab, nach Ägypten zu gehen. Aber wenn es um die persönliche Sicherheit geht, dann muss sich jede Person lieber die Situation selbst einschätzen. Hinreisen und mit den Menschen dort austauschen ist hilfreich. Auch in Deutschland ist die Situation in Ägypten kein Thema mehr. Man kann helfen, sie wieder ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen.

Sie haben nun ein lebenslanges Einreiseverbot nach Ägypten. Werden Sie Ihr Geburtsland wirklich nie wiedersehen?

Ehrlich gesagt: Ich nehme das nicht so ernst. Ich weiß, dass dieses Regime nicht lang existiert. Ich bin mir sicher, dass ich irgendwann wieder in ein besseres Ägypten zurückkehren kann.


Bild: Axel Schmidt/CommonLens


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Warum Hanaas Graffiti Schimmel ansetzt

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Image caption: Die Revolution in Ägypten ist nicht beendet, sagt Hanaa al Degham. Sie hat die Wut über die Missstände in ihrem Heimatland in ein Bild gepackt. Vor fünf Jahren. Sie malt immer noch daran. Das Wandbild wird einfach nicht fertig.