„Ich liebe die Idee von Blogs, aber ehrlich gesagt lese ich sie nicht all zu oft“

„Ich liebe die Idee von Blogs, aber ehrlich gesagt lese ich sie nicht all zu oft“

Christoph Koch monogram
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Morgens scrolle ich noch im Bett durch meinen Facebook-Feed, in dem meistens am Vorabend akribisch lesenswerte Artikel geteilt wurden. Manchmal, um andere zu informieren, manchmal, um so zu tun, als wäre man selbst informiert. Meistens klicke ich auf irgendwas Geteiltes von Sybille Berg. Der vertraue ich da. Danach checke ich meinen Instagram Account, schuldbewusst, dass ich schon so früh am Morgen der Selbstdarstellungssucht verfalle. Während ich mein supergesundes „vegan oatmeal“ esse, schaue ich YouTube-Videos. Deren Informationsgehalt ist allerdings fraglich. Es handelt sich eher um einen Mix aus Comedy (à la Michael Buchinger), Dokus und Feministenkram (The What’s Underneath Project, The Skinny). Meistens werde ich in diesen Videos auf etwas aufmerksam gemacht, was ich dann google. Wie etwa Veganismus, Zero Waste Lifestyle oder anderen Gutmenschenkram.

Gedruckte Magazine und Zeitungen mussten leider dran glauben, als mein Studentenbudget Kürzungen verlangte. Ich hätte sicherlich gern ein ZEIT- und SZ-Abo und würde mir hin und wieder die NEON kaufen, aber im Internet stehen so viele Informationen zur Verfügung, dass ich da irgendwie geizig geworden bin. Obwohl ich sagen muss, dass die Informationsvielfalt im Netz nicht unbedingt dazu führt, umfangreicher und weiträumiger informiert zu sein. Irgendwie sucht man doch immer nur das, was man finden will. Das ist ein Vorteil der Printmedien: Was gedruckt ist, ist gedruckt und kann nicht weggeklickt werden. Der Leser ist mit der Auswahl der Artikel konfrontiert, die eine Redaktion für wichtig empfunden hat, und das kann gefährlich werden, aber ebenso auch mal dazu führen, dass man Texte liest, die man im Internet einfach weggeklickt hätte. Früher durfte ich mir jeden Sonntag am Bahnhof eine Zeitschrift aussuchen. Das war dann meist die NEON, aber auch mal Fräulein oder Interview.

Einen Großteil meiner Onlinezeit verbringe ich bei Facebook. Da bin ich gefangen, so wie die meisten. Über Facebook organisiere ich jede Gruppenarbeit in der Uni, bekomme mit, auf welche Party oder zu welchem Theaterstück ich gehen will. Meine Band hat eine Facebook-Seite. Meine Freunde im Ausland kann ich gut erreichen. Ich kann Veranstaltungen für den nächsten Tatortabend erstellen und posten, was jeder noch mitbringen soll. Kurz: Es ist einfach zu praktisch, um es zu boykottieren.

Ich darf gar nicht daran denken, wie viel Zeit ich schon auf YouTube gelassen habe. Allerdings ist YouTube auch für all meine Schminkskills verantwortlich. Da gab es eine ganz intensive Phase meines 14-jährigen Ichs. Danke an all die Beautygurus, wenigstens muss ich mich jetzt nicht mehr damit auseinandersetzen. Aber eigentlich ist es auch nicht fair, YouTube darauf zu reduzieren. Als junges Mädchen hat es mir unglaublich geholfen, dort Bezugspersonen zu finden, die mir Fragen beantwortet haben, die man sich in dieser Phase stellt, aber bei denen man niemanden hat, der einem konkrete Antworten gibt. Das fängt mit 10 Tipps für gesundes Haar an und geht bis zu Menstruation, Sex, Krankheiten. Alles, was oft gerade gegenüber jungen Menschen tabuisiert wird, findet auf YouTube seinen Platz. Mit einem Gesicht dazu, greifbaren Personen also.

Irgendwann wurde mir das aber zu produktgesteuert. Mittlerweile kommt es mir so vor, als ginge es nicht mehr darum, die eigenen Erfahrungen mit unreiner Haut zu berichten, sondern das Produkt zu promoten, für das man am meisten bezahlt wird. Es geht um Klicks und Likes und nicht wenige verdienen unglaublich viel Geld damit, dass 13-jährige Mädchen von ihrem Taschengeld einen 40-Euro-Mascara kaufen, den ihr YouTube-Star angepriesen hat. Aus einer Community ist eine Star-Fan-Plattform geworden.

Vielleicht lege ich auch deswegen gerade eine YouTube-Pause ein. Ich habe das Gefühl, diese Plattform klaut Zeit wie keine andere. Es ist so verlockend, morgens beim Frühstück zwei bis drei zehnminütige Videos zu schauen und gar nicht zu merken, wie die Zeit vergeht. Generell mag ich Interview-Channel am meisten. „The What’s Underneath Projekt“ des Kanals „StylelikeU“ ist wunderbar und die Interviews vom W Magazine auch.

Täglich schaue auch bei meiner Webseite bareberlin.space vorbei. So eine Art Kontrollbesuch, um nachzusehen, ob einer meiner drei Mitautoren etwas gepostet hat.

Neben der BVG-App, einer Übersetzungs-App, WhatsApp und Spotify sind vor allem
Facebook und Instagram meine Domänen. Mit Twitter und Snapchat kann ich nichts anfangen. Twitter erscheint mir nur sinnvoll für Personen des öffentlichen Lebens, deren Reichweite andere beeinflusst. Und ich bin einfach nicht Fangirl genug, um mich für die 180 Zeichen der Leute zu interessieren, die ich bewundere. Snapchat habe ich mal probiert aber für nervigen Zeitklau befunden. Instagram hingegen behandle ich als Kunstform. Schon allein der Unterschied zwischen den Bildern, die die meisten auf Facebook posten, und ihren Instagram Bildern ist psychologisch unglaublich interessant. Man kann regelrecht verfolgen, wie die Leute (inklusive mir) zwei unterschiedliche Alter Egos auf diesen beiden Plattformen kreieren.
Facebook: „Ich bin eine vielbeschäftigte seriöse Person, die satirische und gesellschaftskritische Artikel repostet und bei unendlich vielen Veranstaltungen teilnimmt, um socially alife zu sein.“
Instagram: „Ich stelle depressiv und künstlerisch die Einsamkeit des Daseins dar. Leere Räume mit gefüllten Aschenbechern. Junge Menschen, denen alles egal zu sein scheint und die nur für den heutigen Abend und das nächste Instapic leben.“
Kurz: Das Facebook-Profil ist würdig, vom Chef gestalked zu werden. Der Instagram Account muss dringendst unter Verschluss bleiben.

Bekannte von mir schreiben für Zett, und so bin ich auf diesen jungen Ableger von ZEIT Online gestoßen. Mir gefällt der Ansatz sehr gut, weil die Generation, die für Portale wie ze.tt oder bento schreibt, ganz anders recherchiert und Prioritäten setzt, die sich eindeutig von denen der großen Nachrichtenportale absetzen. Mir ist aufgefallen, dass mir der Bezug zu den meisten Artikeln viel leichter fällt und ich nicht mehr das Gefühl habe, mich gerade „informieren zu müssen“, sondern einfach interessiert über Erfahrungen und Einstellungen lese, die ziemlich nah an mir dran sind.

Blogs sind dagegen ein etwas kompliziertes Thema: Einerseits liebe ich die Idee von Blogs, aber ehrlich gesagt lese ich sie nicht allzu oft. Das Problem scheint für mich zu sein, dass ein Blog sehr selten gut ist. Im Internet stellt er für mich das höchste zu erreichende Maß der Selbstdarstellung dar. Menschen fühlen sich auf den Online-Plattformen nicht richtig repräsentiert, weil sie dort immer an eine gewisse Form gebunden sind. Viele (inklusive mir) erstellen in meinen Augen ein Blog oder eine eigene Website, um bei der Darstellung ihrer Person oder ihrer Inhalte die volle Kontrolle zu haben. Der Haken ist jedoch, dass dieses Blog ja auch gelesen werden soll und dafür ist erneut eine Community nötig. Plattformen wie Blogger machen es möglich, die Einträge verschiedener Blogs im Überblick zu behalten, aber für mich geht dadurch wieder die Grundidee verloren: seinen eigenen Raum im Internet zu haben. Betrachtet man das allerdings weniger streng und schafft es bestimmte Schranken zu überwinden oder einfach zu ignorieren (und hat man viel viel Zeit), macht es Spaß zu stöbern.

Ronja von Rönne hat mit ihrem Blog „Sudelheft“ zum Beispiel rein durch Inhalt überzeugt. Außerdem liebe ich Seiten, bei denen es um meine liebste Metropole geht – also zum Beispiel MitVergnügen, das mir schon viele gute Freizeittips beschert hat, oder iheartberlin.

Eine Sache, die in letzter Zeit wieder beliebter wird, sind Newsletter. Das finde ich auch ziemlich gut, da der „Blogeintrag“ dann direkt in meinem E-Mail-Postfach landet. Ich habe zum Beispiel den „Lenny-Letter“ von Lena Dunham abonniert und bekomme einmal die Woche eine lange Mail mit drei bis vier Artikeln inklusive Illustrationen etc. Mir gefällt das Konzept, da E-Mails weniger anfällig für Werbung und andere manipulierende Einflüsse sind.

Bitte nicht vergessen vor lauter digitalen Dingen: Bücher! Ich will so viele Bücher lesen, dass es oft ziemlich entmutigend ist. In meiner Band suchen wir uns aus einer Riesenliste an Klassikern einmal im Monat zufällig einen heraus, lesen ihn dann gemeinsam und schreiben unsere Meinung dazu auf ein geheimes Tumblr-Blog. Das macht sehr viel Spaß. Es ist immer schöner zu lesen, wenn man weiß, dass ein guter Freund sich auch gerade mit diesen Inhalten beschäftigt und man dadurch gemeinsam ein Stück weiterkommt.

Auf der Liste meiner Lieblingsautoren steht jetzt erstmal Sybille Berg. Ich will alles von ihr lesen. Und Patrick Modiano. Es gibt zu jeder Phase meines Lebens einen Autor, der wichtig war. Vor ein paar Jahren zum Beispiel war das John Green. Gerade lese ich „Winters Garten" von Valerie Fritsch. Ein Roman in dem ich am liebsten auf jeder dritten Seite einen Satz ganz dick markieren will, um ihn zu meinen Lebensweisheiten aufzunehmen.

Was ich hingegen hasse, sind Krimis. Krimis sind meistens so schrecklich langweilig und so gar nicht unterhaltend. Insgesamt vertraue ich sehr auf den Buchgeschmack meines Vaters und lese am liebsten seine weitergereichten Empfehlungen (nur seine Lieblingskrimis kann ich nicht anrühren).

In Sachen Fernsehen war „Roche und Böhmermann“ für mich eine ganz große Sache! Leider gibt es die Show nicht mehr und das neue Format „Schulz und Böhmermann“ kann da nur bedingt mithalten. Radio höre ich nie, aber durch meine YouTube-Pause habe ich den Podcast „Sanft und Sorgfältig“ von Olli Schulz und Jan Böhmermann entdeckt. Es ist ganz praktisch, dass man den offline überall hören kann.

Ach und wie hätte ich es vergessen können: der Tatort. Ob in einer Kneipe oder abwechselnd in den WGs meiner Freunde. Der Tatort ist Tradition. Obwohl das Verhältnis guter Tatort/schlechter Tatort leider auf 4/10 gesunken ist. Til Schweiger kann das Tatortmachen lassen. Ulrich Tukur aber hat zusammen mit Martin Wuttge und Wolfram Koch zuletzt eine ganz mutige neue Form bedient. Dafür lohnt es sich dann immer. Und schlimmstenfalls haben meine Freunde Wein zur Hand.


Nora Wendt, 19, studiert Psychologie an der Freien Universität in Berlin. Neben verschiedenen Theaterprojekten spielt sie Kontrabass in der Band „Olga“ und schreibt für die Website bareberlin.space mit Freunden über Berlin, Veganismus und Freizeit.

Illustration: Veronika Neubauer, Foto: privat


In der von Christoph Koch betreuten Rubrik „Medienmenü stellen alle zwei Wochen interessante Persönlichkeiten die Medien vor, die ihr Leben prägen. Ihr könnt per Mail an christoph@krautreporter.de vorschlagen, wen er porträtieren soll. Oder gleich hier:


Wem dieses Medienmenü gefallen hat, den interessieren vielleicht auch die Lesetipps aus diesen beiden Folgen:

„E-Books haben für mich das Flair abgeknipster Fußnägel“

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Image caption: Patrick Spät ist Journalist und Buchautor. Er schreibt vor allem für das Online-Magazin Telepolis, aber auch für Spektrum der Wissenschaft, den Freitag und ZEIT Online. 2014 erschien von ihm das arbeitskritische Buch: Und, was machst du so?

„Ich versuche andauernd, das ganze für später abgespeicherte Zeug auch wirklich zu lesen“

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Image caption: Andreas Borcholte, 45, lernte sein Handwerk bei der „Hamburger Morgenpost“, war Redakteur beim deutschen „Rolling Stone“ und leitete zwölf Jahre lang das Kulturressort von SPIEGEL ONLINE, wo er heute als Autor über Kino, Pop und Gesellschaftsfragen schreibt. Er lebt in Berlin.