Mein Freund Bernie

Mein Freund Bernie

Christian Fahrenbach monogram
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Ich habe einen neuen Kumpel. Er schreibt mir verlässlich jeden Tag, hat viele hippe Freunde und er arbeitet ordentlich effektiv daran, dass ich die alle kennenlerne. Aber ich mache mir nichts vor: Dahinter steckt Kalkül. Denn mein neuer Brieffreund heißt Bernie Sanders, neben Hillary Clinton der einzige verbliebene Kandidat im Rennen um die US-Präsidentschaft bei den Demokraten.

Wie bei jedem guten Freund lässt sich auf ihn viel Gutes projizieren: Der 74-Jährige scheint aufrichtig und ernsthaft um meine Belange besorgt, er ist sozial und er verspricht den Menschen Krankenversicherung und kostenlose Bildung. In den USA reicht so etwas schon, um das Label „Demokratischer Sozialist“ zu bekommen. Lange Zeit wurden über Sanders deshalb auch allerhand Witze gerissen, Ende letzten Jahres sagte Comedian Andy Sandberg bei der Verleihung der Fernsehpreise Emmys: „Bin ich eigentlich der einzige, der findet, dass Bernie Sanders immer so schaut, als ob sein Flug Verspätung hätte?“

Doch inzwischen hat Sanders aufgeholt, die Vorwahl in New Hampshire sogar gewonnen, Clinton macht er allein durch präzises Nachhaken in den Debatten seit Wochen schon zu einer besseren Kandidatin. Auch, wenn er nicht ganz zu ihr aufschließen sollte, so prägt er doch den Wahlkampf viel stärker, als es die allermeisten Beobachter je für möglich hielten. Mich interessiert, wie im Jahr 2016 der Wahlkampf in den USA funktioniert. Um das herauszufinden muss ich Sanders und seine Maschinerie besser verstehen.

Bernie will an meine Mailadresse - und an mein Geld

Erster Schritt also: Ab auf die Mailingliste. Das geht auf der Webseite sehr flugs, nur zwei Felder muss ich ausfüllen, eins für die Mail-Adresse, eins für meine Postleitzahl. Noch bevor ich irgendeine Antwort in meinem Mail-Postfach finde, soll es an meinen Geldbeutel gehen, schließlich: „If we all chip in, there’s no limit to what we can accomplish together.“ - „Wenn wir alle zusammenlegen, dann hat das, was wir zusammen erreichen können, keine Grenzen.“

Sanders gibt sich als Kandidat des kleinen Mannes, betont wieder und wieder, dass er von keinem Super-PAC unterstützt wird. So heißen hier die nur auf dem Papier unabhängigen spendensammelnden Organisationen, die als Umweg entstanden sind, weil Einzelpersonen an Kandidaten direkt maximal 5.000 Dollar spenden dürfen. Sanders brüstet sich stattdessen damit, dass bei ihm eine durchschnittliche Spende gerade einmal bei 27 Dollar liege - ein Beweis dafür, wie sehr der Normalbürger ihn unterstütze.

Nichtsdestotrotz gehen meine bequem anklickbaren Spendenoptionen hoch bis 1.000 Dollar. US-Gesetze erlauben es mir als Ausländer nicht zu spenden, aber meine Adresse hinterlasse ich und einige Minuten später poppt in meinem E-Mail-Postfach die erste Mail auf. Seitdem schreibt mir Sanders jeden Tag. Beharrlich fragt er nach Geld, aber immerhin verabschiedet er sich stets freundlich: „In solidarity, Bernie Sanders.“ Zum Lachen bringt er mich auch noch, jede Mail endet mit dem Verweis „Paid for by Bernie 2016 (not the billionaires)“. Geht gut los, also.

Image caption: Aus einer Mail von Sanders, pardon, Bernie. Aus jeder Mail, genaugenommen.

Copyright: Scan

Nach einer Woche eine Einladung

Nach einer Woche zieht seine Charmeoffensive an, ich bekomme meine erste Einladung zu einer Veranstaltung vor Ort. Nur zwei Blocks von mir entfernt werde am südlichen Rande Harlems ein „Barnstorm“ organisiert, heißt es darin. Es solle darum gehen, wie ich selbst für „Bernie“ arbeiten könne - wir sind jetzt anscheinend beim sozialdemokratischen „Du“. Außerdem würde ich erfahren, welche Aktionen konkret von der lokalen Gruppe geplant seien. Ich wünsche mir von neuen Freunden zwar gelungenere Wortspiele in Richtung „Bernstorming“, aber man muss ja bei jeder Beziehung am Anfang Erwartungen justieren.

Ich schlafe einen Tag über das Angebot, erlebe dann aber eine Enttäuschung, als ich am nächsten Morgen mein Kommen bestätigen will. Alle verfügbaren Plätze seien schon belegt. Vor meinem Auge ziehen zehntausende aufgeputschte Anhänger von einer dieser Fernseh-Wahlkampfreden vorbei, Glitzerkanonen und Nationalhymnen engagierter Countrysängerinnen - sowas will ich mir nicht entgehen lassen. Zum Glück hält die Webseite die Telefonnummer von Organisator David bereit und er rät mir, einfach so vorbeizukommen, schlimmstenfalls müsse ich halt stehen.

Ich gehe zum „Barnstorm“, einem Wahlkämpfer-Treff in der Nachbarschaft

Bei meiner Ankunft überrascht es mich dann aber doch, wie übersichtlich die Szenerie ist. Gerade einmal zwanzig der rund neunzig bereitgestellten Stühle sind besetzt. Wieder muss ich vor dem Einlass meine E-Mail-Adresse hinterlegen, keine Ahnung, wer mich damit nun wieder kontaktieren will.

Mein Blick schweift durch die Reihen, ich sehe junge Menschen, Alte, Weiße, Farbige, Latinos. Als ich mich setze und von meiner deutschen Herkunft erzähle, werde ich sofort in den Kampf gegen TTIP eingespannt. Mir schlägt Bewunderung dafür entgegen, dass in Deutschland Hunderttausende dagegen auf die Straße ziehen.

„Gibt es solche Treffen heute auch anderswo in der Stadt?“ fragt ein anderer Anwesender. „Ja, du bist nur hierher eingeladen worden wegen deiner Postleitzahl“, erklärt ihm eine erfahrenere Wahlkämpferin. Bernie, der Fuchs, denke ich mir.

Der Barnstorm beginnt

Die Reihen füllen sich, und als es schließlich losgeht, sitzen vielleicht fünfzig Menschen auf den Plastikstühlen. Und da sehe ich auch David, eigentlich Inhaber einer Vermittlung für Nachhilfelehrer für die reichen Kinder der an Harlem angrenzenden Upper East Side, erzählt er. Genau diese Arbeit habe ihn motiviert, sich für Bernie zu engagieren - gleiche Bildungschancen für alle! „Ich war noch nie in meinem Leben politisch aktiv, seit einem Monat ist alles anders.“

Erst vier Wochen sei es her, dass er sich auf der Sanders-Webseite eingetragen habe. Und weil es für die laut Wikipedia immerhin 110.000 Einwohner East Harlems noch keinen Wahlkampfbeauftragten gab, bekam David flugs einen Anruf aus dem Kampagnen-Hauptquartier, ob er nicht die lokalen Aktionen leiten wolle - als ehrenamtlicher Helfer, versteht sich. David schert das nicht, viel mehr sieht er die geringe Bürokratie als Beispiel für die Graswurzelbewegung hinter Sanders. Applaus.

David liest einige Infos aus dem Campaign Headquarter vor. Anders als Clinton, die im New Yorker Stadtteil Brooklyn gar ihr zentrales Kampagnencenter für die Vereinigten Staaten aufgeschlagen hat, hat Sanders in der Hauptstadt der freien Welt nicht einmal ein Wahlkampfbüro.

Private Telefonpartys - total witzig!

Schließlich geht es um die Organisation sogenannter Phonebanking-Partys, also Treffen in Privatwohnungen, bei denen versucht wird, am Telefon Daten möglicher Sanders-Unterstützer zu sammeln. „Wir wollen niemanden umstimmen, sondern sammeln in diesem Stadium überhaupt erst einmal Namen und Telefonnummern von Leuten, die wir später noch einmal kontaktieren können“, erklärt David. „Alles total einfach und viel witziger als man denkt!“

Man müsse auch keine Angst haben, über Stunden Telefonnummern zu wählen, ohne dass jemand rangeht. „Es ist per Gesetz verboten, mit Computerhilfe Handys anzurufen. Deshalb sitzen im Kampagnenhauptquartier Menschen, die manuell Telefonnummern wählen, und erst, wenn es eine Verbindung gibt, wird die zu einer Phonebanking-Party irgendwo in den USA durchgestellt. Wir sprechen also nur mit Leuten, die tatsächlich rangehen!“ Ich bin baff angesichts solcher Finessen.

Es geht ans Eingemachte - und die Leute drehen auf

Dann geht's ans Eingemachte, und die Geschwindigkeit, in der die nächsten Punkte abgehakt werden, beeindruckt mich noch eine Spur mehr: pragmatische und anpackende Demokratie US-amerikanischer Prägung.

„Am Dienstag machen wir Phonebanking-Party bei mir, wer kann kommen?“ Zehn Hände gehen hoch.

„Wo können wir noch solche Partys veranstalten? Kommt schon, die sind FUN! Und man lernt Menschen aus seinem Viertel kennen!“ Sechs Hände. „Bitte hier eintragen!“

Eine zögerliche Nachfrage: „Ich würde gerne, aber ich weiß nicht, wie die Telefontechnik funktioniert!“ Applaus. Dann David: „Wer kann ihr helfen?“ Drei Hände.

„Ich gehe am Mittwoch zur Wahlaufsicht für eine Anhörung, damit die Wählerregistrierung fairer verläuft, kann mich jemand unterstützen und mitkommen?“ Sechs Hände.

„Großartig, wirklich großartig!“, sagt David. „Toller Spirit - wer von Euch war überhaupt noch nie bei einer Wahlkampfaktion dabei?“ Dreißig Hände.

„Wie wäre es mit einer All-you-can-drink-Bar-Party mit 27 Dollar Eintritt?“ Gelächter und Applaus, dann: „Wer kennt Bars dafür?“ Zwei Hände.

Schließlich klingelt der Pizza-Mann, die Veranstaltung ist vorüber, aber ein Abschiedsfoto für die Facebook-Gruppe „East Harlem for Bernie“ wird schnell noch geschossen.

Image caption: veröffentlicht in der FB-Gruppe "East Harlem for Bernie"

Copyright: Christian Fahrenbach

Beim Aufstellen dafür schließlich kleines Geraune unter den Anwesenden. Die Ergebnisse aus Nevada sind da, Sanders verliert mit rund fünf Prozentpunkten Rückstand. Bevor sich Resignation ausbreitet, gibt unser aller Freund aber per Mail schon die Richtung vor. Angesichts eines hoch zweistelligen Rückstands vor zwei Monaten sei das doch ein großartiges Ergebnis, findet er. Nicht nachlassen dürften wir jetzt. „Wenn wir nur weiter zusammenstehen, werden wir weiter gewinnen“, lautet Sanders’ Abschlussformel vor den solidarischen Grüßen.

„Amazing Energy!“

Die Gruppe zerstreut sich, doch insgesamt habe das Treffen doch eine „amazing, amazing energy“ besessen, schreibt David hinterher in der Facebook-Gruppe. Ich frage mich, wie es am kommenden Dienstag wohl für meinen neuen Freund Bernie weitergeht. Es beeindruckt mich, wie spielerisch hier an Politik herangegangen wird und auch, wie sich um bestimmte Themen schnell Aktionsgruppen und sogar engagierte Gruppen organisieren lassen - ein Pragmatismus der mir daheim oft fehlt. Für Phonebanking-Partys in meinem 16-Quadratmeter-Zimmer habe ich aber keine Energie, und selbst wenn ich es trotz meiner Beobachterrolle als Journalist wollte, spenden darf ich nicht. Also lasse ich das mal - nicht, dass mein neuer Freund Bernie am Ende noch Probleme bekommt.

Update: In der letzten Vorwahl vor dem Super Tuesday am 1. März hat mein neuer Buddy eine herbe Niederlage einstecken müssen. Nicht nur, dass er in South Carolina mit 26 zu 73 Prozent hinten lag - vor allem die Nachwahlumfragen unter schwarzen Wählern dürften dem Sanders-Team Kopfzerbrechen bereiten, hier lag er mit 13 zu 87 Prozent hinter Clinton. Immer wieder wird in Frage gestellt, ob Sanders Farbige und Latino-Wähler für sich begeistern kann und diese Zahlen dürften solche Zweifel nicht gerade abbauen. (Details hat die New York Times) Fazit insgesamt: Es sieht nicht gut aus für Bernie, der nächste Kalauer macht bei Twitter die Runde: #bernout ?

Aufmacherfoto: Christian Fahrenbach


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