Stricken tut dem Gehirn gut. Stimmt das?

Stricken tut dem Gehirn gut. Stimmt das?

Susan Mücke monogram
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Die gute alte Handarbeit - Inbegriff von Piefigkeit, Waldorf-Pädagogik und Ökofimmel - hat einen erstaunlichen Imagewandel durchlaufen. Stricken gilt heute als cool und hip. Auch mein Freundeskreis ist vom Virus befallen, Menschen, die früher durch die Clubs zogen, Nächte in Kneipen durchzechten, klappern seit Neuestem mit den Nadeln und verwandeln bunte Knäuel in wollene Schals und Socken. KR-Mitglied und Publizistin Anke Domscheit-Berg hat sich in einer E-Mail an mich als „leidenschaftliche Vielstrickerin“ geoutet, „vom Guerillastricken bis zum Stricken für Flüchtlinge“. Es befriedige sie als Kopfarbeiterin ungemein, auch mal „ein haptisches Arbeitsergebnis zustande zu bringen“. Dabei kann sie nach einem stressigen Tag wieder runterkommen, der Druck fällt ab, gleichzeitig steigt die Konzentration. „Ich stricke deshalb besonders gern auch in Konferenzen und bei Vorträgen- ich kann einfach besser aufnehmen“, sagt sie.

Das Stricken vollbringt gefühlt wahre Wunder für Gedächtnis, Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit - aber was ist tatsächlich dran?, fragt KR-Leserin Alexandra.

Die Antwort darauf gibt KR-Mitglied Roman Stilling, Neurobiologe am APC Microbiome Institute in Cork (Irland): „Die Frage, ob etwas dem Gehirn gut tut, ist zunächst einmal schwierig, weil man nicht so richtig weiß, was das genau heißen soll. Ich denke, die meisten würden in diesem Fall darunter verstehen, ob sich Stricken positiv auf andere Leistungen des Gehirns auswirkt, wie Gedächtnis oder Intelligenz (was auch immer das genau ist). Die Frage kann man im Grunde bei fast jeder regelmäßigen Trainingstätigkeit stellen. Besonders häufig untersucht wurden Apps oder Spiele, die als Gehirnjogging bekannt sind. Die Idee: Das Gehirn ist wie ein Muskel und kann und muss trainiert werden.“ Wissenschaftlich gesprochen muss untersucht werden, ob beim Stricken „Prozesse im Gehirn aktiv werden, welche die Erfahrung des Strickens auf andere Bereiche generalisieren bzw. transferieren.“

Image caption: Roman Stilling ist KR-Mitglied und Neurobiologe. Der 31-Jährige hat in Neurowissenschaften an der Georg-August-Universität Göttingen promoviert.Gerade forscht er als PostDoc am APC Microbiome Institute in Cork (Irland) an der Interaktion zwischen Darmbakterien und Gehirnfunktion. Er beschäftigt sich mit dem Sozialverhalten von völlig sterilen Mäusen, denen alle Darmbakterien fehlen.

Copyright: David Knollmann

Studien zum Stricken, wie die von Fabrigoule et al 1995 und Yonas Geda, Hirnforscher an der Mayo Clinic in Rochester im US-Bundesstaat Minnesota, der mehr als 400 Senioren zu ihren Freizeitbeschäftigungen befragt hat, legen nahe, dass es tatsächlich positive Effekte auf das Gehirn gibt. Wer regelmäßig strickte, Bücher las oder Computer spielte, anstatt fernzusehen, hatte ein um 40 Prozent reduziertes Risiko für pathologische Gedächtnisverluste.„Wenn man eine Tätigkeit immer wieder ausübt, kommt man in einen Zustand vollkommener Entspannung wie bei Meditation oder Yoga“, erklärt der Kardiologe Herbert Benson.

Die Ergebnisse scheinen mir etwas dünn und gleichzeitig allgemein zu sein. Roman Stilling nennt die bisherige Studienlage zu Generalisierungseffekten von Gehirnjogging auch ziemlich ernüchternd. Bei den meisten Tätigkeiten treten keine oder nur sehr begrenzte Generalisierungseffekte auf. Wer Gehirnjogging mit den klassischen Apps betreibt oder IQ-Tests durchackert, wird vor allem in genau diesen Dingen besser - das bedeutet nicht, dass man dadurch tatsächlich Intelligenter wird oder sich mehr merken kann.

Iris Kolhoff-Kahl, Erziehungswissenschaftlerin an der Universität Paderborn, bestätigt das in einem Zeitungsartikel: „Häufigkeit, Relevanz und Ähnlichkeit einer Tätigkeit, wie es beim Handarbeiten der Fall ist, sind wichtig für die Vernetzung im Gehirn. Aber bislang ist alles graue Theorie, es gibt keine validen Arbeiten, die die spezifischen Effekte von Handarbeit auf das Hirn gemessen haben.“ Roman Stilling könnte sich vorstellen, dass die Areale im Motorkortex, die für die Finger, Hände und die Auge-Hand-Koordination zuständig sind, durch regelmäßiges Stricken größer oder besser vernetzt werden, aber Beweise hat er dafür nicht. Versuche japanischer Forscher legen nahe, dass das Gehirn beim Stricken andere Nervenzellen nutzt als beim Häkeln, aber bewiesen scheint auch das nicht.

Die Hirnforschung zum Stricken steckt also noch in den Kinderschuhen und ob sie ihnen jemals entwächst ist fraglich. Die Handarbeitsindustrie ist klein (1,3 Milliarden Euro, zum Vergleich: der Markt für Unterhaltungselektronik ist 20-mal so groß), auch wenn seit der Jahrtausendwende der Markt für Garn, Wolle und Stoffe stetig wächst und die Umsätze laut dem Verband „Initiative Handarbeit“ jährlich um fünf bis zehn Prozent steigen.

Einen positiven Effekt gibt es aber auf jeden Fall: Stricken verschafft, wie auch KR-Leserin Anke Domscheit-Berg beschreibt, „das gute Gefühl, etwas herzustellen und den Erfolg direkt sehen und anfassen zu können.“„Dieses positive Feedback (Belohnung)“, so Roman Schilling, „wirkt sich bestimmt auf die 'mentale Gesundheit' aus (was auch immer das nun wieder genau ist).“

Ich lerne daraus vor allem eins: Wenn Menschen stricken, ist das zweifelsohne besser, als wenn sie nicht stricken und stattdessen gar nichts tun. Ob Stricken aber besser für das Hirn ist, als etwa im Internet surfen, darf laut Neurobiologie bezweifelt werden. Ich will es dennoch mal ausprobieren. Wer kann ein Tutorial für Anfänger auf Youtube empfehlen (bitte in den Kommentaren)?


Aufmacherbild: Ziegenhirte - Urban Knitting - Oliver Hallmann/flickr (CC BY 2.0)


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