Das Medienmenü von Patrick Spät

„E-Books haben für mich das Flair abgeknipster Fußnägel”

etwa 5 Min. Lesedauer

Mein erster morgendlicher Medienkontakt ist der Berliner Radiosender FluxFM, der solange nebenher läuft, bis ich konzentriert arbeite. Manchmal höre ich auch Funkhaus Europa. Als erstes schaue ich in mein E-Mail-Fach, wo mich dann GMX wahlweise darüber informiert, ob wir draußen gerade „Sahara-Hitze“ oder „Raspel-Kälte“ haben und was so im Dschungelcamp passiert.

Danach klicke ich auf die üblichen Verdächtigen, zum Beispiel das ehemalige Nachrichtenmagazin Spiegel Online, wo ich aber meistens nur die ersten Meldungen auf der Startseite lese. Auf der Seite des Onlinemagazins Telepolis bin ich gerne und täglich – nicht, um meinen eigenen Kram zu lesen, sondern die oft guten Artikel der Kolleginnen und Kollegen.

Darüber hinaus besuche ich regelmäßig amerika21 für Nachrichten aus Lateinamerika und gucke mir die „Links der Woche“ beim Lichtwolf an. Beim Magazin Indiekino Berlin lese ich regelmäßig, welche Filme in meinen Lieblingskinos laufen. Was ich vermeide, sind rechtskonservative Medien wie den FOCUS oder die FAZ, zumal ich nach fünf Minuten FAZ-Lektüre ganz verzwirbelt im Kopf bin wegen der wichtigtuerischen Schachtelsätze.

Meist lese ich englischsprachige Nachrichtenseiten, zum Beispiel ThinkProgress, Al Jazeera oder teleSUR. Für Hintergrundberichte besuche ich dann öfters The Intercept, das Onlinemagazin von Laura Poitras, Glenn Greenwald und Jeremy Scahill. Zudem lese ich Artikel bei The Atlantic oder beim Jacobin Magazine. Wenn ich wissenschaftliche Artikel schreibe, informiere ich mich über einschlägige Seiten wie ScienceDaily oder EurekAlert!, was gerade Sinnvolles oder Sinnloses erforscht wurde. Wenn es etwas populärwissenschaftlicher werden soll, dann lese ich so Sachen wie die gut gemachte Rubrik „Science of Us“ vom New York Magazine.

Die Nachrichten-Webseite „The Intercept“, gegründet von Glen Greenwald und Laura Poitras und finanziert von eBay-Gründer Pierre Omidyar entstand im Zug des NSA-Skandals. Zunächst diente sie als Plattform für die Veröffentlichung der Snowden-Dokumente, wurde aber schnell als Quelle für fundierten, kritischen Journalismus auch zu anderen Themenfeldern bekannt.
Anfang Februar gab The Intercept bekannt, dass der inzwischen entlassene Reporter Juan Thompson in mehreren Artikeln erfundene oder gefälschte Zitate verwendet hatte. Vier Artikel seien daraufhin korrigiert, ein weiterer komplett zurückgezogen worden. Thompson habe außerdem mehrere E-Mail-Konten unter falschem Namen angelegt, um sein Tun zu verschleiern.

Die einzige gedruckte Zeitung, die (unvermeidlich, weil Werbung) in meinem Briefkasten landet, ist das kostenlose Anzeigenblatt „Berliner Woche“. Da lese ich zum Amüsement das Horoskop und anschließend die Neuigkeiten aus Berlin-Mitte. Für Zugfahrten hole ich mir traditionell die NEON. Ich habe keinerlei Abos und lese Nachrichten- und Hintergrundartikel zu 100 Prozent digital im Internet. Bücher wiederum lese ich zu 100 Prozent analog in Papierform. E-Books haben für mich das gleiche Flair wie abgeknipste Fußnägel.

Mir gefallen besonders die Autoren, die man grob unter dem Schlagwort „Neue Sachlichkeit“ versammelt, wie etwa Hans Fallada, Joseph Roth oder B. Traven, dessen „Totenschiff“ zu meinen Lieblingsbüchern gehört. Bei zeitgenössischen Romanautoren habe ich oft das Gefühl, das sie nichts erlebt und deshalb nichts zu sagen haben. Oder sie haben keinen Swing in der Schreibe. Aber hier und da gefällt mir dann doch was von der gegenwärtigen Belletristik: Die Bücher von Wolfgang Herrndorf zum Beispiel finde ich allesamt super, vor allem „Sand“ und „Tschick“. In Reiseführern schmökere ich gerne, und auch Reiseberichte wie zum Beispiel diejenigen von Andreas Altmann finde ich spannend. Zum Entspannen lese ich gerne mal Kinderbücher von Janosch oder die grandiose „Katze mit Hut“ von Simon und Desi Ruge.

B. Traven ist das Pseudonym eines deutschen Schriftstellers, der in den 1920er Jahren nach Mexiko auswanderte. Es gilt als wahrscheinlich, dass sich hinter dem Pseudonym der gelernte Maschinenschlosser Herrmann Albert Otto Max Feige verbarg, der sich 1907 als angeblich aus San Francisco stammender Schauspieler unter dem Namen Ret Marut neu erfand. Im Ersten Weltkrieg engagierte sich Feige/Marut politisch und gab von 1917 bis 1921 die anarchistische Zeitschrift „Der Ziegelbrenner“ heraus.
Wie Feige/Marut schließlich nach Mexiko gelangte, ist nicht abschließend geklärt. Laut umfangreicher Recherchen für die BBC-Dokumentation „B. Traven: A Mistery Solved“ von Will Wyatt und Robert Robinson (oben eingebettet), hatte er 1923 versucht, über England nach Kanada zu gelangen, wurde jedoch von der britischen Polizei verhaftet und bis Anfang 1924 inhaftiert. Nach der Entlassung siedelte Feige/Marut nach Mexiko über. Dort verfasste er unter dem Pseudonym B. Traven Romane wie „Das Totenschiff“ oder „Der Schatz der Sierra Madre“. Die sozialkritischen Abenteuerbücher wurden Welterfolge, in mehr als 20 Sprachen übersetzt und mal mit Humphrey Bogart, mal mit Horst Buchholz verfilmt.

Technisch gesehen surfe ich vermutlich wie der erste Mensch. Ich habe kein Smartphone, sondern ein Tastenhandy mit dreiwöchiger Akkulaufzeit. Das bewahrt mich immerhin davor, wie „Smombie" durch die Gegend zu torkeln. Tablet? Ebenfalls Fehlanzeige. Alles läuft über meinen Laptop. Auf dem habe ich meine Lieblingsseiten ganz klassisch in den Lesezeichen – keine Apps, kein Twitter, kein RSS-Feed, kein Gedöns. Dafür aber Facebook, wo ich über meine „gelikten“ Seiten auch Neuigkeiten aus aller Welt bekomme – sei es von meinen Lieblingsbands, sei es von Organisation wie Pro Asyl und „Zwangsräumung verhindern“, oder einfach neue „Tales Of Mere Existence“-Videos des Künstlers Lev Yilmaz.

Zum Arbeiten schalte ich dann FluxFM wieder aus. Ich zocke keinerlei Computerspiele, aber bei spontanen Schreibblockaden lande ich manchmal bei der „Schlachteplatte“ von „Beef“ und schieße mit Wurstscheibchen rum, was mir als Vegetarier umso mehr Spaß macht. Wenn das nichts hilft: Kaffee. Wenn das auch nichts hilft: Computer aus und raus in die Welt.


Patrick Spät ist Journalist und Buchautor. Er schreibt vor allem für das Online-Magazin Telepolis, aber auch für Spektrum der Wissenschaft, den Freitag und Zeit Online. 2014 erschien von ihm das arbeitskritische Buch: Und, was machst du so?

Illustration: Veronika Neubauer, Foto: privat.


In der von Christoph Koch betreuten Rubrik „Medienmenü“ stellen interessante Persönlichkeiten die Medien vor, die ihr Leben prägen. Ihr könnt per Mail an christoph@krautreporter.de vorschlagen, wen er porträtieren soll.