Fünf Tage im Jahr 2015, an die sich Khaled Ghazi sein Leben lang erinnern wird

Fünf Tage im Jahr 2015, an die sich Khaled Ghazi sein Leben lang erinnern wird

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19. Januar: Geburtstag der Hoffnung

Das Jahr 2015 beginnt unter den gegebenen Umständen fantastisch. An meinem Geburtstag gibt das Regime bekannt, dass der Bus nach Damaskus seinen Fahrplan wieder aufnehmen wird. Nach mehr als einem halben Jahr kann ich endlich zurück an die Universität.

Meine Familie lebt in Al Mazzeh, einem Vorort nur zehn Kilometer vom Zentrum von Damaskus entfernt, wo ich Englische Literatur studiere. Jeden Tag war ich mit dem Bus zur Uni gefahren, bevor die Kämpfe zwischen der Freien Syrischen Armee und den Regierungstruppen den Weg ins Stadtzentrum erst durch Raketen und Granatenbeschuss aus den Hügeln lebensgefährlich gemacht und schließlich die Straße völlig zerstört hatten.

An der Universität hat sich einiges geändert. Im Frühjahr 2014 noch hatten die meisten Studierenden zu viel Angst, zur Uni zur gehen. Aber Ende des Jahres hatte sich die Lage insgesamt stabilisiert. Viele Studenten füllen nun die Flure und Cafés. Wir hoffen auf ein normaleres Leben. Ich denke überhaupt nicht daran, Syrien zu verlassen.

Ich rufe alle meine Freunde an. Wir feiern meinen Geburtstag in unserem Stammcafé. Nach und nach trudeln sie ein und begrüßen mich: “Er ist wieder da!”, “Er hat es geschafft!”, “Er hat überlebt!”. Es ist ein guter Geburtstag, der Geburtstag neuer Hoffnung.

Nur ein paar Wochen später würde alles anders sein.

24. Juni: Die Entscheidung

Nach den Klausuren im Mai verbringe ich auch meine Semesterferien in der Stadt. Damaskus im Sommer ist angenehm. Wir verbringen unsere Tage im Einkaufszentrum oder im “Inhouse Café”. Aber die optimistische Stimmung beginnt zu kippen. Jdaydet Artouz, das malerische Multi-Kulti-Viertel, wo ich und die meisten meiner Freunde leben, war früher prall gefüllt mit Menschen. Nun sind nur wenige Passanten in den Straßen zu sehen. Es dämmert mir: Hier gibt es ein Problem.

Immer häufiger höre ich: “Der ist nach Schweden gegangen”, oder “Der lebt jetzt in Deutschland”. Ein Freund nach dem anderen verlässt das Land. Jeden Tag sage ich jemand anderem in meinem Alter Auf Wiedersehen. Auch ich muss jederzeit damit rechnen, zum Kämpfen gezwungen zu werden. Ob von der Regierungsarmee oder den Rebellen macht kaum einen Unterschied. In kurdischen Gebieten werden auch Frauen zwangsverpflichtet.

Sie schicken dich ohne Ausbildung an die Front. Sie benutzen uns als menschliche Schutzschilde. Niemand, der kämpfen muss, überlebt länger als zehn Tage. Ein Bekannter vergisst aus Leichtsinn ein entscheidendes Papier, wird aufgegriffen und sofort nach Aleppo geschickt. Niemand hat mehr Kontakt zu ihm.

Es ist kein Kampf für deine eigenen Werte. Es ist kein Kampf für dein Vaterland. Es ist ein sinnloser Kampf. Sie zwingen dich, gegen unbekannte Menschen kämpfen, für unbekannte Ziele, nur um die Machtposition von jemandem zu verteidigen, der dir egal ist.

Mein bester Freund Youssef verlässt Syrien am 24. Juni. Ich kann nicht Abschied nehmen, denn er bricht überstürzt auf. Ich bin schockiert. Am selben Tag noch beschließe ich, ihm zu folgen.

Mit meinen Eltern diskutiere ich wochenlang über die Entscheidung. Ich bin der einzige Sohn. Mein Vater ist fast 60, meine Mutter arbeitet nicht. Die Familie ist also auf meine Unterstützung angewiesen. Aber: Ich arbeite neben der Uni als Verkaufsleiter in einem Handy-Laden, werde aber so schlecht bezahlt, dass der Lohn uns nicht viel weiterhilft. Die Wirtschaft ist vom Bürgerkrieg vollkommen zerstört. Die Perspektive, in Europa Geld zu verdienen, um meiner Familie zu helfen, ist auch ein Teil meiner Überlegung.

Meine Mutter ist sofort überzeugt. Sie möchte, dass ihr Sohn sicher ist. Mein Vater zögert. Seine große Sorge: Gelingt die Flucht? Aber schließlich ist auch er einverstanden. Es wird einfach zu gefährlich.

20. August: Die Flucht

Ich sage niemandem etwas von meiner bevorstehenden Abreise. Eine große Abschiedsparty würde Pech bringen. So kommt der Tag, an dem ich meine Familie verlasse. Vielleicht für immer.

Um neun Uhr abends komme ich ins Haus meiner Eltern. Wir essen Baklava. Ich bereite eine Shisha-Pfeife für mich und meine Mutter vor. Wir sitzen beisammen und reden die ganze Nacht. Sie sagt mir: Du wirst ein tolles deutsches Mädchen heiraten! Du wirst tolle deutsche Kinder haben! Und sie sagt mir: Wenn die Überfahrt zu gefährlich ist, komm bitte einfach nach Hause. Ihre große Sorge: das Boot. Um fünf Uhr morgens beginnen alle zu weinen. Dann umarme ich alle meine Lieben. Mein Vater fährt mich zur Haltestelle. Ich besteige einen Bus. Ich bin auf der Flucht.

Es ist heiß an diesem Tag, 35 Grad. Wir haben Verwandte im Libanon, die ein paar Telefonate führen, deswegen kann ich die Grenze ohne die übliche tagelange Wartezeit überqueren. Freunde, die es schon nach Deutschland geschafft haben, haben mir geraten, wenig mitzunehmen. T-Shirts, Shampoo, Kopfschmerztabletten. Und ein Smartphone. Erst, als ich türkischen Boden betrete, setzt dieses Gefühl ein: Ich bin ein Flüchtling.

In Izmir zahle ich einem Schmuggler 1.000 Dollar für die Überfahrt nach Lesbos. Das Wetter ist perfekt, wie bei einem Urlaub in der Karibik! Ein libanesischer Fischer steuert 45 Leute in einem Neun-Meter-Boot vier Stunden durch die Nacht. Ich schlafe während der Überfahrt.

Auf der griechischen Insel beginnt das, was mich auf meiner Flucht seitdem begleitet: warten. Warten ist schlimm. Warten ist deprimierend. Es ist so deprimierend. 24 Stunden stehe ich in Lesbos in der Schlange, um auf die Fähre nach Piräus zu kommen. In Athen angekommen, bin ich zum ersten Mal in meinem Leben obdachlos. Ich rolle mich neben Hunden und Betrunkenen auf der Straße zusammen. So heiß die Tage in Athen sind, so kalt sind die Nächte. In jener August-Nacht bekomme ich eine Erkältung. Bis heute bin ich sie nicht losgeworden.

3. September: Albtraum Ungarn

Der Morgen beginnt in Belgrad. Mit dem Bus fahre ich an die ungarische Grenze. Dort gibt es eine Art Lager, viele Zelte vom Roten Kreuz und anderen Hilfsorganisationen. Der Stacheldrahtzaun ist noch nicht ganz fertig. Es gibt es keinen offiziellen Weg, Ungarn zu durchqueren. Ich muss es illegal tun. Per Handy frage ich meine Freunde in Deutschland um Rat. Geh’ in der Nacht, sagen sie mir, und schlafe in den Maisfeldern. Dort wird dich niemand fangen.

In der Nähe von Röszke überquere ich problemlos die Grenze. Um drei Uhr morgens nähere ich mich vorsichtig einer Tankstelle, um einen Schmuggler zu finden, der mich nach Budapest bringt. Plötzlich aber umkreisen etwa dreißig Polizeiwagen die Tankstelle. Wahrscheinlich 100 Polizisten springen heraus und wollen die Schmuggler und uns Flüchtlinge fangen. Ich laufe los. Vier Polizisten folgen mir. Ich renne so schnell ich kann, zurück ins Maisfeld. Ich habe zwei Tage nicht geschlafen, 20 Stunden nicht gegessen oder getrunken. Es ist sehr kalt – Minusgrade. Ich breche zusammen und werde ohnmächtig.

Erst als ein irakischer Flüchtling über mich stolpert, werde ich wach. Hätte er mich nicht gefunden, ich hätte erfrieren können. Er teilt sein Wasser mit mir. Gemeinsam machen wir uns auf den Weg, um zwölf Kilometer in die nächstgelegene Stadt zu laufen. Unterwegs kollabiere ich wieder. Ich will nicht weiter.

24 Stunden später. Ich brauchte nur einen Schluck Wasser. Ich finde keinen Bach, keinen Tümpel, nichts. Ich laufe dem Polizeiauto entgegen und halte meine Hände über Kreuz. Ich will nur, dass sie mich verhaften. Aber ich bin ihnen egal. Ein Auto hält an: “To Budapest 250 Euro.” Ich muss mein Leben retten. Ich zahle den Preis.

24. Oktober: Auf dem Weg nach Berlin

Budapest, Wien, München, Köln, Dortmund. Dort treffe ich Youssef, aber in seiner Unterkunft in Duisburg kann ich nicht bleiben. Weiter nach Leipzig, Senftenberg, Dresden, Chemnitz, Hoyerswerda, Halberstadt, Halle, Bischofswerda, schließlich Falkenstein. Ich sitze wochenlang ein einer kleinen Ferienhütte auf einem Ponyhof im Harz. Der Termin für meine Erstregistrierung: April 2016. Ich bin verzweifelt.

Der letzte Moment des Jahres 2016, den ich für immer in Erinnerung behalten werde: Als Christian Gesellmann mich nach Berlin holt. Er holt mich ab aus den Wäldern. Aus dem Nichts. Zu einer Adresse. In ein Leben. Nach Berlin.

Wir hatten telefoniert. Er will meine Geschichte aufschreiben für Krautreporter. Er will mich besuchen. Am Nachmittag ist er da und ruft an. Auf dem Ponyhof herrscht schlechter Empfang. Ich stehe oben auf dem Berg und recke meinen Arm in die Luft, Gesellmann steht unten und sucht dort ein Netz. Wir schaffen es irgendwann, uns in der Mitte zu treffen. Wir reden. Ich komme auf sein Angebot zurück, bei ihm in Berlin zu übernachten. Er stimmt zu! Etwa drei Stunden fahren wir in einem geliehenen Ford Fiesta nach Berlin. Und mein Leben ändert sich mit einem Schlag vollkommen.

Seitdem lebe ich in einer Flüchtlingsunterkunft in einer ehemaligen Sportschule am Jakob-Kaiser-Platz. Ich verbringe viele Tage damit, vor dem berüchtigten LaGeSo anzustehen. Es sind keine einfachen Umstände. Aber für mich sind es die perfekten Umstände. Hier habe ich Elektrizität. Hier habe ich genug zu essen. Hier kann ich mein Haus verlassen. Hier kann ich Freunde treffen. Hier bin ich sicher. Erst als ich sie verloren habe, habe ich gemerkt, wie wichtig Sicherheit für die Menschen ist. Vier Jahre lang habe ich mich nicht sicher gefühlt. Sicherheit, mehr brauche ich nicht.

2016: Neues Leben und ein Plan

Mein Plan für 2016: Deutsch lernen und eine Aufenthaltserlaubnis. Mein Termin ist im April. Und falls die Politiker ihre Versprechen halten, dauert es vielleicht nur zwei Monate, bis ich danach auch eine Arbeitserlaubnis bekomme. Ich will meinen Lebensunterhalt verdienen. Vielleicht finde ich einen Halbtagsjob und kann mein Studium fortsetzen.

Und ich besuche jeden Tag das Krautreporter-Büro. Ich erinnerte mich an meinen Plan, Journalist zu werden. In Syrien fehlten mir die Beziehungen. Hier, in diesem neuen Land, sehe ich die Chance, meinen Traum zu verwirklichen.