Der Flüchtling in meinem Kopf

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Wahrscheinlich hat ihn mein Kollege Christian Gesellmann mitgebracht. Der kam im September aus Chemnitz nach Berlin, ging einfach zum Lageso und half. Damals wusste ich nicht einmal, wo das Landesamt für Gesundheit und Soziales ist. Dabei ist die Turmstraße 21 gerade mal fünf Minuten mit dem Fahrrad von meiner Wohnung entfernt.

Christian packte einfach an. Auch schrieb er über die Zustände dort, über lange Warteschlangen und darüber, warum der Verein „Moabit hilft“ kein Essen mehr bringen durfte. Wie Salafisten versuchten, die Flüchtlinge für ihre Auslegung des Koran und ihre Sache zu gewinnen. Über Helfer, die aus Ausländerfamilien stammten. Einige von ihnen waren selbst als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen.

In diesen Tagen machte sich der Flüchtling in meinen Kopf breit. Ein virtueller Flüchtling. Er ist ständig präsent, schaltet sich ungefragt in Diskussionen ein und flüstert mir Dinge zu. Er macht mir auch Vorwürfe, weil ich mich nicht für seine Sache engagiere, nicht helfe, nicht für ihn kämpfe.

„Ich habe nichts gegen Flüchtlinge, aber...“

Im August habe ich aufgehört, abends beim Essen in der ersten Reihe zu sitzen und die Nachrichten anzuschauen. Die Flüchtlinge schlugen mir auf den Magen. Bevor der Moderator auch nur „Flü…“ gesagt hat, hatte ich schon umgeschaltet. Eine Weile schien es kein anderes Thema als Flüchtlinge in den Nachrichten zu geben. Vielleicht noch die Demonstrationen von Pegida. Eigentlich bis zu den IS-Anschlägen in Paris am 13. November mit 130 Toten.

Zwei Wochen davor sitzt im Urlaub an der Müritz mein Flüchtling morgens mit am Frühstückstisch – und ein Ehepaar aus Hamburg. Man dürfe ja nichts gegen Flüchtlinge sagen, weil man sofort in die rechte Ecke zu den Neonazis gestellt werde, jammert die Frau. Aber was das alles koste, das mit den Syrern.

Ich krame aus meinen Gedanken eine Studie hervor, die belegt, dass Flüchtlinge in Deutschland dringend als Arbeitnehmer gebraucht werden. „Ja, die Studie ist von den Arbeitgebern“, weiß die Frau. „Die wollen ja nur billige Arbeitskräfte und den Mindestlohn wieder aushebeln.“ Mit entschlossenem Blick sagt sie: „Ich habe wirklich nichts gegen Flüchtlinge, aber…“. Der Satz endet hier. „Ich habe ja nichts gegen Pegida, aber…“ flüstert es in meinem Kopf.

Nach dem Urlaub bekommt der Flüchtling in meinem Kopf reale Konkurrenz namens Khaled. Rumänische Kollegen von Casa Jurnalistului haben den 22 Jahre alten Syrer auf seiner Flucht von Griechenland über Ungarn nach Österreich begleitet. Ich habe ihre Geschichte aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt. Ein paar Wochen später steht Khaled live vor mir in der Redaktion. „You know me already“, sagt er zur Begrüßung.

Der Flüchtling in meinem Kopf kommt gut mit Khaled aus. Vielleicht kommen sie beide aus Damaskus? Dort leben heute noch Khaleds Eltern und seine Schwestern. Ich traue mich nicht, allzu viel nachzufragen, wie es ihnen geht. Purer Selbstschutz. Der Krieg sei schlimm, sagt Khaled. Aber es sei schon vor dem Krieg schlimm gewesen.

Vera Fröhlich - 1995 im Schlepptau von Entwicklungshilfeminister Spranger

Foto: Sebastian Esser

Wenn ich an Damaskus und Aleppo denken, bin ich im falschen Film. Im Jahr 1995 reiste der damalige deutsche Entwicklungshilfeminister Carl-Dieter Spranger auf „delikater Mission“ in den Nahen Osten. Im Schlepptau hatte der CSU-Politiker ein Dutzend Journalisten, auch mich. Spranger führte Gespräche in Israel und mit „Palästinenserführer“ Jassir Arafat, König Hussein von Jordanien und Syriens Staatschef Assad.

Hafiz al-Assad, Vater des heutigen Machthabers.

Foto: Sebastian Esser

Das war aber der Vater, Hafiz, des heutigen Machthabers Baschar al-Assad. Anderthalb Jahre zuvor war dessen Bruder Basil, der in die Fußstapfen seines Vaters treten sollte, bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Baschar galt damals als Hoffnungsträger – keiner konnte sich vorstellen, dass auf den „Damaszener Frühling“ 2001 der unerträglich lange Damaszener Winter folgen sollte.

Mit Spranger waren wir auf den Golanhöhen und wurden mit syrischer Propaganda gegen Israel vollgetextet. An Damaskus habe ich keine Erinnerung mehr außer staubiger Konferenzräume. Aber Aleppo, das war wunderschön!

Aleppo im Oktober 2007

Foto: Flickr/ watchsmart/CC BY 2.0

Die Altstadt der einst zweitgrößten Stadt Syriens erklärte die UNESCO 1986 zum Weltkulturerbe. Seit 1993 renovierten sie Archäologen und Baumeister mit Millionen-Unterstützung aus Deutschland. In der Nacht vom 28. auf den 29. September 2012 wurde der historische Basar, weltgrößtes überdachtes altes Marktviertel und Teil des UNESCO-Welterbes, durch ein Großfeuer weitgehend zerstört. Schuld waren offenbar Kampfhandlungen.

Der Basar im Jahr 2008...

Foto: Flickr/ Graham van der Wielen/CC BY 2.0

... und 1995.

Foto: Sebastian Esser

Spranger ist heute 76 Jahre alt. Damals war er für drei Dinge bekannt: seine windschnittige und wetterfeste Frisur, seinen „Kameradschaftsabend“ mit Journalisten auf jeder seiner Reisen und sein Riesentempo, mit dem er zu Fuß durch Kirchen und über Märkte raste. Auch durch das wunderschöne Marktviertel in Aleppo mit seinem Gold und seinen herrlich duftenden Gewürzen.

Carl-Dieter Spranger (CSU) im Jahr 2015

Foto: Wikimedia/Freud/CC0

Alles kaputt, raunt mir der Flüchtling in meinem Kopf zu. In Deutschland kann sich niemand vorstellen, was Millionen Syrer seit Kriegsbeginn 2011 und davor unter der Herrschaft der Assads seit den 70er Jahren durchmachen mussten. Und was sie alles verloren haben, auch an wunderschönen Kulturschätzen.

Nun, jetzt sind Tausende Syrer in deiner unmittelbaren Nähe, wird der Kopf-Flüchtling nicht müde zu betonen. In solchen Situationen vermisse ich meinen Bruder und die Spontanität, die er einmal hatte. Früher hätten wir die beiden Uralt-Häuser, die in einer hessischen Kleinstadt meiner Mutter gehören und die langsam, wie sie selbst, verfallen, einfach aufgeräumt, renoviert und einem Dutzend Flüchtlinge ein neues Zuhause gegeben. Aber seit einem Jahr ist mein Bruder ja tot.

Bei uns in Berlin können wir niemanden aufnehmen, in unserer Zwei-Raum-Wohnung für zwei Personen. Meine Freundin sagt, sie habe keinen Platz und auch keine Zeit. Deshalb hat sie für den Verein „Moabit hilft“ gespendet. Pragmatisch, die Frau. Wie ihr Vater, der im Zweiten Weltkrieg aus Königsberg flüchten musste und flugs seinen Namen eindeutschte – nichts mehr mit „cz“. Nichts mehr mit Flüchtling.

Wie wird man ein hungerndes Kind los?

Mein Kopf hatte schon einmal einen unerwünschten Untermieter. Im vergangenen Jahrhundert wohnte dort ein hungerndes Kind. Damals, als ich in den 80er Jahren in Niger in Westafrika gelebt und in der Landwirtschaft gearbeitet habe. Eine Freundin vom US-Peace-Corps arbeitete mit Familien, die sehr unter der Dürre in der Sahelzone gelitten hatten. Schlimm, die aufgetriebenen Bäuche der Kinder. Und ihre Schreie, weil sie nichts essen wollten, obwohl sie kurz vor dem Verhungern standen. Sie brüllten, kämpften, verweigerten tagelang jede Nahrungsaufnahme. Dann waren sie über dem Berg - oder tot.

Damals bin ich das hungernde Kind in meinem Kopf ganz gut losgeworden. Mit einem Volkshochschulkurs über Westafrikas Dürreprobleme, einer Sonderseite im Lokalblatt zum Thema Sahelzone und stundenlangen Diavorträgen, mit denen man damals Freunde, Fremde und Verwandte traktiert hat. Und durch Arbeit mit Obdachlosen in Newark, New Jersey. Denn meine Peace-Corps-Freundin aus Niger hatte einen Bischof als Papa, der Dutzende von Obdachlosen in seiner Kirche aufnahm und Hunderte von ihnen mit Nahrung versorgte.

Alle - die US-Freundin, der Bischof und die Obdachlosen - hatten ihre Wurzeln in Afrika. Mit einem Ex-Junkie beizte ich wochenlang die Farbe der Holztreppe in der Kirche ab. Aufräumen wäre eher angesagt gewesen. Aber der Bischof wollte es so. Ich kann mich nicht mehr an den Namen meines Freundes erinnern, der mit mir zusammen an der Treppe arbeitete. Aber an die stundenlangen Gespräche. Und daran, dass er ein paar Wochen später ins Wasser ging. Die Drogen hatten wieder einmal über ihn gesiegt. Nein, er könne wirklich nicht schwimmen, hatte er mir verlegen lächelnd erklärt.

„Ist sie noch immer so schwarz?“

Ich bin froh, dass der Flüchtling in meinem Kopf nicht schwarz ist. Er sieht so aus, wie viele Syrer aussehen, hell, allenfalls mit dunklem Bart. Ich frage mich, welchen Aufruhr Bundeskanzlerin Angela Merkel ausgelöst hätte, wenn sie Hundertausende Flüchtlinge aus Äthiopien oder von der Elfenbeinküste aufgenommen hätte? Nein, wir haben nichts gegen Flüchtlinge - aber diese Flüchtlinge sind ja wirklich nicht von hier - und man sieht es ihnen sofort an!

Meine Oma ist schon seit 35 Jahren tot. Sie stammte aus einer Zeit, in der schon ein Exot war, wer eine Frau aus dem Nachbardorf heiratete. Finsterster Odenwald eben. Die Freundin, die Tochter des Bischofs, kam zu Besuch nach Hessen. Die kirchlich angehauchte Großmutter bebte vor Aufregung, die Tochter eines solchen Würdenträgers kennenzulernen. Oma und Freundin verstanden sich gut, obwohl sie keine gemeinsame Sprache sprachen. Als Monate später der nächste Besuch aus den USA anstand, freute sich Oma - und fragte: „Ist sie immer noch so schwarz?“

Apropos schwarz. Es ist eine wahre Freude, mit einer weiteren Freundin - deren Vor-Vor-Vorfahren aus Äthiopien stammten und die Dreadlocks hat - durch Ostberlin oder Brandenburg zu fahren. Immer auf der Hut vor denen mit den Springerstiefeln. Und wenn sie dann doch im Bahnhof von Luckenwalde stehen, so zu tun, als habe man keine Angst. Oder in Berlin-Wilhelmsruh (ja, das gibt es wirklich - gehört zu Pankow) an ein paar Jugendlichen vorbeizugehen und inständig zu hoffen, dass die Freundin, die ein paar Hundert Meter hinter mir geht, nicht angepöbelt wird. Sie hat mir nie verziehen, dass ich nicht gewartet habe.

„And do something!“

Mein Hauptproblem sind nicht die Flüchtlinge in Deutschland, egal, woher sie kommen, mein Problem sind die Deutschen. Und besonders die „Ja,aber“-Sager. Weil mir oft die Argumente fehlen, warum die Syrer eine Bereicherung für uns sind. Warum eine globale Welt eben nicht nur Billigflüge nach Thailand bedeutet. Sondern eine gemeinsame Verantwortung für alle. „Have your arguments ready“, hat mir immer meine Bischofs-Freundin gepredigt. „And do something.“

Was tun - das scheint auch das Zaubermittel zu sein, den lästigen Flüchtling von 2015 aus meinem Kopf zu verbannen. Aber zahle ich nicht schon genug Steuern, damit die Obrigkeit was tut? Offensichtlich sind die Zuständigen zumindest in Berlin überfordert, und die Menschen leiden, die zu uns gekommen sind. Weil sie Hilfe brauchen, nicht, weil wir so nett sind.

Und so werde ich – so schnell wie möglich – ein Drei-Punkte-Programm gegen meinen speziellen Flüchtling beginnen. Schritt 1: Was spenden, das hilft den Flüchtlingen und mir. Schritt 2: Bei Projekten mitarbeiten, zum Beispiel bei unserem Yallah-Deutschland-Projekt. Schritt 3: Im Internet schauen, wem ich helfen und wen ich zu mir nach Hause einladen kann.

Aber wenn die dann auch nicht mehr gehen? So, wie der Flüchtling in meinem Kopf...


Illustration: Veronika Neubauer für Krautreporter